Ein Schatz, den man gerne mit sich trägt – Freddy Mork: Verlorene Märchen (Buchrezension)

1. April 2017 § 3 Kommentare

Wir freuen uns über eine Rezension unserer Gastautorin Katharina Dück, Mitbegründerin des Heidelberger Dichterkreises KAMINA.

Freddy Mork: Verlorene Märchen

Freddy Mork: Verlorene Märchen

Die zauberhaften Welten der Märchen unserer Kindheit tragen wir alle in uns. Wir erinnern uns an sie in Zeiten von Freundschaft und Liebe, von Betrug und Übervorteilung und vielleicht auch in Zeiten von Unerklärlichem; orientieren uns bisweilen sogar am Verhalten unserer Märchenfiguren oder träumen von Prinzen auf weißen Pferden, von ungeheurem Reichtum oder davon, unverhofft zu Glück zu kommen, oder als einfache Person die Welt zu retten und die schöne Prinzessin zu heiraten. Dass wir uns diese Märchen überhaupt zu eigen machen können, liegt schlichtweg zunächst daran, dass es einmal jemanden gab, der es für wichtig hielt, „diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden […]“, so die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in der Vorrede zu ihrer Märchensammlung von 1812. Der Mythos, „den man für verloren gehalten“ (1815, Vorrede zum 2. Band) hatte, sollte erhalten und falls verloren, so gesucht werden.

Von einem solchen wild entschlossenen wie unermüdlichen Sucher namens Julius, der in der Manier von Carrolls Alice im Wunderland durch eine Bodenöffnung hinein ins „Reich der Märchen“ fällt und die verschollenen Märchen finden will, handelt Freddy Morks Verlorene Märchen. Auf seiner Abenteuerreise gesellen sich dem mutigen Julius nach und nach recht ungewöhnliche Gefährten: der schlaue Haule Jiwig, der verunsicherte Wolf Wisp, der sensible Stein Oskar und die aufgeweckte namenlose Fee. Sie unterstützen den Menschenjungen bei seinem nicht ganz ungefährlichen Unternehmen durch die fantastische Welt der Märchen, werden geschrumpft, mit blauer Tinte übergossen, wandeln auf Regenbögen, sie kämpfen gegen Wolkenpiraten und bewähren sich schließlich – dem Geheimnis um die verlorenen Märchen immer näher kommend – als Freunde.

Freddy Mork: Verlorene Märchen (Leseprobe)

Freddy Mork: Verlorene Märchen (Leseprobe)

Als Leser begleitet man dieses Abenteuer, bei dem ein Höhepunkt den anderen jagt, mit nahezu atemlosen Vergnügen. Mit viel fantasiereicher Liebe zum Detail entwirft Mork eine magische Märchenwelt, welche die eigene Vorstellungskraft immer wieder anregt, ja herausfordert wie beispielsweise im Kapitel Ein schüchternes Gespräch – eine der schönsten Passagen im Buch: Die fünf Gefährten überwinden ihre dunkelste Stunde, indem sie sich zum dunkelsten Ort begeben, um mit der Sonne zu sprechen, und passieren die Landschaft der Tausende Seen. Es soll die Dunkelheit durch Dunkelheit überwunden werden, während tausende glitzernde Seen als Indikator der Bewältigung und Vorboten der Sonne vorausgeschickt werden, die schließlich Licht ins Dunkel eines wohl gehüteten Geheimnisses bringt.

Freddy Mork / Foto: Freddy Mork

Freddy Mork / Foto: Freddy Mork

Sehr einfallsreich und höchst geschickt kleidet Freddy Mork sein Buch über die verlorenen Märchen selbst in das Gewand eines Märchens und komponiert dadurch ein eigenes Kunstmärchen, in dem man durchaus auch bekannten Märchen bzw. Märchenfiguren begegnet. Seine Sprache ist dabei wunderbar klar, zugleich sehr lautmalerisch und dadurch lebendig: Man findet hierin noch Wörter wie „knirschen“, „gezetert“, „knarzen“ und „Gemurmel“. So passt Mork auch die Sprache seiner übernatürlichen und wunderbaren Märchenwelt an und bereitet auch auf dieser Ebene unglaubliches Lesevergnügen. Erst nach und nach werden Geheimnisse um die Märchenwelt und ihre Figuren enthüllt, während die Spurensuche nicht selten durch die ebenso eindrucksvolle wie ungewöhnliche Illustration von Dominik Schmitt unterstützt wird. Schmitt versteht es, Morks geheimnisvolle Welt der Verlorenen Märchen abzubilden oder vielmehr so anzudeuten, dass genug Raum für die eigene Vorstellungskraft bleibt, oder auch schon mal übertrifft wie in der grandiosen Zeichnung des Wolkenpiratenschiffs.

