Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 16. Teil

27. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Illustration: Valentino

Obwohl mir bewusst gewesen war, dass es bereits vielfältige Kontakte gegeben hatte, erschien mir die Lebensweise der Mam relativ ursprünglich. Gleichzeitig glaubte ich schon den tiefen Umbruch erkannt zu haben, der sich in ihrer Gesellschaft abzeichnete: Es schien bloß noch eine Frage der Zeit, dass es im Haus Elektrizität gebe und die Straße nach Huehue komplett asphaltiert sein würde. Ihre Lebensweise würde sich womöglich schneller an die unsrige westlich-industrielle angenähert haben, als man es sich gewünscht hätte – von den Auswirkungen des bevorstehenden Massentourismus ganz zu schweigen.

Emiliana sagte, als Nachspeise gebe es Elote, süße Klöße aus Mehl von jungem Mais. Sie ging zur Feuerstelle, um sie zu holen. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Zum Abschied gaben mir die Mendozas die Hand. Am nächsten Morgen würde ich die Familienmitglieder vermutlich nicht mehr sehen, weil mein Bus nach Xela schon um vier Uhr morgens abfahren sollte. Ich war der letzte, der ihnen nicht eine Waschmaschine gegönnt hätte, damit Paulina nicht weiterhin stundenlang in der morgendlichen Kälte am Spülstein stehen musste.

Ob sie eine bekommen haben, sollte ich allerdings nicht mehr erfahren. Ich legte mich unter die Wolldecken auf meine Pritsche und fiel prompt in einen tiefen Schlaf. In der Zeit, die seit meiner Abreise von Todos Santos vergangen war, hat sich meine Sichtweise verändert. Vielleicht aus Angst vor einer Enttäuschung würde ich nicht wieder dorthin zurückkehren. Ich habe mich oft an den Abend bei den Mendozas zu erinnern versucht. Immer wieder hat mich mein Gedächtnis getäuscht und die Ereignisse zur Gegenwart hin zurechtgebogen. Und so bleibt Narcisas Erzählung die einzige nicht verblassende Erinnerung.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 15. Teil

20. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Illustration: Valentino

Pakal hatte sich in letzter Zeit kaum noch blicken lassen und krank in die Gemächer seines Palasts zurückgezogen. Lediglich seine Schergen beaufsichtigten noch die Arbeit in den Steinbrüchen und die Bauarbeiten am Palast. Die neuen Gebäude waren fast fertig. Die Aufseher sorgten mit harten Strafen dafür, dass täglich genügend Steine auf die Baustelle gebracht wurden. Die Arbeiter planten wegen ihrer Ausbeutung bereits einen Aufstand. Die gesamte Gesellschaft war jedoch in einer Art Schockstarre aufgrund des herannahenden Kometen.

Inzwischen glich der Komet einem riesigen Feuerball, obwohl er erst vor kurzem gesichtet worden war. Bis zum Einschlag würde es nicht mehr lange dauern. Cecilia stieg die Stufen des Tempels hinauf und ergriff das Opfermesser aus schwarzem Obsidian in Form eines Lebensbaums, das der Priester auf der Plattform neben der Opferblutschale liegen gelassen hatte. Sie stieg die Stufen wieder hinab und lief in den Palast. Dort lag Pakal bleich und regungslos auf seinem Krankenbett. Kurz darauf legte sich ein kaltes schweres Eisen auf seine Brust.

Narcisa stand vom Stuhl auf und verabschiedete sich. Nun waren auch die älteren Kinder eingeschlafen. Paulina brachte sie zu Bett. Ich fragte Narcisa, ob wir uns nicht von irgendwo her kennen würden. Es kam mir so vor, als wären wir uns schon einmal auf einer früheren Reise begegnet. Leider konnte ich es nicht mehr herausfinden, denn sie ging fort mit der Begründung, es sei schon sehr spät und sie müsse jetzt nach Hause. Daraufhin trat sie durch die Tür in die Nacht.

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 14. Teil

13. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Illustration: Valentino

Cecilia wachte am Seeufer unter einer Weide auf. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Doch der Mond verdeckte sie, so dass ihre Korona um die dunkle Mondscheibe leuchtete. Cecilia watete durch das Schilf knietief ins kühle Wasser und benetzte ihre Haut. Über der Insel nahm sie einen unbekannten Himmelskörper wahr, der größer war und heller strahlte als ein üblicher Stern und der näher zu kommen schien.

