Alltägliche Corona-Eskalation

belmonte

Im Bus auf dem Weg in die Heidelberger Peripherie.

Frau trägt Maske unterm Kinn. Busfahrer durchs Mikrofon: „Setzen Sie bitte die Maske auf.“

Maske rauf bis knapp überm Mund.

Als sie zum Aussteigen aufsteht, die Maske wieder unterm Kinn, schlägt ein Mann mit flacher Hand mit voller Wucht aufs Trennglas und ruft lautstark: „Maske uff!“

Alle schrecken auf. Sie völlig verängstigt.

Vor mir einer: „Müssen Sie uns denn so erschrecken?“

Maske-uff-Mann laut zur demaskierten Frau: „Wennde querdenke willst, mussde nach Stuttgart.“

Sie leise: „Wenn Sie doch bloß die Wahrheit wüssten.“ Steigt aus.

Alle Seiten sind leider sehr nervös, und öffentliche Aufforderer gibt es leider mehr und mehr auch auf der vernünftigen Seite.

Es ist schade zu sehen, wie das Richtige immer wieder umschlagen und sehr unsympathisch werden kann.

(c) belmonte 2021

Drei Drohnengesetze (auf Asimovs Robotergesetzen basierend)

belmonte

Für mich gibt es eine enge Beziehung zwischen Drohnenkrieg und drohendem Krieg, die mehr als eine wörtliche Spielerei ist.

Wie wäre es, wenn weltweit die drei Asimovschen Robotergesetze auch auf Drohnen angewendet würden?

1. Eine Drohne darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

2. Eine Drohne muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.

3. Eine Drohne muss ihre Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Alle kennen die Folia – Ein Satzmodell durchzieht die Musikgeschichte

belmonte

Es ist immer wieder eine wunderbare Übung, musikalischen Linien über Raum und Zeit nachzuspüren. Ich habe das in diesen Tagen mit der Folia getan, einem der ältesten aufgezeichneten harmonisch-melodischen Satzmodelle der europäischen Musikgeschichte, die ich nicht nur wunderschön finde, sondern auch in überraschenden Variationen über die Jahrhunderte und Kontinente verstreut wiederentdecke, ein musikalischer Satz, der in der Musik zwischen Populär- und Hochkultur oszilliert (ach Mensch, ich weiß doch, wie hinfällig diese Unterscheidung zwischen U- und E-Musik ist).

Wie beim Minnesang handelt es sich bei der Folia aus meiner Sicht um eine der womöglich gar nicht so zahlreichen Grundierungen der europäischen Musik. Und ganz nebenbei lässt sich an ihr auf hervorragende Weise zeigen, wie sich Dur und Moll sowohl in ihrer Abgrenzung, Parallelität und Verwobenheit als auch in ihrem räumlichen Bild des Auf- und Abstieges durchgesetzt haben.

Die Basis-Akkordfolge der Folia, hier in D-Moll gesetzt,

Folia-Satzmodell

lässt sich sehr eingängig in Jordi Savalls Interpretation von Antonio Martin y Colls Folías de España (gleich zu Beginn der Aufnahme) nachvollziehen. Wir alle haben diese Akkordfolge in unserem Musikgedächtnis abgespeichert:

Es gefällt mir so sehr, mein eigenes Musikgedächtnis in all seinen versteckten Winkeln auszuleuchten. Da finden sich Harmonien und Melodien, die ich alle kenne, die aber immer wieder lange im Verborgenen liegen. Mein Gehirn verwandelt sich dann für mich in eine Musikbibliothek, mitunter leider sehr ungeordnet.

Beethoven, 5. Sinfonie, im 2. Satz höre ich eine kurze Variation über das Satzthema, die eine merkwürdige Eigenständigkeit aufweist. Ich höre sie wieder und wieder. Beethoven hat hier eine herrliche Miniatur herausgearbeitet. Es ist eine kleine Tanzszene, wie eine Pavane, ein italienischer Schreittanz, ein Umwerben, Schritt und Innehalten, Schritt und Innehalten, ein Aufstieg gefolgt von einem Abstieg.

