Seenot, Plotlosigkeit und Gesichtserkennung (Werkstatt)

14. Oktober 2017 § 3 Kommentare

belmonte

Immer mehr NGOs ziehen sich mit ihren Seenotrettungsschiffen aus dem Mittelmeer zurück, da die italienische Regierung ihnen Kollaboration mit Schleppern vorwirft und sie zur Unterzeichnung eines Verhaltenskataloges zwingt, der dem Sinn und Zweck von Seenotrettung widerspricht. Aus meiner Sicht ist das eine Jämmerlichkeit der italienischen Politik, mehr noch aber ein jämmerlicher Mangel an europäischer Zusammenarbeit. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das alles viel besser lösen würde.

Larry Brown: Fay

Larry Brown: Fay

Schnelle Lektüre von Larry Browns Südstaaten-Roman Fay. Die noch nicht ganz volljährige Fay verlässt ihre verwahrloste Familie und schlägt und schläft sich mit einigen Stationen an die Golfküste durch. Das Buch kommt nicht ganz an Joe R. Lansdale heran, längst nicht an Cormac McCarthy, ist aber eingängig zu lesen. Ich verstehe nicht ganz, was erzählt wird, was mir nicht andere schon erzählt haben. Einige Charakterisierungen finde ich nicht sehr glaubwürdig, innere Monologe bleiben gelegentlich im Ansatz stecken, Dreck wird an einigen Stellen sichtbar, aussichtsloses Treibenlassen und ein paar schlimme Morde und andere Tötungen. Mich hätte aber interessiert, wie das Buch von einer Schriftstellerin ausgefallen wäre. Ich werde schauen, welche Southern-Gothic-Autorinnen ich noch entdecken kann. Verbindendes Merkmal all dieser US-Südromane (McCarthy, Lansdale, Brown etc.) ist das scheinbar planlose (plotlose) Dahintreiben der Handlung, viele unwichtige Dinge passieren, ich frage mich, warum hat der Autor das eingebaut, aber es ist echtem Leben nachempfunden, zig Sachen, die heute passiert sind und für meinen eigenen Tagesplot (wie bitte?) völlig unbedeutend sind, aber eben geschehen sind („Ich stelle noch eben die Butter zurück in den Kühlschrank.“), hier werden sie bedeutungslos miterzählt.

Bei Larry Browns Fay hat mir die Geschichtslosigkeit nicht gefallen. Man kann das einem Roman eigentlich nicht vorwerfen, aber zur Zeit gefallen mir Bücher besser, die in einen historischen Rahmen eingefasst sind. Grossmanns Leben und Schicksal war von der Sorte. Tomasi di Lampedusas Gattopardo ebenso. Auch in der Fantasy fordere ich historischen Hintergrund ein. Tolkiens Herr der Ringe ist übervoll davon. Auch Mitchells Vom Winde verweht steht auf meiner Liste, obwohl es seit einiger Zeit in den USA als sehr gestrig gebrandmarkt wird.

17. August 2017

Abends lese ich die Nachrichten aus Barcelona, den schrecklichen Anschlag auf den Ramblas, diesmal kein Angriff auf ein Land oder eine Stadt sondern auf viele Nationalitäten. So schlimm es ist, es schweißt zusammen, zumindest über die sozialen Medien, obwohl noch viel mehr Gesichtserkennung aufgebaut werden dürfte, scheinbare Sicherheit, fast schon ein strukturelles Agreement zwischen Terroristen und westlichen Postdemokraten. Trump übertrumpft sich mal wieder selbst, man kann seine Tweets schon gar nicht mehr ernsthaft kommentieren.

(c) belmonte 2017

Larry Brown: Fay. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 652 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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Rechte Sesselfurzer, Menschlichkeit und Epik (Werkstatt)

7. Oktober 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Auf Facebook bin ich mit Horst Samson befreundet, der genau wie ich im Pop-Verlag publiziert, vor Jahrzehnten aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist und seit längerer Zeit auf Facebook gegen Flüchtlinge, Islam, vermeintliche Indifferenz der Politik und Staatsversagen polemisiert. Ausgangspunkt ist häufig ein wie auch immer passender Zeitungsartikel, der sich natürlich immer findet und die vorausgesetzten Fakten liefert. Ich finde diese Verhärmtheit, die sich als Abgeklärtheit ausgibt, erbärmlich (und würde gerne den Zusatz „unter Schriftstellern“ vermeiden), Verbitterung mit gesteigerter Verschlossenheit, die in schlechten Nachrichten immer nur sich selbst erkennt.

