Diva – Der Postbote und die Star-Sopranistin (Filmrezension)

Diva

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an den Blogger Volker Schönenberger persönlich.

Thriller // Der junge Pariser Postbote Jules (Frédéric Andréi) stellt des Abends sein Mofa vor der Opéra Garnier ab und betritt das Opernhaus. Auf dem Programm: ein ausverkauftes Konzert von Cynthia Hawkins (Wilhelmina Fernandez) – Jules verehrt die berühmte Sopranistin. Er nimmt im Parkett Platz und harrt des Auftritts. Sie beginnt ihre Darbietung mit der Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper „La Wally“. Niemand bemerkt, wie Jules heimlich sein eingeschmuggeltes Aufnahmegerät einschaltet und das Konzert mitschneidet. Wirklich niemand? Hinter ihm sitzen zwei sonnenbebrillte Taiwanesen (Jim Adhi Limas, zweiter Darsteller nicht bekannt).

Gefeierte Opern-Diva: Cynthia Hawkins gibt ein Gastspiel in Paris

Nach dem Konzert gelingt es Jules sogar, sich sein Programmheft von der Diva signieren zu lassen. In all dem Trubel nimmt er sich noch ein besonderes Souvenir mit: das Kleid, das Hawkins bei ihrem Auftritt getragen hat. Sein größter Schatz ist aber natürlich die Tonaufnahme, denn die Sopranistin hat sich bisher jedem Versuch verweigert, ein Album aufzunehmen oder überhaupt irgendeinen Mitschnitt ihres Gesangs anfertigen zu lassen.

Postbote Jules stößt mit einer Flüchtenden zusammen

Tags darauf trifft eine gehetzt wirkende Frau (Chantal Deruaz) per Bahn in Paris ein. Die Barfüßige wird bereits von der Kriminalbeamtin Paula (Anny Romand) und ihrem Informanten Krantz (Jean-Jacques Moreau) erwartet, doch auch die beiden Gangster Cure (Dominique Pinon) und der Antillaner (Gérard Darmon) sind hinter der Frau her. Kurz darauf ist die Frau tot, doch vorher hat sie eine Audiokassette mit einer belastenden Aussage in der Seitentasche von Jules’ Mofa verschwinden lassen. Nun ist der junge Postbote im Besitz von zwei brisanten Aufnahmen und wird bald von den Gangstern, den Taiwanesen und dem Polizeichef Saporta (Jacques Fabbri) gejagt. Die unbekümmerte junge Vietnamesin Alba (Thuy An Luu) und ihr älterer Freund Gorodish (Richard Bohringer) erweisen sich als unverhoffte Unterstützung.

„Diva“-Kult in den 80er-Jahren

„Diva“ erspielte sich seinerzeit einen Status als Kultfilm. In manchen Kinos lief er jahrelang, galt in puncto Kinovorführungen als Rekordfilm, wenn ich mich recht entsinne. Ich schaute den Thriller erstmals irgendwann Mitte der 80er in einer Spätvorstellung im „Broadway“ in der Hamburger Innenstadt, wo er im fünften oder sechsten Jahr lief, auch hier: wenn mich die Erinnerung nicht trügt. Das Kino war allerdings nur mit einer Handvoll Personen gefüllt (ich war dort mit einer Mitschülerin, in die ich damals verknallt war – vergeblich, aber über den Liebeskummer kam ich hinweg). Die fast schon surreal anmutende Bilder- und Farbenpracht zogen mich jedenfalls in ihren Bann, und es ist in der Tat die visuelle Kraft, die den größten Reiz von „Diva“ ausmacht. Gleichwohl ist auch die Thriller-Story gar nicht schlecht, der Film ist keineswegs nur „Mehr Schein als Sein“, wie es einige zeitgenössische Rezensenten wahrgenommen haben wollen.

Die Gangster schlagen zu …

Gleichwohl ist das Setdesign atemraubend. Das beginnt bei Jules’ skurriler Bude mit Airbrush an den Wänden und am Boden im oberen Stockwerk eines maroden Lager- oder Parkhauses, in dessen Erdgeschoss schrottreife Luxusautos vor sich hin rosten; es endet nicht bei Gorodishs weitläufigem Loft mit Badewanne mitten im Raum, in welchem Alba mit Rollerskates herumdüst. Selbstverständlich ist auch Paris einige faszinierende Impressionen wert.

… und nehmen sich auch Jules vor

Mir hat aber auch bei meiner erneuten Sichtung die Verflechtung der beiden Kriminalhandlungen ausgesprochen gut gefallen. Jules’ Raubkopie führt zu Erpressung, und die andere Tonaufnahme ist noch härteres Kaliber. Die Fäden laufen bei dem Postboten zusammen, um ihn schart sich das durchaus stattliche Ensemble. Wie kann sich der junge Mann dort herauswinden und gleichzeitig die Gunst von Cynthia Hawkins gewinnen? Das hat Thriller-poetische Qualitäten. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass sich Jean-Jacques Beineix („Betty Blue“) in seinem Langfilm-Regiedebüt bisweilen von der opulenten Bilderflut seines Kameramanns Philippe Rousselot hinreißen ließ, im Visuellen zu schwelgen. „Diva“ wirkt dabei detailverliebt, nahezu jede Einstellung macht einen penibel durchdachten Eindruck, auch und besonders in der Interaktion der Figuren. Ein Blick hier, eine Berührung oder Bewegung dort. Faszinierend und gleichzeitig fesselnd, ein Thriller bleibt es zu jeder Zeit. Sogar ein paar urbane Verfolgungsjagden bekommen wir zu sehen.

Kamera vom späteren Oscar-Preisträger

Rousselot ließ sich ab Mitte der 1980er-Jahre verstärkt international und auch in Hollywood buchen. Nach zwei Oscar-Nominierungen – für „Hoffnung und Ruhm“ (1987) und „Henry & June“ (1990) – gewann er den Academy Award schließlich mit seiner dritten für die Kamera von Robert Redfords „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ (1992). 2013 erhielt er in Cannes für sein Wirken den in jenem Jahr erstmals verliehenen Pierre Angénieux ExcelLens in Cinematography. Auch für „Diva“ wurde Rousselot geehrt: Der Kameramann erhielt 1982 den französischen Filmpreis César, mit dem auch die Musik und der Ton des Thrillers prämiert wurden. Regisseur Beineix gewann den César für das beste Erstlingswerk.

Was führen die Taiwanesen im Schilde?

Für die amerikanische Sopranistin Wilhelmina Fernandez blieb es trotz ansprechender Leistung ihr einziger Spielfilm. Sie singt im Film auch selbst – außer der eingangs erwähnten Arie auch das „Ave Maria“ von Charles Gounod. Heimlicher Held von „Diva“ ist meines Erachtens aber Gorodish, von Richard Bohringer („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) mit Savoir-vivre und unnachahmlicher Coolness gespielt.

Meine Erinnerung nach all den Jahren hat mich nicht getrogen: „Diva“ ist ein Gesamtkunstwerk.

