Freddy Mork (Kumpanenporträt)

Zu Katharina Dücks bereits vor einiger Zeit auf vnicornis veröffentlichten Rezension von Freddy Morks Verlorenen Märchen folgt hier ein sehr sehenswertes Videoporträt.

Der Brot & Kunst Verlag freut sich nach wie vor über Bestellungen des Buches unter:

Verlorene Märchen von Freddy Mork im Brot & Kunst Verlag

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Manuel Beck performt die Verwandlung

Ludwigshafen, den 5. August 2016:

Manuel Beck performt die Verwandlung aus meinem Versepos Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert:

Poetry Jam Bauch, Beine, Po-etry der Heidelberger Dichtergruppe KAMINA im Ludwigshafener Hack-Museumsgarten.

Das eBook Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert ist im Juli 2016 bei tolino media erschienen:

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB)

über nacht fiel mich eine dunkelheit (Choral)

belmonte

über nacht fiel mich eine dunkelheit
und kein morgen scheint mir noch licht
ich käme daraus hervor
und warte doch dass die nacht vergeht
ein leise sausender wind weht
der nacht dieser welt verlorn

ein kampf den kämpfte ich alle zeit
gegen wen der mich übermocht
noch wäre kein auferstehn
ich schau in den abgrund tiefer nacht
aus ewer schmerzen aufwacht
nur kummernis trübe und weh

seh am morgen blauenden himmel weit
und ein helles licht scheint mich an
wann lang keine hoffnung mehr
dann schaue ich schönheit größer noch
als alles was ich je ausdacht
kein ratschluss der herrlicher wär

unser vater vater in ewigkeit
ob ich lebe sterbe bei dir
hier gebe ich mich dahin
denn das ist viel mehr als alle welt
wo immer du mich hinstellt
bleib ich doch von anfang dein kind

(c) belmonte 2013

Der Choral wurde 2013 als sechste Kanzone der geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht veröffentlicht. Nach zwei Jahren habe ich ihn mir nochmals vorgenommen, die Instrumentierung von einer monotonen Orgel auf Streicher geändert, die Akkordbegleitung behutsam angepasst und das Tempo des ganzen Satzes ein wenig verringert.

Kostenloses eBook im PDF-Format oder EPUB-Format

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | vierte kanzone | wiegenlied

belmonte

vierte kanzone | wiegenlied

abend ist kommen zu ruhen ist warm
nimmt dich das himmelskind in seinen arm
kommt es zu dir wie es zu deinem brüderchen kam

denk mal wär morgen ein schönerer tag
hätte ichs dir nicht schon heute gesagt
keiner ist da den ich mehr noch viel mehr als dich mag

schlafe mein kindlein nun schlafe bald ein
schützende hand wird dann über dir sein
draußen ist dunkel und du bist bei mir nicht allein

(c) belmonte 2013

Kostenloses eBook im PDF-Format oder EPUB-Format

Lesung „Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert“ (Pop Verlag)

Nachwort von Cristina Beretta:

Und Du sollst ein Gott sein
nach unserem Maße also?

Er musste getötet werden
Es ging nicht anders …

Gewiss ist nur, dass alles,
Alles verkehrt ist!
Gott, was heißt es!

Also beginnen wir
Von vorne wieder.

David Maria Turoldo (1987)

Der Gott, den der italienische Dichtertheologe David Maria Turoldo zur Rechenschaft zieht, hat einen großen Fehler begangen. Er hat den Tod seines eigenen Sohnes gefordert. Der humanistischen Denkweise des aufgeklärten Abendlandes zufolge stimmt etwas nicht. Die Geschichte soll neu geschrieben werden, jedoch ohne Fehler, auf dass die Theodizeefrage sich erübrige. Der Fehler kann ja nicht das Maß sein, nach dem Gott und sein Abbild gefertigt sind!