In seinen Bann zieht Freddy Morks zauberhaftes Märchen von der ersten Seite an bis hin zur letzten; es bewegt und überrascht, erschrickt und empört, und regt zum Nachdenken an über Themen wie Freundschaft und Mut, Überwindung seiner Schwächen und auch darüber, was eigentlich ein Schatz sei. Schließlich wird das Buch selbst zum Schatz, den man von nun an gerne mit sich trägt. Wenn das mal kein gelungener Fund für die Brüder Grimm gewesen wäre …

(c) Katharina Dück 2017

Freddy Mork: Verlorene Märchen. Illustrationen von Dominik Schmitt. Brot & Kunst Verlag, Neustadt an der Weinstraße 2016. 248 Seiten. 14,95 EUR.

Eine markerschütternde Rhapsodie des Todes – belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (Buchrezension)

21. Februar 2017 § Ein Kommentar

Wir freuen uns über einen Beitrag unseres Gastautors Manuel Beck, Autor des Lyrikbands Am Ende November.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte weiß mit seinem Buch Sitte und Sittlichkeit vor allem zweierlei: zu überraschen und zu schockieren.

Überrascht wird man durch die Diskrepanz von Aufmachung und Inhalt. Der Titel des Buches lässt auf eine trockene gesellschaftshistorische Abhandlung schließen. Durch den Titelzusatz im Innenteil erfährt der Leser, dass es sich um einen „Versroman in zwölf Lektionen“ handelt; der Genrevermerk „Lyrik“ auf dem Umschlag ist dagegen leicht zu übersehen. Dieser wird zu zwei Dritteln dominiert von dem durchweg in Großbuchstaben gehaltenen Aufdruck: „GROB UND SCHLACHT MAL FEIN UND ZISELIERT WOANDERS“ [bezieht sich auf das Cover der Printausgabe, Anm. der Red.]. Eine solch kryptische Wortfolge mag die Neugier wecken, mich hat sie irritiert.

Beginnt man dennoch mit dem Lesen der ersten Lektion, wird der Zugang weiterhin erschwert durch die zunächst altertümliche, biblisch anmutende Sprache. Passenderweise ist die Rede von Himmel, Erde und Gott. Wohin die Reise gehen soll, bleibt zunächst unklar. Der Stil wandelt sich jedoch schon bald zu einer leichter zugänglichen Alltagssprache und die dritte Lektion gibt bereits einen plastischen Vorgeschmack auf das, was folgt: eine markerschütternde Rhapsodie des Todes!

Der Text ist durchweg in stakkatohaften Trochäen gehalten, welche die Wucht des verstörenden Geschehens metrisch noch verstärken. Der Ich-Erzähler selbst liefert die Begründung für die Wahl dieser festen Form: dem Geist einen Halt zu geben angesichts des haltlosen Grauens, von dem er auf Geheiß seines Herrn Zeuge werden und berichten muss – als Strafe für seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit Gottes.

Was sich nun entspinnt, ist nichts für schwache Nerven. In erbarmungslosen Sequenzen werden Krieg und Genozid geschildert, deren verstörende Deutlichkeit im krassen Gegensatz zum eingangs erwähnten Coverzitat steht. Leser und Erzähler kommen kaum zur Ruhe, werden gehetzt und getrieben, der Allmacht und Rachsucht Gottes allzeit gewahr. Dieser scheint uns die schlimmsten Verbrechen der Menschheit anklagend vor Augen zu halten und uns gleichsam mit der Fähigkeit zu Einsicht und Mitgefühl zu strafen, durch die uns jene erst bewusst werden.