Ein seltsames Paar: Gorodish und Alba

Veröffentlichung: 2. April 2020 und 23. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Diva
F 1981
Regie: Jean-Jacques Beineix
Drehbuch: Jean-Jacques Beineix, Jean Van Hamme, nach einem Roman von Daniel Odier alias Delacorta
Besetzung: Frédéric Andréi, Wilhelmenia Fernandez, Richard Bohringer, Thuy an Luu, Gérard Darmon, Dominique Pinon, Jacques Fabbri, Chantal Deruaz, Roland Bertin, Anny Romand, Jean-Jacques Moreau, Patrick Floersheim, Raymond Aquilon, Jim Adhi Limas
Zusatzmaterial: Interview mit Jean-Jacques Beineix, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Studiocanal Home Entertainment

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Von Deinen Reisen bringst Du sehr viele Fotografien mit. Was kann Fotografie heute noch leisten, da bereits alles verbildlicht zu sein scheint und zu jedem Flecken der Erde zahllose Ausleuchtungen im Internet zu finden sind?

Rolf Krane:
Die Fotografien, die ich von meinen Reisen mitbringe, sind für mich vor allem Gedächtnisstützen für das, was ich unterwegs erlebt habe. Ich bin ein visueller Mensch und kann mich mithilfe der Fotos sehr gut in erlebte Situationen und Begegnungen zurückversetzen. Das hilft mir auch, wenn ich später darüber schreibe.

Viele Leser meines Buches Der Reisende Rahmen haben bedauert, dass ich keine Fotos von der Reise darin veröffentlich habe. Im Nachhinein habe ich deshalb zusätzliche Bildbände erstellt, die online verfügbar sind. Auf meinen Lesungen ist eine Mischung aus Vorlesen, freiem Erzählen und der Präsentation von Dias sehr gut beim Publikum angekommen. Ebenso haben sich Pausen bewährt, in denen Diashows gezeigt wurden, die mit Musik untermalt waren oder zu denen Live-Musik gespielt wurde. Deshalb bringe ich auch von meiner aktuellen Reise über die Achse des Lichts wieder viele Fotos mit.

Der Mont-Saint-Michel gehört zu den am meisten besuchten Orten auf meiner Reise und zählt etwa 2,3 Millionen Besucher im Jahr. Die Anzahl der jährlich aufgenommenen Fotos wird ein Vielfaches der Besucherzahl sein. Jeder Flecken des Mont-Saint-Michel, der für Touristen erreichbar ist, dürfte sich auf einem Foto abgelichtet wiederfinden. Einige Motive werden besonders häufig fotografiert. Jedoch kann jedes Motiv, das aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen wird, zu sehr unterschiedlichen Bildern führen:

Mont-Saint-Michel

Mont-Saint-Michel / Foto: Rolf Krane

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung / Foto: Rolf Krane

Zuallererst entsteht ein Foto im Auge des Fotografen. Es liefert nicht nur die Abbildung eines Ortes auf der Erde aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es sagt auch etwas über den Fotografen aus. Wir können uns in seine Perspektive versetzen und Vermutungen darüber anstellen, warum er sich für jene Aufnahme entschieden hat. Haben wir nicht nur Zugriff auf ein einzelnes Foto, sondern auf eine ganze Serie oder auf eine Vielzahl von Bildern eines Fotografen, können wir uns fragen, wie er die Welt sieht oder sehen möchte. Welche Auswahl von Motiven hat er im Fokus? Aus welcher Perspektive blickt er darauf? Auf welche Teile des Bilds lenkt er die Aufmerksamkeit des Betrachters mithilfe von Licht, Farbe, Schärfe und gewählten Ausschnitt oder Anschnitt? Über seine Fotos können wir etwas von dem Fotografen als Menschen erfahren, und durch die Fotos, die wir selbst machen, können wir etwas über uns selbst erfahren. In diesem Sinne kann die Fotografie zu unserem Selbstverständnis als Mensch beitragen.

Mitte Februar, noch vor dem Lockdown, war ich in der Düsseldorfer Eröffnungsausstellung Untold Stories des Fotografen Peter Lindbergh, die vom 4. Dezember 2020 bis zum 7. März 2021 im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen sein wird. Aus seiner persönlichen Sicht stellte Lindbergh selbst die wichtigsten 140 Aufnahmen aus seinem Lebenswerk zusammen, konzipierte die Hängung und hatte dabei alle Freiheit. Über seine Einstellung zur Schönheit sagte er einmal: „Wenn man die Courage hat, man selbst zu sein – dann ist man schön.“ Er starb am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren in Paris, noch bevor die Ausstellung eröffnet wurde. Als sein Freund Wim Wenders ihn im vergangenen Sommer ein letztes Mal besuchte, zeigte Lindbergh ihm die ausgewählten Fotos und sagte: „Du, ich weiß jetzt, wer ich bin.“

Die zahllosen Fotos, die man heute im Internet findet, sind vielleicht ein Ausdruck der vergeblichen Suche von Menschen nach sich selbst, der unbeantworteten Frage nach ihrer Identität in einer zunehmend von Krisen erschütterten globalisierten Welt. Finden sie selbst keine befriedigende Antwort, dann übernehmen sie gerne die Trugbilder, die populistische Führer ihnen vorgaukeln.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 1 von 2

Rolf Krane, 1952 geboren und in Oelde, Westfalen, aufgewachsen, hat Mathematik, Pädagogik und Informatik in Bielefeld, Münster und Paderborn studiert. Nach dem Zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrer war er Mathematikdidaktiker an der Universität Bielefeld. Seit 1988 lebt er in Wiesloch und arbeitete 24 Jahre als Entwickler für ein Software-Unternehmen, zuletzt als Chief Development Architect. 2016 gründete er den Verlag heil.reisen. Er ist Autor des Buches Der Reisende Rahmen über eine Pilgerfahrt an der Westküste der USA. Autoren-Website: www.heil.reisen. Fotografen-Website: www.krane.photography.

Rolf Krane

Rolf Krane / Foto: Michael Benz

Vnicornis:
Du hast Dich auf die Linie der Michaelsheiligtümer begeben. Was hat es damit auf sich und warum ist das für Dich von Bedeutung?

Rolf Krane:
In den vergangenen zwei Jahren hatte ich einige bemerkenswerte Begegnungen und Erlebnisse, die mich auf die Spur des Erzengel Michael brachten. Sie gipfelten darin, dass sich mein T-Shirt an einem Stand mit Opferkerzen in der Michaelskapelle bei Bruchsal entzündete. Ich spürte nur eine große Wärme in meinem Unterbauch. Ein Freund reagierte geistesgegenwärtig und erschlug die Flammen mit seinen bloßen Händen. Wie durch ein Wunder blieb mein Rücken bis auf eine Spur Ruß und eine leichte Rötung unversehrt, obwohl das Feuer ein großes Loch in das Hemd gebrannt hatte. Eine Freundin meinte danach: „Das war das Flammenschwert des heiligen Michael.“ Daraufhin begann ich mich mit ihm zu beschäftigen. Die Deutung eines Traumes, auch wenn es nicht mein eigener war, führte mich schließlich im Frühjahr 2019 zu der folgenden Karte:

Ein heiliger Schauer durchfuhr mich, als ich sie das erste Mal erblickte: Sieben Heiligtümer des Erzengel Michael, die durch eine gerade Linie verbunden waren. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Zellen meines Körpers in Schwingung versetzt worden waren. Schlagartig wusste ich, wohin meine nächste Reise gehen sollte. In Vertrauen auf mein Gefühl begann ich unmittelbar danach mit Nachforschungen und ersten Reisevorbereitungen.

