Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin (Rezension)

12. Januar 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

Edgar Barowski

Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin

Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin

In der Apotheke bekäme man für 15 Euro etwa ein halbes Gramm Morphin, dosiert in Retardtabletten zu 100 Milligramm. Beim Brot & Kunst Verlag bekommt man für denselben Betrag das 167 Seiten starke Träume aus Morphin von Alexander M. Neumann. Natürlich rezeptfrei und ohne Packungsbeilage, aber erstaunlicherweise auch ganz ohne einordnenden Klappentext. Denn nach einer Anleitung sucht man zunächst händeringend, wenn man dieses morbide Bündel aufschlägt und von schwarzen Seiten empfangen wird. Zu schwer schluckbar sind die eröffnenden Sätze, zu groß die Unsicherheiten darüber, worauf man sich hier einlässt: Ist Träume aus Morphin eine Sammlung von Kurzgeschichten, ein fragmentarischer Roman oder ein Erfahrungsbericht? Am ehesten noch ist es wohl ein wilder Kurzprosacocktail, der nichts ausschließen will.

Man springt umher zwischen düsteren Monologen und verschwommen Szenen, in denen man nach und nach wiederkehrende Charaktere und Schauplätze zu erkennen beginnt: Da gibt es (oder gibt es nicht?) Kid Chronic, den Energydrinkjunkie, eine Anstalt auf dem Berg voller unentdeckter „Talente“ und Dr. Thompson und sein Wartezimmer mit Sexheften. Grund und Richtung der Reise bleiben schlecht greifbar, aber durch alle Verschwommenheit der „Träume“ hindurch sticht die Sprache Neumanns immer wieder wie eine Nadel. Offensichtlich Surreales steht so klar und unaufgeregt formuliert neben denkbar Realem, dass man auch solche Sätze vorbehaltlos annimmt:

„Auf Station 12 hustet sich jemand die Seele aus dem Leib. Die Seele klatscht auf den Linoleumboden und kriecht mit letzter Kraft ans Ende des Flures, um dort zu sterben.“

Ja, hat man als Leser einmal akzeptiert, dass Träume aus Morphin nicht nur inhaltlich eine Menge mit Drogen zu tun hat, sondern auch in seiner Form einem „Trip“ gleicht, dann ist es leicht, sich im Schwarz der Seiten einfach treiben zu lassen. Was sich einstellt, ist eine gewisse Dankbarkeit, so tief in den Keller einer Psyche absteigen zu dürfen, ohne einen Einstich am Arm davonzutragen.

(c) Edgar Barowski 2017

Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin. Mit einer Umschlagsillustration von Nina Bussjäger. Brot & Kunst Verlag, Neustadt/Weinstraße 2017, 167 S.

Link zum Buch auf www.brotundkunst.com

Diese Rezension wurde ursprünglich veröffentlicht unter Edgar-Barowski-rezensiert-Träume-aus-Morphin. Die Wiederveröffentlichung auf vnicornis erfolgt mit Genehmigung des Verlegers Florian Arleth.

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Von den Tafelbergen bis zu den Totempfählen – Peter Baumann und Martin Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Buchrezension)

18. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Die traditionell angewandte Kunst der Ureinwohner Amerikas bleibt beim Übergang in die Moderne stets in ihrer Kultur verwurzelt. Ihre Bedeutung verändert sich jedoch im Kontext ihrer Verwendung, was sich auch in der kunstvollen Gestaltung der Gebrauchsgegenstände widerspiegelt. Beim Zusammentreffen und Austausch mit europäischen Kunstformen hat sie sich zudem weiterentwickelt. Allen Künstlern gemein ist, dass sie trotz ihrer Zugehörigkeit zu heterogenen Gruppen wie unter anderen der Apache, der Dakota oder der Haida, über die Reanimierung ihrer eigenen Kultur hinaus identitätsstiftend wirken. Dafür finden Peter Baumann und Martin Schliessler in ihrem Buch „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ zahlreiche Beispiele.