Im Nachgang mag auch die schwarz rot weiße Farbgebung des Umschlags bedeutsam erscheinen und an die Reichsfarben Hitlerdeutschlands gemahnen. Zwar werden Täter und Opfer nicht konkret benannt, sind angesichts des Buchtitels und des Geschehens aber unschwer zu identifizieren.

Die Existenz seines Schöpfers zieht der Protagonist zuletzt nicht mehr in Frage, findet in ihr gar Trost im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Noch unter der Wirkung des nach Seinem Willen erlebten Wahnsinns stehend, scheint uns dies jedoch ein zweifelhafter Trost zu sein.

(c) Manuel Beck 2017

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert – Versroman in zwölf Lektionen. tolino media, München 2016, 72 S. Ursprüngliche Printausgabe erschienen bei Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB) erhältlich bei Thalia.de.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ – Elsa Morante: La Storia (Buchrezension)

14. Januar 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Ich lese viel. Einige Bücher verschlinge ich in kürzester Zeit (etwa Robert McCammons wunderbaren Doppelband Swans Song). Für andere, insbesondere Klassiker, brauche ich irrsinnig viel Zeit (zum Beispiel Tolstois Krieg und Frieden). Elsa Morantes 600-Seiten-Roman La Storia hat mich ganze drei Monate in Anspruch genommen, das ist schon am oberen Ende meines Lesedauermaßes. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich ein unverbesserlicher Parallelleser bin.)

Elsa Morante: La Storia

Elsa Morante: La Storia / Foto: belmonte

Dennoch, Elsa Morantes La Storia konnte ich bei aller Länge nicht aus der Hand legen. Es ist aus meiner Sicht eines der Hauptwerke der italienischen und europäischen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Roman erzählt die Geschichte von Ida Ramundo und ihren beiden Söhnen Nino und Useppe im Rom des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach.

Ida Ramundo, eine zurückgezogen lebende und völlig verängstigte jüdische Grundschullehrerin, wird von einem zufällig daherlaufenden betrunkenen deutschen Soldaten in ihrer Wohnung in Rom vergewaltigt, woraus ihr Sohn Giuseppe entstammt. Das schwache Kindchen, fortan bloß Useppe genannt, liegt in seiner Entwicklung stets ein bis zwei Jahre zurück, entwickelt aber eine eigene Intelligenz. Ida kümmert sich rührend um ihn, während sie die allseits drohende Judenverfolgung vor Augen hat. Vor ihrer Umgebung versteckt sie ihr Judentum, geht aber immer wieder ins jüdische Ghetto, um dort Neuigkeiten über die Gefahrenlage zu erhalten.

Eine der bedrückendsten Passagen des Romans ist denn auch, als Ida durch Zufall bei der Deportation der Bewohner des jüdischen Ghettos am Bahnhof Tiburtina zugegen ist. Die in Güterwaggons Eingeschlossenen fahren direkt in die Gaskammern von Auschwitz. Ida selbst wohnt außerhalb des Ghettos und kann sich vor der Deportation verbergen.

In der Folge wird Idas Mietshaus ausgebombt, sie und Useppe haben Glück im Unglück und finden in einem überfüllten Haus am Rande Roms Asyl, zusammen mit einer Familie, die einfach nur die Tausend genannt wird. Während Idas älterer Sohn Nino, anfänglich noch begeisterter Mussolini-Schwarzhemdträger, zu der Zeit bereits bei den Partisanen aktiv ist, lebt Ida buchstäblich von nichts, und das Wenige, das sie auftreibt, gibt sie ihrem Sohn Useppe. So nachvollziehbar und eindrücklich habe ich nur selten von Kriegsarmut gelesen.

Elsa Morante beschreibt die Beziehung der Mutter zu ihrem schwachen Useppe so einfühlsam, dass es mir beim Lesen mehrmals den Hals zugeschnürt hat. Die Autorin erlaubt dem Leser wenig Hoffnung. Im überfüllten Asyl der Ausgebombten sagt eine Mitbewohnerin zu Useppe: „Armes Vögelchen, man sieht, daß du nicht größer wirst. Du bleibst nicht lang am Leben. Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ (280)

Auch zwei Hunde spielen eine ebenso wichtige wie rührende Rolle.