Die Linie wurde in den 70er Jahren von den Brüdern Jean und Lucien Richer wiederentdeckt. Sie verläuft von Irland bis nach Israel über mehr als 4.000 Kilometer quer durch Europa und wurde von Lucien L’Axe de Saint Michel et d’Apollon genannt. Auf ihrem nordwestlichen Abschnitt waren Michaelsheiligtümer und auf ihrem südöstlichen Abschnitt bedeutende Tempel des Apollon errichtet worden. Die auf der Achse residierenden christlichen Mönchsorden klammerten die Heiligtümer des Apollon aus und reduzierten die Linie auf das Schwert des Michael.

In seinem 2016 erschienenen Buch The Axis of Mithras argumentiert Lukas Mandelbaum, dass der durch römischen Soldaten verbreitete Mysterienkult des Mithraismus (1.-3. Jahrhundert) die von den Griechen begonnene Achse nach Nordwesten weitergeführt und Tempel darauf errichtet hatte, die später vom Christentum mit Michael-Heiligtümern überbaut worden sind.

In der altplatonischen Lehre von der Reise der Seele beschreibt die Achse offenbar auch den Kurs, über den die Seele mit der Geburt ihres Leibes auf der Erde landet und nach seinem Tode wieder in den Himmel aufsteigt. Um die Deutung der Achse möglichst offen zu lassen, habe ich ihr den Namen Die Achse des Lichts gegeben.

Im vergangenen Jahr bin ich über diese Achse in einer ersten Etappe von der Insel Skellig Michael in Irland nach Le Mans in Frankreich und in einer zweiten von Piemont in Italien nach Rhodos in Griechenland gereist. Meine dritte und letzte Etappe sollte dieses Jahr Anfang Mai in Israel enden. Aufgrund der Corona-Pandemie musste ich sie in eine ungewisse Zukunft verschieben.

Meine Pilgerfahrt mit dem Fahrrad an der Westküste der USA von Seattle nach San Francisco im Jahr 2013 konnte ich aufgrund der Entzündung einer Achillessehne ebenfalls nicht wie geplant fortsetzen. Also packte ich mein Rad in den Kofferraum eines Einweg-Mietwagens und fuhr mit dem Auto weiter. Ich begann ein Tagebuch zu führen, das ich später in eine Reisebeschreibung umschrieb: Der Reisende Rahmen.

Nun bin ich gespannt, wohin mich meine Reise über Die Achse des Lichts bringen wird. Ihre Bedeutung wird sich wahrscheinlich wie bei meiner Reise in den USA erst nach ihrem Ende offenbaren. Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) stammt das treffende Zitat: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“

Vnicornis:
Der Untertitel Deiner Internetseite Die Achse des Lichts lautet Turning Darkness Into Light. Welche Dunkelheit wird hier in Licht verwandelt?

Rolf Krane:
Ausgangspunkt meiner Reise über Die Achse des Lichts war Dublin, wo ich einen Blick in das Book of Kells werfen durfte. Die einzigartige illustrierte Handschrift aus der dunklen Zeit des Frühmittelalters überlebte die Zerstörungswut der Wikinger. Den Titel der Ausstellung Turning Darkness Into Light habe ich als Motto für meine Reise übernommen.

Michael, Apollon und die anderen Lichtgestalten der Achse wurden in dunklen Epochen ihrer jeweiligen Kulturen verehrt und angerufen.

Michael gilt als bedingungsloser Schützer des Lebens und tritt jedem, der versucht, sich über Gott und das Leben zu stellen, mit der Frage „Wer ist wie Gott?“ entgegen. In der Johannes-Offenbarung 12 schützt der Erzengel eine Gebärende und ihr Kind, die von einem Drachen in tödlicher Absicht angegriffen werden, und sichert ihr Überleben. Der heilige Michael war Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und später auch von Frankreich und Deutschland. Er soll in bedeutende Schlachten eingegriffen haben, in denen es um die Befreiung von fremden Besatzungsmächten ging. In Zeiten von Seuchen wurde er angerufen, die Menschen zu schützen. Im April zogen Priester mit dem Schwert aus der Michaelstatue des Heiligtums durch Monte Sant’Angelo, einem Ort auf der Achse. Sie beteten um Michaels Fürsprache, Gott möge nicht nur ihre Stadt, sondern den ganzen Gargano, ganz Italien und die ganze Welt vor dem Corona-Virus schützen. Das letzte Mal hatte man diese Zeremonie während der Pest im Jahr 1656 durchgeführt.

In der Griechischen Mythologie verfolgt und tötet Apollon, der griechische Gott des Lichts, einen Drachen, der vergeblich darauf angesetzt war, ihn und seine Zwillingsschwester Artemis sowie ihre Mutter Leto noch vor der Niederkunft zu töten. Als Gott der Mäßigung bringt er eine Seuche mit seinen Pfeilen ins Lager der Griechen, die bei einem Angriff auf Troja die Tochter eines Apollonpriesters versklavt hatten. Apollon ist es auch, der den Pfeil in Achilles Sehne lenkt und damit seinem Hochmut ein Ende setzt.

In den vergangenen Jahren haben sich nicht nur in den Großmächten USA, China und Russland politische und wirtschaftliche Führungsschichten etablieren können, die ihren Machterhalt, um jeden Preis zu sichern suchen. Um die öffentliche Meinung zu steuern, ist ihnen jedes Mittel recht, sei es durch die Unterdrückung freier Meinungen, durch eine totale Überwachung oder durch eine mediale Verdummung und Verwirrung der Gesellschaft.

Anstatt sich der Klimakrise zu stellen, wird sie von verantwortungslosen Führern weiter geleugnet und vorangetrieben. Anstatt unser brennendes Haus zu löschen, schütten sie Kohle und gießen weiter Öl ins Feuer, getrieben von Egomanie und der Profitgier einer fossilen Industrie. Anstatt den Artenreichtum und die kulturelle Vielfalt des Lebens zu bewahren und zu schützen, treiben sie den tödlichen Kurs weiter voran.

Doch in dieser unheilvollen dunklen Entwicklung erwachsen auch lichtvollen Kräfte. Laotse hatte diese Erkenntnis in dem Satz zusammengefasst: „Wo viel Schatten ist, muss viel Licht verborgen sein.“

Und so erschienen zeitgleich die ersten weiblichen Lichtgestalten auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser. Es begann mit einer wiederholten Neuverfilmung der Lebensgeschichte Johanna von Orléans durch Luc Besson. Bereits im Alter von 13 Jahren hatte Jeanne ihre ersten Visionen und hörte Stimmen von Heiligen. Der Erzengel rief ihr zu: „Ich bin Michael, der Schutzherr Frankreichs. Erhebe dich und eile dem französischen König zu Hilfe.“ Mit sechzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus und führte bereits ein Jahr später die Truppen in Orléans siegreich aus der Belagerung durch die Engländer. Als sie ihrem König unbequem wurde, landete sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen und wurde 500 Jahre später vom Papst heiliggesprochen. Nach Leeloo in Das Fünfte Element hatte Luc Besson mit Angel-A einen weiteren weiblichen Schutzengel auf die Leinwand gebracht. Mit Lucy schuf er schließlich ein engelsgleiches Wesen, das sich am Ende des Films von ihrem Körper löst und allgegenwärtig wird.