Die Variation verschafft sich auch dadurch ihre Eigenständigkeit, dass sie im Unterschied zum Thema und den Hauptvariationen des 2. Satzes in Moll aufsetzt. Die Oboe beweist Beethovens bildnerische Meisterschaft. Ehe man es sich versieht – oder vielmehr verhört –, ist die Variation auch schon vorbei und eine sehr viel breitete Variation des Satzthemas setzt wieder ein.

Hier sind aller Übermut und alle Tollheit, die in dem Begriff Folia stecken, in einen moderaten Auf- und Abstieg sublimiert.

Einhundert Jahre früher hat sich Vivaldi über dem Thema, wie nicht anders zu erwarten ist, mit endlosen Variationen ausgelassen:

Im 20. Jahrhundert findet die Folia Eingang in die Filmmusik. Nino Rota hat in der Romeo-und-Julia-Verfilmung von Zeffirelli das Thema mehrfach eingearbeitet, um die Renaissance-Atmosphäre des Filmes musikalisch einzufangen. Cupid he rules us all:

Mit vollbesetzten Streichern, Bläsern und Harfe fährt Nino Rota dann zu epischer Stärke auf:

Episch geht es weiter in der Titelmusik des Filmes 1492 – Conquest of Paradise. Im musikalischen Thema des Ridley-Scott-Filmes über die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus untersetzt der griechische Komponist Vangelis die Folia-Akkorde kurzerhand mit Bolero-Rhythmus und pseudo-lateinischem Chor, welcher der Mode der 90-Jahre folgend auf Gregorianischen Gesang verweist:

Indische Populärmusik, vor allem in Bollywood-Filmen, hat es immer schon geschafft, Elemente aus der europäischen Musik auf bewundernswerte Weise zu integrieren. Ich war dennoch überrascht, als ich das Folia-Motiv in ziemlich originaler Akkordfolge in der Bollywood-Schnulze Kuch Kuch Hota Hai wiedergehört habe. Die beiden Komponistenbrüder Jatin und Lalit Pandit haben ganze Arbeit geleistet:

Und auch sie zeigen, dass die Streicher noch eine emotionale Tränenstufe drauflegen können.

Zum Abschluss folgt noch ein Stück aus dem bezaubernden Zeichentrickfilm Das letzte Einhorn. Auch wenn sich Jimmy Web in seiner Filmmusik nicht so streng an die Vorlage hält, möchte ich dennoch mit zwei Ausschnitten aus dem Film schließen, die zeigen, dass die Folia imstande ist, auch moderne Fantasy musikalisch zu unterlegen. Wie schön erwacht hier der Wald:

Ausblick

Vielleicht schließe ich in einem folgenden Blogpost ein paar Zeilen über verwandte Auf- und Abstiegsmotive in indischen Bhakti-Gesängen an. In dem durch Mahatma Gandhi bekannt gewordenen Lied Raghupati Raghav Raja Ram lassen sich interessante Beziehungen zur Folia feststellen.

Moll und Dur sind hier auf ganz andere Art miteinander verwoben und oszillieren und gehen mitunter völlig ineinander über. In dem Lied Mann Mohana aus dem Historienfilm Jodhaa Akbar lässt sich das erahnen:

(c) belmonte 2021

Der Erste Belmontiner in zwei Beispielen

In Vorbereitung zu meinem Kamina-Online-Workshop über Metrik am 22. Januar 2021 stelle ich hier an zwei Beispielen den Ersten Belmontiner vor, eine Strophen- und Liedform, die ich vor ein paar Jahren während der Arbeit an meinem Versepos Junas Lob entwickelt habe.

1.

erblendete das morgenlicht mein schauen
nach aufgewühlter nachtin
erhebt die sonne sich gewohnter pracht in

schon bin ich wieder in mich selbst gedrungen
wo sich nichts rührt das mich vermochte zu bewahrn
weiß ich zurück zu schauen auf die zeiten jungen
wie hat seit hin mein bild sich von mir selbst zerfahrn

wann zähl nich mer nach tagen sondern jahren
kein schlaf wird meiner wacht in
der ích schon längst vergessen hab was je gedachtin

2.

nam klirrend starres kalt mich in beschlac
verdeckte meine sinne
ich wurde außerhalben nich mer inne

dem sinn auf anbeginnen abgeschworen
erfroren waren als was bitterer klang
vor zeiten mir in dunkel die amoren
wärs nichts gewesen als ein früher hang

zur neige alles große einst enfangen
auf erden sein bin ich nich mer gewinn
kommt alles darauf zu dass ich zu ende bin

Der Erste Belmontiner ist eine Ballata-Form mit 3-versiger Ripresa (A B B), 4-versiger Stanze (C D C D) und abschließender Ripresa (D B B).

Die Schöpfung von Lied- und Strophenformen und deren Variationen wird nach meinem Dafürhalten von der zeitgenössischen Dichtung leider sehr vernachlässigt. Dabei lässt sich hier sogar eine Art Metakreativität erreichen.

Allerdings werden Strophenformen nicht wirklich neu erschaffen, sondern vielmehr entdeckt, zumindest wiederentdeckt und im besten Falle aus dem vorhandenen, historischen und aktuellen Sprachmaterial wie aus Wasser geschöpft oder aus Stein herausgemeißelt.

Die beiden Lieder erblendete das morgenlicht mein schauen und nam klirrend starres kalt mich in beschlac finden sich im Kapitel Junas Bitternis im Versepos Junas Lob, Brot & Kunst Verlag, Neustadt/Weinstraße 2018.

(c) belmonte 2020

Die letzten Glühwürmchen – Trauriger geht’s nimmer (Filmrezension)

Hotaru no haka

Wieder ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Anime-Kriegsdrama // Am 21. September 1945 bin ich gestorben. Dieser „Ich“, das ist Seita, der zerlumpt und abgemagert in einer japanischen Bahnhofshalle kauert, zusammensackt und seinen letzten Atemzug aushaucht. Ein Bahnbediensteter entdeckt den Leichnam, nimmt das tragische Ereignis achselzuckend hin, weil es offenbar an der Tagesordnung ist.

Der Prolog von „Die letzten Glühwürmchen“ nimmt das Ende vorweg, und das ist auch gut so. Das Anime-Kriegsdrama von 1988 ist traurig genug. Hätten wir auch noch die Hoffnung auf ein Happy End, die aber im Finale zerstört würde, würden wir anschließend womöglich noch bedrückter und bewegter sein, als wir es ohnehin sind.

Bomben auf Kōbe

Die Handlung springt zurück in die Zeit der
Luftangriffe auf Kōbe, die von Februar bis August 1945 andauerten. US-Bomber nähern sich der japanischen Großstadt. Seita und seine kleine Schwester Setsuko verpassen den Zeitpunkt, die Luftschutzbunker zu erreichen. Um sie herum entfachen Brandbomben einen Feuersturm, dem die in typisch japanischer Leichtbauweise errichteten Häuser reiche Nahrung bieten. Er und seine auf seinen Rücken geschnallte Schwester überleben knapp. In einem behelfsmäßig eingerichteten Lazarett trifft Seita auf seine Mutter, die schwerste Verbrennungen erlitten hat und im Sterben liegt. Kurz darauf wird ihr Leichnam gemeinsam mit vielen anderen verbrannt.

Ein Junge stirbt

Die Geschwister kommen für eine Weile bei einer Tante unter, die sich nach einer Phase der Eingewöhnung als recht kaltherzig erweist. So wirft sie Seita Faulheit vor, weil er nichts tut, außer sich um Setsuko zu kümern, der sein gesamtes Pflichtbewusstsein gilt. Schließlich entscheidet der Junge, mit seiner Schwester in eine Höhle umzuziehen, die er entdeckt hat. Dort müssen die beiden fortan dem Hunger und den Krankheiten trotzen.

„Warum sterben die Glühwürmchen so schnell?“

Schon wenn Setsuko kurz nach dem Bombenangriff Ich will zu meiner Mama schluchzt, zerreißt es einem das Herz, und es wird nicht weniger traurig, im Gegenteil. Selbst wenn die Kleine unbeschwerte Gedanken äußert, bringt das keine Erholung von der Tragik, sondern vertieft sie noch, da wir wissen, dass Setsukos Unbeschwertheit eine Illusion ist. Eines Tages entdeckt Seita, wie seine Schwester ein kleines Grab für einen Haufen Glühwürmchen buddelt. Mama ist doch auch in einem Grab, oder? Längst hat Setsuko von der Tante vom Tod der Mutter erfahren. Wenn Seita daraufhin zum ersten Mal die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, muss man schon ein arg grober Klotz sein, um keinen Kloß im Hals zu verspüren. Warum sterben die Glühwürmchen bloß so schnell, Seita? So fragt ihn Setsuko und beginnt ebenfalls zu weinen. Wir ahnen: Auch die beiden sind Glühwürmchen, die viel zu schnell verglühen werden.

Vom Regisseur von „Heidi“

Von den deutschen Anime-Fans abgesehen, dürfte die 52-teilige Anime-Serie „Heidi“ von 1974 hierzulande die bekannteste Regiearbeit von Isao Takahata sein – sie lief ab 1977 im ZDF. „Die letzten Glühwürmchen“ bildete 1988 Takahatas Debüt für die heute legendäre Anime-Schmiede Studio Ghibli, zu deren Gründern er zählt und das solche Klassiker wie „Prinzessin Mononoke“ (1997), „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) und „Das wandelnde Schloss“ (2004) hervorbrachte. Er selbst inszenierte noch das Melodram „Tränen der Erinnerung – Only Yesterday“ (1991), das Märchen „Pom Poko“ (1994), die Familienkomödie „Meine Nachbarn die Yamadas“ (1999) und das Märchen „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ (JAP 2013).

Seita und Setsuko fliehen vor den Flammen

Nach einem auf Kriegserinnerungen des Schriftstellers Akiyuki Nosaka basierenden Roman gedreht, hebt sich „Die letzten Glühwürmchen“ visuell von Takahatas übrigen Ghibli-Regiearbeiten und vielen anderen Animes ab, weil viele der Hintergründe und Landschaften deutlich naturalistischer als üblich gezeichnet sind. Die Gesichter erscheinen mir recht typisch gezeichnet, wenn ich mir diese Bemerkung als Anime-Laie erlauben darf. Doch selbst wem dieser Zeichenstil fremd bleibt, wird nicht umhin kommen, das Leid von Seita und Setsuko hautnah nachzuempfinden. „Die letzten Glühwürmchen“ belässt den Fokus ununterbrochen auf den beiden Geschwistern, die uns dadurch sehr ans Herz wachsen. Das macht insbesondere das Ertragen des knapp 20-minütigen Schlussakkords umso schwerer.

Sehr erwachsenes Anime-Meisterwerk

Abschließend möchte ich auf die Rezension von „Die letzten Glühwürmchen“ bei „Die Nacht der lebenden Texte“ verweisen. Durch deren Autor Matthias Holm bin ich erstmals nachhaltig mit dem Anime-Sektor in Berührung gekommen. Ich bin kein großer Fan dieses urjapanischen Bereichs der Animationsfilme geworden, habe aber ein paar herausragende Animes entdeckt. „Die letzten Glühwürmchen“ ist eines davon. Trotz zweier Kinder als Protagonisten sehr erwachsen, meisterhaft und dabei tieftraurig. Eine Antikriegsbotschaft in Vollendung, auch wenn Isao Takahata die pazifistische Intention seiner Arbeit verneint hat.

Veröffentlichung: 30. November 2018 als Collector’s Candybox Edition Blu-ray, 27. September 2013 als Blu-ray, 26. November 2007 als Deluxe Edition Doppel-DVD, 27. August 2002 als DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hotaru no haka
DDR-Titel: Das Grab der Leuchtkäfer
Internationaler Titel: Grave of the Fireflies
JAP 1988
Regie: Isao Takahata
Drehbuch: Isao Takahata, nach einem Roman von Akiyuki Nosaka
Zusatzmaterial: Interview mit Isao Takahata, Making-of, Gespräch mit dem Filmstab, nur Candybox Edition: 24-seitiges Booklet, 3 Artcards, Novelle „Das Grab der Leuchtkäfer“
Label/Vertrieb: KAZÉ / AV Visionen GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenbilder & Packshots: © KAZÉ / AV Visionen GmbH