Mentale Landkarten als Schwarzlinienschnitt | 2

14. November 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Beim Schneiden stelle ich immer wieder den Unterschied zwischen Holz und Linoleum fest. Details lassen sich bei Holz durch das Wegbrechen der Stege nicht so gut darstellen.

Mit Geißfuß und Hohleisen geht es ans Werk.

Mit Geißfuß und Hohleisen geht es ans Werk. / Foto: Valentino

(c) valentino 2017

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anders is dera winterû

11. November 2017 § 8 Kommentare

anders is dera winterû

Herbstlaub

Herbstlaub / Foto: belmonte

abenda hab ich ein feur vun laup enzundat
wann dera groszn lynde sich enblatternt
tac um tac
un knisterut
duftenat
unds laup die stuckelin dera rindigen un dürren zweiglin
     enfachit um scheidtina holtz
hörs lachena
wanns ums feur kreisat
also wâs êrlic
wie geruchena vuns feur in mine kleiderû
singich vun herbist

un wann ich eine mal scrîp
bin ich ein menisch vun uberganc
blühich in frûlinc
in herbist bin ich in leuchtena
um alles jâr in winterruh wohnit
un vor un zu rucke
in summer stürbe min wortin
jâr um jâr
wanns all der füllena
oder wâs um deretwann
denkich an mægedin summerû
das einest mal ich selberst wesen

manchwann sprechat und denkat wer aus wohnheit
oulder corper hat eigena blicka
nich jammernis
nich zaggen
wann eben dekeine angest
kein todt
blosz dera ungeloubelic leuchtena
guldin
grêne
also ruot
also aurange

alter in leuchtena
anders is dera winterû

(Aus dem Neuhochdeutschen ins Neumittelaltniederhochdeutsche übersetzt von belmonte.)

Original siehe hier.

(c) Ulli Gau 2017
(c) für die Übersetzung belmonte 2017

Mentale Landkarten als Schwarzlinienschnitt

7. November 2017 § 3 Kommentare

valentino

In einem neuen Projekt versuche ich auf mein visuelles Gedächtnis zurückzugreifen, um mentale Landkarten ins Holz zu schneiden. Diese Karten referieren nicht unbedingt auf Orte, die es wirklich gibt, sondern spiegeln vielmehr Räume wider, die sich als organische Struktur in meinen Erinnerungen gebildet haben und die ich nun von dort hervorholen möchte.

(c) valentino 2017

Science Fiction, What if … Licht (Werkstatt)

28. Oktober 2017 § 2 Kommentare

belmonte

Gabriel Hardman, Corinna Bechko, Invisible Republic, Volume 1

Gabriel Hardman, Corinna Bechko, Invisible Republic, Volume 1

Auch den ersten Band der Comic-Reihe Invisible Republic von Gabriel Hardman und Corinna Sara Bechko habe ich nun beendet. Das Konzept gefällt mir, die Zwei-Zeiten-Struktur ist gut aufgebaut, auch der Hard-Science-Fiction-Charakter spricht mich an, ich bin aber doch nicht sicher, ob Ansätze der Begeisterung für die nächsten Bände ausreichen. Der Film Children of Men hat mir außerordentlich gut gefallen (Open-Air-Sommerkino in Monopoli, Provinz Bari), aber ich doch sehr froh, dass er keine Fortsetzung hat. Seitdem ich allerdings diesen Film gesehen habe, kommt mir London, wohin ich regelmäßig reise, genau so vor: Alles irgendwie grau und gedrängt und dreckig und kein neues Leben mehr. Pop-Musik der Achtziger Jahre:

All around me are familiar faces | worn out places | worn out faces. | Hide my head | I want to drown my sorrow | no tomorrow | no tomorrow. | The dreams in which I’m dying | are the best I’ve ever had.

Nächstes Jahr werde ich endlich die re:publica besuchen, so viele Vorträge, die mich bloß noch neugieriger machen, Science Fiction als Geisteshaltung von Katja Böhne gibt einen exzellenten Überblick über aktuelle Science-Fiction-Literatur und mehr. Christian Zöllner stellt sein Designkonzept From Fiction to Action vor, und Eden Kupermintz zieht in The Ocean of Dreams ganz lange Linien.

Ab sofort gibt es für mich keine Genres in der Literatur mehr.

– Science Fiction läuft unter „What if …“.
– Alle anderen Literaturen fallen für mich ebenfalls unter „What if …“.
– Ist nicht Fantasy ebenso „What if …“?
– Und auch der realistische Roman ist ein „What if …“.
– Gewissermaßen ist sogar eine historische Dokumentation ein „What if …“.