In den letzten drei Episoden der Star-Wars-Saga wird die junge Schrottsammlerin Rey von Luke Skywalker als Jedi ausgebildet und kämpft in der abschließenden Episode erfolgreich an der Spitze des Widerstandes. Als Drehort für ihre Ausbildung diente die Insel Skellig Michael, der nordwestliche Ausgangspunkt der Achse des Lichts. In Wonder Woman lässt die Regisseurin Patty Jenkins die Amazonen-Prinzessin Diana (römische Entsprechung der Artemis) in einem Kampf um das Überleben der Menschheit erfolgreich gegen den griechischen Kriegsgott Ares antreten. Im August soll die Fortsetzung Wonder Woman 1984 in die deutschen Kinos kommen. Schließlich inszenierte James Cameron Alita – Battle Angel, eine Manga-Figur aus den 90er Jahren, als schützenden und kämpfenden weiblichen Engel auf der Leinwand.

Die nächsten Lichtgestalten erschienen als junge weibliche Aktivistinnen für das Überleben der Menschheit in einer durch Klimawandel, Waffen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit existentiell bedrohten Welt. Die bekannteste von ihnen, Greta Thunberg, trat im jugendlichen Alter von 15 Jahren in die Weltöffentlichkeit. Mit ihrem Handeln und ihren Reden, die in ihrer Schärfe und Klarheit dem Schwert des Michael und den Pfeilen des Apollon entsprechen, löste sie eine Jugend-Bewegung aus. Von den vielen weiteren jungen Aktivistinnen seien hier erwähnt:

Die letzten Lichtgestalten kamen in der Gestalt eines Virus, der von einem Strahlenkranz umgeben ist und in seinem Erscheinungsbild der Sonne ähnelt. Die Viren werfen Licht auf existentielle Fragen. Was bedeutet uns das Leben? Was brauchen wir zum Überleben? Sie werfen Licht auf unsere Führungen. Sie entblößen politische Populisten in ihrer Unfähigkeit, die Bevölkerung zu schützen, und entlarven Superreiche, die sich mit eigenen Krankenstationen, Ärzten und Pflegekräften auf ihre Farmen zurückziehen. Sie machen die Gier von Wirtschaftsführern sichtbar, die mit Milliardengewinnen Firmenaktien vom Markt zurückkaufen, um ihre Kurse und Boni zu maximieren, und in der Krise staatliche Subventionierung einfordern. Sie werfen aber auch Licht auf die wahren Helden, die Menschen im Gesundheitswesen, die in selbstloser Weise andere Menschen retten und dabei ihr eigenes Leben gefährden.

Mit meiner Reise und ihrer Beschreibung möchte ich herausfinden, was wir für unseren Kampf ums Überleben der Menschheit von Michael, Apollon und anderen Lichtgestalten auf der Achse des Lichts lernen können.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches.

(c) belmonte 2020

Der Gott des Gemetzels (Virtueller Theaterabend)

Da zur Zeit viele Bühnen Theateraufzeichnungen online stellen, haben wir am 25. April auf Facebook zu einem virtuellen Theaterbesuch eingeladen.

Nach ebenso virtueller Abstimmung haben wir uns auf Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels verständigt. Die parallele Videokonferenz war wenig sinnvoll. Dafür gab es Sekt und Brezeln.

Das Stück in seiner Premiere von 2006 am Schauspielhaus Zürich ist fabelhaft. Auch wenn das alte Thema des Abgrundes hinter der bürgerlichen Fassade nicht neu ist, ist die Ausführung umso hervorragender. Die Figuren geben sich nichts. Wer weiß, wie oft ich mich selbst im Spiegel wiedererkannt habe.

Mir war gar nicht klar, dass das Stück mit Christoph Waltz, Jodie Foster und Kate Winslet verfilmt wurde (Polański). Den Film muss ich mir irgendwann nochmal zu Gemüte führen.

Beauty and the Boss – Wenn der Chef seine Meisterin findet (Filmrezension)

Beauty and the Boss

Einmal mehr eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt.

Komödie // Warren William war zwar für seine Rollen als übergriffiger (mal böser, mal dennoch liebenswerter) Chef in Pre-Code-Filmen bekannt, konnte aber auch mal etwas ganz anderes spielen. Zum Beispiel den guten, zurückhaltenden und nicht mal charmant-verschlagenen Anwalt in „Three on a Match“. Oder eine äußerst interessante Variation seiner Typenbesetzung in „Beauty and the Boss“. In „Employees’ Entrance“ (1933) war der Weg zu Harvey Weinstein nicht weit. „Beauty and the Boss“ ist nicht minder interessant, denn da ist er als Wiener Bankdirektor Baron Josef von Ullrich weiblichen Reizen zwar nicht abgeneigt, wird aber seine Meisterin finden. Diese heißt Susie Sachs (Marian March mit entfernten Anklängen an die ganz junge Bette Davis). Manchmal „Säääx“, oft aber, nun ja, „Sex“ ausgesprochen. Zufall? Wohl kaum! Wobei es nicht nur um Sex geht, sondern vor allem um Liebe, oder: um die Frage, ob das Liebesspiel, welches der Baron äußerst gern betreibt, wirklich nur ein Spiel ist. Susie meint es ernst! Und hat die Hosen an. Wie übrigens alle Frauen in dieser frivolen und doch lebensklugen Komödie.

Pre Code und Warner: ungeschminkt und effizient

Falls es dem geneigten Leser unbekannt sein sollte: „Pre-Code“ nennt man die Phase in der Geschichte Hollywoods, in der aus Angst vor drohenden staatlichen Repressalien die Selbstzensurbestimmungen (der sogenannte Production Code, auch als Hays Code bekannt) der Traumfabrik zwar schon beschlossen waren, aber noch nicht durchgesetzt wurden. Von 1930 bis zur Verbindlichkeit der Vorgaben Mitte 1934 tobte sich die Traumfabrik noch mal aus, als gäbe es kein Morgen. Natürlich sind nicht alle Filme dieser Zeit zwanghaft „versaut“, aber die besten erreichen einen knochenehrlichen Blick auf die ältesten Gefühle der Welt.

So auch dieser, der zudem ein typisches Beispiel dafür ist, wie Warner Brothers seinerzeit funktionierte. Eine A-Film-Abteilung gab es faktisch nicht, die Brüder ließen kurze Programmfüller (Filme als Teil eines Doppelprogramms) äußerst kostengünstig herstellen. Und das machten sie oft so gut, dass auch Filme ohne dezidiert künstlerischen Anspruch zum einen sehr effizient und unterhaltsam sind, zum anderen manches Erhellende über ihre Zeit und Produktionsmethoden erkennen lassen. Beispielsweise, wie man mit einfachen Mitteln „production values“ suggeriert, die der Film nicht hat. Da kann es anhand von Schrifttafeln, Footage-Postkartenansichten und rückprojizierten wie gemalten Hintergründen durch die ganze Welt gehen, natürlich im Studio. Wien? Gemalt. Wobei man rätseln kann, ob die Hintergründe besonders expressionistisch-avantgardistisch sind oder schlicht dem Budget geschuldet. Auch aus der Not kann Kreativität entstehen. Ein Flug nach Paris? Der Propeller dreht sich vor einem Allerweltshintergrund (ein Hangar, eine Miniatur?), und Aufnahmen vom Eiffelturm und vom Triumphbogen finden sich als Montagenmaterial in den Archiven. Herrlich! 65 Minuten allerbeste Unterhaltung.

