Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

12. August 2017 § Ein Kommentar

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

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David Attenborough präsentiert: Könige der Lüfte – Wie Tiere das Fliegen lernten (Filmrezension)

17. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Conquest of the Skies with David Attenborough

Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“.

Natur-Doku // Sir David Attenborough hat in seinem langen Leben schon viele beeindruckende Dokumentationen hervorgebracht. Ganz vorn dabei sind natürlich „Planet Erde“ und „Das Wunder Leben“. Dementsprechend gespannt darf man als Freund der informativen Filme sein, wenn Attenborough wieder etwas Neues herausbringt – und dann noch in 3D, welches sich für Naturaufnahmen wunderbar eignet.

Wer ist fotogener?

Wobei „neu“ relativ ist – „Könige der Lüfte“ wurde bereits 2014 produziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Herangehensweise an den Film interessant bleibt: Der Naturfilmer zeigt Lebewesen, die sich in die Lüfte erheben können. Es wäre einfach, sich hier nur auf Vögel zu konzentrieren, daher werden in vier Folgen, die alle fast eine Stunde dauern, auch Insekten gezeigt und Fossilien ausgestorbener Tierarten analysiert.

Animierte Flugsaurier

Das alles wird von Attenborough routiniert erklärt und gezeigt. Lediglich mit der Computertechnik hapert es: Immer wieder werden animierte Tiere gezeigt. So sollen bestimmte Dinosaurier zum Leben erweckt werden, jedoch fehlt es den Animationen an Glaubhaftigkeit. So wirkt es eher peinlich als beeindruckend, wenn Attenborough in einem Wald steht und vorgibt, einem Flugsaurier hinterherzuglotzen.

Ja, auch solche Käfer können fliegen

Außerdem verunsichern die Effekte den Zuschauer. Gerade im 3D-Modus, in dem die Bilder an Farbintensität und Schärfe gewinnen, ist man sich nicht sicher, ob man nun echte Kameraarbeit bewundert oder nur im Computer entstandene Bilder. Das ist umso bedauerlicher, als ähnliche Produktionen wie „Der magische See – Tale of the Lake” bewiesen haben, dass gerade Naturdokumentationen mit tollen Bildern vom 3D-Effekt profitieren können.

Der Flügelschlag einer Libelle

Regisseur David Lee hat den einen oder anderen netten Einfall, etwa die Darstellung der Luftströme beim Flügelschlag einer Libelle. Doch man hat selten das Gefühl, hier etwas Neues vorgesetzt zu bekommen. Mit dem ausführlichen „Behind the Scenes“ aus dem Bonusmaterial hat man so etwas weniger als fünf Stunden nette Unterhaltung, die aber leider nicht mehr als eben das ist – nett. Dann doch lieber noch einmal „Planet Erde“ schauen.

Auf, auf und davon

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 208 Min.
Altersfreigabe: Infoprogramm gemäß § 14 JuSchG
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conquest of the Skies with David Attenborough
GB 2014
Regie: David Lee
Zusatzmaterial: Behind the Scenes
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

3. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Botticelli Inferno – Florentiner Zeichentrip durch die Hölle des Dante Alighieri (Filmrezension)

23. Mai 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Botticelli Inferno

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Malerei-Doku // Sandro Botticelli (1445–1510) gehört zu den bedeutendsten Malern der Frührenaissance. In Florenz geboren und gestorben, arbeitete er zwischenzeitlich auch in Rom, malte für den Vatikan Wandgemälde der Sixtinischen Kapelle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Geburt der Venus“ und „Primavera“.

Die „Göttliche Komödie“ auf Pergament

Besonders fasziniert zeigte sich Botticelli von der „Göttlichen Komödie“ des Dante Alighieri (1265–1321). Über ein Jahrzehnt zeichnete er auf Pergament Illustrationen zu Dantes Hauptwerk, dem wichtigsten italienischen Literaturgut. Die Zeichnungen sind mehrheitlich einfarbig, nur einige sind koloriert.

Der Hamburger Filmschaffende Ralph Loop begab sich für sein Langfilm-Regiedebüt auf Spurensuche nach Florenz, Rom, Berlin und anderswo in Europa. Er lässt Stadtführer und Kunsthistoriker zu Wort kommen und Kuratorinnen den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre Ansichten über Botticelli und seine Kunst vermitteln. Der Sprecher zitiert auch Botticelli selbst und kurze Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“.

