Natürlich stürzt auch die Freiheitsstatue – Elfriede Jelinek: Am Königsweg (Theaterkritik)

2. Juni 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Ein wunderlicher Abend am Theater Heidelberg. Unbeugsame Schauspielerinnen bespielen ein überaltertes, bildungsgesättigtes und verkapseltes Theaterpublikum.

Komme ich rein, alles mit Theaternebel vorvernebelt. Was soll das? Ach so, ein Schlechte-Laune-Stück. Bühne ein quadratischer Holztrichter, auf dessen Rand sich nach und nach graugekleidete Frauen setzen. Klageweiber, dumpfes Schlagen. Amerikanische Flagge. Alles auf Effekthascherei. Antikes Augen-Ausstechen, die Darstellerinnen laufen mit blutenden Augenhöhlen herum, und noch manch andere antikisierende Manier.

Ach so, es geht um Donald Trump.

„Wenn der König blind ist, was können Sie dann sehen?“

Ach so, es geht um uns.

„Wo ist das ganze Geld hin?“

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Katharina Uhland und Sheila Eckhardt

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Katharina Uhland und Sheila Eckhardt / Foto: Sebastian Bühler

Immer wieder rieselt Goldstaub nieder. Die blinden Klageweiber treten auch mal mit roten Haaren und rosa Häschenohren auf und halten „Not my president“-Tafeln in die Höhe. Eine Leinwand wird heruntergelassen, Kermit der Frosch hangelt sich filmisch an einem Goldbaum zum vergoldeten Wolkenkuckuckskratzer hinauf. Später wird ein vergoldeter Adler von oben hinabgelassen, der natürlich Gold auf die Bühne scheißt.

Nach Sheila Eckhardts eindrucksvoller Amazing-Grace-Interpretation gibt es Szenenapplaus. Publikum kurzzeitig wach. Später fliegt sie als roter Teufel über die Bühne.

Elfriede Jelinik: Am Königsweg, Katharina Quast

Elfriede Jelinik: Am Königsweg, Katharina Quast / Foto: Sebastian Bühler

„Wenn die Weisen wütend werden, werden die Blinden blindwütig.“ Der König ist nicht nackt, sondern blind. Alles leider sehr abgeschmackt. Natürlich stürzt auch die Freiheitsstatue. Sie wird von Micky Maus‘ Maschinenpistolensalven niedergemäht. Danach treten kleine Trumps mit überlangen Schlipsen auf. Am Ende erscheint eine Jelinek im bunten Stofftierekostüm.

Ich weiß nicht, wovon Elfriede Jelineks Stück Am Königsweg mich überzeugen möchte. Dass Donald Trump echt kacke ist? Ach wirklich, wusste ich noch gar nicht. Warum spielt Ihr es nicht im Garten des Weißen Hauses oder – besser noch – am Strand von Mar-a-Lago. Würde aber selbst dann nichts nützen, wenn Trump zuschaute. Er würde nur sagen: Stimmt, ich steh auf Titten und Ärsche.

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Elisabeth Auer

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Elisabeth Auer / Foto: Sebastian Bühler

Ach so, das Stück will der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Aber die Gesellschaft sagt auch nur „That’s what it is.“ In diesen Spiegel habe ich schon zu oft geschaut. Ach so, wir sind alle Trump. Goldstaub überall.

Regie (Mirja Biels Debüt in Heidelberg) und Bühne (Frauke Löffel) schaffen es leider nicht, aus dem Stück irgendetwas Essentielles herauszuholen. Das Stück gibt dazu überhaupt nichts her. Die fünf Schauspielerinnen sind gut, am Halbschlaf des Provinzpublikums ändert das nichts. Kostüm (Katrin Wolfermann) lässt sich sehen, hilft dem Stück leider auch nicht weiter. Trump ist echt kacke, und die, die ihn gewählt haben, natürlich auch, und die ganze Gesellschaft und wir alle und natürlich das Wahlsystem. Ein brisanter Text, wie es im Heidelberger Theater-Magazin heißt? Fehlanzeige. Da kann man noch so viel klassische Stoffe herbeizitieren – Kassandra und so – macht es auch nicht vielschichtiger.

Ein Glück wurden nur 35 Seiten des 90 Seiten langes Hörspieltextes für die Inszenierung verarbeitet.

(c) belmonte 2018

Elfriede Jelinek: Am Königsweg. Theater Heidelberg. Premiere 14. April 2018.

Mit:
Elisabeth Auer
Nicole Averkamp
Sheila Eckhardt
Katharina Quast
Katharina Uhland

Regie: Mirja Biel
Bühne: Frauke Löffel
Kostüm: Katrin Wolfermann

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