Jeremy Shaw: Liminals (Filmkurzrezension)

belmonte

Ich habe Jeremy Shaws Kurzfilm Liminals zuerst auf der Biennale di Venezia 2017 gesehen und dann nochmal vergangenen Oktober in den Store Studios in London. Der 20-minütige Film ist hervorragend anspruchsvoll.

In einer dystopisch-verkümmerten Zukunft gibt es keine Religion mehr, wodurch auch das menschliche Gehirn immer mehr versiecht. Eine Gruppe von Spiritualisten versucht durch Gruppenekstase und Maschinen-DNA die Spiritualität eines Paraspace, den sie Liminals nennen, wiederzuentdecken, um so die menschliche Evolution doch noch zu retten.

Artistisch, linguistisch, endzeitlich, psychedelisch. Liminals wirkt bei mir immer noch nach.

Womöglich brauchen wir alle irgendwann Maschinen-DNA, um uns in einer Zeit zu transzendieren, in der unsere Gehirne nicht mehr in der Lage sind, an irgendetwas zu glauben.

Leider ist der gesamte Film nirgendwo im Netz komplett zu sehen.

(c) belmonte 2018

Siehe auch https://thevinylfactory.com/news/jeremy-shaw-liminals-exhbition-store-studios/

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God Loves the Fighter – Karibische Träume (Filmrezension)

God Loves the Fighter

Von Volker Schönenberger, der unseren Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ führt.

Drama // Wird in Port of Spain tatsächlich alle 17 Stunden ein Mensch ermordet? Jedenfalls behauptet das der Rückseitentext des Films über die Hauptstadt des karibischen Inselstaats Trinidad und Tobago. Einer ihrer Bürger, Damian Marcano, nahm sich einfach vor, seine Heimatstadt mit einem Spielfilm zu porträtieren. Zuvor hatte er lediglich einen Kurzfilm gedreht.

Kindheit in Armut

Der Filmemacher hat sich für seine Geschichte den Stadtstreicher King Curtis (Lou Lyons) ausgesucht, der durch die Straßen von Port of Spain streift und dabei von kleinen und großen Schicksalen erzählt – zum Teil als Stimme aus dem Off. Da ist die Prostituierte Dinah (Jamie Lee Phillips), die sich wegen ihres Jobs unwürdig fühlt. Wir lernen Charlie (Muhammad Muwakil) kennen, der sich nach einem Leben jenseits der Kleinkriminalität sehnt. Der Knirps Chicken (Zion Henry) kann nicht zur Schule, weil seine Mutter (Penelope Spencer) kein Geld für die Busfahrkarte hat. Sie alle und andere träumen davon, aus der Armut auszubrechen – mal mit legalen, mal mit illegalen Mitteln. Einige von ihnen ahnen jedoch, dass daraus nichts werden wird.

Charlie (l.) will raus aus dem Elend

Damian Marcano will der Welt keine pittoresken Bilder des vermeintlichen Karibikparadieses Trinidad und Tobago zeigen, er präsentiert uns die Schattenseiten der Hauptstadt. „God Loves the Fighter“ könnte so für Port of Spain das sein, was seinerzeit „The Harder They Come“ mit Jimmy Cliff für Jamaikas Hauptstadt Kingston war – ein düsteres Abbild von Armut und Kriminalität. Die Hoffnung lässt Marcano allerdings nicht fahren. King Curtis behält bei seinen poetischen, gereimten Erzählungen stets ein fröhliches Timbre in der Stimme. In Verbindung mit den kräftigen Farben ergibt das einen reizvollen Kontrast zur Trübnis des Geschehens. „God Loves the Fighter“ beschert den Filmguckern einen mal faszinierenden, mal verstörenden, aber immer authentischen Blick in eine fremde Welt. Damian Marcano hat es verdient, weitere Spielfilme zu drehen. Bleibt zu hoffen, dass er mal wieder die Chance dazu erhält.

Auch die Prostituierte Dinah träumt von einem besseren Leben

Veröffentlichung: 31. Dezember 2016 als Blu-ray, 2. November 2015 als limitierte Blu-ray (inklusive Soundtrack-CD), 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: God Loves the Fighter
TTO 2013
Regie: Damian Marcano
Drehbuch: Damian Marcano, Alexa Marcano
Besetzung: Muhammad Muwakil, Jamie Lee Phillips, Darren Cheewah, Zion Henry, Simon Junior John, Lou Lyons, Tyker Phillips, Penelope Spencer, Abdi Waithe
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, nur limitierte Blu-ray: Soundtrack-CD, Schuber
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2015 Mad Dimension

Welcome to Norway – Reibach mit Flüchtlingen (Filmrezension)

Welcome to Norway!

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // „Die Neger kommen in ’ner halben Stunde.“ Politisch korrekt äußert sich Primus (Anders Baasmo Christiansen) nicht gerade. Sein Hotel im Norden Norwegens hat er heruntergewirtschaftet, hofft nun auf Reibach vom Staat, indem er es für Flüchtlinge als Bleibe herrichtet. Obwohl er fürchtet, dass es eine „ziemliche Plackerei mit denen“ wird, denn was auf ihn zukommt, ahnt er bereits: „Haschisch, Vergewaltigungen, Terror und Betrug.“ Von seinen kommenden Schützlingen hält er offenbar nicht viel.

Die Familie in gebannter Erwartung der Neuankömmlinge

Die Probleme beginnen schon bei der Zimmerverteilung: Muslime müssen von Christen getrennt werden, Schiiten von Sunniten. Die Sprachbarriere erweist sich als weiteres Hindernis: So gut wie niemand spricht Englisch oder gar Norwegisch. Einzig der Schwarze Abedi (Olivier Mukuta) beherrscht beide Sprachen – und das sogar vorzüglich. Er ist schon eine ganze Weile im Land und erweist sich für Primus bald als unverzichtbar. Das ist auch dringend erforderlich, denn die Ausländerbehörde hat an seinem Hotel einiges zu kritisieren und stellt immer neue Anforderungen, er möge hier einen Mangel abstellen und da einen Defekt beheben. Nach und nach lehnen sich obendrein die Asylbewerber gegen den etwas diktatorisch auftretenden Primus auf. Auch fremdenfeindliche Norweger treten auf den Plan. Mit seiner Frau Hanni (Henriette Steenstrup) und seiner Tochter Oda (Nini Bakke Kristiansen) hat der selbsternannte Flüchtlingsbeauftragte ebenfalls seine liebe Not.

„Willkommen bei den Hartmanns“ auf Norwegisch

„Welcome to Norway“ kam im Herbst 2016 drei Wochen vor der überraschend erfolgreichen deutschen Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ in unsere Kinos, erregte aber weitaus weniger Aufsehen. Das ist bedauerlich, visiert der dritte Langfilm des norwegischen Regisseurs Rune Denstad Langlo („Nord“, „Chasing the Wind“) doch gekonnt viele Eigentümlichkeiten der Flüchtlingsdebatte an. Latente bis akute Fremdenfeindlichkeit bekommen ebenso ihr Fett weg wie materialistisches Anspruchsdenken. Auch Behördenwillkür und bürokratische Hemmnisse nimmt Langlo aufs Korn. Das kann man plump inszenieren – oder feinfühlig und berührend wie in diesem Fall.

Primus und seine Frau Hanni lernen völlig neue Seiten am Ehepartner kennen

Als besonders gelungen erweist sich die Entscheidung, den Hauptdarsteller eher als Unsympathen zu inszenieren. So schroff das Geschehen im Allgemeinen und Primus im Besonderen zu Beginn auch wirken, verströmt „Welcome to Norway“ bei all dem lakonischen und bisweilen etwas bissigen Humor im weiteren Verlauf doch mehr und mehr Warmherzigkeit. Wir lernen Menschen mit Fehlern kennen, die doch dazulernen können. Viele Statistenrollen wurden mit echten Flüchtlingen aus Krisengebieten besetzt. Die wichtige Rolle des Adebi wurde ebenfalls authentisch besetzt, wie der Regisseur im Presseheft von „Welcome to Norway“ berichtet: Olivier Mukuta stammt aus dem Kongo und hat lange in einem Flüchtlingscamp in Malawi gelebt, bevor er um 2005 herum nach Norwegen kam.

Von den Ereignissen eingeholt

„Jetzt ist der Film fertig. Es ist Januar 2016 und die Realität erscheint noch trostloser. Aber gerade wenn alles hoffnungslos und schrecklich erscheint, muss es erlaubt sein zu lachen – über sich, über andere und übereinander.“ So schreibt es Rune Denstad Langlo im Presseheft zum Film. Wie recht er damit hat, belegt der von den Ereignissen überholte „Welcome to Norway“. Ein Film, der vermutlich noch eine ganze Weile brandaktuell bleiben wird.

Abedi (l.) erweist sich als unverzichtbare Hilfe

Veröffentlichung: 7. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Norwegisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Welcome to Norway!
NOR 2016
Regie: Rune Denstad Langlo
Drehbuch: Rune Denstad Langlo
Besetzung: Anders Baasmo Christiansen, Olivier Mukuta, Slimane Dazi, Kristoffer Hjulstad, Jon vegard Hovdal, Henriette Steenstrup, Nini Bakke Kristiansen, Brigitte Larsen, Marianne Meløy, Renate Reinsve, Frode Saugestad
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Indigo / good!movies

Der die Zeichen liest – Der gläubige Teenager (Filmrezension)

(M)uchenik

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Matthias Holm.

Drama // Der junge Benjamin (Pyotr Skvortsov) weigert sich, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Der Grund dafür liegt allerdings nicht in pubertärer Scham – Benjamin ist zum Christentum konvertiert und hält das Tragen knapper Kleidung für Gotteslästerung. Doch nicht nur in der Hinsicht sieht Benjamin Ansätze zur Verbesserung – stetig aus der Bibel zitierend, stellt er nach und nach die gesamte Schule auf den Kopf und driftet immer weiter in den religiösen Fanatismus.

Zucht und Ordnung durch Religion

Regisseur Kirill Serebrennikov verlagert das Theaterstück des deutschen Dramaturgen Marius von Nayenburg nach Russland – ein interessanter Punkt, ist Russland doch das Land der orthodoxen Christen. Bevor aber Benjamin mit seinen wütenden Tiraden beginnt, sieht man davon wenig – die Teenager stellen ihre Leiber zur Schau, alles ist wild, chaotisch und stark sexualisiert. Erst durch Benjamins Einsatz kommt Ordnung in den Unterricht und beim Schwimmen werden Bikinis durch Schwimmanzüge ersetzt. Durch seinen Aktionismus erhält Benjamin Aufmerksamkeit, er wird von den anderen Schülern bemerkt, wo noch zuvor gesagt wurde, dass ihn niemand bemerkt. Dadurch angestachelt, weiten sich seine religiösen Bemühungen aus – schließlich ist er nur ein Kind, welches nach Aufmerksamkeit lechzt.