Der Höllentrichter

In der Doku erfahren wir, dass das Berliner Kupferstichkabinett 85 Zeichnungen verwahrt. Weitere sieben befinden sich in der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Somit gelten von ursprünglich wohl 102 Pergamenten dieses bedeutenden Zyklus zehn Blätter als verschollen. Eine der im Vatikan befindlichen Zeichnungen wurde für „Botticelli Inferno“ eigens aus der Klimakammer geholt und mit modernen technischen Methoden untersucht: die „Mappa dell‘ Inferno“, die „Karte der Hölle“, im Deutschen aufgrund ihrer Form auch „Höllentrichter“ genannt. Das Blatt war vermutlich als Titelblatt von Botticellis Zyklus über die „Göttliche Komödie“ vorgesehen. Das Gesamtwerk war über Jahrhunderte verschollen. 1882 gelangte es von Schottland nach Berlin – ein hoch spannender Weg war vorerst zu Ende gegangen.

Nach seiner Weltpremiere am 27. Oktober 2016 erhielt „Botticelli Inferno“ in Italien sogar eine Kinoauswertung. Der Zeitpunkt war gut gewählt, das Interesse am Thema aufgrund der kurz zuvor im Kino gestarteten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ mit Tom Hanks vorhanden.

Bildende Kunst und Dokumentationen über Kunst gehören gleichermaßen nicht zu meinem Fachgebiet. Wenn ich mich als interessierten Laien bezeichne, ist das fast schon etwas hoch gegriffen. Dennoch hat mich „Botticelli Inferno“ fasziniert. Der Enthusiasmus der zu Wort kommenden Kunstexperten überträgt sich vom Bildschirm auf die Zuschauer, die interessante Einblicke in die Historie eines bedeutenden Kunstwerks erhalten. Wir erfahren einiges über Botticelli und seine Arbeit über Dantes „Göttliche Komödie“, die zum Mythos wurde. Die Doku mag kein großer Beitrag für die Kunstwissenschaft sein, wissbegierige Nicht-Fachleute kommen aber voll auf ihre Kosten. Botticelli war ein großer Künstler, „Botticelli Inferno“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, durchaus auf Kinoniveau.

Veröffentlichung: 19. Mai 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Botticelli Inferno
D 2016
Regie: Ralph Loop
Drehbuch: Ralph Loop
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot & Trailer: © 2016 good!movies / Neue Visionen Medien

Farinelli, der Kastrat – Eine faszinierende Verhöhnung der Natur (Filmrezension)

8. November 2016 § Ein Kommentar

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Farinelli

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Historiendrama // Sie waren die Popstars des Barocks: Kastraten, deren Stimmen nie geahnte Höhen erklimmen konnten. Bei ihrem mehrere Oktaven umfassenden Gesang fielen die Damen reihenweise in Ohnmacht. Komponisten schlugen sich darum, für sie große Opernarien verfassen zu dürfen. Könige wollten die Sänger an ihren Hof binden.

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Farinelli singt auf den größten Bühnen der europäischen Metropolen

Als einer der bekanntesten Kastraten galt der italienische Sänger Farinelli, der mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi (1705–1782) hieß. Frei auf seinem Leben basiert das mehrfach preisgekrönte Historiendrama „Farinelli, der Kastrat“ von Regisseur Gérard Corbiau („Der König tanzt“), welches 1995 den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film gewann und im selben Jahr für Belgien auch ins Oscar-Rennen ging. Dort konnte allerdings „Die Sonne, die uns täuscht“ aus Russland den Filmpreis mit nach Hause nehmen.

Star-Kastrat erobert Europa

Singe nicht mehr, Carlo! Carlo, sing nicht mehr! Du weißt ja nicht, was sie dir antun! Die Stimme in deiner Kehle wird dein Tod sein. Mit Schrecken erinnert sich Carlo Broschi (Stefano Dionisi) an die warnenden Worte eines Kastraten zurück, der daraufhin in den Tod sprang. Der damals zehn Jahre alte Carlo ging dennoch seinen Weg als Kastrat und verzaubert seither als Farinelli mit seiner Stimme zunehmend die Massen.