Horst Samson auf Facebook

Horst Samson auf Facebook

Da wird irgendein Artikel geteilt, in dem Flüchtlinge (natürlich synonym für: Terroristen) als gefährlicher als Nazis bezeichnet werden, worauf sich augenblicklich die Follower-Glocke an rechten Sesselfurzern, die nie aus ihrer Mulde herausgeschaut haben, zu Wort meldet. Dabei hat Samson vor Jahrzehnten selbst Aufnahme gefunden, jetzt will er womöglich besonders deutsch sein. Es ist läppisch. Was mich zuversichtlich macht: Rechte Schriftsteller fallen erfahrungsgemäß reihenweise der Vergessenheit anheim. Ich frage mich aber, ob Nichtbeachtung die bessere Strategie wäre.

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich Wassili Grossmanns Leben und Schicksal ausgelesen habe, das mich am Ende sehr beeindruckt hat. Es ist ein Krieg und Frieden der Stalingradschlacht mit unglaublicher Eindringlichkeit in der Darstellung der deutschen Vernichtungsindustrie. Viele Personen sind mir ans Herz gewachsen. Es ist schwierig, unschuldig zu bleiben, aber unter den Schuldigen machen sich viele sehr schuldig. Menschlichkeit ist dennoch der einzige Ausweg und Lichtblick. Kern des Werkes ist eine Phänomenologie der Menschlichkeit, die im Mahlstrom der zerstörerischen Gesellschaftssysteme und Ideologien immer wieder durchleuchtet. Es war „dem Weltschicksal, dem verhängnisvollen Lauf der Geschichte, dem Zorn des Staates, dem Ruhm und der Schmach im Schlachtengetümmel doch nicht überlassen, die Wesen zu verändern, die sich Menschen nannten. Was immer sie erwartete – Ruhm für ihre Leistungen oder Einsamkeit, Verzweiflung und Elend, Lager und Hinrichtung –, sie würden als Menschen leben und als Menschen sterben, und jene, die umgekommen waren, hatten es geschafft, als Menschen zu sterben.“ (1037)

Wassili Grossmann

Wassili Grossmann / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain)

Ich habe Wassili Grossmann erst spät entdeckt. Er gehört für mich in dieselbe Riege der großen russischen Romanautoren des 20. Jahrhunderts wie Pasternak, Bulgakow und Bunin, ein Dichter, dessen Werk von tiefer Epik durchdrungen ist. Gerade habe ich Grossmanns ebenso umfangreiches Vorgängerwerk Wende an der Wolga in der Post gefunden. Es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass dieses Buch noch vor mir liegt.

Epik ist das Erscheinen eines hellen Sternes im finsteren All, der immer näher kommt und nach und nach immer mehr Details und Personen und Schicksale erkennen lässt und daran teilhaben lässt und Freiheit und Verhängnis und den Kampf in diesem Verhängnis miterleben lässt und am Ende unvermittelt wieder herauszoomt und sich in den Weiten des dunklen Alls verliert. Von genau dieser Art ist Tomasi di Lampedusas Gattopardo, der in den beiden zwanzig bzw. fünfzig Jahre nach der Haupthandlung angefügten Schlusskapiteln den entschwindenden Stern sogar in der Kapitelstruktur sichtbar werden lässt.

Ich mag deshalb das Theater sehr, weil es mich an diesem hellen Stern aus einem dunklen Raum heraus teilhaben lässt. Womöglich bin ich auch deshalb ein begeisterter Science-Fiction-Leser.

Ich beobachte auf Twitter und Facebook das Phänomen, dass Leute Markenprodukte (z. B. Strohhalmgetränke) zu ihrem Erkennungsmerkmal machen, dabei aber nicht merken, dass sie sich selbst zum Konsumierten machen und von der Marke gemacht werden.

(c) belmonte 2017

Wassili Grossmann: Leben und Schicksal. Aus dem Russischen übersetzt von Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann, Elisabeth Markstein und Annelore Nitschke. Claassen, Berlin 2007, 1084 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wassili Grossman. Wende an der Wolga. Aus dem Russischen übersetzt von Leon Nebenzahl. Dietz, Berlin 1958, 927 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Pflichtimpfungen, Metakultur und Sizilien (Werkstatt)

30. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

August 2017 und später

Italien hat vor kurzem Pflichtimpfungen für eine ganze Reihe von Krankheiten eingeführt (Diphtherie, Keuchhusten etc.). Die Proteste sind massiv, auch in meinem Bekanntenkreis, seltsame Vorstellungen von Liberalität schwingen mit, verbunden mit einer zunehmenden Infragestellung moderner Medizin. In Deutschland wird dagegen bei Impfverweigerung die Absage des Kita-Platzes oder Herabsetzung des Kindergeldes diskutiert.

Die italienische Fünf-Sterne-Bewegung möchte überdies einen offiziellen Gedenktag für die süditalienischen Gefallenen der nationalen Einheit Italiens vor 150 Jahren einführen. Ich bin nicht sicher, ob das nicht nur eine Sommerdebatte im Corriere della Sera ist. Verquerer Regionalismus, alte Ressentiments, meridionales Selbstmitleid („vittimismo“) erheben ihre Stimmen und Gegenstimmen. Da beklagt sich wirklich noch heute jemand über die verräterischen Savoyen-Kollaborateure. Es riecht sehr nach antiquiertem Protest mit einem Gutteil purer Störerlaune.