Der Roman beschreibt zahlreiche Seitenstränge, zum Beispiel den Kältetod Giovanninos, des Ehemanns einer der Mitbewohnerinnen Idas, auf dem Rückzug des Italienkorps von den sowjetischen Schlachtfeldern. Hier werden epische Bilder aus Tolstois Krieg und Frieden heraufbeschworen.

Jedes Jahr wird von einem zum Teil mehrseitigen historischen Kontext eingeleitet, zum Beispiel das Jahr 1943: „Januar-Februar. In Rußland: Der Zusammenbruch der Don-Front bezeichnet das katastrophale Ende des italienischen Expeditionskorps, das von den Sowjetrussen überrollt wird. (…)“ (137) Oder 1947: „Juli-September. Nach dreißigjährigem, von Mahatma Gandhi mit den gewaltlosen Mitteln des passiven Widerstands geführtem Kampf gegen das britische Empire erhält Indien die Unabhängigkeit. (…)“ (470)

Der Roman entwirft aber nicht nur ein historisches sondern vor allem ein römisches Panorama vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn etwa der attraktive Nino auf einem wie auch immer besorgten Motorrad mit seiner Geliebten durch die Straßen saust, wird das Rom der ersten Nachkriegsjahre sichtbar. Nino ist mittlerweile von einem bekannten Partisanen zum Schmuggler geworden, doch wie aus dem Nichts passiert dann eben …

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain via Wikimedia Commons)

Aus heutiger Sicht ist Elsa Morantes Vorausschau der gesellschaftlichen Entwicklung und Umweltkatastrophen außerordentlich hellsichtig. Selbst den Plastikmüll in den Ozeanen hat sie bereits deutlich beschrieben:

„Die wichtigste Funktion der menschlichen Gemeinschaft wird es, für die Industrie zu arbeiten und ihre Produkte zu kaufen. Mit der Vermehrung der Waffen geht eine Vermehrung der Konsumgüter Hand in Hand, welche durch die Zwänge des Marktes (Konsumismus) sogleich wieder entwertet werden. Die Kunststofferzeugnisse – Produkte, die dem biologischen Kreislauf fremd sind – verwandeln die Erde und die Meere in Ablageplätze unzerstörbarer Abfälle. Immer mehr breitet sich in allen Ländern der Erde der industrielle Krebs aus, welcher die Luft, das Wasser und die Organismen verseucht und die bewohnten Gebiete verwüstet, wie er die in ihren Fabriken zu Kettenstrafen verurteilten Menschen denaturiert und zerstört. Mit systematischer Züchtung manipulierbarer Massen im Dienst der industriellen Mächte werden die Massenkommunikationsmittel (Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen) zur Verbreitung und Propagandierung einer verderbten, dienstbaren und degradierenden ‚Kultur‘ benutzt, welche die menschliche Urteilskraft und Kreativität korrumpiert, jede reale Daseinsmotivation hemmt und krankhafte kollektive Erscheinungen wie Gewalttätigkeit, Geisteskrankheiten und Drogenkonsum auslöst.“ (627f., kursive Passagen im Original)

Alles folgt einer ewig vorwärtstreibenden Sinnlosigkeit des Lebens. Der zeitgeschichtliche Abschluss des Romans lautet lapidar: „und die Weltgeschichte geht weiter.“ (628) Es gibt keine Hoffnung, dass irgendetwas besser wird. Morante gibt ihre fatalistische Weltsicht der Prostituierten Santina an die Hand:
„All das Gute und das Böse, der Hunger, der die Zähne ausfallen läßt, die Hässlichkeit, die Ausbeutung, der Reichtum und die Armut, die Unwissenheit und die Dummheit … das alles bedeutet für Santina weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit. Es sind einfach unfehlbare Zwangsläufigkeiten, für die es keinen Grund gibt. Sie akzeptiert sie, weil sie geschehen, und erduldet sie arglos als die natürliche Folge der Tatsache, daß man geboren worden ist.“ (349)

Santina wird dann auch von ihrem Zuhälter zu Tode geprügelt, einfach so.

Elsa Morante, Premio-Strega-Preisträgerin von 1957, hat ihren Roman zwar in den 1970er-Jahren geschrieben, sie folgt aber dem italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit, einer ungeschönten Darstellung der Wirklichkeit in aller Gewalt und Armut, nicht unähnlich zur Kahlschlagliteratur der beginnenden Gruppe 47 in Deutschland.