Ein Geschäftsmann und das älteste Geschäft der Welt

Und durchaus hintersinnige wie selbst für 1932 gewagte Unterhaltung. Baron von Ullrich hat immerhin so viel Ehre im Sinn und Beherrschung in der Hose, dass er mit seinen Sekretärinnen nichts anfängt. Nein, er entlässt sie erst … Wobei er es sich leisten kann, ihnen noch monatelang Gehalt zu zahlen. Weniger verklausuliert gab es einen Hurenlohn selten. Wobei es die Damen sind, die den Mann verführen, das merkt er nur nicht. „Beauty and the Boss“ beginnt mit einem typischen „Frollein, zum Diktat“, und Stenotypistin Ollie Frey (Mary Doran) ist willig, wenn auch unwillig, die Arbeit zu leisten. Sie schlägt die Beine übereinander, sodass der Rock die Knie-Ansicht freigibt. Er: „Yes, I see it. But I’ve seen better.“ Sie kokett geheuchelt: „I didn’t think you could see my, äh …“. Ollie wird sich bei denjenigen Damen einreihen, die von von Ullrich nur das eine wollen. Und zwar nicht, weil sie ihm verfallen sind. Sondern weil sie Spaß dran haben, den Mann scharf zu machen und sich dann mit ihm zu vergnügen.

Auf einer Geschäftsreise in Paris dreht der Film die Schraube noch einmal gewaltig an. Die Liste der Damen, die von Ullrich dort aus nichtgeschäftlichen Anlässen, ähem, sehen wollen, ist so absurd lang wie Leporellos Leporello, in dem er die Betthäschen Don Giovannis vermerkt hat. Und am Telefon müssen diverse heiße Feger mehrmals, manchmal sogar zugleich, abgewimmelt werden, die sogar nackt in der Badewanne nach ihrem, pardon, Stecher rufen. Auch 1932 gab es keine „full frontal nudity“, aber eine sehr effektive Suggestion in den Badewannenshots. Mädels im Unterrock und mit Strümpfen waren sowieso Standard.

Liebe nicht als Geschäft: das hässliche Entlein …

Warum nun werden sie abgewimmelt? Auftritt Susie Sex, äh, Sachs, oder auch Miss Church Mouse. Als typisches „poor girl of the Great Depression“ (die es ja auch in Wien gab) wird die Figur äußerst interessant eingeführt. Sie drückt sich die Nase an einem Studiowiener Kaffeehaus platt, in dem ein reicher Mann üppig speist. Man hat sich nicht nur Mühe gegeben, den schönen Schwan als hässliches Entlein zu verpacken, man hat noch mehr getan. Dadurch, dass wir nur das ungeschminkte Gesicht oberhalb eines Vorhangs sehen, von einem Hut bedeckt, ist nicht einmal erkennbar, dass Susie bereits im fraulichen Alter ist. Das poor little girl wirkt tatsächlich noch wie ein girl im Sinne von Kind! Erst als wir die Person im Ganzen sehen: aha, eine Frau. Diese stürmt dann mit Chuzpe in das Büro von Ullrichs und ergattert die freie Sekretärinnenstelle. Dass sie den Portier als Tippgeber dafür hat, wann eine Stelle frei wird, lehrt uns, sie nicht zu unterschätzen. Zudem ist sie im Job spitze und garantiert nicht willig, den Geschäftsmann vom Geschäft abzubringen. Sie wird schnell von Ullrichs beste rechte Hand ever und wirbelt nicht nur sein Geschäftsleben durcheinander. Dabei liebt sie diesen Mann, sieht, dass er sich seinen Reichtum wirklich verdient hat und sogar noch viel mehr Potenzial hätte, wenn er sich nicht gelegentlich mit Frauengeschichten ablenken würde. Also wird sie es sein, die die erwähnte Damenriege abwimmelt und stattdessen lieber daran arbeitet, dass eine wichtige, in Paris abgeschlossene Fusion auf bestem Wege wächst, blüht und gedeiht. Einen vollen Terminkalender mit Geschäftsleuten und einflussreichen Politikern statt oh là là, Can Can und Séparées wird sie ihm bescheren – um lieber selbst einen draufzumachen.

… und der schöne Schwan

Es folgt natürlich die erwartete Schwan-Szene, aber sie kommt erfreulich spät und Susie wird auch dann nicht ihre Kirchenmaus-Tugenden verleugnen! Des Barons Firmenkumpel, mit denen sie ausgeht, sind harmlose und wirklich freundliche Gefährten. David Manners spielt einen von ihnen (wobei seine Figur zugleich von Ullrichs jüngerer Bruder ist), eigentlich der klassisch junge leading man, aber er wird nicht viel zu melden haben. Susie hat die Hauptrolle! Während im sehr bösen „The Match King“ (1932) die William-Figur andauernd nervige Frauen reinlegt, ist es hier Susie, die dies mit von Ullrichs Damenriege tut. Wobei der Film, was ich positiv werte, daraus nicht das große Drama macht. Ollie, die das wichtigste Opfer ist, nimmt’s als sportlichen Zickenkrieg und verklickert Susie einmal sogar in kameradschaftlicher Weise, wie man es mit kleinen Tricks anstelle, einen Mann in die Arme zu bekommen – und ins Bett, was natürlich nicht offen gesagt wird. Als Susie diese Tricks bei von Ullrich ausprobiert und er sofort darauf anspringt, ist sie mächtig enttäuscht und zeigt Größe: Ja, sie will ihn. Aber sie sagt auch: Wenn du mich haben willst, musst du mehr sein als ein allerweltstestoreongesteuerter Heini. „When I love a man, … he must be hungry and thirsty forever, since I came along. I, Susie Sachs. No other woman on earth must do. That’s the sort of love I want.”

Lust ist auch lustig

Das ist natürlich ein romantisches, vielleicht utopisches Ideal. Aber für den Film wie Susie spricht, dass sie kompromisslos ist und sich nicht mit weniger zufriedengibt. Äußerst vergnügliche Elemente wie ein von Begehren und Koketterie geprägtes „Fangenspielen“ als wilde Hatz im „top shot“ sowie herrlich schräge Nebenfiguren runden den Eindruck ab. Einer dieser großen kleinen Warner-Filme, zudem mit dem Jäger als Beute. Veröffentlicht ist der Film bis heute nicht in Deutschland, aber in den USA in der Warner Archive Collection. Dort wird übrigens nicht der Bankdirektor höchst charmant über den Tisch gezogen, sondern der Kunde: Das Cover ziert nicht die Hauptfigur, die Kirchenmaus, sondern die Dame, die nackt aus der Badewanne heraus nach von Ullrich telefoniert.

Veröffentlichung (USA): 22. April 2010 als DVD

Länge: ca. 65 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Beauty and the Boss
USA 1932
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Joseph Jackson, nach einem Theaterstück von Ladislas Fodor
Besetzung: Marian Marsh, Warren William, Mary Doran, David Manners
Zusatzmaterial: keines
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein

Filmplakat: Fair Use

Unterwegs zu Cecilia | Vierter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Die Fahrt von der Hauptstadt an die Nordgrenze dauerte zwei Tage und Nächte. In der ersten Nacht hielt der Bus an einem Militärposten. Ein Soldat weckte mich und forderte mich zum Aussteigen auf, indem er mir den Kolben seines Gewehrs in die Seite stieß. Er wies mir mit dem Licht seiner Taschenlampe den Weg durch die Dunkelheit bis in eine Halle, in der in einer beleuchteten Ecke mehre Soldaten um einem Tisch herum standen.

Auf dem Tisch lagen mein geöffneter Rucksack und verstreut dessen Inhalt. Die Soldaten hatten verdächtige Gegenstände in einem Beutel gefunden. Ich erklärte ihnen, es handele sich um mein Schweizer Taschenmesser und Hygieneartikel, woraufhin sie alles wieder einpackten. Auf dem Rückweg verlangte der Soldat für das Tragen meines Rucksacks eine Mordida, das in Mexiko übliche Schmiergeld.

Am nächsten Tag fuhr der Bus durch die Sonora-Wüste. Saguaros, die für diese Landschaft typischen baumartigen Kakteen, standen bis zum Horizont im Sand. Nachdem der Bus noch einmal angehalten hatte, stieg ein Soldat ein und überprüfte die Papiere der Fahrgäste. Als sich der Bus daraufhin wieder in Bewegung setzte, suchten wir aufgrund eines bei der Inspektion entdeckten Reifendefekts eine Werkstatt mitten in der Wüste auf.

(c) valentino 2020

Intellektuellenbashing

belmonte

Auf Facebook verschwinden die Einträge sehr schnell im Nirgendwo, aber manchmal sind die Diskussionen so gut, dass es schade ist, sie nicht etwas länger nachlesbar zu halten.

Auf einen meiner Facebook-Posts vom April hin hat sich eine Diskussion zu den Ausgangsbeschränkungen entsponnen, die ich charakteristisch für den aktuellen Diskurs finde, der zur Zeit in vielen Ländern geführt wird. Daher mache ich diese Diskussion auf unserem Blog nochmal nachträglich verfügbar.

Heribert Hansen Die Maßnahmen sind richtig. Aber es werden nicht nur Intellektuelle gebasht, sondern jeder, der sie als unverhältnismäßig ansieht. Was sie nicht sind, siehe New York. Und Bashing ist nicht immer Bashing, sondern normaler Streit.

Die Fronten der Ablehner und Befürworter der Maßnahmen gehen durch alle Gesellschaftsschichten, und es schwingt alles mit. Kleinkindaufstand, Blockwartmentalität, Ignoranz und Hysterie. Und jetzt haben wir nicht mal zwei Wochen. In Wuhan, zwei Monate komplette Ausgangssperre. Aber hier … Nicht umsonst sind die Infiziertenzahlen wunschgemäß flach geblieben. Eine Katastrophe a la Lombardei wurde abgewendet.

Da kann man nicht meckern. Aber gemeckert wird immer. Gehört dazu. Und allen kann man’s nie Recht machen.

Volker Schönenberger Wenn Leute von der Polizei gemaßregelt werden, die allein auf einer Bank ein Brötchen essen, ist das nicht verhältnismäßig.

Wenn einzelne Leute auf der Straße gegen die asoziale Flüchtlingspolitik der EU demonstrieren und dabei niemandem zu nahe kommen, dann aber von der Polizei daran gehindert werden, ist das sicher nicht verhältnismäßig.

Heribert Hansen Das sind absolute Einzelfälle und: wo einer ne Demo macht, gesellen sich bald viele dazu.

Wenn einer ne Bank benutzt, die gesperrt ist, ist Ansprache gerechtfertigt. Es gibt Orte, wo Bänke gesperrt sind, damit sich nicht mehrere draufsetzen. Was den meistem fehlt, ist Geduld. Zwei Wochen Beschränkungen sind wohl schon zu viel.

Brasch Buch Wenn ich nachts über eine rote Ampel fahre, weil sichtbar alle Straßen leer sind, schreie ich danach nicht „Polizeistaat!“, wenn ich geblitzt werde.

Volker Schönenberger Ich akzeptiere jedes Bußgeld für meine Verstöße im Straßenverkehr mit mehr oder minder großem Ärger – über mich selbst.

Was mir an der Debatte übel aufstößt: Beinahe reflexartig wird jeder, der es wagt, das Thema Einschränkungen der Grundrechte und deren Verhältnismäßigkeit diskutieren zu wollen, aufs Übelste angegangen. Dabei ist es angesichts der massiven Einschränkungen unerlässlich, sie zu diskutieren. Das sind nicht irgendwelche dahingerotzten Gesetze oder Verordnungen, sondern die fundamentalen Säulen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Heribert Hansen Corona hält sich nicht an Gesetze, deshalb müssen wir uns komplett anders verhalten. Es ist klar, dass das alles auf Zeit ist, warum wird da rumgestänkert und von Grundrechtsverletzungen schwadroniert? Art. 2 HG: Recht auf Unversehrtheit. D. h. der Staat muss alle schützen. Es gibt unzählige, die sehr verletzlich sind. Daher müssen starke Maßnahmen her. Wer diese als Grundrechtverletzung kritisiert, den möchte ich auf Art. 2 hinweisen. Und Leben und Gesundheit sind ja wohl eindeutig höhere Rechtsgüter als Freizügigkeit, wenn man das mal gegenüberstellen möchte.

Diese ganze Diskussion, die da entsteht von einer Diktatur, Grundrechtsverletzungen etc., das geht mir gewaltig auf den Geist. Wer die Maßnahmen nicht versteht in ihrer Härte, der sollte mal auf eine die tausenden Begräbnisse ohne Trauergemeinde gehen. Die dort begraben werden, hätten sich gefreut, wenn man sofort schärfste Maßnahmen ergriffen hätte.

Francis Valentino Über allen anderen Grundrechten steht nicht zufällig das der Menschenwürde. Die Bilder aus Städten wie Bergamo, New York oder Guayaquil zeigen doch, wie notwendig die Maßnahmen sind. Dabei haben wir noch nicht mal Verhältnisse wie in Wuhan.

Volker Schönenberger Francis, das ändert nichts an meinen Worten und stellt auch keinen Widerspruch dar.

Heribert Hansen Volker Schönenberger, warum zetteln sie eigentlich so ne Diskussion an? Als ob sich nicht in kurzer Zeit, vielleicht Tage, vielleicht Wochen, wenns dumm läuft viele Wochen, denn das Virus ist unberechenbar, alles wieder normalisiert. Wer anfängt, über die Maßnahmen zu diskutieren, der erntet zu Recht Widerspruch, denn es geht um Leben und Tod Vulnerabler. Um nichts weniger.