Peripherie wird meistens vom Zentrum aus kolonialisiert, ist aber immer Potenzial, zum Motor der Gesamtveränderung zu werden. Genau darin sehe ich eine immense Chance, die nicht aus der Hand gegeben werden sollte, nämlich keine Kultur- und Gedankenkolonialisierung zu betreiben, sondern eine Metakultur als Fundament zu legen, die überhaupt erst plurale Kultur ermöglicht, und als bewusste Metakultur kulturelle Vielfalt ermöglicht. Daraus wird dann ein Menschenrecht auf je eigene Kultur im Sinne einer kulturellen Individualität, die aus der bewussten Metakultur Pluralität bedingt und nicht mehr territorial gebunden ist. Daraus wird dann ebenfalls ein Menschenrecht auf individuelle Multikulturalität. Und darin fallen auch Menschenrechte („wir sind es dir schuldig, aber sei gefälligst dankbar“) und Bürgerrechte („ich fordere es ein“) zusammen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo

Europa wird für mich etwas sein, für das ich aufstehe, wenn es diese Metakultur wird, in der eine Kultur erst dann ihre Berechtigung erhält, wenn sie bereit ist, für jede andere Kultur zu kämpfen (verstanden als aufklärerisches Projekt vergleichbar zu Voltaires Einstehen für nichtgeteilte Meinungen Dritter). In Tomasi Di Lampedusas Gattopardo aber lerne ich viel über die südliche Mentalität: „In Sizilien ist es nicht von Wichtigkeit, ob man übel oder ob man gut tut: die Sünde, die wir Sizilianer nie verzeihen, ist einfach die, überhaupt etwas zu tun.“

(c) belmonte 2017

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo. Aus dem Italienischen von Giò Waeckerlin Induni. Piper, München 2005, 364 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Pakals Palast

12. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

(c) valentino 2017

Die Entstehung eines Aquarells | 9

22. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

(c) valentino 2017

Die Entstehung eines Aquarells | 8

8. August 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

(c) valentino 2017

Musik, Hässlichkeit und das Mittelmeer (Werkstatt)

8. Juli 2017 § 2 Kommentare

belmonte

Die USA haben als ihre Nationalmusik Jazz und Blues, aus denen ein Gutteil der Popmusik hervorgegangen ist, entstanden aus gebrochener Geschichte, durchdrungen von afrikanischen Grundelementen, osteuropäischer Klangwelt und europäischer Polka, die über Irland nach Amerika übergefidelt ist. Wenn Europa zusammenkommen will, braucht es eine eigene originäre Musik, die klar als europäische Musik erkannt wird, populär ist, jugendlich, ekstatisch. Sie wird das Prinzip der Diversität in sich enthalten und wird, wie Jazz und Blues, kontinuierliche Erneuerung nicht nur erlauben sondern dazu motivieren und sie geradezu fordern, sie wird in ihrer Ekstase kindlich vorausschauend, in ihren Brüchen traurig, melancholisch und weise sein, sie wird eine Synthese verschiedener Peripher- und Zentralmusiken sein, aber kein willkürlicher Mix, sie wird spontan entspringen und nicht erdacht sein, sie wird Symptom sein eines Europa, das zusammenhalten will, weil es zusammenfällt, das ist Gesang. [Pizzico, Fado, armenische Musik, Polka, Electronica, Fidel etc.]

Sprechen wir über die Hässlichkeit von Armut und Not? Gehen die Werbungen für Hilfsorganisationen mit hübschen Kindergesichtern an der Realität vorbei, sind bestenfalls zielführend? Wo werden Dreck und Hässlichkeit gezeigt? Erweckt Hässlichkeit kein Mitleid? Was aber ist dann der Wert echten Mitleids, wenn es von falschen Bildern abgerufen wird? Müssten, um Not zu bekämpfen, die falschen Bilder entfernt werden? Lassen sie sich zumindest dekonstruieren? Wie aber dadurch sie wieder neu zusammensetzen? Wem ist geholfen, wenn Reichtum Armut nur durch die Brille der Schönheit betrachtet?

Pulse of Europe

Pulse of Europe / Foto: belmonte

Ich befürchte, dass Europa als Nation wieder einmal als eine linke Bürgerbewegung startet, die dann von der Rechten übernommen wird, sobald diese Europa erst für sich entdeckt hat. Dann wird das Mittelmeer noch breiter und tiefer ausgebaggert. Einstweilen gefällt mir aber der Pulse of Europe, ein schöner Altersmix, darunter sogar Studenten, die für Freihandel eintreten (!), jedenfalls die fällige Antwort auf die Populisten.

(c) belmonte 2017

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