Seenot, Plotlosigkeit und Gesichtserkennung (Werkstatt)

14. Oktober 2017 § 3 Kommentare

belmonte

Immer mehr NGOs ziehen sich mit ihren Seenotrettungsschiffen aus dem Mittelmeer zurück, da die italienische Regierung ihnen Kollaboration mit Schleppern vorwirft und sie zur Unterzeichnung eines Verhaltenskataloges zwingt, der dem Sinn und Zweck von Seenotrettung widerspricht. Aus meiner Sicht ist das eine Jämmerlichkeit der italienischen Politik, mehr noch aber ein jämmerlicher Mangel an europäischer Zusammenarbeit. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das alles viel besser lösen würde.

Larry Brown: Fay

Larry Brown: Fay

Schnelle Lektüre von Larry Browns Südstaaten-Roman Fay. Die noch nicht ganz volljährige Fay verlässt ihre verwahrloste Familie und schlägt und schläft sich mit einigen Stationen an die Golfküste durch. Das Buch kommt nicht ganz an Joe R. Lansdale heran, längst nicht an Cormac McCarthy, ist aber eingängig zu lesen. Ich verstehe nicht ganz, was erzählt wird, was mir nicht andere schon erzählt haben. Einige Charakterisierungen finde ich nicht sehr glaubwürdig, innere Monologe bleiben gelegentlich im Ansatz stecken, Dreck wird an einigen Stellen sichtbar, aussichtsloses Treibenlassen und ein paar schlimme Morde und andere Tötungen. Mich hätte aber interessiert, wie das Buch von einer Schriftstellerin ausgefallen wäre. Ich werde schauen, welche Southern-Gothic-Autorinnen ich noch entdecken kann. Verbindendes Merkmal all dieser US-Südromane (McCarthy, Lansdale, Brown etc.) ist das scheinbar planlose (plotlose) Dahintreiben der Handlung, viele unwichtige Dinge passieren, ich frage mich, warum hat der Autor das eingebaut, aber es ist echtem Leben nachempfunden, zig Sachen, die heute passiert sind und für meinen eigenen Tagesplot (wie bitte?) völlig unbedeutend sind, aber eben geschehen sind („Ich stelle noch eben die Butter zurück in den Kühlschrank.“), hier werden sie bedeutungslos miterzählt.

Bei Larry Browns Fay hat mir die Geschichtslosigkeit nicht gefallen. Man kann das einem Roman eigentlich nicht vorwerfen, aber zur Zeit gefallen mir Bücher besser, die in einen historischen Rahmen eingefasst sind. Grossmanns Leben und Schicksal war von der Sorte. Tomasi di Lampedusas Gattopardo ebenso. Auch in der Fantasy fordere ich historischen Hintergrund ein. Tolkiens Herr der Ringe ist übervoll davon. Auch Mitchells Vom Winde verweht steht auf meiner Liste, obwohl es seit einiger Zeit in den USA als sehr gestrig gebrandmarkt wird.

17. August 2017

Abends lese ich die Nachrichten aus Barcelona, den schrecklichen Anschlag auf den Ramblas, diesmal kein Angriff auf ein Land oder eine Stadt sondern auf viele Nationalitäten. So schlimm es ist, es schweißt zusammen, zumindest über die sozialen Medien, obwohl noch viel mehr Gesichtserkennung aufgebaut werden dürfte, scheinbare Sicherheit, fast schon ein strukturelles Agreement zwischen Terroristen und westlichen Postdemokraten. Trump übertrumpft sich mal wieder selbst, man kann seine Tweets schon gar nicht mehr ernsthaft kommentieren.

(c) belmonte 2017

Larry Brown: Fay. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 652 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Advertisements

Rechte Sesselfurzer, Menschlichkeit und Epik (Werkstatt)

7. Oktober 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Auf Facebook bin ich mit Horst Samson befreundet, der genau wie ich im Pop-Verlag publiziert, vor Jahrzehnten aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist und seit längerer Zeit auf Facebook gegen Flüchtlinge, Islam, vermeintliche Indifferenz der Politik und Staatsversagen polemisiert. Ausgangspunkt ist häufig ein wie auch immer passender Zeitungsartikel, der sich natürlich immer findet und die vorausgesetzten Fakten liefert. Ich finde diese Verhärmtheit, die sich als Abgeklärtheit ausgibt, erbärmlich (und würde gerne den Zusatz „unter Schriftstellern“ vermeiden), Verbitterung mit gesteigerter Verschlossenheit, die in schlechten Nachrichten immer nur sich selbst erkennt.