Brasch Buch Volker Schönenberger, vielleicht schaffen Sie es ja mal zu erklären, wo sie Ihre Grundrechte derzeit so beschnitten finden, dass es Straßendemos bedarf und Klagen an das Verfassungsgericht. Was die Demonstration- und Versammlungsrechte z.B. betrifft, haben die Verfechter schon ein eigenwilliges Demokratieverständnis. Man will demonstrieren, obwohl man weiß, dass ca. 30% der Bevölkerung weder daran teilnehmen noch dagegen demonstrieren können, da sie zu einer Risikogruppe zählen. Viele von denen fordern gerade „Cocooning“, d.h. Leute ab 65 Jahren sollen zuhause bleiben, sie aber wollen sich dann versammeln, um über die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu diskutieren. Wirklich kurioses Demokratieverständnis. Und dazu noch die unsägliche Phrase „Man muss das doch mal sagen dürfen.“ Mein Güte, die Netze sind voll von dem undurchdachten Gelaber. Und wenn man – wie ich jetzt hier – versucht, die Leute doch mal wieder zu erden, sich wünscht, dass sie selbst mal ihre Klagen reflektieren, dann kommt wieder: Ja, aber, man muss doch …

Heribert Hansen Auf die Grundrechte pfeif ich für ein paar Wochen, wenn deren Einschränkung erreicht, dass meine Tante im Altersheim mit ihren 97 Jahren überlebt.

Francis Valentino Volker, das meinte ich nicht als Kritik an deinem Kommentar. Ich finde es okay, darüber zu diskutieren (was ja hier geschieht). Was mich bei der Kritik an den angeblich „unverhältnismäßigen“ Maßnahmen stört, ist der verschwörerische Unterton: Irgendeine fremde Macht würde unsere Grundrechte beschneiden. Manche ignorieren das Schicksal der Kranken, andere empören sich halt gerne. All jenen sei gesagt: Das Virus ist eine Naturkatastrophe, für die niemand Schuld trägt!

Giovanni Belmonte So sehr ich persönlich die aktuellen Maßnahmen richtig finde, finde ich es ebenso wichtig (und zulässig ohnehin), dass sie diskutiert werden. Immerhin gibt es Länder wie Ungarn, in denen die Coronakrise für die aktuelle politische Agenda hemmungslos ausgenutzt wird.

Mir ist allerdings sehr wichtig, dass nach der Krise, wann immer das sein wird, alle Maßnahmen wieder zurückgefahren werden. Das ist nicht selbstverständlich, da Gesetze und Institutionen kein Gedächtnis haben und, einmal eingeführt, ziemliche Beharrungskräfte aufweisen können. Da müssen wir alle schon ziemlich genau drauf schauen.

Und dennoch, im Vergleich zu anderen Ländern (z. B. Italien oder Frankreich) finde ich die Maßnahmen hier in Deutschland noch relativ moderat. Und ich wünsche mir sehr, dass es nicht zu Triage-Entscheidungen kommen muss.

Heribert Hansen Es sind ja, so weit ich das überblicke, keine Gesetze geändert worden außer die verfassungsmäßige Schuldenbremse. Alles andere sind nur Verordnungen – die z.T. rechtlich sicher nicht immer wasserdicht sind. Noch ist ja alles überschaubar, es geht ja nur um Aufenthaltsbeschränkungen. Und es wurden immer Daten genannt – anders als in Ungarn.

Giovanni Belmonte Wie sieht es eigentlich bei Euch in der Klinik aus, Heribert? Habt Ihr viele Covid-19-Fälle bei Euch?

Heribert Hansen Ich bin jetzt schon ne Weile im Frei – wir hatten wenige Fälle. Es ist aber vereinbart worden, dass die Covid ins KliLu kommen und wir deren normale Nicht Covid Chirugiepat übernehmen. Vor zehn Tagen hörte ich, dass auch im KliLu kaum Covid liegen – den derzeitigen Stand kenne ich nicht.

Unterm Strich ist das alles in keiner Weise mit den anderen Staaten zu vergleichen – als ich ins Frei ging, hatte man schon drei Wochen vorher gesagt, in einer Woche ist es wie in Italien. War aber selbst nach drei Wochen nix dergleichen. Liegt wohl an der besseren Luft hier und weniger Rauchern oder was weiß ich.

Giovanni Belmonte Heribert, hoffentlich hast Du recht. Die Kurve geht nach wie vor nach oben.

Heribert Hansen Sie steigt an, aber abgeflacht. Genau darum ging es ja.

Volker Schönenberger Francis Valentino, hatte ich auch nicht als Kritik an mir verstanden. Aber einige Kommentatoren hier bestätigen genau das, was ich ausdrücken will. Es wird sogleich aggressiv erwidert, weshalb ich hier eine solche Diskussion „anzettle“.

Ein Kommentator bezweifelt die Sinnhaftigkeit einer Klage ans BVerfG. Ich werde sicher keine führen, wünsche mir aber, dass die derzeitigen Maßnahmen beizeiten höchstrichterlich untersucht werden. Von mir aus dann auch gebilligt. Wenn das nicht geschieht, ist späteren Willkür-Einschränkungen bei anderen Ereignissen Tür und Tor geöffnet. Oder am Ende bleibt es still und heimlich nach dem Ende der Krise bei einigen Einschränkungen.

Heribert Hansen Ich wiederhole es, solche Diskussionen sind im Angesicht der Pandemie weder sinnvoll noch zielführend. Diskutieren anfangen kann man nach zwei Monaten, nicht wenn nicht mal die erste Zeithürde von drei Wochen durch ist.

Giovanni Belmonte Heribert, das finde ich nicht richtig. Wir machen uns alle ganz unterschiedliche Sorgen, und natürlich können die offen diskutiert werden.

Die Pandemie ist nicht nur ein sehr gefährlicher Virus, sondern gleichzeitig ein Katalysator gesellschaftlich vorhandener Tendenzen. Diese ans Tageslicht zu bringen, ist wichtig, insbesondere während so einer Krise.

Das widerspricht überhaupt nicht der Zustimmung und Einhaltung der aktuellen Maßnahmen.

Francis Valentino Volker, natürlich müssen wir darauf achten, dass jetzt nicht die Demokratie à la Viktor Orbáns Vollmachtsgesetz abgebaut wird. Deutschlands Maßnahmen sind jedoch vergleichsweise moderat und immerhin scheinen sie ja eine gewisse Wirkung gegen die Ausbreitung des Virus zu zeigen.

Die reflexartigen Reaktionen rühren wahrscheinlich daher, dass einige die Debatte um die Grundrechte dazu missbrauchen, um ihre menschenverachtende Weltsicht einer Politik der Eugenik vorzutragen (die Ausgrenzung der Risikogruppe). Das bedeutet doch nichts anderes als für ihre Freiheit alle Alten, Kranken und Schwachen opfern.

Employees’ Entrance – #metoo im Pre-Code (Filmrezension)

Employees’ Entrance

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Drama // Willkommen in der beinharten Geschäftswelt in Zeiten der Krise und in einem brettharten Pre-Code-Knaller, der sich selbst für damalige Verhältnisse weit aus dem Fenster lehnt und doch nicht voyeuristisch ausfällt, sondern knochenehrlich und erfrischend ungeschminkt. Dirty rotten scoundrel „King of Pre-Code“ Warren William („Beauty and the Boss“, 1932) gibt den rücksichtslosen Unternehmer Kurt Anderson, dem der Erfolg recht gibt. Weil dies vermutlich tatsächlich so ist, kann man den Film auch als Kapitalismuskritik lesen. Vielleicht gerade weil er sich der moralischen Bestrafung des Skrupellosen widersetzt. Und bei seinem Kampf schmeißt dieser nicht nur Leute raus (und einmal definitiv in den Ruin sowie einmal in den Freitod), sondern nimmt auch noch alles Weibliche mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die von Loretta Young gespielte Arbeitslose Madeline Walters bekommt er vor den Kussmund und andeutungsweise schon zu Beginn in die Kiste, indem er ihre Not ausnutzt und ihr einen Job gibt. Später ist dann ziemlich deutlich, dass Anderson sie nach der Abblende, in der sie hinreißend schön und ziemlich besoffen in seinem Bett wie hingegossen liegt, „nimmt“.