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Farinellis Gesang raubt den Frauen den Atem

Bei seinen Reisen durch Europa ist sein Bruder und Komponist Riccardo (Enrico Lo Verso) stets an seiner Seite. Beide teilen sich auch die Frauen, die Farinelli scharenweise zu Füßen liegen. Bald wird der weltberühmte Komponist Georg Friedrich Händel (Jeroen Krabbé) auf den Star-Kastraten aufmerksam. Er bietet ihm einen Vertrag an, der aber nur ohne Riccardo seine Gültigkeit hat. Noch ist die Bindung zwischen den Brüdern zu stark, als dass Farinelli auf das Angebot eingeht. Doch insgeheim sehnt sich der Kastrat danach, die Arien des von ihm hoch geschätzten Händel singen zu dürfen.

Atemloser Gesang

Regisseur Corbiau beleuchtet in seinem leidenschaftlich gespielten Historiendrama ein Thema, welches nur äußerst selten in Filmen im Fokus steht. Da die Stimme eines Kastraten heute nicht mehr auf natürlichem Wege eingesungen werden kann – der Tonumfang bei Farinelli soll sich über drei Oktaven erstreckt haben – mussten die Macher auf die Technik zurückgreifen: Sie mischten elektronisch den Gesang des US-amerikanischen Countertenors Derek Lee Ragin mit dem der polnischen Koloratur-Sopranistin Ewa Małas-Godlewska. So wird auch für die heutigen Zuschauer erfahrbar, wodurch zahlreiche Damen im 18. Jahrhundert das Bewusstsein verloren. Ja, dieser Gesang kann einem den Atem rauben.

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Georg Friedrich Händel (l.) unterstützt Riccardo bei seinen Kompositionen

Doch wie Händel im Film moniert, ist die Kastraten-Stimme ein künstlicher Gesang und gleichzeitig „eine Verhöhnung der Natur“, dennoch kann sich auch der große Meister seiner Faszination nicht erwehren. Für seine Oper „Rinaldo“ nutzte er die Kunst dieser Sänger, welche in „Farinelli, der Kastrat“ durch die daraus wohl bekannteste Arie „Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte“ vertreten ist. Wem dieses Stück gerade nicht im Ohr klingen sollte: Auch im Prolog zu Lars von Triers „Antichrist“ (2009) wird die Arie genutzt.

Unter Brüdern

Corbiau geht in seiner losen Künstlerbiografie nicht chronologisch vor, sondern springt häufig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Brüder hin und her. Dabei zeigt er Farinelli nicht als „singende Maschine“, die zu keinerlei Emotionen fähig ist, wie Händel meint. Denn der Kastrat weiß, dass er hauptsächlich durch seinen lediglich mittelmäßig begabten Bruder, dessen Arien er singt, in seiner Kunst ausgebremst wird. Aus Liebe zu ihm wartet Carlo auf die Vollendung von Riccardos großer Oper, an der der Komponist seit Jahren arbeitet. Da ist der Bruderzwist nur eine Frage der Zeit, zumal Riccardo ein Geheimnis hütet.

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Kann Alexandra das Herz von Farinelli erobern?

Auch die negativen Folgen des Kastratenwahns dieser Zeit werden von Corbiau thematisiert: Während sich Farinelli durch seinen Ruhm sowie Einzigartigkeit fast gottgleich fühlt und seinen Verehrerinnen Lust ohne Nebenwirkungen verschaffen kann, zeigt der Film am Beispiel von Benedict (Renaud du Peloux de Saint Romain), dass die Praxis auch häufig schief ging. Viele Jungen starben bei der Entmannung, andere erlangten keine besondere Stimme und waren so dazu verdammt, ein erbärmliches Leben zu führen.