Horst Samson auf Facebook

Horst Samson auf Facebook

Da wird irgendein Artikel geteilt, in dem Flüchtlinge (natürlich synonym für: Terroristen) als gefährlicher als Nazis bezeichnet werden, worauf sich augenblicklich die Follower-Glocke an rechten Sesselfurzern, die nie aus ihrer Mulde herausgeschaut haben, zu Wort meldet. Dabei hat Samson vor Jahrzehnten selbst Aufnahme gefunden, jetzt will er womöglich besonders deutsch sein. Es ist läppisch. Was mich zuversichtlich macht: Rechte Schriftsteller fallen erfahrungsgemäß reihenweise der Vergessenheit anheim. Ich frage mich aber, ob Nichtbeachtung die bessere Strategie wäre.

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich Wassili Grossmanns Leben und Schicksal ausgelesen habe, das mich am Ende sehr beeindruckt hat. Es ist ein Krieg und Frieden der Stalingradschlacht mit unglaublicher Eindringlichkeit in der Darstellung der deutschen Vernichtungsindustrie. Viele Personen sind mir ans Herz gewachsen. Es ist schwierig, unschuldig zu bleiben, aber unter den Schuldigen machen sich viele sehr schuldig. Menschlichkeit ist dennoch der einzige Ausweg und Lichtblick. Kern des Werkes ist eine Phänomenologie der Menschlichkeit, die im Mahlstrom der zerstörerischen Gesellschaftssysteme und Ideologien immer wieder durchleuchtet. Es war „dem Weltschicksal, dem verhängnisvollen Lauf der Geschichte, dem Zorn des Staates, dem Ruhm und der Schmach im Schlachtengetümmel doch nicht überlassen, die Wesen zu verändern, die sich Menschen nannten. Was immer sie erwartete – Ruhm für ihre Leistungen oder Einsamkeit, Verzweiflung und Elend, Lager und Hinrichtung –, sie würden als Menschen leben und als Menschen sterben, und jene, die umgekommen waren, hatten es geschafft, als Menschen zu sterben.“ (1037)

Wassili Grossmann

Wassili Grossmann / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain)

Ich habe Wassili Grossmann erst spät entdeckt. Er gehört für mich in dieselbe Riege der großen russischen Romanautoren des 20. Jahrhunderts wie Pasternak, Bulgakow und Bunin, ein Dichter, dessen Werk von tiefer Epik durchdrungen ist. Gerade habe ich Grossmanns ebenso umfangreiches Vorgängerwerk Wende an der Wolga in der Post gefunden. Es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass dieses Buch noch vor mir liegt.

Epik ist das Erscheinen eines hellen Sternes im finsteren All, der immer näher kommt und nach und nach immer mehr Details und Personen und Schicksale erkennen lässt und daran teilhaben lässt und Freiheit und Verhängnis und den Kampf in diesem Verhängnis miterleben lässt und am Ende unvermittelt wieder herauszoomt und sich in den Weiten des dunklen Alls verliert. Von genau dieser Art ist Tomasi di Lampedusas Gattopardo, der in den beiden zwanzig bzw. fünfzig Jahre nach der Haupthandlung angefügten Schlusskapiteln den entschwindenden Stern sogar in der Kapitelstruktur sichtbar werden lässt.

Ich mag deshalb das Theater sehr, weil es mich an diesem hellen Stern aus einem dunklen Raum heraus teilhaben lässt. Womöglich bin ich auch deshalb ein begeisterter Science-Fiction-Leser.

Ich beobachte auf Twitter und Facebook das Phänomen, dass Leute Markenprodukte (z. B. Strohhalmgetränke) zu ihrem Erkennungsmerkmal machen, dabei aber nicht merken, dass sie sich selbst zum Konsumierten machen und von der Marke gemacht werden.