Von Kurt Anderson zu Harvey Weinstein

Aber unserem Harvey Weinstein der Kaufhausbranche in der Depressionszeit wird es nicht an den Kragen gehen! Der aus heutiger Sicht vielleicht grenzwertige Plot ist gleichwohl zu genießen, verehrt er den Hauptcharakter doch nicht als tollen Hecht, sondern zeigt, dass gegen eine brutale Wirtschaftskrise nur ein noch brutalerer Manager hilft. Damit ist der Film genauso hässlich-zynisch wie vermutlich leider wahr, und er braucht den Vergleich mit so manchem Billy Wilder, wie zum Beispiel „Extrablatt“ (1974), sowie den vorherigen „Front Page“-Verfilmungen nicht zu scheuen. Eine hier nicht zu verratende Chance für die Liebe gibt es gleichwohl, aber auch so rotzfrech-erfrischende Figuren wie Polly Dale (Alice White). Sie wird von Anderson wie eine Prostituierte für das Stellen von Honigfallen bezahlt, wobei sie dessen Widersacher vielleicht mehr als nur umgarnt. White spielt diese Polly schon nach dem Zenit ihrer kurzen, aber heftigen Flapper-Karriere, und auch wenn sie diesmal vielleicht etwas überzieht, ist ihre Figur ein stimmiger Charakter, weiß diese doch genau, was sie tut, und dies macht sie gleichsam effektiv wie irritierend gern.

„Employees’ Entrance“ hat dann noch die Chuzpe, ein paar Anspielungen auf Homosexualität einzubauen. Ein findiger Verkäufer schlägt einmal vor, Damen- neben Herrenartikeln zu platzieren, da Damen für ihre Männer nicht nur Krawatten kauften, sondern auch andere (zum Teil recht intime) Dinge – und dass die Männer dann auch die Damen bei der Unterwäschewahl sehen, wird als willkommener (Verkaufs-)Appetizer angesehen. Ein brüskierter Kollege wird von Anderson nur gefragt: „Don’t you like women?“ Und auch Anderson selbst scheint gelegentlich an dem findigen Verkäufer Martin West (Wallace Ford), den er unter seine Fittiche nimmt, mehr als nur berufliches Interesse zu haben, wird insoweit sogar Konkurrent für Young, die Ford heimlich geheiratet hat – fortan hat er keine Zeit mehr für sie. So werden am Schluss auch nicht Kurt und Polly als seelenverwandte dirty rotten scoundrels zusammenkommen. Pre-Code, wie er sein muss, immer in die Vollen, doch nie selbstzweckhaft.

Der effektive Regie-Handwerker Roy Del Ruth

Dass die Machart nur im besten Sinne konventionell ist, muss man schlucken. Aber was heißt schon „nur“? Roy Del Ruth („Der kleine Gangsterkönig“, 1933) war seinerzeit ein vielbeschäftigter Warner-Auftragsregisseur. Es mag seine Gründe haben, dass er nicht so bekannt wurde wie die damaligen Kollegen Michael Curtiz und Mervyn LeRoy. Aber er liefert effektives Handwerk ab, mit schnörkellosem, hohem Tempo (etwa durch die damals üblichen und heute noch bei „Star Wars“ gebräuchlichen Überblendungen von allen und in alle möglichen Richtungen). Auch die bei hohem Kostendruck sehr effiziente Technik der Montagen funktioniert, in denen zum Beispiel zu Beginn sehr schnell, aber ohne neumodisches Schnittgewitter die Unternehmensgeschichte der vergangenen Jahrzehnte vorgestellt wird. Der übliche Blick auf Zeitungsschlagzeilen unterstreicht den Realismus. Und das Einstreuen von Footage gibt die effektive Illusion von Production Values (der wiederkehrende flucht-/vogelperspektivische Blick auf eine Fabrikationshalle kommt mir aus dem Autofabrik-Streifen „Unser Boss ist eine Lady“ (1933) merkwürdig bekannt vor, aber ich mag mich irren). Zudem gibt es zwar – wie seinerzeit oft – noch keinen durchkomponierten Soundtrack, aber musikalische Leitmotive, beispielsweise „I Found My Million Dollar Baby in a Five and Ten Cent Store“. Eine hübsche Umkehrung der Tatsache, dass hier alle in einem Million Dollar Store zu „billigen“ Personen zu werden drohen.

Fazit: Hard, fast and beautiful. In 75 Minuten Wahrheit, Unterhaltung, Gemeinheit, aber nie Nihilismus. Wem seinerzeitiger MGM-Edelkitsch auf den Zeiger geht, der greife zu diesem Film. Pre-Code vom Derbsten und zugleich Feinsten. Nun braucht’s nur noch eine deutsche Heimkino-Veröffentlichung. Im Zuge der #metoo-Debatte mag ein findiges Label hoffentlich mal auf „Employees’ Entrance“ stoßen.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als DVD (Bestandteil der Box „Forbidden Hollywood – Volume 7“)

Länge: 65 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Employees’ Entrance
USA 1933
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Robert Presnell Sr., nach einem Theaterstück von David Boehm
Besetzung: Warren William, Loretta Young, Wallace Ford, Alice White, Hale Hamilton, Albert Gran, Marjorie Gateson, Ruth Donnelly, Frank Reicher, Charles Sellon
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

Unterwegs zu Cecilia | Dritter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Damals fand gerade das jährliche Stadtfest in San Mateo statt. Ich erreichte das abgelegene Bergdorf um halb fünf Uhr nachmittags. Der Bus war um zehn Uhr morgens von Huehue abgefahren und hatte dann San Juan Ixcoy um ein Uhr mittags, Soloma um zwei und Santa Eulalia um drei Uhr nachmittags passiert. Viele Chuj, Angehörige der im Dorf lebenden Indigenen, feierten trotz des Regens auf der Straße.

Langsam brach die Dunkelheit über die Häuser herein, die sich im spärlichen Licht der untergehenden Sonne sanft an die wolkenverhangenen Hänge des Höhenzugs schmiegten. Ich hatte mir in einem höhergelegenen Bergtal ein Zimmer im Hotel San Pablo genommen und meine Sachen dort gelassen. Daraufhin war ich in den Comedor Coyoteca gegangen und hatte den Besitzer nach Narcisa gefragt. Er hatte mir gesagt, sie würde später eintreffen. Auf einem Tisch vor dem Fenster lag weißer kugelrunder Käse. Der Regen prasselte an die Scheibe.

Spät abends spielten Musiker die Marimba. Tänzer in Stierkostümen tanzten den Baile de los Toritos, den Stiertanz, auf dem Platz gegenüber der Kirche. Sie feuerten Feuerwerkskörper ab, die an ihren Kostümen befestigt waren und die kreisend Flammen schlugen oder ziellos durch die Luft flogen. Die dicht gedrängt stehenden Zuschauer waren ständig auf der Hut vor Blindgängern und wichen vor ihnen aus, wobei sie sich gegenseitig schubsten oder rempelten.

(c) valentino 2020