„Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren.“ – Ein Gespräch mit der Dramatikerin Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow, in Berlin geboren und in Deutschland, den USA und Belgien aufgewachsen, schreibt seit ihrer Kindheit Theaterstücke. Sie studierte 1990 bis 1993 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und absolvierte 1994 ihren Master of Arts an der State University of New York in Binghamton, USA. Neben Regieassistenzen in Oper und Schauspiel reiste sie mit Unterstützung des Goethe-Instituts nach Australien, England, Griechenland, Kroatien, Polen, Sri Lanka und in die USA. Seit ihrem Debüt 1993 mit Ich und Du gab es zahlreiche Inszenierungen ihrer Stücke auf deutschen und internationalen Bühnen. Es liegen Übersetzungen in elf Sprachen vor. Ingeborg von Zadow lebt in Heidelberg. Für mehr Information siehe Ingeborg von Zadows Website: www.ingeborgvonzadow.com

Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow / Foto: Jens Fiedler

Vorbemerkung aus aktuellem Anlass:

Dieses Interview wurde geführt, als sich das Leben durch das Corona-Virus noch nicht für uns alle verändert hatte. Inzwischen sind die beiden Inszenierungen, von denen im nachstehenden Gespräch die Rede ist, die Oper Die Kinder des Sultans für das Theater Dortmund sowie die Komödie Liebe oder Leben! für das Theater Carnivore in Heidelberg verschoben worden, letztere auf den 8. Mai 2021. Die Inszenierung am Jungen Theater Biel/Solothurn probt derzeit via Skype und plant, hierüber auf Facebook zu berichten. Das Theater Bautzen hält weiterhin am Premierendatum von Hallo Nachbar im September fest.

Diese Krise und die damit momentan verbundenen neuen zwischenmenschlichen Verhaltensregeln haben gezeigt, dass das Theater doch verwundbar ist. Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren. Ohne den lebendigen Raum, in dem Menschen gemeinsam Dinge erleben können, verliert das Theater das, was es besonders macht. Hoffen wir, dass diese lebendigen Räume bald wieder möglich werden.

Wir haben uns entschlossen, das Anfang März 2020 geführte Interview als Zeitdokument trotzdem zu veröffentlichen, auch wenn manche Aussagen im Moment wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Das Theater ist so alt wie unsere Kultur und wird gemeinsam mit ihr bald wieder neu anfangen.

Vnicornis:
Ingeborg, du schreibst Theaterstücke. Welche Kraft liegt aus deiner Sicht heute in dramatischen Werken im Vergleich zu Prosa und Lyrik?

Ingeborg von Zadow:
Dramatische Texte werden immer für den lebendigen Raum geschrieben. Es sind gesprochene Texte, die von vielen Menschen gemeinsam wahrgenommen werden. Sie evozieren die Konzentration vieler unterschiedlicher Menschen zur gleichen Zeit auf einen Sachverhalt, ein Gefühl, eine Situation. Darin liegt eine Kraft, ein lebendiger Austausch zwischen DarstellerInnen und Publikum, die für mich mit nichts anderem zu vergleichen ist. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, von dem man nicht nur die eigenen Empfindungen und Sichtweisen mitnehmen kann, sondern auch die von anderen Menschen. Es ist eine andere Erfahrung, als einen Text für sich allein zu lesen.

Vnicornis:
Am 5. April 2020 wird die Oper Die Kinder des Sultans am Theater Dortmund uraufgeführt, zu der du das Libretto geschrieben hast. Was erwartet die Zuschauer?

Ingeborg von Zadow:
„Eine fantastische Oper in 9 Szenen“. Es ist die Geschichte der beiden Kinder Fadeya und Taseh, die sich auf die Suche nach ihrem Vater machen, der in ihrem Leben bisher noch nicht aufgetaucht ist. Sie müssen auf ihrem Weg durch Sultanien einige Prüfungen bestehen, um letztendlich an ihr Ziel zu gelangen. So begegnen ihnen zum Beispiel eine hungrige Riesenschlange, ein reißender Fluss und eine schier unüberwindbare Wand. Aber den Zwillingen stehen auch magische Figuren und Gegenstände zur Seite und vor allem eines: ein sprechendes Kamel.

Die Kinder des Sultans ist eine für die Oper neu erfundene Geschichte, was ungewöhnlich ist und für mich auch den besonderen Reiz dieses Auftrags der Jungen Oper Rhein Ruhr ausgemacht hat – es ist keine weitere Bearbeitung von einer der unzähligen schon vorhandenen Bücher oder Märchen. Ich durfte die Handlung tatsächlich neu erfinden, was in der heutigen Kinder- und Jugendtheaterlandschaft, gerade in der Arbeit für die großen Bühnen, einem Sechser im Lotto gleicht.