Der Gegenpol zu Benjamins religiöser Obsession ist die Biologielehrerin Elena Krasnova (Viktoria Isakova), die versucht, ihre Schüler zu weltoffenen, aufgeklärten Menschen zu erziehen. Diese beiden Figuren reiben sich während des Films aneinander auf, wobei die Lehrerin meist den Kürzeren zieht – man solle Verständnis haben für den rebellierenden Teenager, man könne die Evolutionstheorie nicht mit der Bibel in Einklang bringen. In allen Szenen, in denen die angeblich liberale Schulleiterin Lyudmila Stukalina (Svetlana Bragarnik) auftaucht, scheint Benjamin mit seiner Weltsicht zu gewinnen.

Je weiter der Film fortschreitet, umso schlimmer wird der Fanatismus. Benjamin ist kein Protagonist, dem man gern folgt. Er zitiert nur aus der Bibel, was seine Agenda unterstützt. Als er in einer der stärksten Szenen des Films mit Versen konfrontiert wird, die seinen Ansichten konträr gegenüber stehen, kann er sich nur noch mit Lügen aus dieser Misere herauswinden.

Beängstigend real

Getragen wird das Drama von den Schauspielern und der Inszenierung. Gerade Pytor Skvortsov und Viktoria Isakova spielen derart glaubwürdig, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Und auch wenn die Geschichte abstruse Züge annimmt – Benjamin hält sich für eine Art Jesus-gleichen Heiler –, man hat immer das Gefühl, ein realistisches Szenario zu sehen.

Man darf „Der die Zeichen liest“ aber nicht als plumpe Religionskritik abstempeln. Der Film spricht sich für einen aufgeklärten Umgang mit der Bibel aus, ermutigt dazu, Vergleiche zu ziehen. Und er warnt vor blindem, andere verletzenden Aktionismus. In einer Zeit, in der Wutbürger und „Das wird man ja noch sagen dürfen“-Schreier durch die Straßen ziehen, ist „Der die Zeichen liest“ ein mutiger, unbequemer und wichtiger Film.

Veröffentlichung: 10. November 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: (M)uchenik
Internationaler Titel: The Student
RUS 2016
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, nach einem Theaterstück von Marius von Mayenburg
Besetzung: Pyotr Skvortsov, Viktoriya Isakova, Yuliya Aug, Aleksandr Gorchilin, Aleksandra Revenko, Anton Vasilev, Svetlana Bragarnik
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Matthias Holm

Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

David Attenborough präsentiert: Könige der Lüfte – Wie Tiere das Fliegen lernten (Filmrezension)

Conquest of the Skies with David Attenborough

Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“.

Natur-Doku // Sir David Attenborough hat in seinem langen Leben schon viele beeindruckende Dokumentationen hervorgebracht. Ganz vorn dabei sind natürlich „Planet Erde“ und „Das Wunder Leben“. Dementsprechend gespannt darf man als Freund der informativen Filme sein, wenn Attenborough wieder etwas Neues herausbringt – und dann noch in 3D, welches sich für Naturaufnahmen wunderbar eignet.

Wer ist fotogener?

Wobei „neu“ relativ ist – „Könige der Lüfte“ wurde bereits 2014 produziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Herangehensweise an den Film interessant bleibt: Der Naturfilmer zeigt Lebewesen, die sich in die Lüfte erheben können. Es wäre einfach, sich hier nur auf Vögel zu konzentrieren, daher werden in vier Folgen, die alle fast eine Stunde dauern, auch Insekten gezeigt und Fossilien ausgestorbener Tierarten analysiert.

Animierte Flugsaurier

Das alles wird von Attenborough routiniert erklärt und gezeigt. Lediglich mit der Computertechnik hapert es: Immer wieder werden animierte Tiere gezeigt. So sollen bestimmte Dinosaurier zum Leben erweckt werden, jedoch fehlt es den Animationen an Glaubhaftigkeit. So wirkt es eher peinlich als beeindruckend, wenn Attenborough in einem Wald steht und vorgibt, einem Flugsaurier hinterherzuglotzen.

Ja, auch solche Käfer können fliegen

Außerdem verunsichern die Effekte den Zuschauer. Gerade im 3D-Modus, in dem die Bilder an Farbintensität und Schärfe gewinnen, ist man sich nicht sicher, ob man nun echte Kameraarbeit bewundert oder nur im Computer entstandene Bilder. Das ist umso bedauerlicher, als ähnliche Produktionen wie „Der magische See – Tale of the Lake” bewiesen haben, dass gerade Naturdokumentationen mit tollen Bildern vom 3D-Effekt profitieren können.

Der Flügelschlag einer Libelle

Regisseur David Lee hat den einen oder anderen netten Einfall, etwa die Darstellung der Luftströme beim Flügelschlag einer Libelle. Doch man hat selten das Gefühl, hier etwas Neues vorgesetzt zu bekommen. Mit dem ausführlichen „Behind the Scenes“ aus dem Bonusmaterial hat man so etwas weniger als fünf Stunden nette Unterhaltung, die aber leider nicht mehr als eben das ist – nett. Dann doch lieber noch einmal „Planet Erde“ schauen.

Auf, auf und davon

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 208 Min.
Altersfreigabe: Infoprogramm gemäß § 14 JuSchG
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conquest of the Skies with David Attenborough
GB 2014
Regie: David Lee
Zusatzmaterial: Behind the Scenes
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Botticelli Inferno – Florentiner Zeichentrip durch die Hölle des Dante Alighieri (Filmrezension)

Botticelli Inferno

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Malerei-Doku // Sandro Botticelli (1445–1510) gehört zu den bedeutendsten Malern der Frührenaissance. In Florenz geboren und gestorben, arbeitete er zwischenzeitlich auch in Rom, malte für den Vatikan Wandgemälde der Sixtinischen Kapelle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Geburt der Venus“ und „Primavera“.

Die „Göttliche Komödie“ auf Pergament

Besonders fasziniert zeigte sich Botticelli von der „Göttlichen Komödie“ des Dante Alighieri (1265–1321). Über ein Jahrzehnt zeichnete er auf Pergament Illustrationen zu Dantes Hauptwerk, dem wichtigsten italienischen Literaturgut. Die Zeichnungen sind mehrheitlich einfarbig, nur einige sind koloriert.

Der Hamburger Filmschaffende Ralph Loop begab sich für sein Langfilm-Regiedebüt auf Spurensuche nach Florenz, Rom, Berlin und anderswo in Europa. Er lässt Stadtführer und Kunsthistoriker zu Wort kommen und Kuratorinnen den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre Ansichten über Botticelli und seine Kunst vermitteln. Der Sprecher zitiert auch Botticelli selbst und kurze Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“.

Der Höllentrichter

In der Doku erfahren wir, dass das Berliner Kupferstichkabinett 85 Zeichnungen verwahrt. Weitere sieben befinden sich in der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Somit gelten von ursprünglich wohl 102 Pergamenten dieses bedeutenden Zyklus zehn Blätter als verschollen. Eine der im Vatikan befindlichen Zeichnungen wurde für „Botticelli Inferno“ eigens aus der Klimakammer geholt und mit modernen technischen Methoden untersucht: die „Mappa dell‘ Inferno“, die „Karte der Hölle“, im Deutschen aufgrund ihrer Form auch „Höllentrichter“ genannt. Das Blatt war vermutlich als Titelblatt von Botticellis Zyklus über die „Göttliche Komödie“ vorgesehen. Das Gesamtwerk war über Jahrhunderte verschollen. 1882 gelangte es von Schottland nach Berlin – ein hoch spannender Weg war vorerst zu Ende gegangen.

Nach seiner Weltpremiere am 27. Oktober 2016 erhielt „Botticelli Inferno“ in Italien sogar eine Kinoauswertung. Der Zeitpunkt war gut gewählt, das Interesse am Thema aufgrund der kurz zuvor im Kino gestarteten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ mit Tom Hanks vorhanden.

Bildende Kunst und Dokumentationen über Kunst gehören gleichermaßen nicht zu meinem Fachgebiet. Wenn ich mich als interessierten Laien bezeichne, ist das fast schon etwas hoch gegriffen. Dennoch hat mich „Botticelli Inferno“ fasziniert. Der Enthusiasmus der zu Wort kommenden Kunstexperten überträgt sich vom Bildschirm auf die Zuschauer, die interessante Einblicke in die Historie eines bedeutenden Kunstwerks erhalten. Wir erfahren einiges über Botticelli und seine Arbeit über Dantes „Göttliche Komödie“, die zum Mythos wurde. Die Doku mag kein großer Beitrag für die Kunstwissenschaft sein, wissbegierige Nicht-Fachleute kommen aber voll auf ihre Kosten. Botticelli war ein großer Künstler, „Botticelli Inferno“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, durchaus auf Kinoniveau.

Veröffentlichung: 19. Mai 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Botticelli Inferno
D 2016
Regie: Ralph Loop
Drehbuch: Ralph Loop
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot & Trailer: © 2016 good!movies / Neue Visionen Medien

Farinelli, der Kastrat – Eine faszinierende Verhöhnung der Natur (Filmrezension)

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Farinelli

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Historiendrama // Sie waren die Popstars des Barocks: Kastraten, deren Stimmen nie geahnte Höhen erklimmen konnten. Bei ihrem mehrere Oktaven umfassenden Gesang fielen die Damen reihenweise in Ohnmacht. Komponisten schlugen sich darum, für sie große Opernarien verfassen zu dürfen. Könige wollten die Sänger an ihren Hof binden.

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Farinelli singt auf den größten Bühnen der europäischen Metropolen

Als einer der bekanntesten Kastraten galt der italienische Sänger Farinelli, der mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi (1705–1782) hieß. Frei auf seinem Leben basiert das mehrfach preisgekrönte Historiendrama „Farinelli, der Kastrat“ von Regisseur Gérard Corbiau („Der König tanzt“), welches 1995 den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film gewann und im selben Jahr für Belgien auch ins Oscar-Rennen ging. Dort konnte allerdings „Die Sonne, die uns täuscht“ aus Russland den Filmpreis mit nach Hause nehmen.

Star-Kastrat erobert Europa

Singe nicht mehr, Carlo! Carlo, sing nicht mehr! Du weißt ja nicht, was sie dir antun! Die Stimme in deiner Kehle wird dein Tod sein. Mit Schrecken erinnert sich Carlo Broschi (Stefano Dionisi) an die warnenden Worte eines Kastraten zurück, der daraufhin in den Tod sprang. Der damals zehn Jahre alte Carlo ging dennoch seinen Weg als Kastrat und verzaubert seither als Farinelli mit seiner Stimme zunehmend die Massen.