Von vielen Ausprägungen dieses ,Fehlers‘ berichtet der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert. Von einem Protagonisten im eigentlichen Sinne kann keine Rede sein, denn ágon, der Kampf, ist nicht sein Los. Nicht das Schwert sondern die Feder ist sein Attribut. Er hat Gott herausgefordert, sich ihm zu erkennen zu geben. Diese Hybris bestraft Gott, indem er ihn nach eisernem Talionsgesetz zur Erkenntnis von Gut und Böse verdammt, allerdings mit einer einschränkenden Klausel: Der geistgewordene Mensch darf Gott durch dessen Werk – die Welt – erkennen, in das Weltgeschehen darf er indes nicht eingreifen, denn er soll nur Zeugnis ablegen. Der Sündenfall kollidiert mit der Geburt des geschriebenen Wortes.

Der geistgewordene Mensch sieht und berichtet von Erschießung, Ermordung und Vernichtung. Unergründliche, grundlose Gewalt. Eine vertraute condition humaine unseres beginnenden 21. Jahrhunderts: Der homo observans mit Fernbedienung und Maus in der Hand erfährt zeitgleich, was in der Welt geschieht, und ist in Sekundenschnelle informiert, zuweilen sogar besser als die Involvierten selbst. Er ist überzeugt, dass er wissen muss. Wissen ist Macht und die Erkenntnis geht der Handlung voraus – dies besagt die abendländische sokratische Tradition. Der moderne Mensch erlebt durch Zuschauen. Die Authentizität ergibt sich aus der Zuschauerperspektive eines Außenstehenden mit einer Videokamera in der Hand.

Der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit sieht jedoch mehr als den Tanzplatz des Todes. Eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen offenbart sich ihm als Simultaneität von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Anders als in Dantes Divina Commedia sind diese Sphären hier nicht hierarchisch geordnet, von Wächtern streng bewacht und strikt getrennt. Die Schönheit der Natur, das beschauliche Landleben, die Fähigkeit der Menschen zur uneigennützigen Liebe sind Inseln des Guten. Oder sind sie etwa das notwendige Substrat des Bösen? Dieser Gleichzeitigkeit ist mit der Idylle und zugleich einer Ästhetik des Schreckens nachzukommen.

Anders als der zu einem ähnlichen Los verurteilte Seemann aus Samuel Taylor Coleridges The Rime of the Ancient Mariner (1797/1798) bietet der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit keine Antworten an. Er berichtet lediglich. Seine Sprache ist kraftvoll, hyperbolisch und dennoch in einer festen Metrik gebändigt, die das Schöne und das Gute vor dem Angenehmen bewahrt und das Grausame in erschreckender Genauigkeit einzufangen weiß. Doch der ununterbrochen vorwärts treibende Rhythmus der Trochäen duldet keine Rast. Unermüdlich Zeuge sein ist das Los des geistgewordenen Menschen.

Anfangs zeigt sich Gott in persona als der mächtige, strafende, zornige, eitle und vernichtende Gott des Alten Testaments. Ein nahbarer Gott, den man unmittelbar ansprechen kann. Ein naher Gott, da ihn diese Attribute menschlich erscheinen lassen. Durch seine Taten, durch die Welt, scheint Gott sich eher als coincidentia oppositorum zu offenbaren.

Erkennt der geistgewordene Mensch einen allzumenschlichen oder einen unergründlichen Gott? Sind dieser und sein Werk in einem amor fati zu bejahen? Gilt die Grausamkeit auf Erden etwa als Beweis eines furchterregenden, jähzornigen Gottes? Und noch: Was hat es mit dem Wissen der letzten Dinge auf sich? Macht die Erkenntnis den Menschen nur ohnmächtig statt allmächtig, wie es im ausgegangenen Jahrhundert Jorge Luis Borges in seinem Aleph-Zyklus (1944-1952) vielleicht am prägnantesten gezeigt hat? Dem Leser die Entscheidung.

Der Schreiber erzählt eine vertraute Geschichte, aber er erzählt sie neu, mit der erbarmungslosen Präzision des unmittelbaren Zuschauers, der Beharrlichkeit einer verzweifelnden Ohnmacht und der unermüdlichen Kraft eines ursprünglichen Staunens. Ist nun alles verkehrt, wie der Autor des zu Beginn zitierten Gedichts konsterniert ruft? Ist überhaupt die Rede vom gleichen Gott?

Also beginnen wir die Lektüre von vorne wieder.

(c) Pop Verlag, Ludwigsburg, 2008