„Als Völker aber sind sie so voneinander unterschieden wie etwa die Norweger von den Italienern. (…) Jeder Stamm mußte also auf eigene bescheidene Weise das Rad neu erfinden. Das College führt nun die Kinder aus den verschiedenen Stämmen erstmals zusammen, und sie stellen zum erstenmal [sic] fest, daß sie die gleichen Wünsche und Sorgen haben. Sie empfinden so etwas wie Gemeinschaftsgeist.“ (112)

Dabei wirkt der Kontakt zu den Europäern sowohl störend als auch inspirierend. Als Beispiel für Letzteres sei Karl Bodmer erwähnt. Der Mandan-Häuptling Mato-tope malt 1834 unter seiner Anleitung mit Wasserfarben auf Papier die vermutlich älteste bekannte indianische Malerei mit Materialien eines Weißen. Vier Jahrzehnte später beginnt die indianische Kunstmalerei in den Schulen, Forts und Gefängnissen der Weißen – den ersten aufständischen Künstlerkolonien.

In Anadarko, Oklahoma, fördert Susan Ryan Peters die sogenannten fünf Kiowa. Mitunter setzen sie im Meskalin-Rausch, der den Sehnerv beeinflusst, ihre Visionen in Bilder um. Der Hopi-Künstler Dan Namingha wiederum lässt sich von Kachina-Puppen inspirieren, die Ahnengeister der Pueblos darstellen und als Mittler zwischen den Welten gelten.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Hopi)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Hopi)

Das Buch ist nach Regionen in drei Teile gegliedert. Im ersten stellt Baumann neben dem bereits erwähnten Namingha exemplarisch weitere Künstler des Südwestens vor, darunter T. C. Cannon, Fritz Scholder und den Navajo R. C. Gorman, zu dessen Vorbildern die Mexikaner Siqueiros, Rivera, Orozco und Zúñiga gehören. Oscar Howe und Allan Houser gehen aus einer rein dekorativen Malschule hervor, von der sie sich jedoch später abwenden und eigene Wege gehen. Während die Malerin Jaune Quick-to-See Smith Felszeichnungen der Anasazi im Canyon de Chelly in ihr Werk aufnimmt, belebt Randy Lee White die piktografische Sprache wider.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Comanche-Kiowa & Kiowa)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Comanche-Kiowa & Kiowa)

Im zweiten und dritten Teil setzt sich Schliessler mit der Kunst der Nordwestküste und der Inuit (Eskimo) auseinander und führt jeweils exemplarisch die Bildhauer Bill Reid für erstere und Kania für letztere an. Das gebundene Buch enthält zahlreiche Fotos, insbesondere Abbildungen der Kunstwerke.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Inuit)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Inuit)

Ich habe „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ neulich beim Stöbern in meinen Bücherregalen wiederentdeckt. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, anstelle der Vielzahl von vorgestellten Künstlern einige wenige Künstler-Monografien zu schreiben, weil so doch manches an der Oberfläche bleibt. Trotzdem ist das Buch überaus informativ, und wer wie ich schon immer von nebligen, mit Totempfählen bestandenen, Geisterwäldern der Nordwestküste oder von Tafelbergen und Felsschluchten des Südwestens geträumt hat, kommt bei der Lektüre voll auf seine Kosten.

Besonders beeindruckend fand ich Schliesslers Schilderung der Landschaft der Nordwestküste, die er teils mit dem Helikopter bereist hat. Mitte der 80er-Jahre kehrt der Autor für Filmaufnahmen nach dreißig Jahren zurück an einen Ort auf Baffin Island und bemerkt dort während der Teilnahme an einem Walfest der Eskimo den Umbruch in der traditionellen Inuit-Gesellschaft.

Die Autoren weisen zahlreiche Werke vor. Schliessler wirkte an Dokumentarfilmen mit. Baumann veröffentlichte als Journalist Sachbücher und Romane. Mit ihrem Buch „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ wollen sie, so schreiben sie einleitend, eine Bestandsaufnahme der indianischen Kunst Amerikas machen. Dafür haben sie jahrelang recherchiert und die Orte bereist. Ob sie dieses ambitionierte Vorhaben erreicht haben, wage ich zu bezweifeln. Dennoch vermittelt das Buch einen bemerkenswerten Einblick in die indianische Kunst und vermittelt auf diese Weise einen Eindruck von der untergegangenen indianischen Welt, in der alles beseelt war.

(c) valentino 2018

Peter Baumann; Martin Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes, ECON, Düsseldorf, Wien, New York 1987, 280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Ich werde Jack Kerouacs Unterwegs bestimmt nicht abtippen – Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter (Buchrezension)

17. November 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing - Sprachmanagement im digitalen Zeitalter

Kenneth Goldsmith:Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter

Ich hole aus Kenneth Goldsmiths Buch Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter einige Anregungen heraus, aber insgesamt überzeugt mich das Buch wenig und begeistert mich noch weniger.

Mir ist dieses ganze Parsen, Kopieren und Verwalten und die Appropriation von Texten klar, und mit der Digitalisierung nehmen diese Prozesse massiv zu, haben ihren eigenen Charme und werfen ganz neue Werke mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten in die Welt.

Warum sollte ich aber deshalb den originären, schöpferischen, in welcher Tiefe auch immer kreativen Prozess des Dichtens verwerfen, den Goldsmith gar nicht wirklich berührt? Texte im Fluss (52), ständige Wörtermassenspiele, Hypertext-Code, „postidentitäre Literatur“ (115), Maschinenlesen (237), soziale Medien als Droge, ich mache all diese Trends begeistert mit, aber es wird noch keine Poetologie daraus. Womöglich übernehmen das in Zukunft die Maschinen.

Sehr aufschlussreich fand ich die Referenzen an moderne Kunst, vor allem LeWitt und Warhol. Jack Kerouacs Unterwegs werde ich aber bestimmt nicht abtippen.

(c) belmonte 2018

Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter. Erweiterte deutsche Ausgabe. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Swantje Lichtenstein und Hannes Bajohr. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2017, 352 S.

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Eindringliche Bilder aus einem geteilten Amerika – Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Buchrezension)

10. November 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few

Ich lese regelmäßig Comics und fühle mich zwischen europäischen Alben und amerikanischen Heftformaten gleichermaßen heimisch, kann allerdings mit Superhelden und Mangas bis heute relativ wenig anfangen (mein Problem).

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Escape in the Forest)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Escape in the Forest)

Reine Romannacherzählungen in Form von Comics verstehe ich oftmals auch nicht so ganz (etwa Kafkas Prozess oder Anne Franks Tagebuch). Da lese ich lieber die Originale. Vielleicht sind aber Romannacherzählungen als Comics zumindest eine Hinführung, um nicht gleich zu Beginn im Original steckenzubleiben. Von Moby Dick gibt es zumindest ein paar gekürzte Jugendfassungen, man muss hier nicht unbedingt zum Comic greifen.

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Mama)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Mama)

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Begriff Graphic Novel so sinnvoll finde. Es sind Comics. Und Comics können für mich, ebenso wie Romane, U oder E oder beides sein. Jedenfalls liegen die amerikanischen, aus so und so vielen Einzelheften zusammengesetzten Sammelbände gut in der Hand. Das oftmals hinzugefügte Skizzenmaterial und alternative Covers im Anhang tun ihr Übriges, um mein Lesevergnügen zu steigern.

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Sketch)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Sketch)

Alle paar Comics bin ich dann mal wieder so richtig begeistert. Insbesondere Sean Lewis‘ und Hayden Shermans The Few hat es mir kürzlich angetan. Die Geschichte ist okay, nicht überwältigend, Hayden Shermans Grafik dagegen, und was sie aus der Geschichte macht, ist ein echter Wurf, kubistische Zeichnungen, die dennoch sehr real anrühren, die angedeuteten Gesichtszüge sind umso intensiver, Zeitsprünge und sehr viele zeichnerische Details erfordern aufmerksames und zurückblätterndes Lesen, die großformatigen Bilder der Winterwälder sind besonders eindringlich, die Geschichte der Rettung eines Babys durch die desertierte Söldnerin Edan Hale und alttestamentarische Zutaten (Herrod) in einem auseinandergebrochenen Amerika mit massakrierenden, vermummten Motorradfahrern und überwachten Restmetropolen sind wenig originell, die exzellenten Zeichnungen und ihre Choreographie lösen aber sehr viel in meinem Kopf aus. Unbedingte Leseempfehlung.

(c) belmonte 2018

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few. Image Comics, Portland, OR, 2017.

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Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Faulkner Quote)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Faulkner Quote)

„Möchtest du nicht manchmal einfach nur … ein Mensch sein?“ – N. K. Jemisin: Zerrissene Erde (Buchrezension)

27. Oktober 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde

Ich wollte nach einiger Zeit mal wieder Fantasy lesen und bin, ich weiß nicht mehr genau wie, auf N. K. Jemisins Broken-Earth-Trilogie gestoßen. Ich lese gut Englisch, aber es braucht eben doch ein wenig länger, und da der erste Band Zerrissene Erde gerade auf Deutsch erschienen ist, habe ich mich für die deutsche Übersetzung entschieden.

Das Buch war dann gar nicht so einfache Lektüre, wie ich anfangs dachte. Eine komplexe Welt erwartete mich da, mehr eine Mischung aus Fantasy und Science-Fiction. Irgendwo habe ich den Begriff Science Fantasy gehört. Der trifft es ganz gut. Es kommen ein paar unbekannte Tiere vor, keine Drachen, und was nach Magie klingt, sind eher wissenschaftlich untermauerte Fähigkeiten, zum Beispiel das Erspüren von seismischen Bewegungen oder aktiven Heißflecken im Erdinneren durch mentales Ertasten, so genanntes Mentasten. Wer in dieser auch Orogenie genannten Fähigkeit mächtig ist, kann ganze Erdplatten bewegen und sogar Erdbeben auslösen. Die Orogenen aber sind alles andere als hoch angesehen, denn wer von ihnen nicht trainiert ist, kann schnell mal durch einen Wutausbruch versehentlich eine ganze Stadt verwüsten. Selbst die besten Orogenen werden daher von noch mächtigeren Wächtern beaufsichtigt.

Die Geschichte handelt

  • von der jungen Damaya, die gerade ihre Orogenie entdeckt,
  • von der bereits in Orogenie trainierten Syenit, deren orogene Fähigkeiten sich als außerordentlich mächtig herausstellen,
  • von der bereits älteren Essun, deren Mann gerade ihren Sohn getötet und sich mit ihrer Tochter auf und davon gemacht hat. Auch sie ist eine Orogene.

Bevor die drei im späteren Verlauf auf erstaunliche Weise zusammenkommen, gehen sie ihrer unterschiedlichen Wege – und das stets in Begleitung, etwa des Wächters Schaffa, der als Zeichen seiner Macht Hände zerbricht, oder des zehnberingten (also ebenfalls sehr mächtigen) Orogenen Alabaster, von dem vor allem Zeugungsfähigkeit erwartet wird, oder des Jungen Hoa, der gar kein Junge ist, sondern ein steinalter Steinesser. Alle haben ihre besonderen Fähigkeiten. Steinesser zum Beispiel verwandeln dich gern mal in Stein, ziehen dich unter die Erde und stoßen dich irgendwo an anderer Stelle wieder aus der Erde hervor. Sicherlich schmerzhaft. Kann aber auch mitunter die letzte Rettung vor den Wächtern sein.

N. K. Jemisin: The Fifth Season

N. K. Jemisin: The Fifth Season

Nicht nur mit den Orogenen spiegelt Jemisin den Rassismus unserer eigenen Welt. Nicht von ungefähr werden die Orogenen von Nicht-Orogenen Rogga genannt, da klingt Nigga an. Die Orogenen sind die Ausgestoßenen, die Verfolgten, die schnell mal umgebracht werden, bevor sie irgendein Unheil anrichten.

Alabaster fragt Syenit: „Möchtest du nicht manchmal einfach nur … ein Mensch sein?“ und sie antwortet: „Wir sind keine Menschen.“. Er aber besteht darauf: „Dass wir keine Menschen sind, ist genau die Lüge, die sie sich erzählen, damit sie sich nicht schlecht angesichts der Tatsache fühlen müssen, wie sie uns behandeln“ (376).

Jemisin hat sicherlich noch viele weitere Spiegelungen aus unserer Welt in ihre Erzählung eingebaut. Ich habe bestimmt nicht alles erkannt. Aber dass die Welt gerade im Innern auseinanderbricht und die Menschheit sich auf eine sehr lange, wenn nicht gar endgültige Dunkelheit vorbereiten muss, ist ein bedrohliches Menetekel unserer eigenen Welt.

Der Roman ist wunderbar schnell und abwechslungsreich und hält einige hervorragende Wendungen bereit. Von einigen Kleinigkeiten abgesehen erscheint mir auch die Übersetzung gelungen. Mir gefällt das Cover der englischen Ausgabe allerdings deutlich besser. Ohnehin bin ich der Ansicht, dass die Amerikaner derzeit ansprechendere Cover kreieren.

N. K. Jemisin hat für jeden der drei Bände als erste Autorin in drei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils den Hugo Award erhalten und ist als schwarze Autorin in eine weiße Domäne gestoßen, was dem Genre mehr als gut tut. Einen Eindruck davon, wie viel Skepsis ihr von Agenten und Lektoren entgegengebracht wurde, erhält man von ihrer Rede bei der Hugo-Preisverleihung:

(c) belmonte 2018

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde. Übersetzt von Susanne Gerold. Knaur, München 2018, 494 S.

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Ein Jahrhundertroman – Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrezension)

14. Juli 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Meine nächste Lektüre wählte ich nach der Rastermethode aus:

  • Ich wollte das Buch einer Schriftstellerin lesen. Mir war aufgefallen, dass ich zu viele Bücher von Männern lese.
  • Das Buch sollte möglichst in einem Indie-Verlag erschienen sein.
  • Mehr als sechshundert Seiten sollten es schon sein, und bitte recht episch.
  • Mehrere Generationen sollte das Buch umfassen, das wäre nicht schlecht.
  • Aktuelle deutschsprachige Literatur war auch mal wieder an der Reihe, die habe ich lange vernachlässigt.
  • Vielleicht ein wenig Europa und Geschichte und Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit und Umbrüche 1989, von allem ein bisschen.

Genau so ein Buch zu finden, das kam mir etwas unwahrscheinlich vor. Aber dann hielt ich Nino Haratischwilis monumentalen Georgien-Roman Das achte Leben (für Brilka) in meinen Händen, und er entsprach genau dem Raster, nach dem ich gesucht hatte. Jetzt musste mich das Buch nur noch mitreißen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Und es hat mich mitgerissen. Es ist alles drin, was das europäische Zwanzigste Jahrhundert ausgemacht hat. Erster Weltkrieg, Russische Revolution, Stalin, Hitler, Verfolgung, Zweiter Weltkrieg, lähmende Jahrzehnte danach, Prager Frühling, Moskau, London, Berlin, Amsterdam, Wien, und vor allem Tbilissi und Georgien.

Immer wieder kommt eine unwiderstehliche Schokoladenmischung vor, die für den, der sie kostet, meist im Unglück endet. Diese Schokoladenmischung, erfunden (oder besser: entdeckt) vom namenlosen Schokoladenfabrikanten, der die Familiendynastie der Jaschi begründet, zieht sich wie ein roter (brauner?) Faden durch das gesamte Buch.

Erzählerin ist Niza Jaschi, die ihrer Nichte Brilka die gesamte Familiengeschichte über sechs Generationen erzählt, während diese mir nichts, dir nichts aus Amsterdam nach Wien entschwindet. Warum? Lest das Buch.

Ich erinnere mich gern an die vielen Personen, die Nino Haratischwili allesamt mit Meisterschaft einführt. Da ist zum Beispiel Stasia Jaschis Tante Thekla in Sankt Petersburg, bei der Stasia kurz nach der Revolution unterkommt und in deren großbürgerlichem Haus ihr ein Lehrer Ballett beibringt. Thekla ist eine herrliche Person, sie trotzt den Bolschewiken, aber lange geht es nicht gut und Stasia muss zurück nach Georgien.

Generationenbäume

Generationenbäume

Unter den zahlreichen Hauptpersonen gibt es nur wenige, die ich nicht ins Herz geschlossen habe. Selbst Kostja Jaschi, der Betonkommunist, ist bei aller Brutalität gegen seine Töchter oder gegen vermeintliche Regimegegner eine sehr nachfühlbare Persönlichkeit. Eine frühe tragische Liebe in Leningrad während der deutschen Belagerung hat ihn gefühlskalt werden lassen.

Da ist die wunderschöne Christine Jaschi, die den Parteifunktionär Ramas heiratet, aber von dessen Chef – keinem Geringeren als dem Millionenschlächter Lawrenti Beria – immer wieder sexuell missbraucht wird. Auch diese Episode endet tragisch und in Verstümmelung.

Wunderbar gezeichnet ist auch Kitty Jaschi, die nach tragischer Liebe (mit schlimmster Folter und Abtreibung) über Prag in den Westen abgeschoben, in London eine gefeierte Sängerin wird und auf dem Höhepunkt ihrer Sängerkarriere nach Prag fährt, um während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen mit ihrer Gitarre auf dem Wenzelsplatz ein altes Volkslied (oder doch eine Freiheitshymne?) zu singen. In London verliebt sie sich in die faszinierende, aber tief verzweifelte Wienerin Fred Lieblich, deren Familie von den Nazis ermordet wurde. Daraus wird eine alles andere als stabile Beziehung. In diesem Buch ist nichts stabil.

Nino Haratischwili

Nino Haratischwili / Foto: Julia Bührle-Nowikowa (gemeinfrei)

Ganz wie Elsa Morante in ihrem Roman La Storia (Rezension siehe hier …) bindet Haratischwili immer wieder die historischen Umstände und Geschehnisse ein. Familiengeschichte ist Weltgeschichte.

Allen Kapiteln wird ein Motto oder Zitat oder Vers vorangestellt, von Zwetajewa, Achmatova, Lenin, Schostakowitsch über Tschechow, Depeche Mode zu Gorbatschow und vielen anderen. So auch Stalin, der Generalissimus:

„Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen – nur eine Statistik.“

Das Buch ist mit knapp 1300 Seiten ein echter Ziegelstein. Ich bin dennoch gut durchgekommen. Aus meiner Sicht handelt es sich gar nicht um einen Roman. Wenn das Buch verfilmt würde, wäre es eine Serie mit zig Handlungssträngen.

Ohnehin ist der Autor dieser Zeilen der Ansicht, dass der bürgerliche Roman tot ist und sich mittlerweile in Serie oder Epos verzweigt hat.

In diesem Buch wird viel gestorben. Aber wenn über sechs Generationen erzählt wird, sterben eben viele. Und die Toten sitzen am Gartentisch und spielen Karten. Genau wie in Wassili Grossmans Roman Leben und Schicksal (siehe hier …) ist es dennoch das Leben, das zählt:

„Wir hatten es nicht schön. Es war die Hölle auf Erden.“
„Rede keinen Unsinn. Erinnere dich. Wir haben gelebt, Kitty. Wir waren da.“ (1019)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Mit Das achte Leben (für Brilka) hat Nino Haratischwili (1983 in Tiflis geboren) ein Buch über Georgien, über die Sowjetunion, über Europa und über das Zwanzigste Jahrhundert geschrieben, das als Vorbereitung auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse mit Gastland Georgien unbedingt zu empfehlen ist.

Mal schauen, ob das nächste 1000-seitige Familienepos, das ich in der Hand habe, Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie, an Haratischwilis Jahrhundertroman herankommt. Jedenfalls freue ich mich auf Haratischwilis neuen Roman Die Katze und der General.

(c) belmonte 2018

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014, 1280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„When someone is ready to kill herself, does she consider if the poison is bitter or sweet?“ – Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (Buchrezension)

7. Juli 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas

Zum soundsovielten Mal habe ich Saratchandra Chattopadhyays 1917 erschienenen bengalischen Roman Devdas gelesen.

Es ist die Geschichte von Devdas Mukherjee, Sohn eines reichen Großgrundbesitzers, der seine Kinder- und Jugendliebe Parvati (Paro) Chakravarti, die aus einer Händlerfamilie stammt, nicht heiraten darf und daran zerbricht und sich zu Tode säuft.

Das Buch ist bei aller Bitternis packend bis zum Schluss. Es hätte ein hunderte Seiten langer Wälzer sein können, mit 128 Seiten bleibt es ein schmaler Band mit kurzen Kapiteln, sehr viel Dialog, aufs Nötigste kondensiert. Die englische Übersetzung von Sreejata Guha bringt alles auf den Punkt und ist alles andere als süßlich.

Louis Aragon nennt Tschingis Aitmatows Novelle Dshamilja „die schönste Liebesgeschichte der Welt“ (Rezension siehe hier). Ich sage, Devdas ist der schönste, zumindest aber der bittersüßeste Liebesroman der Welt. Obwohl Parvati bereits weiß, dass sie Devdas nicht heiraten wird, ist er für sie doch ihr wahrer Gemahl, wie sie ihrer Freundin Manorama mitteilt: „If he wasn’t my husband, beyond all my shame and embarrassment, I wouldn’t be in this state today. Besides didi, when someone is ready to kill herself, does she consider if the poison is bitter or sweet?“ (31)

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (bengalisch)

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (bengalisch)

Nachdem Devdas Parvati verlassen hat und sie mit einem verwitweten Großgrundbesitzer verheiratet wird, dessen Kinder so alt wie sie selbst sind, fällt aller Lebenssinn von ihm ab und er überlässt sich dem Alkohol: „As the night wore on, the realization dawned on Devdas, that the very meaning of his life had suddenly fallen, paralyzed, by the wayside, and left him bereft for all times to come. (…) It would be wrong to even recall it as a right he once had.“ (52)

In Kalkutta lernt er die Kurtisane Chandramukhi kennen (sanskr. „schön wie der Mond“), die sich in Devdas verliebt, während er im Alkohol ertrinkt. Chandramukhi wird zur Seele der Geschichte. An besseren Tagen vermag sie Devdas zu trösten, aber nach einer Irrfahrt durch Indien erinnert er sich an sein Versprechen an Parvati: „I will never forget this promise: if it makes you happy to take care of me, I will come. If it’s the last thing I do. I’ll come to you.“ (82)

Häufig verfilmt, 2002 mit den Hindi-Filmstars Shah Rukh Khan, Aishwarya Rai und Madhuri Dixit in einer aufwändigen und farbexplosiven Version, die mit ebenso opulenter Musik aufwartet, finde ich die neorealistische Schwarz-weiß-Version von 1955 mit Dilip Kumar schöner.

Allerdings findet die 2002er Verfilmung eine schöne Interpretation im Treffen Parvatis mit Chandramukhi, die im Buch lediglich mythologisch angedeutet wird. Wie in vielen Hindi-Filmen üblich, tanzen sie dann auch gemeinsam.

Eine aufwühlende Variation des Devdas-Themas zeigt übrigens der Film Leaving Las Vegas von 1995 (Nicolas Cage, Elisabeth Shue), ebenso bitter und packend bis zum Schluss.

(c) belmonte 2018

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas. Aus dem Bengalischen ins Englische übersetzt von Sreejata Guha. Penduin Books, New Delhi 2002, 128 S.

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