Die opulente Austattung, die prunkvollen Kostüme und die Musik brauchen den Vergleich zu Milos Formans „Amadeus“ (1984) nicht zu scheuen. Als Kulissen dienten unter anderem das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth und das Markgrafentheater Erlangen. „Farinelli, der Kastrat“ ist nicht nur für Opernfreunde ein Fest für alle Sinne. Wunderbar, dass Pidax Film das beeindruckendene Werk erstmals hierzulande auf DVD präsentiert. Bei der Veröffentlichung ist es nur ärgerlich, dass für den italienischen Originalton keine Untertitel verfügbar sind.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Farinelli
BEL/F/IT 1994
Regie: Gérard Corbiau
Drehbuch: Gérard Corbiau, Andrée Corbiau
Besetzung: Stefano Dionisi, Enrico Lo Verso, Elsa Zylberstein, Jeroen Krabbé, Caroline Cellier, Pier Paolo Capponi, Renaud du Peloux de Saint Romain
Zusatzmaterial: Presseheft mit umfangreichen Hintergrundinfos als PDF-Datei, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

Café Belgica – Besoffen in Gent (Filmrezension)

15. Oktober 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

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Belgica

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Nach dem großen Erfolg seines Oscar-nominierten Liebesdramas „The Broken Circle“ (2012) konnte sich Regisseur Felix van Groeningen kaum vor Anfragen aus dem In- und Ausland retten. Doch der Belgier beschloss, stattdessen sein – wie er selbst sagt – bisher persönlichstes Projekt zu realisieren. Sein Vater führte von 1989 bis 2000 das Café Charlatan in Gent. In der Live-Musikkneipe stand van Groeningen aushilfsweise hinter der Theke und sog das Treiben in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos in sich auf.

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Auf einem Auge blind: Jo hat große Pläne mit dem „Café Belgica“

Auch, wenn er viele Situationen aus dem Film so oder ähnlich selbst erlebt habe, bestreitet der Regisseur, dass „Café Belgica“ autobiografische Züge trage. Diese Zeit habe mehr als eine Art Recherche für sein Brüderdrama gedient, für das van Groeningen auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten
internationalen Film gewann.

Zwei Brüder im Partyrausch

Der musikbegeisterte Jo (Stef Aerts) betreibt die heruntergekommene kleine Kneipe „Café Belgica“. Die Lokalität ist beliebt, denn der auf einem Auge blinde Jo weist niemanden ab. Jeder soziale Stand und jedes Alter trinkt hier sein Bier, jede Art von Musik wird in seinem Zufluchtsort für allerlei verlorene Seelen gespielt. Eines Tages kommt Jos älterer Bruder Frank (Tom Vermeir) zu Besuch. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der Familienvater ist begeistert vom „Café Belgica“ und willigt trotz klammer Finanzlage und gegen den Willen seiner Frau Isabelle (Charlotte Vandermeersch) ein, in Jos Laden als Teilhaber zu investieren.

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Jo, Frank und Tim (v. l.) sind in Feierlaune

Gemeinsam vergrößern die Brüder das „Café Belgica“. In einem neuen Nebenraum finden nun Konzerte statt. Das Partyvolk reagiert begeistert und rennt den Brüdern die Bude ein. Doch zunehmend verlieren Jo und Frank die Kontrolle über das Geschehen. Die einst idealistischen Werte der Brüder werden zunehmend über Bord geworfen. Besonders Frank verliert sich immer mehr im täglichen Rauschzustand aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Schließlich muss Jo eine schwere Entscheidung treffen …

Vergängliche Momente

Da dröhnt der Schädel: Die Kneipen- und Partyszenen sind mitreißend inszeniert. Den Rausch, den Schweiß, das Gedränge und das Bier kann man förmlich riechen und schmecken. Für den passenden Soundtrack sorgt die belgische Kultband Soulwax, die sich mit ihren Klängen zwischen Kraut-Techno über Neo-Soul und Psychobilly in keine Schublade einordnen lässt. Van Groeningen ist seit seinem Langfilmdebüt „Steve + Sky“ (2004) mit der Band befreundet, die inzwischen sogar so bekannt ist, dass sie die Musik für das Videospiel „Grand Theft Auto V“ beisteuern durfte.

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Frank sprüht vor Tatendrang

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des „Café Belgica“ ist natürlich vorhersehbar. Aber van Groeningen geht es viel mehr um die Beziehung der unterschiedlichen Brüder, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden und dann langsam erneut auseinanderdriften. Etwas schwer fällt es dabei, Frank wirklich sympathisch zu finden. Er vernachlässigt seine Familie, geht fremd, säuft und wird schnell gewalttätig. Leider wird auch nur leicht angedeutet, wie er so ein hedonistischer Mistkerl werden konnte, der auch gut in van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ (2009) gepasst hätte.