Die Zuschauer können sich auch freuen auf die wunderschöne, aufregende, melodische, berührende Musik des versierten Komponisten Avner Dorman. Eine bessere Umsetzung meines Librettos hätte ich mir nicht wünschen können. Sie können sich freuen auf die angeblich sechstgrößte Bühne der Bundesrepublik, auf die hervorragende Sängerinnen und Sänger und auf den großen Opernchor des Theater Dortmund, auf die von Tatjana Ivtschina geschaffenen Kostüme und Bühnenbilder, die schon in den Entwürfen von viel Einfallsreichtum und einem ganz individuellen Zugriff zeugen, und außerdem natürlich auf die vielversprechende Regie von Anna Drescher und die musikalische Leitung von Christoph JK Müller, der schon in der Leseprobe vor einem Jahr praktisch jeden Ton der Klavierpartitur auswendig konnte.

Mehr Informationen zur Oper gibt es auf der Website des Theater Dortmund: https://www.theaterdo.de/detail/event/20709/

Vnicornis:
Wie bist du zum Drama gekommen?

Ingeborg von Zadow:
Ich habe als Kind mit acht Jahren eine Aufführung im Schultheater gesehen und wollte ab dem Zeitpunkt Theater machen. Also habe ich begonnen, Bühnenbilder zu entwerfen, Stücke zu planen, eine Theatergruppe zu gründen. Ich wollte spielen, hatte keine Texte und habe deswegen angefangen, sie selber zu schreiben. Diese Theaterstücke habe ich dann meine ganze Jugend hindurch mit meinen Freundinnen und Freunden in vielen Proben und Aufführungen auf ihre Machbarkeit abgeklopft.

Mit Anfang zwanzig wurde ich dann in den Theaterverlag Verlag der Autoren in Frankfurt am Main aufgenommen. Es kamen die ersten professionellen Inszenierungen und Übersetzungen und parallel dazu auch die Arbeit im Theater selbst, zum Beispiel als Regieassistentin. Nebenbei machte ich auch meinen MA in Theatre an der State University of New York at Binghamton in den USA, der aber nur am Rande mit Szenischem Schreiben zu tun hatte.

Vnicornis:
Du schreibst vor allem Theaterstücke für Kinder und Jugendliche. Ist das in Zeiten von Online-Medien, Fernsehserien und Streaming-Diensten überhaupt noch zeitgemäß?

Ingeborg von Zadow:
Ja, natürlich. Und meines Erachtens ist es nötiger denn je, die Kinder und Jugendlichen mit einer Welt in Berührung zu bringen, in der reale Menschen in Aktion sind, bei der sie unmittelbar Zeugen sind und wo ihr Vorhandensein im Raum wahrgenommen wird.

Man darf nicht vergessen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nicht aus eigenem Antrieb ins Theater gehen – sie kommen meist im Klassenverband während der Schulzeit. Dies eröffnet die Chance, alle Bevölkerungsschichten zu erreichen und sie mit dieser lebendigen Kunstform zu konfrontieren – in der Hoffnung, dass die Kinder mehr davon wollen, weil es der lebendige Raum ist, der sie reizt. Mich hat er damals jedenfalls nicht mehr losgelassen.

Liebe oder Leben

Liebe oder Leben – Theater Carnivore, Heidelberg / Foto: Stefan Hartleib

Vnicornis:
Es ist vor dem Hintergrund der Klimakrise nicht ausgeschlossen, dass die Menschheit in 100 Jahren nicht mehr existiert. Was kann dramatische Literatur vor diesem potenziellen Szenario leisten und welche Rolle spielt das überhaupt in deiner Arbeit?

Ingeborg von Zadow:
Zwar habe ich bisher kein Theaterstück geschrieben, dass sich speziell mit der Klimakrise auseinandersetzt. Aber ich merke, dass sie sich in meine Phantasien reinschleicht. So kann man ein wesentliches Element meines neuen Stückes Hallo Nachbar (Arbeitstitel) durchaus auch mit der Klimakrise in Verbindung bringen. Was das genau ist, will ich hier jetzt aber noch nicht verraten, da die Uraufführung des Stückes erst im September am Theater Bautzen stattfindet und wir auch noch dabei sind, am Text zu feilen.

Was dramatische Literatur generell leisten kann vor dem Szenario des Verschwindens der Menschheit in 100 Jahren, ist eine herausfordernde Frage. Man kann hoffen, dass das, was man auf der Bühne verhandelt, Denkprozesse in den Köpfen der Aufführenden und Zuschauenden in Gang setzt, die dann zu Handlungen führen, die das Szenario abwenden oder zumindest abschwächen. Wie real eine solche Hoffnung ist? Leider handeln die Wenigsten, solange ihnen das Wasser noch nicht bis zum Hals steht.

Vnicornis:
Vor einem Jahr haben wir zusammen bei einem Hörspielprojekt der Musikhochschule Trossingen gearbeitet. Im Herbst 2019 wurden unsere Hörspiele bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe aufgeführt. Welchen Stellenwert hatte das Projekt in deinem Werk?

Ingeborg von Zadow:
Im Grunde war es mal eine willkommene Gelegenheit, das Hörspielschreiben auszuprobieren, das mir schon seit einigen Jahren mehrere Leute nahegelegt hatten. Ich habe jedoch für das Projekt vor allem aus Zeitgründen eine Geschichte ausgewählt, an der ich sowieso schon saß – von Oda und das Pferd der Götter gibt es nicht nur das Hörspiel, sondern auch ein Theaterstück, das umfangreicher ist und eben auch ganz dezidiert mit der Bühne spielt, die ich ja im Hörspiel nicht zur Verfügung habe. Das Theaterstück ist also in manchem anders als das Hörspiel, und diese Unterschiede waren für mich interessant herauszuarbeiten, aber irgendwie auch nicht wirklich neu. Stellenwert in meinem Werk: eher ein Nebensache, aber trotzdem eine schöne Erfahrung.

Vnicornis:
An welchen Stücken arbeitest du gerade und worauf können wir uns freuen?

Ingeborg von Zadow:
Neben der Uraufführung der Oper Die Kinder des Sultans am 5. April 2020 gibt es dieses Jahr im Mai und im September weitere Uraufführungen von mir. Am 9. Mai 2020 hat bei der Wanderbühne Theater Carnivore in Heidelberg Liebe oder Leben! – eine Komödie in 6 Akten Premiere. Darauf freue ich mich besonders, weil dieses Stück für die Aufführung unter freiem Himmel geschrieben wurde und sich an Erwachsene wendet. Ich hatte beim Schreiben sehr viel Spaß und hoffe, dass sich dieser Spaß auch auf die Zuschauer überträgt. Das Stück ist inspiriert von einem historischen Wanderbühnenstück und wird in Heidelberg und Umgebung gespielt, zum Beispiel auf Weingütern der Region.

Mehr Informationen und Vorstellungstermine: https://wanderbuehne.com/liebe-oder-leben.html

Über Lang oder Kurz

Über Lang oder Kurz – Theater Bautzen / Foto: Miroslaw Nowotny

Am 11. und 12. September 2020 wird dann mein Theaterstück Hallo Nachbar (Arbeitstitel) am Theater Bautzen uraufgeführt. Dies ist mein erster Auftrag für ein Stück für das Puppentheater. Das Stück ist, wie Liebe oder Leben!, für Erwachsene konzipiert. Die Anforderungen an einen Text für Puppen sind ein wenig anders, was für mich spannend ist zu entdecken. Hier arbeite ich intensiv zusammen mit dem Regisseur Stephan Siegfried, der auch schon mein Stück Über Lang oder Kurz für Kinder ab 8 inszeniert hat. Das Stück zum Thema Mobbing wird in Bautzen von den Schulen auch in der zweiten Spielzeit immer noch angefragt, so dass sie es wohl auch eine dritte Spielzeit lang weiter im Spielplan behalten werden.

Ansonsten gibt es am 26. Mai 2020 am Theater Biel/Solothurn noch die Schweizer Erstaufführung von Filipa Unterwegs – mit dem Tonomat durch Europa, einem Stück für Kinder ab 6, das ich vor etwa 15 Jahren geschrieben und jetzt auf Wunsch des Theaters leicht modernisiert habe. Die Inszenierung von Stefanie Rejzek soll mobil in Schulen und Freizeiteinrichtungen gespielt werden.

Weitere Informationen: https://www.tobs.ch/de/junges-publikum/theater-und-schule/klassenzimmerstueck/

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

Natürlich stürzt auch die Freiheitsstatue – Elfriede Jelinek: Am Königsweg (Theaterkritik)

belmonte

Ein wunderlicher Abend am Theater Heidelberg. Unbeugsame Schauspielerinnen bespielen ein überaltertes, bildungsgesättigtes und verkapseltes Theaterpublikum.