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Farinellis Gesang raubt den Frauen den Atem

Bei seinen Reisen durch Europa ist sein Bruder und Komponist Riccardo (Enrico Lo Verso) stets an seiner Seite. Beide teilen sich auch die Frauen, die Farinelli scharenweise zu Füßen liegen. Bald wird der weltberühmte Komponist Georg Friedrich Händel (Jeroen Krabbé) auf den Star-Kastraten aufmerksam. Er bietet ihm einen Vertrag an, der aber nur ohne Riccardo seine Gültigkeit hat. Noch ist die Bindung zwischen den Brüdern zu stark, als dass Farinelli auf das Angebot eingeht. Doch insgeheim sehnt sich der Kastrat danach, die Arien des von ihm hoch geschätzten Händel singen zu dürfen.

Atemloser Gesang

Regisseur Corbiau beleuchtet in seinem leidenschaftlich gespielten Historiendrama ein Thema, welches nur äußerst selten in Filmen im Fokus steht. Da die Stimme eines Kastraten heute nicht mehr auf natürlichem Wege eingesungen werden kann – der Tonumfang bei Farinelli soll sich über drei Oktaven erstreckt haben – mussten die Macher auf die Technik zurückgreifen: Sie mischten elektronisch den Gesang des US-amerikanischen Countertenors Derek Lee Ragin mit dem der polnischen Koloratur-Sopranistin Ewa Małas-Godlewska. So wird auch für die heutigen Zuschauer erfahrbar, wodurch zahlreiche Damen im 18. Jahrhundert das Bewusstsein verloren. Ja, dieser Gesang kann einem den Atem rauben.

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Georg Friedrich Händel (l.) unterstützt Riccardo bei seinen Kompositionen

Doch wie Händel im Film moniert, ist die Kastraten-Stimme ein künstlicher Gesang und gleichzeitig „eine Verhöhnung der Natur“, dennoch kann sich auch der große Meister seiner Faszination nicht erwehren. Für seine Oper „Rinaldo“ nutzte er die Kunst dieser Sänger, welche in „Farinelli, der Kastrat“ durch die daraus wohl bekannteste Arie „Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte“ vertreten ist. Wem dieses Stück gerade nicht im Ohr klingen sollte: Auch im Prolog zu Lars von Triers „Antichrist“ (2009) wird die Arie genutzt.

Unter Brüdern

Corbiau geht in seiner losen Künstlerbiografie nicht chronologisch vor, sondern springt häufig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Brüder hin und her. Dabei zeigt er Farinelli nicht als „singende Maschine“, die zu keinerlei Emotionen fähig ist, wie Händel meint. Denn der Kastrat weiß, dass er hauptsächlich durch seinen lediglich mittelmäßig begabten Bruder, dessen Arien er singt, in seiner Kunst ausgebremst wird. Aus Liebe zu ihm wartet Carlo auf die Vollendung von Riccardos großer Oper, an der der Komponist seit Jahren arbeitet. Da ist der Bruderzwist nur eine Frage der Zeit, zumal Riccardo ein Geheimnis hütet.

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Kann Alexandra das Herz von Farinelli erobern?

Auch die negativen Folgen des Kastratenwahns dieser Zeit werden von Corbiau thematisiert: Während sich Farinelli durch seinen Ruhm sowie Einzigartigkeit fast gottgleich fühlt und seinen Verehrerinnen Lust ohne Nebenwirkungen verschaffen kann, zeigt der Film am Beispiel von Benedict (Renaud du Peloux de Saint Romain), dass die Praxis auch häufig schief ging. Viele Jungen starben bei der Entmannung, andere erlangten keine besondere Stimme und waren so dazu verdammt, ein erbärmliches Leben zu führen.

Die opulente Austattung, die prunkvollen Kostüme und die Musik brauchen den Vergleich zu Milos Formans „Amadeus“ (1984) nicht zu scheuen. Als Kulissen dienten unter anderem das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth und das Markgrafentheater Erlangen. „Farinelli, der Kastrat“ ist nicht nur für Opernfreunde ein Fest für alle Sinne. Wunderbar, dass Pidax Film das beeindruckendene Werk erstmals hierzulande auf DVD präsentiert. Bei der Veröffentlichung ist es nur ärgerlich, dass für den italienischen Originalton keine Untertitel verfügbar sind.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Farinelli
BEL/F/IT 1994
Regie: Gérard Corbiau
Drehbuch: Gérard Corbiau, Andrée Corbiau
Besetzung: Stefano Dionisi, Enrico Lo Verso, Elsa Zylberstein, Jeroen Krabbé, Caroline Cellier, Pier Paolo Capponi, Renaud du Peloux de Saint Romain
Zusatzmaterial: Presseheft mit umfangreichen Hintergrundinfos als PDF-Datei, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

Café Belgica – Besoffen in Gent (Filmrezension)

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Belgica

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Nach dem großen Erfolg seines Oscar-nominierten Liebesdramas „The Broken Circle“ (2012) konnte sich Regisseur Felix van Groeningen kaum vor Anfragen aus dem In- und Ausland retten. Doch der Belgier beschloss, stattdessen sein – wie er selbst sagt – bisher persönlichstes Projekt zu realisieren. Sein Vater führte von 1989 bis 2000 das Café Charlatan in Gent. In der Live-Musikkneipe stand van Groeningen aushilfsweise hinter der Theke und sog das Treiben in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos in sich auf.

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Auf einem Auge blind: Jo hat große Pläne mit dem „Café Belgica“

Auch, wenn er viele Situationen aus dem Film so oder ähnlich selbst erlebt habe, bestreitet der Regisseur, dass „Café Belgica“ autobiografische Züge trage. Diese Zeit habe mehr als eine Art Recherche für sein Brüderdrama gedient, für das van Groeningen auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten
internationalen Film gewann.

Zwei Brüder im Partyrausch

Der musikbegeisterte Jo (Stef Aerts) betreibt die heruntergekommene kleine Kneipe „Café Belgica“. Die Lokalität ist beliebt, denn der auf einem Auge blinde Jo weist niemanden ab. Jeder soziale Stand und jedes Alter trinkt hier sein Bier, jede Art von Musik wird in seinem Zufluchtsort für allerlei verlorene Seelen gespielt. Eines Tages kommt Jos älterer Bruder Frank (Tom Vermeir) zu Besuch. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der Familienvater ist begeistert vom „Café Belgica“ und willigt trotz klammer Finanzlage und gegen den Willen seiner Frau Isabelle (Charlotte Vandermeersch) ein, in Jos Laden als Teilhaber zu investieren.

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Jo, Frank und Tim (v. l.) sind in Feierlaune

Gemeinsam vergrößern die Brüder das „Café Belgica“. In einem neuen Nebenraum finden nun Konzerte statt. Das Partyvolk reagiert begeistert und rennt den Brüdern die Bude ein. Doch zunehmend verlieren Jo und Frank die Kontrolle über das Geschehen. Die einst idealistischen Werte der Brüder werden zunehmend über Bord geworfen. Besonders Frank verliert sich immer mehr im täglichen Rauschzustand aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Schließlich muss Jo eine schwere Entscheidung treffen …

Vergängliche Momente

Da dröhnt der Schädel: Die Kneipen- und Partyszenen sind mitreißend inszeniert. Den Rausch, den Schweiß, das Gedränge und das Bier kann man förmlich riechen und schmecken. Für den passenden Soundtrack sorgt die belgische Kultband Soulwax, die sich mit ihren Klängen zwischen Kraut-Techno über Neo-Soul und Psychobilly in keine Schublade einordnen lässt. Van Groeningen ist seit seinem Langfilmdebüt „Steve + Sky“ (2004) mit der Band befreundet, die inzwischen sogar so bekannt ist, dass sie die Musik für das Videospiel „Grand Theft Auto V“ beisteuern durfte.

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Frank sprüht vor Tatendrang

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des „Café Belgica“ ist natürlich vorhersehbar. Aber van Groeningen geht es viel mehr um die Beziehung der unterschiedlichen Brüder, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden und dann langsam erneut auseinanderdriften. Etwas schwer fällt es dabei, Frank wirklich sympathisch zu finden. Er vernachlässigt seine Familie, geht fremd, säuft und wird schnell gewalttätig. Leider wird auch nur leicht angedeutet, wie er so ein hedonistischer Mistkerl werden konnte, der auch gut in van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ (2009) gepasst hätte.

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Frank schwört seiner Frau Isabelle, dass er sich benimmt

Im Gegensatz dazu steht der zurückhaltende Jo, der seit dem Babyalter mit seiner Augenbehinderung leben muss. Es ist nicht verwunderlich, dass er zu seinem großen Bruder aufblickt, der ihn im Teenageralter vor Hänseleien geschützt hat. In einer kurzen, wunderschönen Szene sieht sich Jo ein altes Foto an. Darauf hält Frank im Kindesalter den einäugigen Säugling Jo in seinen Händen. Beide strahlen dabei über beide Ohren.

Mit Herzblut und Nostalgie

Auch wenn „Café Belgica“ nicht ganz an den tieftraurigen und höchst emotionalen „The Broken Circle“ heranreicht, spürt man jede Minute, dass van Groeningen viel Herzblut in seine Tragikomödie gesteckt hat, die sowohl als elektrisierender Musikfilm als auch als schmerzliche Charakterstudie sehr gut funktioniert. „Café Belgica“ ist ein nostalgischer Blick zurück auf eine unbeschwerte Zeit voller vergänglicher Momente – bis man schließlich von der Realität eingeholt wurde. Ein Film, der sich so anfühlt, wie die Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, die man sich aber ab und an ruhig mal gönnen sollte.

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Zwischen den Brüdern verhärten sich die Fronten

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Belgica
BEL/F 2015
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Arne Sierens
Besetzung: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Boris Van Severen, Ben Benaouisse
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Trailershow
Vertrieb: Pandora Film Verleih

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Pandora Film Verleih

Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

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Shirley – Visions of Reality

Für diese Gastrezension bedanken wir uns bei Anja Rohde von „Die Nacht der lebenden Texte

Experimentalfilm // Drei Passagiere im Inneren eines luxuriösen Salonwagens. Bahnhofsgeräusche. Eine Frau betritt das Abteil, dreht sich einen Sessel zurecht, nimmt ein Buch zur Hand. Als die Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf zu ihr dreht, macht es im Gehirn „klick“: Das ist es, das ist genau das Bild „Chair Car“ von Edward Hopper. Diesen Effekt wird man im Verlauf des Filmes noch einige Male haben, denn Autor und Regisseur Gustav Deutsch erzählt die Geschichte einer Frau anhand von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

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1932

Die erste Szene aus dem Leben der von der Tänzerin Stephanie Cummings mit Grandesse, innerer Würde und Körperbeherrschung verkörperten Shirley spielt am 28. August 1931 in einem Pariser Hotelzimmer. Wir treffen Shirley erneut am 28. August 1932, und dann wieder 1939, 1940, 1942, 1952, 1956, 1957, 1959, 1961 und 1963, immer am 28. August. In so einer langen Zeit passiert viel, gesellschaftlich wie privat. Einige wichtige politische Ereignisse werden zu Beginn einer jeden Szene von einem Radiosprecher angesagt, die privaten Ereignisse erfahren wir aus den inneren Monologen, die Shirley in ihren Hopperschen Szenenbildern führt.