(c) belmonte 2017

Wassili Grossmann: Leben und Schicksal. Aus dem Russischen übersetzt von Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann, Elisabeth Markstein und Annelore Nitschke. Claassen, Berlin 2007, 1084 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wassili Grossman. Wende an der Wolga. Aus dem Russischen übersetzt von Leon Nebenzahl. Dietz, Berlin 1958, 927 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Ein Schatz, den man gerne mit sich trägt – Freddy Mork: Verlorene Märchen (Buchrezension)

1. April 2017 § 3 Kommentare

Wir freuen uns über eine Rezension unserer Gastautorin Katharina Dück, Mitbegründerin des Heidelberger Dichterkreises KAMINA.

Freddy Mork: Verlorene Märchen

Freddy Mork: Verlorene Märchen

Die zauberhaften Welten der Märchen unserer Kindheit tragen wir alle in uns. Wir erinnern uns an sie in Zeiten von Freundschaft und Liebe, von Betrug und Übervorteilung und vielleicht auch in Zeiten von Unerklärlichem; orientieren uns bisweilen sogar am Verhalten unserer Märchenfiguren oder träumen von Prinzen auf weißen Pferden, von ungeheurem Reichtum oder davon, unverhofft zu Glück zu kommen, oder als einfache Person die Welt zu retten und die schöne Prinzessin zu heiraten. Dass wir uns diese Märchen überhaupt zu eigen machen können, liegt schlichtweg zunächst daran, dass es einmal jemanden gab, der es für wichtig hielt, „diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden […]“, so die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in der Vorrede zu ihrer Märchensammlung von 1812. Der Mythos, „den man für verloren gehalten“ (1815, Vorrede zum 2. Band) hatte, sollte erhalten und falls verloren, so gesucht werden.

Von einem solchen wild entschlossenen wie unermüdlichen Sucher namens Julius, der in der Manier von Carrolls Alice im Wunderland durch eine Bodenöffnung hinein ins „Reich der Märchen“ fällt und die verschollenen Märchen finden will, handelt Freddy Morks Verlorene Märchen. Auf seiner Abenteuerreise gesellen sich dem mutigen Julius nach und nach recht ungewöhnliche Gefährten: der schlaue Haule Jiwig, der verunsicherte Wolf Wisp, der sensible Stein Oskar und die aufgeweckte namenlose Fee. Sie unterstützen den Menschenjungen bei seinem nicht ganz ungefährlichen Unternehmen durch die fantastische Welt der Märchen, werden geschrumpft, mit blauer Tinte übergossen, wandeln auf Regenbögen, sie kämpfen gegen Wolkenpiraten und bewähren sich schließlich – dem Geheimnis um die verlorenen Märchen immer näher kommend – als Freunde.

Freddy Mork: Verlorene Märchen (Leseprobe)

Freddy Mork: Verlorene Märchen (Leseprobe)

Als Leser begleitet man dieses Abenteuer, bei dem ein Höhepunkt den anderen jagt, mit nahezu atemlosen Vergnügen. Mit viel fantasiereicher Liebe zum Detail entwirft Mork eine magische Märchenwelt, welche die eigene Vorstellungskraft immer wieder anregt, ja herausfordert wie beispielsweise im Kapitel Ein schüchternes Gespräch – eine der schönsten Passagen im Buch: Die fünf Gefährten überwinden ihre dunkelste Stunde, indem sie sich zum dunkelsten Ort begeben, um mit der Sonne zu sprechen, und passieren die Landschaft der Tausende Seen. Es soll die Dunkelheit durch Dunkelheit überwunden werden, während tausende glitzernde Seen als Indikator der Bewältigung und Vorboten der Sonne vorausgeschickt werden, die schließlich Licht ins Dunkel eines wohl gehüteten Geheimnisses bringt.

Freddy Mork / Foto: Freddy Mork

Freddy Mork / Foto: Freddy Mork

Sehr einfallsreich und höchst geschickt kleidet Freddy Mork sein Buch über die verlorenen Märchen selbst in das Gewand eines Märchens und komponiert dadurch ein eigenes Kunstmärchen, in dem man durchaus auch bekannten Märchen bzw. Märchenfiguren begegnet. Seine Sprache ist dabei wunderbar klar, zugleich sehr lautmalerisch und dadurch lebendig: Man findet hierin noch Wörter wie „knirschen“, „gezetert“, „knarzen“ und „Gemurmel“. So passt Mork auch die Sprache seiner übernatürlichen und wunderbaren Märchenwelt an und bereitet auch auf dieser Ebene unglaubliches Lesevergnügen. Erst nach und nach werden Geheimnisse um die Märchenwelt und ihre Figuren enthüllt, während die Spurensuche nicht selten durch die ebenso eindrucksvolle wie ungewöhnliche Illustration von Dominik Schmitt unterstützt wird. Schmitt versteht es, Morks geheimnisvolle Welt der Verlorenen Märchen abzubilden oder vielmehr so anzudeuten, dass genug Raum für die eigene Vorstellungskraft bleibt, oder auch schon mal übertrifft wie in der grandiosen Zeichnung des Wolkenpiratenschiffs.