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Frank schwört seiner Frau Isabelle, dass er sich benimmt

Im Gegensatz dazu steht der zurückhaltende Jo, der seit dem Babyalter mit seiner Augenbehinderung leben muss. Es ist nicht verwunderlich, dass er zu seinem großen Bruder aufblickt, der ihn im Teenageralter vor Hänseleien geschützt hat. In einer kurzen, wunderschönen Szene sieht sich Jo ein altes Foto an. Darauf hält Frank im Kindesalter den einäugigen Säugling Jo in seinen Händen. Beide strahlen dabei über beide Ohren.

Mit Herzblut und Nostalgie

Auch wenn „Café Belgica“ nicht ganz an den tieftraurigen und höchst emotionalen „The Broken Circle“ heranreicht, spürt man jede Minute, dass van Groeningen viel Herzblut in seine Tragikomödie gesteckt hat, die sowohl als elektrisierender Musikfilm als auch als schmerzliche Charakterstudie sehr gut funktioniert. „Café Belgica“ ist ein nostalgischer Blick zurück auf eine unbeschwerte Zeit voller vergänglicher Momente – bis man schließlich von der Realität eingeholt wurde. Ein Film, der sich so anfühlt, wie die Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, die man sich aber ab und an ruhig mal gönnen sollte.

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Zwischen den Brüdern verhärten sich die Fronten

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Belgica
BEL/F 2015
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Arne Sierens
Besetzung: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Boris Van Severen, Ben Benaouisse
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Trailershow
Vertrieb: Pandora Film Verleih

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Pandora Film Verleih

Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

5. März 2016 § 5 Kommentare

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Shirley – Visions of Reality

Für diese Gastrezension bedanken wir uns bei Anja Rohde von „Die Nacht der lebenden Texte

Experimentalfilm // Drei Passagiere im Inneren eines luxuriösen Salonwagens. Bahnhofsgeräusche. Eine Frau betritt das Abteil, dreht sich einen Sessel zurecht, nimmt ein Buch zur Hand. Als die Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf zu ihr dreht, macht es im Gehirn „klick“: Das ist es, das ist genau das Bild „Chair Car“ von Edward Hopper. Diesen Effekt wird man im Verlauf des Filmes noch einige Male haben, denn Autor und Regisseur Gustav Deutsch erzählt die Geschichte einer Frau anhand von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

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1932

Die erste Szene aus dem Leben der von der Tänzerin Stephanie Cummings mit Grandesse, innerer Würde und Körperbeherrschung verkörperten Shirley spielt am 28. August 1931 in einem Pariser Hotelzimmer. Wir treffen Shirley erneut am 28. August 1932, und dann wieder 1939, 1940, 1942, 1952, 1956, 1957, 1959, 1961 und 1963, immer am 28. August. In so einer langen Zeit passiert viel, gesellschaftlich wie privat. Einige wichtige politische Ereignisse werden zu Beginn einer jeden Szene von einem Radiosprecher angesagt, die privaten Ereignisse erfahren wir aus den inneren Monologen, die Shirley in ihren Hopperschen Szenenbildern führt.

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1939

Der Kamera ist es nicht erlaubt, das Szenenbild zu verlassen, den Blickwinkel zu verändern, zwischen den Agierenden hin und her zu springen. Das Bild bleibt das Bild, einzig Zooms und Nahaufnahmen sind gestattet. Das Publikum sieht, was kurz vor und kurz nach dem Moment geschah, den das Bild zeigt. Und hört, was sich die abgebildeten Personen denken. Ist das nicht der Traum jedes Museumsgastes, zu wissen, warum das Bild so ist, wie es ist? Wohin die Protagonistin schaut? Was sie dabei denkt? Was sie davor und danach macht? Warum sie so dasteht, wie sie dasteht? Im Museum kann man sich damit behelfen, sich diese Geschichten selbst auszudenken – wer fantasiert nicht gern über persönliche Schicksale, sei es die der wortkargen Nachbarn oder eben einer interessanten Person auf einem Foto oder Gemälde?