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1939

Der Kamera ist es nicht erlaubt, das Szenenbild zu verlassen, den Blickwinkel zu verändern, zwischen den Agierenden hin und her zu springen. Das Bild bleibt das Bild, einzig Zooms und Nahaufnahmen sind gestattet. Das Publikum sieht, was kurz vor und kurz nach dem Moment geschah, den das Bild zeigt. Und hört, was sich die abgebildeten Personen denken. Ist das nicht der Traum jedes Museumsgastes, zu wissen, warum das Bild so ist, wie es ist? Wohin die Protagonistin schaut? Was sie dabei denkt? Was sie davor und danach macht? Warum sie so dasteht, wie sie dasteht? Im Museum kann man sich damit behelfen, sich diese Geschichten selbst auszudenken – wer fantasiert nicht gern über persönliche Schicksale, sei es die der wortkargen Nachbarn oder eben einer interessanten Person auf einem Foto oder Gemälde?

Gustav Deutsch übernimmt das in „Shirley“ für uns. Zusammen mit seiner Partnerin Hanna Schimek und genialen Beleuchtern, Kostümbildnern und Designern hat er Hoppers Bilder nachgebaut – und das war nicht immer einfach. Hoppers Spiel mit Licht und Schatten sollten so werkgetreu wie möglich dargestellt werden, ebenso die besonderen Farben. Hoppers Räume und Möbel ließen sich mitnichten als naturgetreue Räume nachbauen – mal ist ein Bett deutlich länger als normal, mal ein Sessel viel schmaler, als er es in Wirklichkeit wäre. Beim Bild „Office at Night“ mussten die Möbel so stark gekippt werden, dass beinahe nichts mehr auf den Tischen hielt. Für den Filmemacher eine spannende Herausforderung, ein zweidimensionales Bild in eine dreidimensionale Wirklichkeit zu überführen und dann wieder in ein zweidimensionales Bild rückzutransferieren, wie er im Interview im Presseheft erläutert.

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1942

Deutsch betont, dass es sich nicht nur um ein Film-, sondern auch um ein Ausstellungsprojekt handelt. Jedes Utensil, das für den Film erschaffen wurde, ist ein künstlerisches Objekt, sei es ein Faltblatt, auf dem die Schrift gar nicht lesbar ist, oder ein Telefon, welches extra geschnitzt wurde. Die Verwertung im Kunstkontext hat bereits begonnen: Zwei der Filmsets wurden in Ausstellungen in Wien und Mailand gezeigt.

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1952

Natürlich ist der Film extrem statisch. Die Bewegungen sind langsam, die inneren Monologe ruhig, die Mimik ist klar und unhektisch. Aber wer erwartet schon einen Actionfilm bei einer Erzählung, die sich an Hoppers kühlen, melancholischen Bildern entlanghangelt? Man muss es schon ertragen können, dass auch einfach mal ein leerer Raum zu sehen ist, in den ein Vorhang weht. Deutsch lässt Platz fürs Weiterträumen. Wir erfahren zwar alle paar Jahre, wie es Shirley geht – was in der Zwischenzeit passiert, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Edward Hopper gilt als Maler des Realismus. Aber er bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er inszeniert sie – ebenso wie ein Filmemacher. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes stimmt jeweils genau mit der Geschichte überein. Sehen wir Shirley 1952 in der Morgensonne auf ihrem Bett sitzend, entspricht das dem 1952 gemalten Bild „Morning Sun“. Dass 30 Jahre vergehen, will der Regisseur weniger durch geschminkte Alterungsprozesse darstellen, sondern über Gestik, Mimik und Körperhaltung transportieren. Und natürlich erkennt man den Fortgang der Zeit auch an den Gedanken, an denen uns die Protagonisten teilhaben lassen. Deutsch wollte, dass es auch inhaltlich um eine Auseinandersetzung mit der Realität und deren Inszenierung geht, deswegen ist die Hauptperson eine Schauspielerin, ihr Lebensgefährte (Christoph Bach) ein Fotojournalist.

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1956

Shirley ist eine moderne, selbstständige Frau, sie spielt im Group Theatre und ist politisch interessiert – in der vorletzten Einstellung läuft im Radio die berühmte „I Have a Dream“-Rede von Martin Luther King. Übrigens der Grund, warum Deutsch den 28. August ausgewählt hat. Indem er das Datum des Marsches der Bürgerrechtsbewegung nach Washington verwendet, konterkariert er die politsche Einstellung Hoppers. „Ich kann ihm sozusagen entgegenarbeiten. Edward Hopper war ein politisch sehr konservativ denkender Mensch, etwas, das ich gar nicht mit ihm teile. Das kann ich durch meine Protagonistin auch umkehren und in eine andere Richtung führen.“ Eine geniale Idee, lässt sich das Werk eines Künstlers doch nie hundertprozentig vom Kunstschaffenden trennen.

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1957

Ein großes Filmereignis für Detailverliebte, für Hopper-Fans und für jene, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Film auch mal quer zu den Sehgewohnheiten stellt. Bis zum Schluss nur noch Licht und Schatten übrig ist.

Veröffentlichung: 4. März 2016 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Shirley – Visions of Reality
AUS 2013
Buch und Regie: Gustav Deutsch
Besetzung: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Rendezvous-Filmverleih

Sicario – Drogenkrieg im Grenzgebiet (Filmrezension)

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Gastrezension von Simon Kyprianou, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Actionthriller // Die idealistische junge FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) wird von ihrem zwielichtigen Kollegen Matt Graver (Josh Brolin) für eine Spezialeinheit rekrutiert. Dieser neu gebildeten Taskforce gehört auch der ebenfalls zwielichtige Alejandro Gillick (Benicio del Toro) an, ein mexikanischer Ex-Staatsanwalt und Söldner. Schon beim ersten – blutigen – Einsatz wird Macer klar, dass sie sich fortan nicht mehr in den Grenzen der Legalität bewegt und dass Graver und Gillick fest entschlossen sind, den Drogenkrieg mit unlauteren Mitteln zu bekämpfen. Macer will die beiden Männer ausbremsen, aber ihre Stimme der Vernunft verhallt ungehört.

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Im Grenzgebiet herrscht eine Atmosphäre des Krieges

Immer wieder gibt es Aufnahmen von oben, um das Chaos und die Ausweglosigkeit der Situation, des längst gescheiterten Drogenkriegs auch topologisch nachvollziehbar zu machen ständig untermalt vom grollenden Brummen des Soundtracks. Roger Deakins’ Kamera fängt die sengende Hitze Mexikos und das dort herrschende Chaos wahrlich bedrückend ein.

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Agentin Macer zieht in den Einsatz

„Sicario“ ist ein ungemütlicher Film, der – vor allem im Hinblick auf die Figuren – immer unheilvoll unzuverlässig erzählt und der seinen wahren Schrecken erst am Ende in einer rauschenden, von Nachtsichtgeräten in diffuses Grün gehüllten Actionszene offenbart. Denis Villeneuve spielt sein visuelles Können hier ganz und gar aus. Mit narrativem Ballast hält er sich nicht lange auf, sondern er konzentriert sich ganz darauf, aus „Sicario“ düsteres, grimmiges Genrekino zu machen. Glücklicherweise bewahrt er sich dabei die Haltung zu seinem Sujet, dem Drogenkrieg, sowie zu den Mitteln der US-Regierung, die von Emily Blunts Rolle personifiziert wird. Blunt, del Toro und Brolin sind ganz fantastisch. Für eine zweite Meinung empfehle ich Iris Jankes – ebenfalls positive – Würdigung des Films bei „Die Nacht der lebenden Texte“.

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Die Einheit arbeitet ihre Strategie aus

Nach „Prisoners“ und „Enemy“ ist „Sicario“ ein weiterer äußerst gelungener Film von Villeneuve, dessen nächstes Projekt die Fortsetzung von „Blade Runner“ sein wird, mit Ryan Gosling und erfreulicherweise auch wieder Harrison Ford. Man darf gespannt sein. Habt Ihr einen Favoriten von Denis Villeneuve?

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Kate führt einen Stoßtrupp an

Veröffentlichung: als 4. Februar 2016 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sicario
USA 2015
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
Besetzung: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Jon Bernthal, Victor Garber, Alan D. Purwin, Jeffrey Donovan, Sarah Minnich, Lora Martinez-Cunningham, Raoul Trujillo
Zusatzmaterial: Takte aus der Wüste: Die Filmmusik, In die Finsternis eintreten: Das visuelle Design, Blunt, Brolin, & Benicio: Die Darstellung der Charaktere, Kampfzone: Der Hintergrund von „Sicario“
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

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Fotos & Packshots: © 2016 Studiocanal Home Entertainment

Die Strohpuppe – Das Böse steht Connery gut

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Woman of Straw

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Thriller // „Hat Sean Connery eigentlich jemals einen echten Bösewicht gespielt?“, frage ich mich während der Sichtung von Basil Deardens „Die Strohpuppe“. Auch wenn er in Alfred Hitchcocks „Marnie“ die kleptomanische Hauptfigur erpresst und zur Heirat zwingt und in „Sein Leben in meiner Gewalt“ als gebeutelter Cop einen Kinderschänder heftig verprügelt – mir fällt keine Rolle in seiner langen Filmografie ein, in der der James-Bond-Darsteller einen wirklich skrupellosen Typen gespielt hat.

Eine fiese Intrige

In Basil Deardens Verfilmung des Romans von Catherine Arley darf Connery zumindest mal den hinterhältigen Neffen Anthony geben, der seinem schwerreichen Onkel Charles (Ralph Richardson) das Erbe abluchsen will. Dafür spinnt der Lebemann eine fiese Intrige: Er bandelt mit Maria (Gina Lollobrigida) an, der attraktiven Pflegerin seines gehbehinderten Onkels. Sie soll den alten Herren heiraten, dann wird Charles seine geliebte Maria in seinem Testament verewigen. Nach seinem Tod werden Anthony und Maria dann ein wunderbares Luxusleben miteinander führen. Doch es läuft alles anders als geplant …

Großes Starkino

Regisseur Dearden durfte aus dem Vollen schöpfen und versammelte drei namhafte Stars vor der Kamera. Nach seinen ersten beiden 007-Abenteuern kassierte Sean Connery für seinen Auftritt in „Die Strohpuppe“ erstmals eine Gage von einer Million US-Dollar. Das Böse steht dem Schotten in diesem Kriminalstück ebenso gut wie der weiße Tuxedo, den er trägt. Bei dem Maßanzug handelt es sich übrigens um denselben, den er später in der Eröffnungssequenz von „James Bond 007 – Goldfinger“ am Leib hat. Mit seinem bekannten britischen Charme wickelt er zudem als schmieriger Lebemann Anthony nicht nur die arme Maria um den Finger.

Traumfrau und Schauspiel-Veteran

Darstellerisch sind Traumfrau Gina Lollobrigida und Schauspiel-Veteran Ralph Richardson („Kleines Herz in Not“) dem Schotten eine Spur überlegen. Als temperamentvolle, aber gutgläubige Maria, die unfreiwillig zur Femme fatale mutiert, liefert sie sich besonders in der ersten Filmhälfte ein bissiges Dialogduell mit Multimillionär Charles. Richardson spielt den alten Tycoon, der seine Hunde besser behandelt als seine Bediensteten, mit boshaftem Zynismus. Man muss diesen garstigen Misanthropen einfach hassen – und wünscht ihm auch den baldigen Filmtod herbei.

Cleverer Schlussakkord

Neben dem starken Darsteller-Trio, den schönen Kulissen und den tollen Kostümen – man beachte besonders Marias Hochzeitskleid – verläuft auch die Krimihandlung nicht in den üblichen Bahnen. Wie in der klassischen Musik, mit der Charles die Mauern seines riesigen Landhauses beschallt, erklingen in der simplen, aber wendungsreichen Erzählung ständig neue Höhen und Tiefen. So bleibt die spannende Frage, ob das perfekte Verbrechen wirklich gelingt, bis zum cleveren Schlussakkord erhalten.

Veröffentlichung: 4. Dezember 2015 als DVD

Länge: 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Woman of Straw
GB 1964
Regie: Basil Dearden
Drehbuch: Robert Muller, Stanley Mann nach einem Roman von Catherine Arley
Besetzung: Sean Connery, Gina Lollobrigida, Ralph Richardson, Alexander Knox, Johnny Sekka, Laurence Hardy, Peter Madden
Zusatzmaterial: Booklet mit einem Nachdruck des Originalheftes „Illustrierte Film Bühne“ zu „Die Strohpuppe“, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

Versunkene Welt – Ein erstaunlich vergessener Film (Filmrezension)

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The Lost World

Gastrezension von Ansgar Skulme von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und stellvertretender Chefredakteur von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“)

SF-Fantasy // Abenteuerlich und absurd erscheint es den geladenen Gästen, als Professor Challenger (Claude Rains) auf großer Bühne verkündet, in den Untiefen des südamerikanischen Urwaldes Dinosaurier entdeckt zu haben. Vor allem sein Konkurrent Summerlee (Richard Haydn) verlacht den kauzigen alten Mann. Doch als sich der Abenteurer Lord Roxton (Michael Rennie) bereit erklärt, an einer von Challenger angeregten Expedition teilzunehmen und der Global News Service für die Beteiligung des Journalisten Ed Malone (David Hedison) eine saftige Geldsumme entrichten will, kommt auch Summerlee nicht mehr umhin, sich in das Amazonas-Gebiet zu wagen. Mit Hilfe zweier Ortskundiger und begleitet von zwei weiteren Abenteuerlustigen, darunter eine Frau, die nicht locker lassen bis man sie nicht mehr wegschicken kann, ist das Ziel schon bald erreicht und es dauert nicht lange bis auch der erste Dino durchs Dickicht stampft.

Auf dem Weg zum zweiten Durchbruch

„Versunkene Welt“ war 1960 erst der zweite Spielfilm von Irwin Allen, der 1953 für die Doku „Geheimnisse des Meeres“ („The Sea Around Us“) einen Oscar gewonnen hatte. Den Sprung ins dramatische Fach vollzog er 1957 mit „The Story of Mankind“, der durch seine großartige Besetzung und als letztes gemeinsames Projekt der drei Marx Brothers Groucho, Chico und Harpo Bekanntheit erlangte, inhaltlich aber kaum positive Kritiken erntete und trotz seines Star-Ensembles nie eine deutsche Fassung erhielt. Da half auch die ambitionierte Story um den Widerstreit des Teufels (Vincent Price) mit dem guten Geist der Menschheit (Ronald Colman) nichts. Irwin Allen blieb der Fantasy und Science-Fiction dennoch treu, widmete sich diesen Genres über seine gesamte Filmkarriere hinweg beinahe exklusiv.

Fast echte Dinosaurier

Es mutet etwas kurios an, dass ausgerechnet Allen, der ehemalige Dokumentarfilmer, die Dinosaurier in „Versunkene Welt“ mit Stop-Motion realisiert sehen wollte und es schließlich nur aus finanziellen Gründen zu einer Umsetzung mit echten Waranen kam, die gewissermaßen als Dinosaurier verkleidet wurden. Man hätte denken können, er habe auf diese relativ realistische Darstellung bestanden, doch so war dem nicht. Trotz der Tatsache, dass man natürlich weiß, dass es sich um andere Tiere handelt, wohingegen animierte Figuren tatsächlichen Dinosauriern wahrscheinlich ähnlicher gesehen hätten, haben die realistischeren Bewegungsabläufe echter Tiere im Vergleich zu animierten einen durchaus positiven Effekt auf den Film. Dass die Dinosaurier von anderen Tieren verkörpert werden und nicht animiert worden sind – abgesehen davon, dass die Größenverhältnisse durch Trickaufnahmen verschoben wurden –, macht „Versunkene Welt“ zu einer besonderen Produktion. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einer Art Alleinstellungsmerkmal reden, welches diesen Film ungewöhnlich und daher herausragend macht. Sicher ist die Inszenierung der Tiere teils etwas behäbig, die „Kostümierung“ der Warane als Dinosaurier hätte etwas liebevoller vollzogen werden können, aber immerhin: Es sind Lebewesen als Dinosaurier zu sehen.

Die Vorwehen der Cleopatra

Da „Versunkene Welt“ im Sommer 1960 veröffentlicht wurde, ist es durchaus erschreckend, sich zu vergegenwärtigen, dass die Sparmaßnamen schon bei der Produktion von dem erst 1963 erschienenen Epos „Cleopatra“ bedingt wurden – dessen Budget war bereits 1960 außer Kontrolle geraten. Selbst obwohl Hollywood mit seinen Jules-Verne-Verfilmungen der 50er-Jahre gute Erfahrungen gemacht hatte und „Versunkene Welt“ gewissermaßen als Teil dieser angehenden Erfolgsreihe produziert wurde, hatte der Film keinen ausreichenden Sonderstatus, um hinsichtlich des Budgets von „Cleopatra“ unbehelligt zu bleiben.

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Ob die Sparmaßnahmen auch der Grund dafür waren, dass sich mit Michael Rennie und David Hedison zwei Schauspieler die Führungsrolle teilen, die damals zwar bekannt und hauptrollenerprobt, aber nicht unbedingt große Stars waren, während „20.000 Meilen unter dem Meer“ Kirk Douglas und „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ James Mason als Headliner ins Feld führte, ist nicht einfach nachzuweisen. Es ist jedoch auffällig, dass „Versunkene Welt“ ein wenig daran krankt, keine einzige Figur zu präsentieren, mit der man sich wirklich identifizieren kann. Mit Abstrichen ist davon der kauzige Professor Challenger auszunehmen, der von Claude Rains recht sympathisch dargestellt wird, genau genommen bleiben jedoch alle Expeditionsteilnehmer oberflächlich.

Die Handlung hätte außerdem mehr Höhepunkte verdient gehabt. All dies ist in erster Linie ein Problem des Drehbuchs und weniger den Schauspielern geschuldet. Der Film ist recht schnörkellos, wirkt manchmal sogar etwas hektisch, was für Produktionen, die in Fantasy-Welten spielen, eher ungewöhnlich ist, wo man die Settings in der Regel lieber zu viel als zu wenig auskostete.

Das Vermächtnis des Sir Arthur Conan Doyle

Die von Sherlock-Holmes-Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle erdachte Geschichte entpuppt sich schließlich aber als so eingängig, dass man dem Werk seine Schwächen gern verzeiht. Hektisch ja, aber daher auch nicht langweilig. Beinahe echte Dinosaurier und ein in der Breite doch recht gut aufgestelltes Ensemble – wenn auch ohne schillernden Superstar – geben dieser Produktion letztlich Wiedererkennungswert. Vielleicht ist dabei auch durchaus hilfreich, dass man die Story von Anfang an als albernen Quatsch verorten kann und somit gar nicht erst in Versuchung gerät, zu hohe Ansprüche an die Realitätsanbindung der Science-Fiction zu stellen. Der Film macht nie den Eindruck „sich selbst zu ernst zu nehmen“, wie man es heutzutage immer so schön formuliert – als habe ein Film ein eigenes Bewusstsein. Dass es mitten im Regenwald, wenn man nur weit genug vordringt, plötzlich Dinosaurier geben soll, die sich aus diesem Gebiet aber auch nicht entfernen, ist schon reichlich an den Haaren herbeigezogen – das dürfte selbst den Lesern zu Conan Doyles Lebzeiten bewusst gewesen sein. Aber das ist eben das Schöne an Science-Fiction: Wie hoch der Realitätsgehalt ist, ist beinahe völlig egal. Am Ende geht es nur darum, ob eine angemessene Mischung aus Unterhaltungswert und Spannung gefunden wurde und ob eine Verbindung zwischen Wahrheit und Fiktion gelingt, und sei es nur an einem kurzen Verbindungspunkt. All dies ist hier der Fall. Und zudem ist das Ende sehr versöhnlich, mit einer netten, charmant inszenierten, lustigen Pointe und einem guten Schlussbild.

Erste Tonfilm-Version des Romans

Kinder der 90er-Jahre wurden mit dem Kinofilm „Die verlorene Welt“ (1992) mit John Rhys-Davies, dessen Sequel, einer weiteren Verfilmung mit Patrick Bergin (1998) sowie der gleichnamigen TV-Serie (1999–2002) groß. 2001 folgte darauf noch ein Zweiteiler mit Bob Hoskins, James Fox und Peter Falk. Kaum zu glauben, dass es die Story davor nur zweimal im Kino zu sehen gab: in einem Stummfilm mit Wallace Beery von 1925 und eben Irwin Allens erster Tonfilm-Version von 1960.

Top 5 mit Augenzwinkern

Ich gebe zu: Dass ich „Versunkene Welt“ in meine Top 5 in Ausgabe 11 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ zum Thema Science-Fiction platziert habe, hat neben der Tatsache, dass ihn die „echten“ Dinosaurier ziemlich einzigartig machen, in erster Linie einen Grund: Ich halte es für ebenso schade wie unerklärlich, dass er in Deutschland noch nicht auf DVD erschienen ist – im Gegensatz zu den USA, aber auch anderen Ländern Europas. Vor allem die Nähe zu den beliebten klassischen Jules-Verne-Verfilmungen der 50er- und 60er-Jahre und die Verbindung zu den nicht wenigen, teils recht bekannten Neuverfilmungen von Conan Doyles „The Lost World“ wirft die Frage auf, warum sich hierzulande bisher niemand ausreichend um eine Veröffentlichung dieser Verfilmung von 1960 bemüht hat – eine digital remasterte Originalversion existiert ja. Die „Versunkene Welt“ scheint in den Untiefen der deutschen Filmarchive geradezu versunken zu sein – verloren allerdings nicht, denn auf Sky Nostalgie und dem Free-TV-Sender Das Vierte wurde der mit einer durchaus hörenswerten zeitgenössischen Synchronisation ausgestattete Film innerhalb der vergangenen zehn Jahre vereinzelt ausgestrahlt.

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„Versunkene Welt“ ist zweifelsohne einer der besten und epischsten klassischen Genrebeiträge, die es bei uns trotzdem noch nicht auf DVD geschafft haben, auch wenn sicherlich viele bereits veröffentlichte Filme des Genres besser sind als dieser. Insbesondere was Literaturverfilmungen anbelangt, dürfte er unter den in Deutschland bislang nicht auf DVD erschienenen Genrebeiträgen des Classical Hollywood hinsichtlich Qualität und Produktionsvolumen weitestgehend konkurrenzlos sein – es ist wohlgemerkt ein Film von 20th Century Fox und das sieht man ihm auch an.

Vergessener Film eines vergessenen Genre-Veterans

Irwin Allen lieferte mit „Unternehmen Feuergürtel“ und „Fünf Wochen im Ballon“ 1961 und 1962 noch zwei weitere Kinofilme ab, die bei uns auch bereits auf DVD erschienen sind, ehe er sich zunächst der Produktion der Serie „Die Seaview“ widmete, die auf eben jenem „Unternehmen Feuergürtel“ basiert. Danach wurde er anderweitig fürs TV tätig. Ins Kino kehrte Allen erst in den 70er-Jahren zurück, unter anderem als Ko-Regisseur beim Katastrophenfilm-Meisterwerk „Die Höllenfahrt der Poseidon“. Für Science-Fiction an der Schnittstelle zur Fantasy war er in den 1960er-Jahren sicher einer der bedeutendsten Regisseure.

Veröffentlichung: 1. Juni 2015 als Blu-ray und DVD (GB), 11. September 2007 auf DVD (USA)

Länge: 97 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Lost World
USA 1960
Regie: Irwin Allen
Drehbuch: Charles Bennett, Irwin Allen, nach einem Roman von Arthur Conan Doyle
Besetzung: Michael Rennie, Jill St. John, David Hedison, Claude Rains, Fernando Lamas, Richard Haydn, Ray Stricklyn, Jay Novello, Vitina Marcus, Ian Wolfe
Verleih: 20th Century Fox

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshots GB: © 101 Films / Packshot USA: © Fox Home Entertainment

Victoria – Berauscht durch Berlin (Filmrezension)

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Erneut eine Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“. Dafür herzlichen Dank.

Thriller // Eine junge Frau (Laia Costa) lernt vor einem Berliner Club vier Freunde kennen. Anfangs etwas verängstigt, lässt sie sich auf die Jungs ein und zieht mit ihnen um die Straßen. Ihre Annäherung an Sonne (Frederick Lau) ist nur von kurzer Dauer, denn schon bald wird die kleine Gruppe zu einer ungeheuren Tat gezwungen.

Ohne Schnitt durch Berlin

Es ist bezeichnend, dass im Abspann von „Victoria“ der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen als Erster genannt wird – vor Regisseur Sebastian Schipper. In einer einzigen Einstellung, ohne Schnitt wurde der Film gedreht. Dadurch entwickelt „Victoria“ einen Sog, der enorm faszinierend ist. Er ist wie ein Rausch, der den Zuschauer wie auch seine Figuren mitreißt.

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Victoria ist noch nicht lange in Berlin

Neben dieser technischen und logistischen Meisterleistung sind großartige schauspielerische Momente zu beobachten. Laia Costa wandelt als Victoria am Anfang zwischen Neugier und Angst, um im Laufe der Geschichte immer mutiger zu werden. Frederick Lau hingegen ist ein lässiger Typ, dem man es abnimmt, dass er innerhalb kürzester Zeit und durch extreme Situationen aus dem oberflächlichen Flirt echte Gefühle entwickelt.

Story kann nicht ganz mithalten

Zwischen all diesen äußerlichen Extremen ist es schade, dass die Geschichte irgendwie etwas hinterherhinkt. Das ist insofern verzeihlich, als für diese Art von Film eine komplexe Handlung hinderlich wäre. Trotzdem ist es ein Punkt, der „Victoria“ vom ganz großen Wurf abhält.

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Die Clique feiert

Schön ist, dass die Heimkinoveröffentlichung mit vielen Möglichkeiten aufwartet: mit englischen Untertiteln, einer Mischversion aus Deutsch und Englisch sowie als Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte. Eine Praxis, die man in meinen Augen ruhig häufiger einführen könnte.

Im Feuilleton etwas überbewertet

Auch wenn ich den Film nicht als ganz so stark ansehe, wie er im Feuilleton gern gemacht wurde, ist „Victoria“ ein herausragendes Werk. Sebastian Schipper hat mit „Absolute Giganten“ nicht nur einen der besten Hamburg-Filme gedreht, sondern nun auch den wohl besten deutschen Film für lange Zeit.

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Wofür proben die Jungs?

Veröffentlichung: 20. November 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 140 Min. (Blu-ray), 133 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Victoria
D 2015
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
Besetzung: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Kameratest, Interview mit Sebastian Schipper und Frederick Lau, Castingszenen, Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Senator Home Entertainment

Copyright 2015 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Senator Home Entertainment

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät: Der unterschätzte Bond (Filmrezension)

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On Her Majesty’s Secret Service

Gastrezension von Simon Kyprianou von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin)

Agenten-Abenteuer // „James Bond 007 – Spectre“ wirft seine Schatten voraus. Auch wenn die Filmwelt derzeit auf „Star Wars – Episode VII: Das Erwachen der Macht“ hinfiebert – ein neuer Bond ist immer ein Großereignis. Grund genug, dass ich mir Gedanken um meine Favoriten gemacht habe – bei „Die Nacht der lebenden Texte“ könnt Ihr nachlesen, was ich dazu niedergeschrieben habe: Teil 1 findet Ihr hier, zu Teil 2 geht’s hier entlang. Einem dieser Favoriten will ich einen separaten Text widmen, weil er oft zu Unrecht geschmäht wird: dem einzigen Auftritt des australischen Dressmans George Lazenby in der Rolle des englischen Geheimagenten mit der durch die Doppelnull bescheinigten Lizenz zum Töten.

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Der kernige Superagent …

Superverbrecher Blofeld (Telly Savalas) hat einmal mehr einen teuflischen Plan entwickelt, um die Welt in Chaos und Verderben zu stürzen. James Bond (George Lazenby) ist dem Schurken mal wieder auf den Fersen. Getarnt als Wappenkundler schleicht er sich in Blofelds mysteriöse Bergfestung ein, um dessen Plan zu vereiteln, doch seine Tarnung hält nicht lange stand. Mithilfe von Tracy (Diana Rigg) versucht er, Blofeld das Handwerk zu legen. Die Tochter eines korsischen Mafioso wird für den Superagenten bald mehr als nur ein Bond-Girl …

Kein Bond nach üblichem Schema

Schon die Eröffnungsszene macht klar, dass wir es bei „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ nicht mit einem gewöhnlichen Bond-Film zu tun haben. Ein weiträumiger Strand, ein wunderliches Idyll im fragilen, milchigen Morgenlicht, eine wunderlich trübe Welt, erst leer und still, plötzlich bevölkert von Menschen, die versuchen, einander zu töten.

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… bekommt es wieder einmal mit Superschurke Blofeld zu tun …

George Lazenby ist ein ganz anderer Bond als seine Vorgänger, das sagt er selbst am Filmanfang so und löst dieses Versprechen dann auch ein. Es fehlt die wie selbstverständliche Hingabe von Sean Connery, es fehlen der charmante Witz und die allgegenwärtige Ironie. Lazenbys Bond gibt den Blick auf sein Innenleben frei, ein verkrüppeltes Innenleben – und das kann er im Film dann auch exzessiv ausleben.

Erste und letzte Bond-Regie für Peter R. Hunt

Es ist der erste Versuch der Reihe, ihre eigenen Mechanismen zu unterwandern und mit ihnen zu brechen. Die Melodien von allen früheren Filmen erklingen zu Anfang des Films in einer schönen Szene kurz aus dem Off, es wirkt wie ein Lebewohl. Regisseur Peter R. Hunt lasst seinen Film an wild ausgeleuchteten, in wirren Farbräuschen ertrinkenden Orten spielen. Nach dem bizarren Strand vom Anfang wechselt die Szenerie bald in Blofelds urig-düsteres Bergschloss, das Bond mit seinem Verwirrspiel in eine bizarre, modern-sterile, eiskalte Paranoia-Welt verwandelt. Später geht es in eine trügerisch-harmonische, weihnachtlich-dunkle Schnee-Landschaft, in der Hunt grandiose Action inszeniert. Der Regisseur war zuvor bei einigen Bond-Filmen für den Schnitt und als Second Unit Director tätig. Nach „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ durfte er aber keinen Bond mehr drehen.

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… trifft aber auch die bezaubernde Tracy

Zum Finale erlebt James Bond dann seine persönliche Apokalypse und aus dem Off ertönt trügerisch zum bitteren Abschied Louis Armstrongs „We Have All the Time In The World“ – übrigens die letzte Aufnahme des begnadeten Jazztrompeters, der zwei Jahre später starb. Das passt auf tragische Weise ins Bild.

Veröffentlichung: 15. September 2015 als Blu-ray und DVD, 24. Oktober 2008 als Ultimate Edition 2-Disc DVD Set, 1. Oktober 2007 als DVD, 8. Dezember 2004 als DVD

Länge: 142 Min. (Blu-ray), 136 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: On Her Majesty’s Secret Service
GB 1969
Regie: Peter R. Hunt
Drehbuch: Richard Maibaum
Besetzung: George Lazenby, Diane Rigg, Telly Savalas
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2015 The James Bond Blu-ray Collection © 2015 Danjaq, LLC and Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc. TM Danjaq, LLC. All Rights Reserved.

Mad Max – Fury Road: Ein Fest der Kinetik (Filmrezension)

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Mad Max: Fury Road

Gastrezension von Andreas Eckenfels, der seine Schreibkunst ansonsten auf unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ zum Besten gibt. Vielen Dank dafür!

SF-Endzeit-Action // „We don’t need another Hero“ tönte Tina Turner 1985 im Titelsong zu „Max Mad – Jenseits der Donnerkuppel“. Im durchwachsenen dritten Teil der Endzeit-Reihe war die Sängerin die Gegenspielerin von Held Mel Gibson, der das letzte Mal in seiner Karriere Ex-Cop Max Rockatansky verkörperte. Zwar plante Regisseur George Miller bereits 2003 ein viertes „Mad Max“-Abenteuer, doch Mel Gibson wollte lieber sein Regieprojekt „Die Passion Christi“ inszenieren. Zudem gab es finanzielle Probleme, sodass Miller sogar zeitweise daran dachte, seine Geschichte als Animationsfilm zu verwirklichen. Schließlich kam dem Australier wohl der allgemeine Reboot-Wahn Hollywoods zugute, so dass „Mad Max – Fury Road“ ganze 30 Jahre nach dem letzten Teil endlich doch noch realisiert wurde. Ein Glücksfall!

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Mittendrin statt nur dabei: Max als Kühlerfigur

Mein Name ist Max. Meine Welt ist Feuer und Blut, begrüßt der neue Mad Max (Tom Hardy) die Zuschauer bevor er genüßlich in eine zweiköpfige Eidechse beißt. Ansonsten bleibt Max wie gewohnt recht wortkarg. Dass er sich allerdings in der ersten Hälfte größenteils nur grunzend verständigen kann, liegt daran, dass er von der Meute des Dispoten Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne, Bösewicht Toecutter aus „Mad Max“) eingefangen wird und einen Maulkorb verpasst bekommt. Für Immortan Joes Krieger, genannt War Boys, soll Max nun als Blutspender dienen. Als die rebellische Imperator Furiosa (Charlize Theron) die Frauen von Immortan Joe in einem Tanklaster entführt, wird Max kurzerhand als Kühlerfigur auf dem Streitwagen des War Boy Nux (Nicholas Hoult) gepackt. Auf diese Weise ist er mittendrin in der halsbrecherischen Verfolgungsjagd durch die Wüste.

Die Wüste bebt

In der Wüste von Namibia fand George Miller den perfekten Schauplatz für seine jüngste postapokalyptische Vision. Waren Auto-Verfolgungsjagden schon immer essenzieller Bestandteil jedes „Mad Max“-Teils wird dies in „Fury Road“ auf die Spitze getrieben: Mit atemberaubender Geschwindigkeit tritt Miller diesmal fast über die gesamte zweistündige Laufzeit aufs Gaspedal. Die aus zahlreichen Versatzstücken zusammengebauten Streitwagen, die albinoartigen Wild Boys, die von Valhalla träumen, ein Rockmusiker, der mit seiner Gitarre die Truppen im wahrsten Sinne des Wortes anfeuert – bei „Fury Road“ konnte Miller seine wilden Ideen voll ausleben. Auf der Leinwand geschieht ständig etwas, es gibt zahlreiche Schauwerte, nie ist Stillstand angesagt. Immerhin ist es seine von ihm erdachte Reihe, da gibt es keinen Grund für Kompromisse.

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Imperator Furiosa ist auf der Flucht vor …

Auch in der Ur-Trilogie waren diese ungezügelte Wucht und die Lust an der Geschwindigkeit immer spürbar. „Fury Road“ ist somit auch Millers Rückbesinnung an das handgemachte Actionkino, welches uns besonders im Finale von „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ so begeistert hat: Größenteils wurden die schier unglaublichen Zusammenstöße, Überschlagungen und Explosionen ohne computergenerierte Effekte inszeniert. Eine herausragende Arbeit der Stunt- als auch der Kameraleute.

Heimlicher Star Imperator Furiosa

Auch wenn Tom Hardy als neuer Mad Max etwas von Mel Gibsons Ironie fehlt, ist der bullige „The Dark Knight Rises“-Star ein würdiger Nachfolger. Angeblich soll er bereits für drei Fortsetzungen unterschrieben haben. Doch der heimliche Star in „Mad Max – Fury Road“ ist überraschenderweise Charlize Therons Imperator Furiosa. Mehr als einmal stiehlt sie Max die Schau – obwohl sie nur über einen Arm verfügt. Sie drückt aufs Gas, schlägt kräftig zu und trifft ihr Ziel aus der Distanz, welches Max zweimal hintereinander zuvor verfehlt hat. Zum Schluss darf Imperator Furiosa sogar wie einst Gibsons Max mit geschwollenem Auge in die Ferne blicken.

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… Bösewicht Immortan Joe

Es ist schwer zu beschreiben, was „Mad Max – Fury Road“ trotz der simplen Story laut dem internationalen Filmkritikerverband FIPRESCI zum besten Film des Jahres macht. Miller selbst meinte, er wollte einen universellen Film schaffen, der überall auf der Welt auch ohne Untertitel verstanden werden kann. Dies ist ihm bestens gelungen. „Max Max – Fury Road“ ist ein adrenalinhaltiges Fest der Kinetik, bei dem das Wort Wahnsinn fast eine neue Bedeutung erhält.

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Max lebt in einer Welt aus Feuer und Blut

Veröffentlichung: 17. September 2015 als 3D-Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch,
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Max Max – Fury Road
USA 2015
Regie: George Miller
Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nick Lathouris
Besetzung: Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Hugh Keays-Byrne, Zoë Kravitz, Rosie Huntington-Whiteley, Megan Gale, Riley Keough, Nathan Jones
Zusatzmaterial: Nicht verwendete Szenen, Featurettes: Die Dreharbeiten, Auf vier Rädern – Aus Autos werden Kampfmaschinen, Die Werkzeuge der Wüste, Die Reize der fünf Frauen, Crash & Smash
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Warner Home Video

Zwei ritten nach Texas – Stan und Ollie mischen den Wilden Westen auf (Filmrezension)

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Way out West

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Westernkomödie // Die Popularität von Stan Laurel und Oliver Hardy in Deutschland nahm bereits in den 1920er-Jahren ihren Lauf und überdauerte nach dem Ende der Weimarer Republik auch das sogenannte Dritte Reich. Der 1937 entstandene „Zwei ritten nach Texas“ kam allerdings erst 1965 bei uns in die Kinos und löste einen neuen Stan-und-Ollie-Boom aus.

Tipp für Anhalter: Den Daumen raus aus der Faust!

Man kann aber auch nicht erwarten, dass die Kutsche stoppt, wenn man als Anhalter vergisst, den Daumen aus der Faust zu nehmen. Bei der nächsten Kutsche denkt Stan zwar dran, sie hält aber erst für ihn und Kumpel Ollie an, als er auch noch sein sexy Bein entblößt. Das Bein ist eine schöne Hommage an Frank Capras „Es geschah in einer Nacht“ („It Happened One Night“, 1934) mit Clark Gable, in dem Claudette Colbert ihres entblößte, um als Anhalterin ein Fahrzeug zum Stehen zu bringen.

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Wo bitte geht’s nach Brushwood Gulch?

Kaum in Brushwood Gulch angekommen, legen sich die beiden Melonenträger sogleich mit dem Ehemann (Stanley Fields) einer Dame (Vivien Oakland) an, die sie in der Postkutsche belästigt hatten. Der bedeutet den beiden, sie mögen den Ort mit der nächsten Kutsche verlassen, sofern sie ihn nicht im Leichenwagen verlassen wollen. Später stellt sich heraus: Es ist der Sheriff von Brushwood Gulch.

Stan und Ollie hat’s in den Wilden Westen verschlagen, weil sie der jungen Mary Roberts (Rosina Lawrence) vom Tod ihres Vaters berichten müssen, ihr aber immerhin die Besitzurkunde der ihr vererbten Goldmine übergeben wollen. Dummerweise jubelt ihnen Marys Vormund, der zwielichtige Saloonbesitzer Mickey Finn (James Finlayson), seine Bardame Lola (Sharon Lynn) als Mary Roberts unter. Als die beiden ehrenwerten, aber naiven Erbschaftsüberbringer den Betrug bemerken, setzen sie alles daran, der echten Mary zu ihrer Goldmine zu verhelfen.

Auftritt James Finlayson

James Finlayson! Dieser großartigste aller Laurel-und-Hardy-Gegenspieler ist immer wieder schön anzuschauen. Sein stierer Blick, wenn Stan oder Ollie mal wieder etwas Groteskes gesagt oder getan haben – unerreicht. Ohnehin sind er als Saloonbesitzer und Stanley Fields als grober Sheriff feine Parodien auf archetypische Westernfiguren.

Musik ist Trumpf

Drei Musikstücke prägen den Film zusätzlich: Da ist einmal die Gesangseinlage „At the Ball, That’s All“ der „The Avalon Boys“ vor dem Saloon unmittelbar nach der Ankunft von Stan und Ollie, die die beiden zu ihrer berühmten Tanzdarbietung animiert. Zum anderen singen sie später selbst „Trail of the Lonesome Pine“, wobei Stan plötzlich für ein paar Zeilen in einem sonoren Bass intoniert, der ihm in der Tonspur in den Mund synchronisiert worden ist. Ollie gefällt das gar nicht, und er ordert beim Wirt einen Holzhammer, dessen Hieb über den Kopf bei Stan allerdings bewirkt, dass er plötzlich mit der lieblichen Stimme von Rosina Lawrence singt. Welche Komiker (neudeutsch: Comedians) kämen heute noch auf solche Ideen?

Happy End mit Bad im Fluss

Am Ende des Films schließlich ziehen Stan, Ollie und Mary nach erfolgreicher Zurückeroberung der Goldmine von dannen und singen gemeinsam „We’re Going to See My Home in Dixie“ – ein schönes und für Laurel und Hardy seltenes Happy End, wenn auch für Ollie nur bedingt: Zum wiederholten Mal nimmt er bei der Querung eines Flüsschens aufgrund einer Untiefe ein unfreiwilliges Bad.

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Ab in die Kutsche mit dem Dicken!

Wenn ich mir die gemeinsame Filmografie von Stan Laurel und Oliver Hardy anschaue, stelle ich fest, wie viele Perlen noch unentdeckt meiner Sichtung harren. Dennoch kann ich auch so konstatieren, dass die Westernparodie „Zwei ritten nach Texas“ zu den besten Filmen der beiden gehört – ganz sicher in den Top 10, wenn nicht in den Top 5 oder Top 3. Ganz vorn wird es irgendwann Geschmackssache, aber wer den beiden mit ihrem mal brachialen, mal hintersinnigen Slapstick etwas abgewinnen kann, muss den Film gesehen haben und wird ihn lieben.

Menschliche Wärme

Wie sich Stan und Ollie in ihrer Tollpatschigkeit und Arglosigkeit in der rauen Männerwelt eines Wildwestkaffs behaupten, das sprüht vor Witz, der auch heute noch famos funktioniert. Ihre Unterstützung der unschuldigen Mary bringt zudem eine Herzenswärme ins Spiel, die auf wunderbare Weise unterstreicht, dass Laurel und Hardy unter all dem gegenseitigen Piesacken Werte von Freundschaft und Güte vermitteln. Merk’s dir, Finlayson!

Dank Studiocanal Home Entertainment, vormals Kinowelt, gibt es hierzulande keine Probleme, sich mit Laurel-und-Hardy-Stoff in stattlicher Zahl einzudecken. „Zwei ritten nach Texas“ ist als Teil der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 3“ erhältlich, zudem auch als Einzel-DVD inklusive zweier Kurzfilme im Bonusmaterial. Bei der deutschen Tonspur handelt es sich meines Wissens nach um die vierte Synchronfassung. Ob als Box oder einzeln – eine schöne Veröffentlichung in anständiger Bildqualität.

Mehr über das Komiker-Duo

Als Autor bei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ erlaube ich mir einen Hinweis: Die Titelgeschichte von Ausgabe #10 des Magazins handelt von US-Filmkomikern, und ein Beitrag über Laurel und Hardy stammt von mir. Für alle, die sich näher mit dem Duo und ihren Kollegen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, den Marx Brothers & Co. befassen wollen: Die Ausgabe kann hier bestellt werden – unter dem Link findet Ihr auch den Inhalt.

Veröffentlichung: 17. Juni 2010 als DVD, 16. Oktober 2009 in der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 3“

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe Einzel-DVD: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Way out West
Alternativer deutscher Titel: Dick und Doof im Wilden Westen
USA 1937
Regie: James Horne
Drehbuch: Charley Rogers, Felix Adler, James Parrott
Besetzung: Stan Laurel, Oliver Hardy, James Finlayson, Sharon Lynn, Rosina Lawrence, James Fields, Vivien Oakland
Zusatzmaterial: Kurzfilme „Putting Pants on Philip“ aus der Serie „Zwei Herren Dick und Doof“ in deutscher Fassung und „Ein brutaler Hosenkauf“, Ausschnitte aus „Ein Dankeschön an die Jungs“, Fotogalerie, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2009/2010 Studiocanal Home Entertainment

Krieg der Welten – Aliens als 9/11-Aufarbeitung (Filmrezension)

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War of the Worlds

Gastrezension von Simon Kyprianou von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin)

Science-Fiction // Der geschiedene Ray Ferrier (Tom Cruise) lebt entfremdet von seinen zwei Kindern Rachel (Dakota Fanning) und Robbie (Justin Chatwin). Als die Mutter Mary Ann (Miranda Otto) die Kinder für ein paar Tage bei ihm lässt, um mit ihrem neuen Freund zu entspannen, greifen Außerirdische die Erde an. In all dem Chaos versucht Ray, mit seinen Kindern die Mutter zu erreichen.

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Da braut sich was zusammen

Ein Fluss treibt dutzendfach Leichen ins Bild, in einem Wald regnet es Kleidungsstücke von Verstorbenen, Städte werden in Sekundenschnelle ausgelöscht und ein Kinderlied untermalt einen Mord. Spielbergs Film findet verstörende, unmittelbare, teilweise surreale Bilder für das Grauen der Apokalypse. Die Flucht vor den Aliens ist der Versuch, die Kernfamilie wiederherzustellen – die Suche nach der Mutter und die Versöhnung mit dem Vater.

Das Grauen im Keller

Die Flucht wird zu einer wahren Odyssee durch eine Welt im Ausnahmezustand, mal brachial inszeniert mit Gefechten und hektischen Massenszenen, in denen die flüchtigen Menschen einander zerfleischen, mal verdichtet als minimalistisches Kammerspiel in der hervorragenden Szene im Keller des Eigenbrötlers (Tim Robbins). Wie bei „Der weiße Hai“ und „Duell“ bleibt die Bedrohung eine unbeschriebene Projektionsfläche – sie wird nicht erläutert und ist gerade darum so erschreckend.

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Aus Staunen wird Unbehagen – dann Angst

Das Happy End hat einen wunderlichen Beigeschmack, es wirkt künstlich, wie eine verzweifelte Wunschvorstellung. Es ist immer noch überschattet von dem Grauen, das Spielberg zuvor so unmittelbar und wirkungsvoll inszeniert hat. In dieser Uneindeutigkeit und Künstlichkeit ist es vielleicht aber ein adäquates Ende für einen Film, der zweifellos aus dem 9/11-Trauma heraus entstanden ist.

Orientierung an „Kampf der Welten“ von 1953

Legendär ist Orson Welles’ Radiohörspiel, das 1938 viele US-Bürger in Angst und Schrecken versetzt haben soll – am Wahrheitsgehalt der Panik darf aber gezweifelt werden. Bereits 1953 verfilmte Byron Haskin den Roman von H. G. Wells. „Kampf der Welten“, so der deutsche Verleihtitel, wurde 1954 mit dem Oscar für die Spezialeffekte prämiert. Spielberg orientierte sich in seiner Adaption an etlichen Elementen von Haskins Version. Ein Academy Award blieb der Neuverfilmung zwar versagt, aber „Krieg der Welten“ ist unheimlich feinsinnig in seiner Figurenzeichnung, effizient erzählt und formal hervorragend – wahrscheinlich der beste Film in Spielbergs Spätwerk.

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Flucht erscheint aussichtslos

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Spielberg sind dort in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Tom Cruise unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 19. August 2010 als Blu-ray im Steelbook, 14. Mai 2010 als Blu-ray, 15. November 2005 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: War of the Worlds
USA 2005
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Josh Friedman, David Koepp, nach dem Roman von H. G. Wells
Besetzung: Tom Cruise, Dakota Fanning, Tim Robbins, Miranda Otto, Justin Chatwin, Rick Gonzalez, Yul Vazquez, Lenny Venito, Lisa Ann Walter, Ann Robinson, Gene Barry
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © Paramount Home Entertainment

Tabu der Gerechten – Damals wie heute wichtig (Filmrezension)

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Gentleman’s Agreement

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker, Blogger von „Die Nacht der lebenden Texte“ und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Drama // Das hat sofort gewirkt: Just als ich dachte, das recht leichtfüßige Intro habe sich zu lange hingezogen, änderte der Film nach einer halben Stunde die Tonalität – genau mit dem Moment, als Philip Schuyler Green (Gregory Peck) vorgab, ein Jude zu sein. Das macht die etwas zu lang wirkende Einführung der Figuren zu einem brillanten Schachzug, da die Prämisse des Films sofort ihre Wirkung entfaltet.

Aus Green wird Greenberg

Mit seiner Mutter (Anne Revere) und Sohn Tommy (Dean Stockwell) ist Witwer Green von Kalifornien nach New York City gezogen. Der angesehene Journalist soll dort für ein Magazin schreiben. Dessen Chefredakteur John Minify (Albert Dekker) beauftragt ihn mit einer Story über Antisemitismus. Nach einiger Zeit des Überlegens kommt ihm die zündende Idee, sich als Jude auszugeben. Aus Green wird Greenberg.

Kaum jemand wird eingeweiht, nicht einmal die Kollegen in der Redaktion. Es funktioniert sehr gut – zu gut. Umgehend schauen ihn die Menschen mit anderen Augen an. Ein paar meiner besten Freunde … – es dauert nicht lange, bis Green alias Greenberg diesen Satz zum ersten Mal hört. Selbst Minifys Nichte Kathy Lacey (Dorothy McGuire), mit der Green zügig eine Beziehung angefangen hat, lässt unbedachte Bemerkungen fallen, die ihn stutzig werden lassen. Auch Sohn Tommy muss darunter leiden.

Selbstkritik bei Gregory Peck

Bosley Crowther von der New York Times hielt 1947 Gregory Pecks Rolle für unglaubwürdig – außergewöhnlich naiv lautete sein Urteil. Für einen erfahrenen Journalisten sei er zu erstaunt über die Reaktionen, die er als Jude bekäme, derlei hätte ihm bewusst sein müssen. Da mag etwas dran sein, zumal es seine einzige Zusammenarbeit mit Regisseur Elia Kazan bleiben sollte, der mit seinem Star dem Vernehmen nach nicht zufrieden gewesen sein soll. Peck bestätigte Kazans Kritik viele Jahre später, sagte selbst, es sei nicht seine beste Arbeit gewesen. Schlecht ist es aber keineswegs, was Peck da zeigt. 16 Jahre später erhielt er den Hauptrollen-Oscar im Antirassismus-Drama „Wer die Nachtigall stört“ („To Kill a Mockingbird“, 1962).

Der New-York-Times-Rezensent kritisierte darüber hinaus, obwohl Green über Antisemitismus in der gesamten US-Gesellschaft recherchiere, beschränke er seinen Bewegungsradius auf die Upperclass. Es mag obendrein heute etwas verwundern, dass ein kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandener Film über Antisemitismus den Holocaust in Europa mit keinem Wort thematisiert. Allerdings zielt „Tabu der Gerechten“ nicht darauf, offen gelebten Rassismus anzuprangern, vielmehr geht es darum, Vorurteile gebildeter Menschen zu entlarven – Menschen, die sich selbst für vorurteilsfrei halten. Insofern muss sich der Film auch nicht in die Niederungen offen judenfeindlicher Milieus begeben, so sie denn klar zu identifizieren wären.

In einer faszinierenden Szene kurz vor dem Finale zeigt sich Greens Sekretärin Elaine Wales (June Havoc), selbst Jüdin mit geändertem Namen, verwundert, als sie erfährt, dass der Journalist tatsächlich kein Jude ist. Offenkundiger kann die Absurdität dieser Vorurteile nicht zu Tage treten.

Drei Oscars und vier Golden Globes

Acht Oscar-Nominierungen erhielt das meisterhafte Schwarz-Weiß-Drama 1948, für drei Kategorien gab’s die Trophäe dann auch: als bester Film, für Elia Kazans („Die Faust im Nacken“) feinfühlige Regie und Nebendarstellerin Celeste Holm – sie spielt die Chefredakteurin eines Modemagazins. In diesen drei Kategorien hatte der Film bereits Golden Globes erhalten, dazu auch einen für Dean Stockwell als bester Nachwuchsdarsteller.

Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Zwölfjährige hatte noch eine lange Karriere vor sich, die bis heute anhält. Für „Die Mafiosi-Braut“ wurde Stockwell 1988 als bester Nebendarsteller Oscar-nominiert. Im selben Jahrzehnt hatte er in David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (1984) und „Blue Velvet“ (1986) gespielt.

Erstauflage im Schuber

Twentieth Century Fox Home Entertainment hat „Tabu der Gerechten“ 2006 in einer schönen Edition mit Schuber, Booklet und Postkarte veröffentlicht. Sie ist im Handel vergriffen, aber auf dem Gebrauchtmarkt problemlos zu kriegen. Wer auf den Schuber Wert legt, sollte sich vor dem Kauf vergewissern, dass es nicht die etwas spartanischere Zweitauflage von 2007 ist. „Tabu der Gerechten“ war seinerzeit ein wichtiger Film – er ist es heute noch, wie sich auch bei uns an der unter dem Deckmantel der Israelkritik offenbarenden Judenfeindlichkeit zeigt.

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Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gregory Peck sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. Januar 2006 als DVD (Zweitauflage 19. März 2007)

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Gentleman’s Agreement
USA 1947
Regie: Elia Kazan
Drehbuch: Moss Hart, nach Laura Z. Hobsons Roman „Gentleman’s Agreement“
Besetzung: Gregory Peck, Dorothy McGuire, John Garfield, Celeste Holm, Anne Revere, Dean Stockwell, June Havoc, Albert Dekker, Philip Schuyler Green, Kathy Lacey, Dave Goldman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Original Kinotrailer, Original Kinotrailer „Alles über Eva“, Booklet, Erstauflage: Postkarte, Schuber
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger