Pakals Palast

12. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zwölfter Teil

5. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Illustration: Valentino

Pakal beobachtete den aufgehenden Morgenstern von seinem Palast aus. Er fragte sich, wie oft er ihn noch sehen würde, wie viele Opfer er dem Federschlange-Gott noch darbringen müsse. Er war der legitime Herrscher über sein Volk. In einem einzigartigen Ritual hatte er sich eine Dornenschnur durch die Zunge gezogen: Das Blut tränkte Papierstreifen in einem Korb. Der Priester hatte anschließend das Papier zusammen mit Kopalharz verbrannt. Nachdem die Götter den aufsteigenden Rauch eingeatmet hatten, wurde Pakals Urahn aus der Unterwelt aus dem Rachen der Federschlange heraufbeschworen.

Wie sollte Pakal über die erlittene Schmach hinwegkommen, als man seinen Sohn, den Thronfolger, entführt und geopfert hatte? Er blickte von der Plattform des Palasts hinüber zu den beiden Pinien am anderen Ende des Platzes. Dort stand der Holzpfahl, an den er die Frau hatte fesseln lassen. Er hatte sie auf seinem letzten Raubzug zusammen mit sechs Adligen gefangen genommen. Kurz darauf hatte der Jaguarpriester ihm das Bohnenorakel gelegt, das ihm den nahen Tod durch Krankheit verhieß. Der Herrscher stieg die Treppe hinab. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen am Horizont über die Baumwipfel.

Narcisa rückte mit ihrem Stuhl näher an den Holztisch. Sie hatte beim Erzählen das Essen vergessen. Es lag noch auf dem Teller. Die Nacht war hereingebrochen. Die Kälte kroch von draußen durch die Türritzen ins Adobe-Haus. Emiliana saß in einer Ecke des Hauses und briet Tortillas auf der Steinplatte über dem Holzofen. Paulina hatte gerade Eladio zu Bett gebracht, als die älteren Kinder unbedingt noch weiter zuhören wollten. Narcisa wickelte einen noch warmen Tamal aus den Maisblättern und zerteilte ihn.

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Elfter Teil

29. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Illustration: Valentino

Ein lauer Wind fachte ein Feuer an, das in einer sternenklaren Nacht auf einem zentralen Platz brannte. Der Mond warf ein fahles Licht auf Cecilia. Sie hockte neben dem Feuer auf dem Boden. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken an einen Holzpfahl gebunden. Grillen zirpten. Es roch nach verbrannter Holzkohle. Cecilias Handgelenke rieben sich am spröden Seil wund, mit dem sie gefesselt war. Sie beobachtete die züngelnden Flammen und sprühenden Funken.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie als Kind mit ihrer Familie von zu Hause geflohen war. Eine riesige Aschewolke stieg aus dem Krater des Vulkans hinter den Bergen auf. Zwischen den Berghängen lag im Ascheregen das Dorf, in dem Cecilia aufgewachsen war. Im Durcheinander der Flucht hatte sie ihre Eltern und Geschwister verloren. Die Hitze brannte auf ihrer Haut. Barfuß lief sie entlang eines baumbestandenen schroffen Berghangs über aschebedeckte felsige Wege ins Tal. Auf einmal glitt sie auf dem Fels aus, stürzte und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Blut floss über ihren Fuß und vermischte sich mit Erde.

Auf der anderen Seite des Platzes stiegen die Stufen einer Steintreppe steil zum Himmel hinauf. Über dem oberen Absatz überragte auf einer Plattform ein Dachkamm das Kraggewölbe. Darunter befand sich ein Durchlass in der Mauer des Tempelgebäudes. Cecilia spürte einen Windstoß. Das Seil schnitt in ihre Handgelenke. Sie bewegte ihre Hände und klammen Finger. Dann lehnte sie ihren Hinterkopf an den Pfahl und las den aufsteigenden Rauch.

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Die Entstehung eines Aquarells | 9

22. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zehnter Teil

15. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Illustration: Valentino

Nachdem zum wiederholten Male der Tribut des Vasallen an den Herrscher ausgeblieben war, kam es zum kriegerischen Konflikt zwischen den verbündeten Stadtstaaten. Cecilia wurde bei einem nächtlichen Überfall zusammen mit sechs Adligen entführt. Einst war Pakal ein mächtiger Herrscher gewesen. Von seinem Urahn hatte er die Legitimation zur Macht erhalten. Doch als es zu Revolten gekommen war, verlangte der Federschlange-Gott Blutopfer und er machte viele Gefangene, um dessen Blutdurst zu stillen.

Priesterfürsten und Krieger mit Lanzen zogen bis auf den Lendenschurz entblößte und mit Seilen gefesselte Krieger an ihren langen schwarzen Zöpfen die Stufen der Tempelpyramide hinauf. Einige schrien vor Schmerzen – man hatte ihnen ihre Fingernägel herausgezogen. Das Blut tropfte auf den Kalkstein. Einem anderen hatte man ein paar Zähne gezogen. Nun hielt er einen Zahn zwischen Daumen und Zeigefinger und bot diesen erschrocken einem Fürsten dar. Ein anderer Priester schritt mit einer Schale in der Hand an die Gefangenen heran und gab ihnen einen frisch gebrühten Sud aus Honig, Ackerwinde, Seerose, Pilzen und der Hautausscheidung einer Meereskröte zu trinken.

Irgendwann würde der Morgenstern nicht mehr am Himmel erscheinen. Doch bis es soweit war, und um die Zeit bis dahin zu verlängern, benötigte die Federschlange Blutopfer. So besänftigte Pakal sie, damit Venus ihre Prüfungen bestehen konnte, die sie nachts in der Unterwelt durchlaufen musste. Doch die Zeit lief dem Herrscher davon und so wurde er immer streitbarer. Es dauerte eine Weile, bis die Gefangenen nicht mehr klar denken konnten. Begleitet von allerlei Räucherei stieß man sie durch einen Schacht ins Innere der Pyramide und überließ sie ihren Visionen.

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Die Entstehung eines Aquarells | 8

8. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

1. August 2017 § 6 Kommentare

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Illustration: Valentino

Cecilias Haus lag am Rande einer Siedlung. Im Garten wuchsen Früchte und Nüsse. Nachdem sie Blätter und Zweige der Indigopflanze in einem Tongefäß mit Wasser und gelöschtem Kalk eingeweicht hatte, entfernte sie grobe Pflanzenteile, indem sie die Flüssigkeit durch einen Filter in ein anderes Gefäß goss. Die restlichen festen Teilchen schwemmte sie hierin auf. Danach rührte und belüftete sie den Sud, bis dieser eine blaue Farbe angenommen hatte.

Nach dem Trocknen zerrieb sie das Indigopigment und ein filziges weißes Tonmineral mit der Handwalze auf dem Mahlstein und erhitzte alles zusammen mit dem Harz des Kopalbaums in einem Topf über dem Feuer. Die Nachmittagssonne schien von einem teils wolkenbedeckten Himmel. Cecilia hatte vergessen, wann und weshalb sie an den Ort gekommen war, an dem sie sich jetzt befand. Paläste und Tempel aus Kalkstein standen auf mehreren Hügeln in der Umgebung. Am anderen Ende der Siedlung fußten weitere Tempelgebäude auf einer Anhöhe. Hinter den Bauwerken fiel das Flussufer steil ab.

Cecilia trat aus dem Schatten eines Baumes und überquerte einen Platz. Sie stieg mit der mit Farbe gefüllten Dreifußschale aus Ton in der Hand die Steinstufen der Treppe hinauf, streifte den Vorhang beiseite und betrat einen kühlen Raum. Vor ihr breitete sich ein noch unfertiges Fresko aus, das über die gesamte Wandbreite konzipiert war: Vor einem türkisfarbenen Hintergrund blies ein Musiker eine Trompete. Um den sitzenden Maisgott tanzte der Windgott – eine menschliche Figur mit tierhafter Schnauze, krebsartigen Greifarmen und einem Tentakel als Bein. Cecilia übergab die Farbschale dem Künstler. Dieser stellte sie wortlos auf dem Steinboden ab und setzte, nachdem Cecilia den Raum wieder verlassen hatte, sein Werk fort.

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