Komme ich rein, alles mit Theaternebel vorvernebelt. Was soll das? Ach so, ein Schlechte-Laune-Stück. Bühne ein quadratischer Holztrichter, auf dessen Rand sich nach und nach graugekleidete Frauen setzen. Klageweiber, dumpfes Schlagen. Amerikanische Flagge. Alles auf Effekthascherei. Antikes Augen-Ausstechen, die Darstellerinnen laufen mit blutenden Augenhöhlen herum, und noch manch andere antikisierende Manier.

Ach so, es geht um Donald Trump.

„Wenn der König blind ist, was können Sie dann sehen?“

Ach so, es geht um uns.

„Wo ist das ganze Geld hin?“

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Katharina Uhland und Sheila Eckhardt

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Katharina Uhland und Sheila Eckhardt / Foto: Sebastian Bühler

Immer wieder rieselt Goldstaub nieder. Die blinden Klageweiber treten auch mal mit roten Haaren und rosa Häschenohren auf und halten „Not my president“-Tafeln in die Höhe. Eine Leinwand wird heruntergelassen, Kermit der Frosch hangelt sich filmisch an einem Goldbaum zum vergoldeten Wolkenkuckuckskratzer hinauf. Später wird ein vergoldeter Adler von oben hinabgelassen, der natürlich Gold auf die Bühne scheißt.

Nach Sheila Eckhardts eindrucksvoller Amazing-Grace-Interpretation gibt es Szenenapplaus. Publikum kurzzeitig wach. Später fliegt sie als roter Teufel über die Bühne.

Elfriede Jelinik: Am Königsweg, Katharina Quast

Elfriede Jelinik: Am Königsweg, Katharina Quast / Foto: Sebastian Bühler

„Wenn die Weisen wütend werden, werden die Blinden blindwütig.“ Der König ist nicht nackt, sondern blind. Alles leider sehr abgeschmackt. Natürlich stürzt auch die Freiheitsstatue. Sie wird von Micky Maus‘ Maschinenpistolensalven niedergemäht. Danach treten kleine Trumps mit überlangen Schlipsen auf. Am Ende erscheint eine Jelinek im bunten Stofftierekostüm.

Ich weiß nicht, wovon Elfriede Jelineks Stück Am Königsweg mich überzeugen möchte. Dass Donald Trump echt kacke ist? Ach wirklich, wusste ich noch gar nicht. Warum spielt Ihr es nicht im Garten des Weißen Hauses oder – besser noch – am Strand von Mar-a-Lago. Würde aber selbst dann nichts nützen, wenn Trump zuschaute. Er würde nur sagen: Stimmt, ich steh auf Titten und Ärsche.

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Elisabeth Auer

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Elisabeth Auer / Foto: Sebastian Bühler

Ach so, das Stück will der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Aber die Gesellschaft sagt auch nur „That’s what it is.“ In diesen Spiegel habe ich schon zu oft geschaut. Ach so, wir sind alle Trump. Goldstaub überall.

Regie (Mirja Biels Debüt in Heidelberg) und Bühne (Frauke Löffel) schaffen es leider nicht, aus dem Stück irgendetwas Essentielles herauszuholen. Das Stück gibt dazu überhaupt nichts her. Die fünf Schauspielerinnen sind gut, am Halbschlaf des Provinzpublikums ändert das nichts. Kostüm (Katrin Wolfermann) lässt sich sehen, hilft dem Stück leider auch nicht weiter. Trump ist echt kacke, und die, die ihn gewählt haben, natürlich auch, und die ganze Gesellschaft und wir alle und natürlich das Wahlsystem. Ein brisanter Text, wie es im Heidelberger Theater-Magazin heißt? Fehlanzeige. Da kann man noch so viel klassische Stoffe herbeizitieren – Kassandra und so – macht es auch nicht vielschichtiger.

Ein Glück wurden nur 35 Seiten des 90 Seiten langes Hörspieltextes für die Inszenierung verarbeitet.

(c) belmonte 2018

Elfriede Jelinek: Am Königsweg. Theater Heidelberg. Premiere 14. April 2018.

Mit:
Elisabeth Auer
Nicole Averkamp
Sheila Eckhardt
Katharina Quast
Katharina Uhland

Regie: Mirja Biel
Bühne: Frauke Löffel
Kostüm: Katrin Wolfermann