In seinen Bann zieht Freddy Morks zauberhaftes Märchen von der ersten Seite an bis hin zur letzten; es bewegt und überrascht, erschrickt und empört, und regt zum Nachdenken an über Themen wie Freundschaft und Mut, Überwindung seiner Schwächen und auch darüber, was eigentlich ein Schatz sei. Schließlich wird das Buch selbst zum Schatz, den man von nun an gerne mit sich trägt. Wenn das mal kein gelungener Fund für die Brüder Grimm gewesen wäre …

(c) Katharina Dück 2017

Freddy Mork: Verlorene Märchen. Illustrationen von Dominik Schmitt. Brot & Kunst Verlag, Neustadt an der Weinstraße 2016. 248 Seiten. 14,95 EUR.

Eine markerschütternde Rhapsodie des Todes – belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (Buchrezension)

21. Februar 2017 § Ein Kommentar

Wir freuen uns über einen Beitrag unseres Gastautors Manuel Beck, Autor des Lyrikbands Am Ende November.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte weiß mit seinem Buch Sitte und Sittlichkeit vor allem zweierlei: zu überraschen und zu schockieren.

Überrascht wird man durch die Diskrepanz von Aufmachung und Inhalt. Der Titel des Buches lässt auf eine trockene gesellschaftshistorische Abhandlung schließen. Durch den Titelzusatz im Innenteil erfährt der Leser, dass es sich um einen „Versroman in zwölf Lektionen“ handelt; der Genrevermerk „Lyrik“ auf dem Umschlag ist dagegen leicht zu übersehen. Dieser wird zu zwei Dritteln dominiert von dem durchweg in Großbuchstaben gehaltenen Aufdruck: „GROB UND SCHLACHT MAL FEIN UND ZISELIERT WOANDERS“ [bezieht sich auf das Cover der Printausgabe, Anm. der Red.]. Eine solch kryptische Wortfolge mag die Neugier wecken, mich hat sie irritiert.

Beginnt man dennoch mit dem Lesen der ersten Lektion, wird der Zugang weiterhin erschwert durch die zunächst altertümliche, biblisch anmutende Sprache. Passenderweise ist die Rede von Himmel, Erde und Gott. Wohin die Reise gehen soll, bleibt zunächst unklar. Der Stil wandelt sich jedoch schon bald zu einer leichter zugänglichen Alltagssprache und die dritte Lektion gibt bereits einen plastischen Vorgeschmack auf das, was folgt: eine markerschütternde Rhapsodie des Todes!

Der Text ist durchweg in stakkatohaften Trochäen gehalten, welche die Wucht des verstörenden Geschehens metrisch noch verstärken. Der Ich-Erzähler selbst liefert die Begründung für die Wahl dieser festen Form: dem Geist einen Halt zu geben angesichts des haltlosen Grauens, von dem er auf Geheiß seines Herrn Zeuge werden und berichten muss – als Strafe für seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit Gottes.

Was sich nun entspinnt, ist nichts für schwache Nerven. In erbarmungslosen Sequenzen werden Krieg und Genozid geschildert, deren verstörende Deutlichkeit im krassen Gegensatz zum eingangs erwähnten Coverzitat steht. Leser und Erzähler kommen kaum zur Ruhe, werden gehetzt und getrieben, der Allmacht und Rachsucht Gottes allzeit gewahr. Dieser scheint uns die schlimmsten Verbrechen der Menschheit anklagend vor Augen zu halten und uns gleichsam mit der Fähigkeit zu Einsicht und Mitgefühl zu strafen, durch die uns jene erst bewusst werden.

Im Nachgang mag auch die schwarz rot weiße Farbgebung des Umschlags bedeutsam erscheinen und an die Reichsfarben Hitlerdeutschlands gemahnen. Zwar werden Täter und Opfer nicht konkret benannt, sind angesichts des Buchtitels und des Geschehens aber unschwer zu identifizieren.

Die Existenz seines Schöpfers zieht der Protagonist zuletzt nicht mehr in Frage, findet in ihr gar Trost im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Noch unter der Wirkung des nach Seinem Willen erlebten Wahnsinns stehend, scheint uns dies jedoch ein zweifelhafter Trost zu sein.

(c) Manuel Beck 2017

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert – Versroman in zwölf Lektionen. tolino media, München 2016, 72 S. Ursprüngliche Printausgabe erschienen bei Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB) erhältlich bei Thalia.de.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ – Elsa Morante: La Storia (Buchrezension)

14. Januar 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Ich lese viel. Einige Bücher verschlinge ich in kürzester Zeit (etwa Robert McCammons wunderbaren Doppelband Swans Song). Für andere, insbesondere Klassiker, brauche ich irrsinnig viel Zeit (zum Beispiel Tolstois Krieg und Frieden). Elsa Morantes 600-Seiten-Roman La Storia hat mich ganze drei Monate in Anspruch genommen, das ist schon am oberen Ende meines Lesedauermaßes. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich ein unverbesserlicher Parallelleser bin.)

Elsa Morante: La Storia

Elsa Morante: La Storia / Foto: belmonte

Dennoch, Elsa Morantes La Storia konnte ich bei aller Länge nicht aus der Hand legen. Es ist aus meiner Sicht eines der Hauptwerke der italienischen und europäischen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Roman erzählt die Geschichte von Ida Ramundo und ihren beiden Söhnen Nino und Useppe im Rom des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach.

Ida Ramundo, eine zurückgezogen lebende und völlig verängstigte jüdische Grundschullehrerin, wird von einem zufällig daherlaufenden betrunkenen deutschen Soldaten in ihrer Wohnung in Rom vergewaltigt, woraus ihr Sohn Giuseppe entstammt. Das schwache Kindchen, fortan bloß Useppe genannt, liegt in seiner Entwicklung stets ein bis zwei Jahre zurück, entwickelt aber eine eigene Intelligenz. Ida kümmert sich rührend um ihn, während sie die allseits drohende Judenverfolgung vor Augen hat. Vor ihrer Umgebung versteckt sie ihr Judentum, geht aber immer wieder ins jüdische Ghetto, um dort Neuigkeiten über die Gefahrenlage zu erhalten.

Eine der bedrückendsten Passagen des Romans ist denn auch, als Ida durch Zufall bei der Deportation der Bewohner des jüdischen Ghettos am Bahnhof Tiburtina zugegen ist. Die in Güterwaggons Eingeschlossenen fahren direkt in die Gaskammern von Auschwitz. Ida selbst wohnt außerhalb des Ghettos und kann sich vor der Deportation verbergen.

In der Folge wird Idas Mietshaus ausgebombt, sie und Useppe haben Glück im Unglück und finden in einem überfüllten Haus am Rande Roms Asyl, zusammen mit einer Familie, die einfach nur die Tausend genannt wird. Während Idas älterer Sohn Nino, anfänglich noch begeisterter Mussolini-Schwarzhemdträger, zu der Zeit bereits bei den Partisanen aktiv ist, lebt Ida buchstäblich von nichts, und das Wenige, das sie auftreibt, gibt sie ihrem Sohn Useppe. So nachvollziehbar und eindrücklich habe ich nur selten von Kriegsarmut gelesen.

Elsa Morante beschreibt die Beziehung der Mutter zu ihrem schwachen Useppe so einfühlsam, dass es mir beim Lesen mehrmals den Hals zugeschnürt hat. Die Autorin erlaubt dem Leser wenig Hoffnung. Im überfüllten Asyl der Ausgebombten sagt eine Mitbewohnerin zu Useppe: „Armes Vögelchen, man sieht, daß du nicht größer wirst. Du bleibst nicht lang am Leben. Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ (280)

Auch zwei Hunde spielen eine ebenso wichtige wie rührende Rolle.

Der Roman beschreibt zahlreiche Seitenstränge, zum Beispiel den Kältetod Giovanninos, des Ehemanns einer der Mitbewohnerinnen Idas, auf dem Rückzug des Italienkorps von den sowjetischen Schlachtfeldern. Hier werden epische Bilder aus Tolstois Krieg und Frieden heraufbeschworen.

Jedes Jahr wird von einem zum Teil mehrseitigen historischen Kontext eingeleitet, zum Beispiel das Jahr 1943: „Januar-Februar. In Rußland: Der Zusammenbruch der Don-Front bezeichnet das katastrophale Ende des italienischen Expeditionskorps, das von den Sowjetrussen überrollt wird. (…)“ (137) Oder 1947: „Juli-September. Nach dreißigjährigem, von Mahatma Gandhi mit den gewaltlosen Mitteln des passiven Widerstands geführtem Kampf gegen das britische Empire erhält Indien die Unabhängigkeit. (…)“ (470)

Der Roman entwirft aber nicht nur ein historisches sondern vor allem ein römisches Panorama vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn etwa der attraktive Nino auf einem wie auch immer besorgten Motorrad mit seiner Geliebten durch die Straßen saust, wird das Rom der ersten Nachkriegsjahre sichtbar. Nino ist mittlerweile von einem bekannten Partisanen zum Schmuggler geworden, doch wie aus dem Nichts passiert dann eben …

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain via Wikimedia Commons)

Aus heutiger Sicht ist Elsa Morantes Vorausschau der gesellschaftlichen Entwicklung und Umweltkatastrophen außerordentlich hellsichtig. Selbst den Plastikmüll in den Ozeanen hat sie bereits deutlich beschrieben:

„Die wichtigste Funktion der menschlichen Gemeinschaft wird es, für die Industrie zu arbeiten und ihre Produkte zu kaufen. Mit der Vermehrung der Waffen geht eine Vermehrung der Konsumgüter Hand in Hand, welche durch die Zwänge des Marktes (Konsumismus) sogleich wieder entwertet werden. Die Kunststofferzeugnisse – Produkte, die dem biologischen Kreislauf fremd sind – verwandeln die Erde und die Meere in Ablageplätze unzerstörbarer Abfälle. Immer mehr breitet sich in allen Ländern der Erde der industrielle Krebs aus, welcher die Luft, das Wasser und die Organismen verseucht und die bewohnten Gebiete verwüstet, wie er die in ihren Fabriken zu Kettenstrafen verurteilten Menschen denaturiert und zerstört. Mit systematischer Züchtung manipulierbarer Massen im Dienst der industriellen Mächte werden die Massenkommunikationsmittel (Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen) zur Verbreitung und Propagandierung einer verderbten, dienstbaren und degradierenden ‚Kultur‘ benutzt, welche die menschliche Urteilskraft und Kreativität korrumpiert, jede reale Daseinsmotivation hemmt und krankhafte kollektive Erscheinungen wie Gewalttätigkeit, Geisteskrankheiten und Drogenkonsum auslöst.“ (627f., kursive Passagen im Original)

Alles folgt einer ewig vorwärtstreibenden Sinnlosigkeit des Lebens. Der zeitgeschichtliche Abschluss des Romans lautet lapidar: „und die Weltgeschichte geht weiter.“ (628) Es gibt keine Hoffnung, dass irgendetwas besser wird. Morante gibt ihre fatalistische Weltsicht der Prostituierten Santina an die Hand:
„All das Gute und das Böse, der Hunger, der die Zähne ausfallen läßt, die Hässlichkeit, die Ausbeutung, der Reichtum und die Armut, die Unwissenheit und die Dummheit … das alles bedeutet für Santina weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit. Es sind einfach unfehlbare Zwangsläufigkeiten, für die es keinen Grund gibt. Sie akzeptiert sie, weil sie geschehen, und erduldet sie arglos als die natürliche Folge der Tatsache, daß man geboren worden ist.“ (349)

Santina wird dann auch von ihrem Zuhälter zu Tode geprügelt, einfach so.

Elsa Morante, Premio-Strega-Preisträgerin von 1957, hat ihren Roman zwar in den 1970er-Jahren geschrieben, sie folgt aber dem italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit, einer ungeschönten Darstellung der Wirklichkeit in aller Gewalt und Armut, nicht unähnlich zur Kahlschlagliteratur der beginnenden Gruppe 47 in Deutschland.

An Traurigkeit reicht La Storia für mich an Cormac McCarthys The Road heran. Dort ein Vater, hier eine Mutter, die in einer zerstörten Welt alles tut, um ihren schwachen Sohn durchzubringen. Das Ende ist beide Male herzzerreißend.

Morantes Roman wurde 1986 unter der Regie von Luigi Comencini mit Claudia Cardinale in der Hauptrolle verfilmt. Der fürs italienische Fernsehen produzierte Film ist hierzulande leider noch nicht auf DVD erschienen.

Addendum:

Ich habe Elena Ferrantes Neapel-Zyklus (Meine geniale Freundin usf.) noch nicht gelesen. Es heißt aber, dass Elena Ferrante sich Elsa Morante als eines ihrer Vorbilder gewählt hat. Vor diesem Hintergrund sei Morantes La Storia umso mehr ans Herz gelegt.

(c) belmonte 2017

Elsa Morante: La Storia. Aus dem Italienischen von Hannelise Hinderberger. Piper, Zürich 1976, 631 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Tim Curran: Nightcrawlers – Kreaturen der Finsternis: Unter dem alten Siedlerort verbirgt sich Grauenhaftes (Buchrezension)

24. September 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Und wieder ist vnicornis auf dem befreundeten Blog Die Nacht der lebenden Texte mit einer Buchrezension fremdgegangen.

Tim Curran verbeugt sich mit seinen im Festa-Verlag erschienenen Nightcrawlers vor H. P. Lovecraft.

Etwas ist faul im Staate Wisconsin, überall Morast, Regen, versickerndes Wasser, faule Luft, gammelnde … üäähh, alles eklig.

Die Nacht der lebenden Texte

nightcrawlers-cover

Nightcrawlers

Von belmonte

Horror // Wie kann ich dieses Buch beschreiben, ohne zu spoilern? Wie kann ich über den Buchrückentext hinaus noch mehr über die Geschichte der Nightcrawlers mitteilen? So viel sei verraten: Etwas ist faul im Staate Wisconsin. Unter dem alten Siedlerort Clavitt Fields verbirgt sich Grauenhaftes. Über Jahrhunderte hinweg verschwinden Leute, immer wieder kommen Menschenknochen zum Vorschein. Und da die örtlichen Stellen das Unheil gern unter der Erde verborgen ließen, schaltet sich die Staatspolizei ein: Chief Kenney untersucht die Gegend.

Die Nacht hat ihren Preis

Gefühlt ist es in „Nightcrawlers – Kreaturen der Finsternis“ immer Nacht, überall Morast, Regen, versickerndes Wasser, faule Luft, gammelnde … üäähh, alles eklig. Und dann verschwindet einer nach dem anderen unter der Erde, wie etwa Deputy Kopecki: Alle konnten dabei zusehen, wie sich ein Paar grotesker, weißer Hände aus der sickernden Jauche erhob und knochenlose Finger um den Hals des Polizisten schlossen (…)…

Ursprünglichen Post anzeigen 228 weitere Wörter

Zu sehr in der Schwebe – Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager – Fünf Porträts (Kurzrezension)

16. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager

Felicitas Hoppes fünf Porträts mit dem Titel Verbrecher und Versager haben bei mir keine Begeisterung ausgelöst. Die Lektüre des schmalen Bandes ergab sich aus Hoppes kürzlicher Anwesenheit in Heidelberg im Rahmen einer Poetikdozentur.

Ich habe aus dem Buch weder literarisch noch hinsichtlich Allgemeinwissen irgendetwas von Belang entnehmen können. Der ganze Stil liegt mir nicht. Warum nur schreibt Hoppe über solch mediokre Gestalten – Meister, Kapf, Junghuhn und wie sie alle heißen – und deren flüchtige Reisen in diese und jene Weltgegenden?

Am ehesten noch gefällt mir, dass sie die Welt, in welche diese Personen hinausziehen, als „finsteren Schauplatz der physischen Schöpfung, den Konflikt blinder Kräfte“ beschreibt. Das hätte aber doch durchgängiger angefangen werden können.

Alles bleibt in der Schwebe, diese Schwebe ist mir aber nicht genug. Ich gestehe der Autorin zu, dass die fünf Porträts als Gelegenheitsarbeit und Fingerübung ihr Recht einfordern. Womöglich waren sie Vorarbeit oder Supplement einer größeren Arbeit?

(c) belmonte 2016

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager: Fünf Porträts. Fischer, Frankfurt am Main 2006, 154 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Buch auf vnicornis.