Gustav Deutsch übernimmt das in „Shirley“ für uns. Zusammen mit seiner Partnerin Hanna Schimek und genialen Beleuchtern, Kostümbildnern und Designern hat er Hoppers Bilder nachgebaut – und das war nicht immer einfach. Hoppers Spiel mit Licht und Schatten sollten so werkgetreu wie möglich dargestellt werden, ebenso die besonderen Farben. Hoppers Räume und Möbel ließen sich mitnichten als naturgetreue Räume nachbauen – mal ist ein Bett deutlich länger als normal, mal ein Sessel viel schmaler, als er es in Wirklichkeit wäre. Beim Bild „Office at Night“ mussten die Möbel so stark gekippt werden, dass beinahe nichts mehr auf den Tischen hielt. Für den Filmemacher eine spannende Herausforderung, ein zweidimensionales Bild in eine dreidimensionale Wirklichkeit zu überführen und dann wieder in ein zweidimensionales Bild rückzutransferieren, wie er im Interview im Presseheft erläutert.

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1942

Deutsch betont, dass es sich nicht nur um ein Film-, sondern auch um ein Ausstellungsprojekt handelt. Jedes Utensil, das für den Film erschaffen wurde, ist ein künstlerisches Objekt, sei es ein Faltblatt, auf dem die Schrift gar nicht lesbar ist, oder ein Telefon, welches extra geschnitzt wurde. Die Verwertung im Kunstkontext hat bereits begonnen: Zwei der Filmsets wurden in Ausstellungen in Wien und Mailand gezeigt.

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1952

Natürlich ist der Film extrem statisch. Die Bewegungen sind langsam, die inneren Monologe ruhig, die Mimik ist klar und unhektisch. Aber wer erwartet schon einen Actionfilm bei einer Erzählung, die sich an Hoppers kühlen, melancholischen Bildern entlanghangelt? Man muss es schon ertragen können, dass auch einfach mal ein leerer Raum zu sehen ist, in den ein Vorhang weht. Deutsch lässt Platz fürs Weiterträumen. Wir erfahren zwar alle paar Jahre, wie es Shirley geht – was in der Zwischenzeit passiert, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Edward Hopper gilt als Maler des Realismus. Aber er bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er inszeniert sie – ebenso wie ein Filmemacher. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes stimmt jeweils genau mit der Geschichte überein. Sehen wir Shirley 1952 in der Morgensonne auf ihrem Bett sitzend, entspricht das dem 1952 gemalten Bild „Morning Sun“. Dass 30 Jahre vergehen, will der Regisseur weniger durch geschminkte Alterungsprozesse darstellen, sondern über Gestik, Mimik und Körperhaltung transportieren. Und natürlich erkennt man den Fortgang der Zeit auch an den Gedanken, an denen uns die Protagonisten teilhaben lassen. Deutsch wollte, dass es auch inhaltlich um eine Auseinandersetzung mit der Realität und deren Inszenierung geht, deswegen ist die Hauptperson eine Schauspielerin, ihr Lebensgefährte (Christoph Bach) ein Fotojournalist.

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1956

Shirley ist eine moderne, selbstständige Frau, sie spielt im Group Theatre und ist politisch interessiert – in der vorletzten Einstellung läuft im Radio die berühmte „I Have a Dream“-Rede von Martin Luther King. Übrigens der Grund, warum Deutsch den 28. August ausgewählt hat. Indem er das Datum des Marsches der Bürgerrechtsbewegung nach Washington verwendet, konterkariert er die politsche Einstellung Hoppers. „Ich kann ihm sozusagen entgegenarbeiten. Edward Hopper war ein politisch sehr konservativ denkender Mensch, etwas, das ich gar nicht mit ihm teile. Das kann ich durch meine Protagonistin auch umkehren und in eine andere Richtung führen.“ Eine geniale Idee, lässt sich das Werk eines Künstlers doch nie hundertprozentig vom Kunstschaffenden trennen.

Shirley-04-Motel_im_Westen

1957

Ein großes Filmereignis für Detailverliebte, für Hopper-Fans und für jene, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Film auch mal quer zu den Sehgewohnheiten stellt. Bis zum Schluss nur noch Licht und Schatten übrig ist.

Veröffentlichung: 4. März 2016 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Shirley – Visions of Reality
AUS 2013
Buch und Regie: Gustav Deutsch
Besetzung: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Rendezvous-Filmverleih

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