– So war es.
– Wirklich?
– Jedenfalls sagen das die Quellen.
– Sagen sie das?
– Jedenfalls wäre es so gewesen, wenn die Quellen recht hätten.
– Aha!
– Was wäre, wenn die Quellen recht hätten?
– What if …
– Ist dann Tolstois Krieg und Frieden Fantasy?
– Ja, natürlich.
– Ist Tolkiens Herr der Ringe ein realistischer Roman?
– Ja, klar, magischer Realismus.
– Und Star Wars?
– Nun ja, vor langer, langer Zeit eben.

Wenn du erkennst – und wenn du erkennst, dass du vom Licht bist – dann setzt du dich selbst in Stand. Durch dieses Aufsetzen änderst du dich selbst. Da du aber selbst vom Licht bist, ändert sich das Licht, dass du erkennst. Also ändert sich im Erkennen Erkennendes und Erkanntes in eins. Erkennendes und Erkanntes sind dann eins.

Ich selbst bin im großen Licht und bin Licht, und das Licht ist eins mit mir und in mir. Ich bin das andere, und ich bin die andere, und ich bin im anderen, und das andere in mir und ich bin du.

(c) belmonte 2017

Gabriel Hardman, Corinna Bechko: Invisible Republic. Volume 1. Image Comics, Berkeley, CA 2015, 128 S.

Link zum Datensatz in WorldCat

Loslassen, ein Klostergarten, Biennale (Werkstatt)

21. Oktober 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

LOSLASSEN. Ich bin eingeschlafen und hatte etwas an mir, bei mir, an dem ich eingeschlafen bin, etwas, das mir im Einschlafen zur Hand war, ich bin daran eingeschlafen, und ich wusste, einschlafen ohne dieses oder ohne etwas ist ganz ausgeschlossen, und dann bin ich wieder aufgewacht, und ich dachte, ich hätte etwas in der Hand, aber ich wusste nicht mehr, was es war, was ich im Einschlafen noch zur Hand hatte, und in der Erinnerung habe ich das Einschlafen als einen Verlust empfunden, als hätte ich mich selbst aus der Hand gegeben.

Wenn du einschläfst, schläfst du dann einfach ein oder schläfst du als jemand ein? Oder schläfst du über einem Thema ein? Und wie ist Einschlafen dann auch ein Loslassen? Und wie wäre es ein bewusstes Loslassen? Und gibt es überhaupt etwas wie Loslassen? Und lasse ICH es los? Oder lasse ich ES los? Ist Loslassen möglich, wenn das Losgelassene noch in Gedanken bleibt? Wenn das Wovon im Loslassen haften bleibt und gar nicht anders kann?

Und wie ist es, wenn ich sterbe?

Klostergarten Redetore, Giudecca, Venezia

Klostergarten Redetore, Giudecca, Venezia / Foto: belmonte

Ich liebe das alte Kloster Redentore, heute ein umgebautes, sehr ruhiges Hostel auf der Giudecca in Venedig. Aus dem Fenster heraus blicke ich auf den Klostergarten. Nur einen Steinwurf ist der leider nicht zugängliche Hundertwasser-Garten entfernt.

Besuch der Biennale. Einige Pavillons gefallen mir außerordentlich, die Kunstschau im Haupthaus der Giardini ist beeindruckend, ich notiere mir eine ganze Reihe von Namen und werde viel recherchieren.

Biennale di Venezia, Deutscher Pavillon, Anne Imhof, Faust

Biennale di Venezia, Deutscher Pavillon, Anne Imhof, Faust / Foto: belmonte

Im deutschen Haus, mit Anne Imhofs Faust als Gewinner des Goldenen Löwen, fehlt mir die Performance, die anscheinend nicht täglich stattfindet. Die Kunstschau im Arsenale-Stadtteil begeistert mich noch mehr, die Werke im Langhaus sind umwerfend, ich sehe hier tatsächlich jene Ästhetik, die bald über die Popkultur in die Alltagsästhetik Eingang finden wird. Künstler aller Nationen sind vertreten, es ist transnational, die Ideologiefreiheit verbindet die Heterogenität, ich habe verstanden, dass es nur eine Weltkunstkultur gibt, sie ist zu vielfältig, um gespalten zu sein, hier werden wirklich meine Sinne neu ausgerichtet.