Narcisa hob mit der Gabel ein Stück Tamal auf und schob es in den Mund. Beim Kauen trank sie einen Schluck Kaffee aus grob gemahlenen Bohnen. Sie sagte zu Emiliana, dass ihre Tamales immer noch die besten seien und der Kaffee köstlich schmecke. Die Kinder hatten sich zum Schutz vor der Kälte in Decken gehüllt. Sie konnten ihre Augen kaum noch offen halten. Narcisa erzählte, dass Cecilia später nicht mehr gewusst hätte, ob sie die Vorkommnisse am See wirklich erlebt oder bloß geträumt hatte. Vor den plötzlich auftauchenden Kriegern Pakals konnte sie jedenfalls nicht mehr rechtzeitig fliehen. Sie waren ihrer Spur gefolgt und brachten sie nun zurück in die Stadt und von dort in einen Kalksteinbruch, wo sie Strafarbeit verrichten musste.

Cecilia und ihre Mitgefangenen brachen und spalteten den Kalkstein. Träger banden sich die Steinblöcke mit einem Band an die Stirn und trugen sie in die Stadt. Große und schwere Stücke transportierten mehrere Arbeiter mit Halteseilen, Bremskeilen und Gegengewichten auf Rollen dorthin, wo Steinmetze mit Steinmeißeln Reliefs auf die Kalksteintafeln modellierten oder mit Feuersteinmessern Inschriften in den Stuck aus gebranntem Kalk und Muschelschalen schnitten.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 13. Teil

6. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

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Illustration: Valentino

In Wolken aus Räucherwerk, das nach Anis duftete, verschwanden die sechs Gefangenen ins Labyrinth. Dort irrten sie durch geheime verwinkelte Gänge innerhalb dicker Tempelmauern. Ihre blau bemalte Haut leuchtete im Schein der Fackeln, die in einigen Abständen an den steinernen Wänden befestigt waren. Sie erreichten eine Stufe, die steil nach unten abfiel. Einer der Gefangenen ließ eine Fackel über die Kante hinabfallen. Ihr Licht erhellte kurz die Dunkelheit und gab den Blick auf eine Wasseroberfläche frei.

Auf dem Weg ins Tal suchte Cecilia in der hereinbrechenden Nacht Unterschlupf am Fuß einer Zeder. Am nächsten Morgen strich sie nach dem Aufwachen die Asche mit den Händen von ihrer Haut. Ihr Knöchel schmerzte noch immer. Das getrocknete Blut bildete zusammen mit Erde und Asche eine Kruste. Sie lief weiter bergab ins Tal, wo sich eine Menschentraube gebildet hatte. Unter den Geflüchteten fand Cecilia ihre Eltern und Geschwister wieder. Manche versorgten die Wunden der Verletzten oder kochten Essen über offenen Feuerstellen.

Neben dem Feuer lag ein Stück glühende Holzkohle. Cecilia griff es mit den Zehen und stieß es mit dem Fuß hinter ihren Rücken. Dann hielt sie das Seil, mit dem ihre Hände gefesselt waren, über die glühende Kohle und verbrannte es an einer Stelle. Sie löste die Schlingen von ihren Handgelenken, stand auf und lief im Mondschein an den beiden Pinien vorbei in den Wald. Am nächsten Tag erreichte sie das Ufer eines großen Sees, in dessen Mitte in einem Dickicht von Binsen eine Insel lag. Einige weiße Vögel schwammen auf der Wasseroberfläche.

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zwölfter Teil

5. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

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Illustration: Valentino

Pakal beobachtete den aufgehenden Morgenstern von seinem Palast aus. Er fragte sich, wie oft er ihn noch sehen würde, wie viele Opfer er dem Federschlange-Gott noch darbringen müsse. Er war der legitime Herrscher über sein Volk. In einem einzigartigen Ritual hatte er sich eine Dornenschnur durch die Zunge gezogen: Das Blut tränkte Papierstreifen in einem Korb. Der Priester hatte anschließend das Papier zusammen mit Kopalharz verbrannt. Nachdem die Götter den aufsteigenden Rauch eingeatmet hatten, wurde Pakals Urahn aus der Unterwelt aus dem Rachen der Federschlange heraufbeschworen.

Wie sollte Pakal über die erlittene Schmach hinwegkommen, als man seinen Sohn, den Thronfolger, entführt und geopfert hatte? Er blickte von der Plattform des Palasts hinüber zu den beiden Pinien am anderen Ende des Platzes. Dort stand der Holzpfahl, an den er die Frau hatte fesseln lassen. Er hatte sie auf seinem letzten Raubzug zusammen mit sechs Adligen gefangen genommen. Kurz darauf hatte der Jaguarpriester ihm das Bohnenorakel gelegt, das ihm den nahen Tod durch Krankheit verhieß. Der Herrscher stieg die Treppe hinab. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen am Horizont über die Baumwipfel.

Narcisa rückte mit ihrem Stuhl näher an den Holztisch. Sie hatte beim Erzählen das Essen vergessen. Es lag noch auf dem Teller. Die Nacht war hereingebrochen. Die Kälte kroch von draußen durch die Türritzen ins Adobe-Haus. Emiliana saß in einer Ecke des Hauses und briet Tortillas auf der Steinplatte über dem Holzofen. Paulina hatte gerade Eladio zu Bett gebracht, als die älteren Kinder unbedingt noch weiter zuhören wollten. Narcisa wickelte einen noch warmen Tamal aus den Maisblättern und zerteilte ihn.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Elfter Teil

29. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Illustration: Valentino

Ein lauer Wind fachte ein Feuer an, das in einer sternenklaren Nacht auf einem zentralen Platz brannte. Der Mond warf ein fahles Licht auf Cecilia. Sie hockte neben dem Feuer auf dem Boden. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken an einen Holzpfahl gebunden. Grillen zirpten. Es roch nach verbrannter Holzkohle. Cecilias Handgelenke rieben sich am spröden Seil wund, mit dem sie gefesselt war. Sie beobachtete die züngelnden Flammen und sprühenden Funken.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie als Kind mit ihrer Familie von zu Hause geflohen war. Eine riesige Aschewolke stieg aus dem Krater des Vulkans hinter den Bergen auf. Zwischen den Berghängen lag im Ascheregen das Dorf, in dem Cecilia aufgewachsen war. Im Durcheinander der Flucht hatte sie ihre Eltern und Geschwister verloren. Die Hitze brannte auf ihrer Haut. Barfuß lief sie entlang eines baumbestandenen schroffen Berghangs über aschebedeckte felsige Wege ins Tal. Auf einmal glitt sie auf dem Fels aus, stürzte und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Blut floss über ihren Fuß und vermischte sich mit Erde.

Auf der anderen Seite des Platzes stiegen die Stufen einer Steintreppe steil zum Himmel hinauf. Über dem oberen Absatz überragte auf einer Plattform ein Dachkamm das Kraggewölbe. Darunter befand sich ein Durchlass in der Mauer des Tempelgebäudes. Cecilia spürte einen Windstoß. Das Seil schnitt in ihre Handgelenke. Sie bewegte ihre Hände und klammen Finger. Dann lehnte sie ihren Hinterkopf an den Pfahl und las den aufsteigenden Rauch.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zehnter Teil

15. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Illustration: Valentino

Nachdem zum wiederholten Male der Tribut des Vasallen an den Herrscher ausgeblieben war, kam es zum kriegerischen Konflikt zwischen den verbündeten Stadtstaaten. Cecilia wurde bei einem nächtlichen Überfall zusammen mit sechs Adligen entführt. Einst war Pakal ein mächtiger Herrscher gewesen. Von seinem Urahn hatte er die Legitimation zur Macht erhalten. Doch als es zu Revolten gekommen war, verlangte der Federschlange-Gott Blutopfer und er machte viele Gefangene, um dessen Blutdurst zu stillen.

Priesterfürsten und Krieger mit Lanzen zogen bis auf den Lendenschurz entblößte und mit Seilen gefesselte Krieger an ihren langen schwarzen Zöpfen die Stufen der Tempelpyramide hinauf. Einige schrien vor Schmerzen – man hatte ihnen ihre Fingernägel herausgezogen. Das Blut tropfte auf den Kalkstein. Einem anderen hatte man ein paar Zähne gezogen. Nun hielt er einen Zahn zwischen Daumen und Zeigefinger und bot diesen erschrocken einem Fürsten dar. Ein anderer Priester schritt mit einer Schale in der Hand an die Gefangenen heran und gab ihnen einen frisch gebrühten Sud aus Honig, Ackerwinde, Seerose, Pilzen und der Hautausscheidung einer Meereskröte zu trinken.

Irgendwann würde der Morgenstern nicht mehr am Himmel erscheinen. Doch bis es soweit war, und um die Zeit bis dahin zu verlängern, benötigte die Federschlange Blutopfer. So besänftigte Pakal sie, damit Venus ihre Prüfungen bestehen konnte, die sie nachts in der Unterwelt durchlaufen musste. Doch die Zeit lief dem Herrscher davon und so wurde er immer streitbarer. Es dauerte eine Weile, bis die Gefangenen nicht mehr klar denken konnten. Begleitet von allerlei Räucherei stieß man sie durch einen Schacht ins Innere der Pyramide und überließ sie ihren Visionen.

(c) valentino 2017

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