An Traurigkeit reicht La Storia für mich an Cormac McCarthys The Road heran. Dort ein Vater, hier eine Mutter, die in einer zerstörten Welt alles tut, um ihren schwachen Sohn durchzubringen. Das Ende ist beide Male herzzerreißend.

Morantes Roman wurde 1986 unter der Regie von Luigi Comencini mit Claudia Cardinale in der Hauptrolle verfilmt. Der fürs italienische Fernsehen produzierte Film ist hierzulande leider noch nicht auf DVD erschienen.

Addendum:

Ich habe Elena Ferrantes Neapel-Zyklus (Meine geniale Freundin usf.) noch nicht gelesen. Es heißt aber, dass Elena Ferrante sich Elsa Morante als eines ihrer Vorbilder gewählt hat. Vor diesem Hintergrund sei Morantes La Storia umso mehr ans Herz gelegt.

(c) belmonte 2017

Elsa Morante: La Storia. Aus dem Italienischen von Hannelise Hinderberger. Piper, Zürich 1976, 631 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Tim Curran: Nightcrawlers – Kreaturen der Finsternis: Unter dem alten Siedlerort verbirgt sich Grauenhaftes (Buchrezension)

24. September 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Und wieder ist vnicornis auf dem befreundeten Blog Die Nacht der lebenden Texte mit einer Buchrezension fremdgegangen.

Tim Curran verbeugt sich mit seinen im Festa-Verlag erschienenen Nightcrawlers vor H. P. Lovecraft.

Etwas ist faul im Staate Wisconsin, überall Morast, Regen, versickerndes Wasser, faule Luft, gammelnde … üäähh, alles eklig.

Die Nacht der lebenden Texte

nightcrawlers-cover

Nightcrawlers

Von belmonte

Horror // Wie kann ich dieses Buch beschreiben, ohne zu spoilern? Wie kann ich über den Buchrückentext hinaus noch mehr über die Geschichte der Nightcrawlers mitteilen? So viel sei verraten: Etwas ist faul im Staate Wisconsin. Unter dem alten Siedlerort Clavitt Fields verbirgt sich Grauenhaftes. Über Jahrhunderte hinweg verschwinden Leute, immer wieder kommen Menschenknochen zum Vorschein. Und da die örtlichen Stellen das Unheil gern unter der Erde verborgen ließen, schaltet sich die Staatspolizei ein: Chief Kenney untersucht die Gegend.

Die Nacht hat ihren Preis

Gefühlt ist es in „Nightcrawlers – Kreaturen der Finsternis“ immer Nacht, überall Morast, Regen, versickerndes Wasser, faule Luft, gammelnde … üäähh, alles eklig. Und dann verschwindet einer nach dem anderen unter der Erde, wie etwa Deputy Kopecki: Alle konnten dabei zusehen, wie sich ein Paar grotesker, weißer Hände aus der sickernden Jauche erhob und knochenlose Finger um den Hals des Polizisten schlossen (…)…

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Zu sehr in der Schwebe – Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager – Fünf Porträts (Kurzrezension)

16. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager

Felicitas Hoppes fünf Porträts mit dem Titel Verbrecher und Versager haben bei mir keine Begeisterung ausgelöst. Die Lektüre des schmalen Bandes ergab sich aus Hoppes kürzlicher Anwesenheit in Heidelberg im Rahmen einer Poetikdozentur.

Ich habe aus dem Buch weder literarisch noch hinsichtlich Allgemeinwissen irgendetwas von Belang entnehmen können. Der ganze Stil liegt mir nicht. Warum nur schreibt Hoppe über solch mediokre Gestalten – Meister, Kapf, Junghuhn und wie sie alle heißen – und deren flüchtige Reisen in diese und jene Weltgegenden?

Am ehesten noch gefällt mir, dass sie die Welt, in welche diese Personen hinausziehen, als „finsteren Schauplatz der physischen Schöpfung, den Konflikt blinder Kräfte“ beschreibt. Das hätte aber doch durchgängiger angefangen werden können.

Alles bleibt in der Schwebe, diese Schwebe ist mir aber nicht genug. Ich gestehe der Autorin zu, dass die fünf Porträts als Gelegenheitsarbeit und Fingerübung ihr Recht einfordern. Womöglich waren sie Vorarbeit oder Supplement einer größeren Arbeit?

(c) belmonte 2016

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager: Fünf Porträts. Fischer, Frankfurt am Main 2006, 154 S.

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Eine Ästhetik der Anonymität – Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte – Snowden, Assange, Manning (Rezension)

14. Mai 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte

Unsere freiheitlichen Demokratien sind gefährdet. Weder lassen sie sich in ihrem heutigen Zustand als halbwegs vollendete Demokratien bezeichnen, noch sind sie in ihrer ureigenen Entwicklung frei von zahlreichen un- und antidemokratischen Elementen. Diese müssen radikal enttarnt werden, um das Projekt Demokratie nicht zum Stillstand oder gar Rückschritt zu führen. Eine solche Enttarnung versucht Geoffroy de Lagasnerie in seinem 2015 in Frankreich erschienenen Buch Die Kunst der Revolte, das Suhrkamp kürzlich in deutscher Übersetzung publiziert hat.

Der schmale Band befasst sich vordergründig mit den Whistleblowern Edward Snowden und Chelsea Manning sowie Julian Assange im Umfeld von Wikileaks und Anonymous, fordert aber im Hintergrund eine Radikalisierung der Demokratie – nicht zuletzt zum Zweck ihrer Erhaltung und Erneuerung.

Inhaltlich lassen sich in dem schmalen Band drei große Kritikbereiche festmachen: Staatsgeheimnisse, Zensur, Staatsbürgerschaft.

Staatsgeheimnisse

de Lagasneries zentraler These zufolge markieren Snowden, Assange und Manning sowie Bewegungen wie Wikileaks und Anonymous eine „neue Weise des politischen Handelns, des politischen Denkens, der Vorstellung der Formen und Praktiken des Widerstands“ (11), ausgehend von den Themen „der Massenüberwachung, des Schutzes der Privatsphäre, der bürgerlichen Freiheiten im Zeitalter des Internets“ (ebd.).

Der Protest und Widerstand richte sich zunächst einmal gegen Staatsgeheimnisse. Nicht allein, dass Staatsgeheimnisse es ermöglichten, „kriminelle Handlungen zu vertuschen“ (29). Das Konzept selbst sei in sich widersprüchlich: „Ein Staatsgeheimnis ist eine öffentliche Information, die jedoch verborgen wird.“ (31).

Im Staatsgeheimnis offenbare sich das alte Konzept der Staatsräson, das viel älter sei als alle Konzepte moderner Demokratie, aber in den westlichen Gesellschaften immer noch höchst wirkungsvoll Bestand habe. Staatsgeheimnisse seien sowohl „Täuschungsmanöver“ (31) als auch „Enteignungsmaßnahme“ (ebd.) und mit der „Idee der Demokratie prinzipiell unvereinbar“ (32).

Wikileaks habe es sich daher zur Aufgabe gemacht, Staatsgeheimnisse „durchsickern zu lassen“ (29), was „ein Erfordernis der Demokratie in einem Rechtsstaat dar[stellt], der sich auf das Prinzip der Gleichheit vor der Justiz beruft.“ (29) Gemäß ihrem Wahlspruch „Privatssphäre für die Schwachen, Transparenz für die Mächtigen“ (33) lehne sich Wikileaks, wie de Lagasnerie ausführt, „gegen die Voraussetzung auf, der zufolge ein demokratischer Staat nichtdemokratische Bereiche, die außerhalb des Rechts stehen und in denen die Willkür herrscht, akzeptieren sollte.“ (33) In ebendiese Stoßrichtung gehe Snowden, für den die „Unterhaltung von Geheimprogrammen (…) eine größere Gefahr als ihre Enthüllung“ (35) darstelle.

de Lagasneries, 1981 geboren, Philosophieprofessor, Soziologe und französischer Intellektueller, zieht als erstes Fazit, dass „Snowden, Assange und Manning die politischen und juristischen Kämpfe reaktivieren, die sich seit dem 19. Jahrhundert gegen die Willkür des Staats vollziehen.“ (37)

Zensur

Über einen kurzen Exkurs über Henry David Thoreau und John Rawls zum zivilen Ungehorsam kommt de Lagasnerie auf ein zentrales Thema seines Buches zu sprechen: Anonymität. Im Unterschied zum zivilen Ungehorsam nämlich agieren Whistleblower wie Chelsea Manning im Verborgenen.

Snowden, Assange und Manning sind die Aushängeschilder, an denen de Lagasnerie ein breiteres politisches Phänomen sichtbar macht, nämlich das „Aufkommen eines neuen politischen Subjektes“ (12), das „die politische Bühne selbst in Frage“ (ebd.) stelle.

Genau wie WikiLeaks und die Gruppe Anonymous kennzeichnet Chelsea Mannings Handeln „eine neue Art und Weise, Politik zu betreiben, die sich der Problematik des Auftretens im öffentlichen Raum entzieht.“ (73f.) de Lagasnerie nennt das eine „Praxis der Anonymität und des Nicht-Erscheinens“ (ebd.) (In der Tat kennt WikiLeaks die Identität ihrer Whistleblower nicht.)

Das stoße sich aber fundamental mit der „Idee der Politik als gleichursprünglich mit einem öffentlichen Raum.“ (87) Die Anonymität ermögliche indes eine „Entkoppelung der Problematik der Politik – und der Demokratie – von der Problematik des öffentlichen Raums“ (91), nämlich „die Möglichkeit, politisch zu handeln, ohne öffentlich zu handeln“ (ebd.). Folglich gebe es für de Lagasnerie keinen Grund – womit er eine lange Reihe von politischen Theorien durchkreuzt –, „Politik und Öffentlichkeit“ notwendig miteinander zu verkoppeln.

Die Verknüpfung von Politik und öffentlicher Bühne, die Forderung also, dass Politik notwendig auf einer öffentlichen Bühne stattzufinden habe, resultiert für de Lagasnerie in Zensur:

„Wenn es stimmt, daß die Praxis der Anonymität in erster Linie als ein Schutz gedacht werden kann, als ein Rahmen, der es den Insidern gestattet, in den Raum des Ausdrucks von Gedanken einzutreten, das heißt Personen, für die der Zugang zu diesem Raum zuvor de facto beschränkt war, dann müssen wir uns die Frage stellen, in welchem Maße die Idee der Demokratie, wie sie heutzutage gang und gäbe ist, umgekehrt Wirkungen der Zensur hervorbringt.“ (94)

Anonymität zeige dann, indem sie den Finger in die Wunde legt, „daß die Idee der Demokratie, wie wir sie kennen und betreiben, Wirkungen der Zensur und Verknappung sprechender Subjekte hervorbringt und die Fähigkeit mancher Subjekte zum politischen Handeln behindert.“ (97)

Durch Umverteilung des Rederechts (98) gebe Anonymität „isolierten Individuen“ die Möglichkeit, „in den Raum der Politik des Protests einzutreten“ (100). Auf diese Weise können sich Personen am politischen Prozess beteiligen, die ansonsten niemals die vermeintliche politische Bühne betreten hätten.

Staatsbürgerschaft

de Lagasneries Buch veranschaulicht seine Ausführungen immer wieder mit aktuellen Begebenheiten. So erwähnt er US-Außenminister John Kerry, der „die heftigste Sprache dazu verwendet, um Snowdens Fluchthaltung anzugreifen, die Tatsache, daß er es ablehnt, vor der amerikanischen Justiz zu erscheinen.“ (128) „… er sollte sich, so Kerry, ‚wie ein Mann‘ benehmen, ‚in die Vereinigten Staaten zurückkehren‘ und ‚sich der Justiz seines Landes stellen‘.“ (128)

Warum aber, fragt de Lagasnerie, „sollte Snowden den Vereinigten Staaten etwas schuldig sein?“ (128)

An dieser Stelle radikalisiert de Lagasnerie die individuelle Freiheit, nämlich sich frei zwischen Gruppenzugehörigkeiten zu bewegen. Wer sagt denn, dass ich notwendigerweise einer nationalen Autorität und Rechtsprechung unterstehe, nur weil ich in sie hineingeboren wurde. Welche Legitimität sei eigentlich in der Lage, „uns unter seiner Autorität gewaltsam in eine bestimmte Gemeinschaft einzuschließen“ (146)? Habe sich Snowden durch seinen Weggang nicht genau dieser Zwangsgemeinschaft aus freien Stücken entzogen?

Geoffroy de Lagasnerie

Geoffroy de Lagasnerie / Selbstporträt/Wikimedia unter CC BY-SA 3.0

Hier kommt für de Lagasnerie das Internet ins Spiel, das die Auflösung der Grenzen und die freie Wahl neuer Zugehörigkeit(en) fördere:

„Wenn diese Technik dem Subjekt ermöglichen würde, sich einen größeren Raum der Zugehörigkeit und Bestimmung zu verschaffen, neue Weisen zu erfinden, sich selbst zu entwerfen und die Kollektive zu denken, zu denen es gehört?“ (157) Nicht von ungefähr richte sich der Aufruf „Hallo, Bürger der Welt, wir sind Anonymous“ an jedermann (159).

Am weiten Horizont steht der Weltbürger, und hier kommt de Lagasnerie auf wohltuende Weise zu seinem schwärmerischen Abschluss:

„Als geistigen Horizont die Welt zu haben, noch nie dagewesene selbstgewählte Gemeinschaften entstehen zu lassen und sich von allen aufgezwungenen Zugehörigkeiten zu lösen, indem man die Eigenart unserer Verknüpfung mit dem Raum und unserer Beziehungen zu den anderen politisiert: Das könnten die Achsen der Kunst der Revolte sein, die heute entsteht und an der sich diejenigen beteiligen, denen es gelingt, sich als ‚Weltbürger‘ zu definieren.“ (160)

Kritisch ist einzuwenden, dass wichtige Bewegungen, die in ähnliche Richtungen gehen, von de Lagasnerie leider keine Beachtung finden, beispielsweise der ganze Bereich der Open-Data-Bewegung, Liquid Democracy und Politikverständnisse, wie sie beispielsweise in der Piratenpartei zu finden sind. Womöglich sind auch, wie einige Rezensionen andeuten, de Lagasneries theoretische Prämissen nicht so robust, wie man es von einem französischen Philosophen in der Nachfolge Foucaults und Bourdieus da und dort erwartet.

Das allerdings ist zu verkraften, denn de Lagasneries Buch ist in seinen analytischen Folgerungen und Forderungen und in seiner Anzeige der akuten Gefahren, in denen sich die westlichen Demokratien – aus sich selbst heraus – befinden, ein wichtiger Augenöffner und Chance, das Gebot der Stunde, nämlich die Revolte aus der Anonymität heraus, zu ergreifen.

(c) belmonte 2016

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte – Snowden, Assange, Manning. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder, Suhrkamp, Berlin 2016, 160 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Von Märchenmotiven und gewichtigem Schnee (re-blogged aus dem Café Weltenall)

12. Februar 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

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Dieses Bild widme ich Elke Engelhardt und ihrem Buch

Wenn der Schnee Gewicht hat

Was zuerst als Paradox erscheint, ist bei näherer Betrachtung eine kleine Schneeflocke, die weniger wiegt als die winzige Daunenfeder eines Pirols im Frühling, die aber, wenn sie sich mit Ihresgleichen paart und stapelt, Hausdächer zum einstürzen bringt. Das ändert kein Wolf, kein Hans, ob groß im Glück oder klein auf einem Bein, das ändert keine rote Kappe, kein Rumpelstilzchen und auch keine Großmutter.

DSC_0496Elke Engelhardt, die Autorin dieses Buches, kennt dieses Paradox. „Sie“  leistet bei der Alten mit den großen Zähnen ihre Dienste, bis der Schnee Gewicht hat. Erst dann wird es Zeit für eine Umkehr, eine Heimkehr mit oder ohne Kieselsteine, aber mit der Frage nach Heimat.

Wenn Märchen anfangen zu sprechen und mehr werden, als böse Hexe, unschuldiges Kind, mehr als gutmütige Zwerge, bösartige Stiefmutter und vergifteter Apfel, mehr als Schneewittchen, Prinz, Hans und…

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