Biennale di Venezia, Manuel Ocampo, The Development of Abstract Art, Immigrant Version

Biennale di Venezia, Manuel Ocampo, The Development of Abstract Art, Immigrant Version / Foto: belmonte

(c) belmonte 2017

Seenot, Plotlosigkeit und Gesichtserkennung (Werkstatt)

14. Oktober 2017 § 3 Kommentare

belmonte

Immer mehr NGOs ziehen sich mit ihren Seenotrettungsschiffen aus dem Mittelmeer zurück, da die italienische Regierung ihnen Kollaboration mit Schleppern vorwirft und sie zur Unterzeichnung eines Verhaltenskataloges zwingt, der dem Sinn und Zweck von Seenotrettung widerspricht. Aus meiner Sicht ist das eine Jämmerlichkeit der italienischen Politik, mehr noch aber ein jämmerlicher Mangel an europäischer Zusammenarbeit. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das alles viel besser lösen würde.

Larry Brown: Fay

Larry Brown: Fay

Schnelle Lektüre von Larry Browns Südstaaten-Roman Fay. Die noch nicht ganz volljährige Fay verlässt ihre verwahrloste Familie und schlägt und schläft sich mit einigen Stationen an die Golfküste durch. Das Buch kommt nicht ganz an Joe R. Lansdale heran, längst nicht an Cormac McCarthy, ist aber eingängig zu lesen. Ich verstehe nicht ganz, was erzählt wird, was mir nicht andere schon erzählt haben. Einige Charakterisierungen finde ich nicht sehr glaubwürdig, innere Monologe bleiben gelegentlich im Ansatz stecken, Dreck wird an einigen Stellen sichtbar, aussichtsloses Treibenlassen und ein paar schlimme Morde und andere Tötungen. Mich hätte aber interessiert, wie das Buch von einer Schriftstellerin ausgefallen wäre. Ich werde schauen, welche Southern-Gothic-Autorinnen ich noch entdecken kann. Verbindendes Merkmal all dieser US-Südromane (McCarthy, Lansdale, Brown etc.) ist das scheinbar planlose (plotlose) Dahintreiben der Handlung, viele unwichtige Dinge passieren, ich frage mich, warum hat der Autor das eingebaut, aber es ist echtem Leben nachempfunden, zig Sachen, die heute passiert sind und für meinen eigenen Tagesplot (wie bitte?) völlig unbedeutend sind, aber eben geschehen sind („Ich stelle noch eben die Butter zurück in den Kühlschrank.“), hier werden sie bedeutungslos miterzählt.

Bei Larry Browns Fay hat mir die Geschichtslosigkeit nicht gefallen. Man kann das einem Roman eigentlich nicht vorwerfen, aber zur Zeit gefallen mir Bücher besser, die in einen historischen Rahmen eingefasst sind. Grossmanns Leben und Schicksal war von der Sorte. Tomasi di Lampedusas Gattopardo ebenso. Auch in der Fantasy fordere ich historischen Hintergrund ein. Tolkiens Herr der Ringe ist übervoll davon. Auch Mitchells Vom Winde verweht steht auf meiner Liste, obwohl es seit einiger Zeit in den USA als sehr gestrig gebrandmarkt wird.

17. August 2017

Abends lese ich die Nachrichten aus Barcelona, den schrecklichen Anschlag auf den Ramblas, diesmal kein Angriff auf ein Land oder eine Stadt sondern auf viele Nationalitäten. So schlimm es ist, es schweißt zusammen, zumindest über die sozialen Medien, obwohl noch viel mehr Gesichtserkennung aufgebaut werden dürfte, scheinbare Sicherheit, fast schon ein strukturelles Agreement zwischen Terroristen und westlichen Postdemokraten. Trump übertrumpft sich mal wieder selbst, man kann seine Tweets schon gar nicht mehr ernsthaft kommentieren.

(c) belmonte 2017

Larry Brown: Fay. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 652 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Rechte Sesselfurzer, Menschlichkeit und Epik (Werkstatt)

7. Oktober 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Auf Facebook bin ich mit Horst Samson befreundet, der genau wie ich im Pop-Verlag publiziert, vor Jahrzehnten aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist und seit längerer Zeit auf Facebook gegen Flüchtlinge, Islam, vermeintliche Indifferenz der Politik und Staatsversagen polemisiert. Ausgangspunkt ist häufig ein wie auch immer passender Zeitungsartikel, der sich natürlich immer findet und die vorausgesetzten Fakten liefert. Ich finde diese Verhärmtheit, die sich als Abgeklärtheit ausgibt, erbärmlich (und würde gerne den Zusatz „unter Schriftstellern“ vermeiden), Verbitterung mit gesteigerter Verschlossenheit, die in schlechten Nachrichten immer nur sich selbst erkennt.

Horst Samson auf Facebook

Horst Samson auf Facebook

Da wird irgendein Artikel geteilt, in dem Flüchtlinge (natürlich synonym für: Terroristen) als gefährlicher als Nazis bezeichnet werden, worauf sich augenblicklich die Follower-Glocke an rechten Sesselfurzern, die nie aus ihrer Mulde herausgeschaut haben, zu Wort meldet. Dabei hat Samson vor Jahrzehnten selbst Aufnahme gefunden, jetzt will er womöglich besonders deutsch sein. Es ist läppisch. Was mich zuversichtlich macht: Rechte Schriftsteller fallen erfahrungsgemäß reihenweise der Vergessenheit anheim. Ich frage mich aber, ob Nichtbeachtung die bessere Strategie wäre.

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich Wassili Grossmanns Leben und Schicksal ausgelesen habe, das mich am Ende sehr beeindruckt hat. Es ist ein Krieg und Frieden der Stalingradschlacht mit unglaublicher Eindringlichkeit in der Darstellung der deutschen Vernichtungsindustrie. Viele Personen sind mir ans Herz gewachsen. Es ist schwierig, unschuldig zu bleiben, aber unter den Schuldigen machen sich viele sehr schuldig. Menschlichkeit ist dennoch der einzige Ausweg und Lichtblick. Kern des Werkes ist eine Phänomenologie der Menschlichkeit, die im Mahlstrom der zerstörerischen Gesellschaftssysteme und Ideologien immer wieder durchleuchtet. Es war „dem Weltschicksal, dem verhängnisvollen Lauf der Geschichte, dem Zorn des Staates, dem Ruhm und der Schmach im Schlachtengetümmel doch nicht überlassen, die Wesen zu verändern, die sich Menschen nannten. Was immer sie erwartete – Ruhm für ihre Leistungen oder Einsamkeit, Verzweiflung und Elend, Lager und Hinrichtung –, sie würden als Menschen leben und als Menschen sterben, und jene, die umgekommen waren, hatten es geschafft, als Menschen zu sterben.“ (1037)

Wassili Grossmann

Wassili Grossmann / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain)

Ich habe Wassili Grossmann erst spät entdeckt. Er gehört für mich in dieselbe Riege der großen russischen Romanautoren des 20. Jahrhunderts wie Pasternak, Bulgakow und Bunin, ein Dichter, dessen Werk von tiefer Epik durchdrungen ist. Gerade habe ich Grossmanns ebenso umfangreiches Vorgängerwerk Wende an der Wolga in der Post gefunden. Es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass dieses Buch noch vor mir liegt.

Epik ist das Erscheinen eines hellen Sternes im finsteren All, der immer näher kommt und nach und nach immer mehr Details und Personen und Schicksale erkennen lässt und daran teilhaben lässt und Freiheit und Verhängnis und den Kampf in diesem Verhängnis miterleben lässt und am Ende unvermittelt wieder herauszoomt und sich in den Weiten des dunklen Alls verliert. Von genau dieser Art ist Tomasi di Lampedusas Gattopardo, der in den beiden zwanzig bzw. fünfzig Jahre nach der Haupthandlung angefügten Schlusskapiteln den entschwindenden Stern sogar in der Kapitelstruktur sichtbar werden lässt.

Ich mag deshalb das Theater sehr, weil es mich an diesem hellen Stern aus einem dunklen Raum heraus teilhaben lässt. Womöglich bin ich auch deshalb ein begeisterter Science-Fiction-Leser.

Ich beobachte auf Twitter und Facebook das Phänomen, dass Leute Markenprodukte (z. B. Strohhalmgetränke) zu ihrem Erkennungsmerkmal machen, dabei aber nicht merken, dass sie sich selbst zum Konsumierten machen und von der Marke gemacht werden.

(c) belmonte 2017

Wassili Grossmann: Leben und Schicksal. Aus dem Russischen übersetzt von Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann, Elisabeth Markstein und Annelore Nitschke. Claassen, Berlin 2007, 1084 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wassili Grossman. Wende an der Wolga. Aus dem Russischen übersetzt von Leon Nebenzahl. Dietz, Berlin 1958, 927 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek