Du ausariuweltes schons min herz (Variation auf Oswald von Wolkenstein)

belmonte

Du ausariuweltes schons min herz
(Variation auf Oswald von Wolkenstein)

1

Du ausariuweltes schons min herz
wie susz dein weiplich wolgevar
Ei, minneklickes falcken terz
ich kann diu lieber nimmer mar

Kain menisch sach lieber diem
ine kan ir lieber nich volziern

Kain menisch sach lieber diem
wie susz dein snäpelin wolgevar

Variation auf Oswald von Wolkenstein / Foto: Konrad Gös

Variation auf Oswald von Wolkenstein / Foto: Konrad Gös

2

Sol trostlich zart gesehen mer
ir stolzer leib mir trauren gar
Bedencke, wo’ich in werlt hin ker
ich kann diu nimmer lieber mar

Kain menisch sach lieber diem
ich kan ir lieber nich volziern

Kain menisch sach lieber diem
wie susz dein snäpelin wolgevar

3

mariùsaweltes schons min herz
wie susz ana deina wolgevar
maru schana jeru falicken terz
ine kann diu schana periu nimmer mar

kam kam’mariù lieber diem
ine kann ir lieb ure schaj ma’iem

kam kam’mariù lieber diem
periu susz lascharu el’la wolgevar

4

sche fa pië’ta pari û schanaj
es’sana’jane fare û schani
matù scheri keriuba sanaj
e’schanu e’scheri peri usch’abbam

kam kam’mariù schalim
per janu scha laj
ine scha ma’im

kam kam’mariù schalim
periu scha lascharu
el’la ru schana

(c) belmonte 2017

belmonte hat diese Variation auf Oswald von Wolkensteins Lied Du ausserweltes schöns mein herz im Juni 2017 im Rahmen der Literarischen Geisterstunde der Dichtergruppe KAMINA im Spiegelzelt der Literaturtage Heidelberg mit einem indischen Harmonium auf die Melodie von Greensleeves vorgetragen.

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Inwiefern spielt Internationalität für KAMINA eine Rolle?

Katharina Dück:
Meines Erachtens spielt unsere Heterogenität – und dazu gehört mehr als die Internationalität, aber auch diese – eine sehr große Rolle. Es ist einfach toll, so viele unterschiedliche Menschen und ihre Sicht auf die Welt kennenzulernen und mit ihnen zusammen, wenn sie denn bei uns bleiben, weiterzuarbeiten, das heißt zu dichten. Man befruchtet und bereichert sich gegenseitig.

Elena Kisel:
Seit kurzem stört mich in diesem Begriff das Präfix „Inter“. Es versetzt den „Betroffenen“ zwischen die Nationen. Das Problem ist viel sensibler und komplizierter. In unserer Praxis spüre ich direkt und kompromisslos die Andersartigkeit und -sprachigkeit. Es entsteht starke Spannung zwischen dem Wunsch verstanden zu werden und der Intention, seine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln und manchmal einfach bei sich zu bleiben. Eigentlich betrifft das nicht nur Anderssprachler, eine ewige poetologische Frage. Diese Spannung aber hütet Kunst und (Inter)Nationalität oft vor der Funktionalisierung.

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Spielen in der Dichtung und Literatur der KAMINA-Gruppe auch politische Themen eine Rolle?

Katharina Dück:
In den gemeinsamen Werken spielen solche Texte weniger eine Rolle, aber in den individuellen Texten durchaus mehr. Einige von uns schreiben politisch und sozial relevante und kritische Texte.

Elena Kisel:
Ich zitiere hier den Politikbegriff der Bundeszentrale für politische Bildung, der Politik als „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen“ bezeichnet (http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18019/politik).

Zum Teil ist das schon so, oder?

Vnicornis:
Viele von Euch sind mittlerweile keine Studenten mehr. Wie hat sich die Dichtergruppe dadurch verändert?

Elena Kisel:
Sie war von Anfang an nie einhundert Prozent studentisch. Wir hatten zu manchen Zeiten Altersunterschiede von mehr als fünfundzwanzig Jahren – ein Vierteljahrhundert Erfahrung, systematisch gesehen; leider ein von jungen Menschen oft nicht anerkanntes Potenzial – wir sehen auch so erschreckend alt aus. Aber die Dichtung braucht Erfahrung, intensiv und schnell, wo sonst bekommt man sie anders hin.

Katharina Dück:
Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Studentenstatus zusammenhängt, denn es waren von Anfang an auch Nicht-Studierende bei uns. Was uns verändert hat, ist vielmehr die Zeit, in der wir nun zusammen lesen, schreiben, diskutieren, auftreten, arbeiten und zum Teil den Alltag teilen. Es hat sich ein mehr oder weniger harter KAMINA-Kern herausgebildet, der inzwischen nicht nur durch Dichtung, sondern auch durch persönliche Kontakte verbunden ist.

Auf der anderen Seite ist das Dichten neben dem Studium für viele eine Freizeitbeschäftigung. Nach dem Studium fragen sich dann doch einige, ob man diese Leidenschaft nicht professionalisieren soll.

Vnicornis:
Welche Auswirkungen hat der Status der Stadt Heidelberg als UNESCO City of Literature auf Eure Arbeit?

Elena Kisel:
Das hat zusätzliche Kräfte aktiviert, in uns und der literarischen Community der Stadt.

Katharina Dück:
Auf unsere Arbeit als Gruppe hatte dieses Label qualitativ eigentlich keine Auswirkung, jedoch auf unsere Wahrnehmung in der Literatur-Community der Stadt: Seit Heidelberg eine der UNESCO Cities of Literature ist, schauen sich alle im hiesigen Literaturbetrieb ein wenig um, und so ist man nach fast sechs Jahren auch auf uns aufmerksam geworden. Plötzlich bekamen wir Anfragen, ob wir irgendwo auftreten oder mit jemandem kooperieren möchten. Das war großartig, bedeutete aber einen quantitativen Zuwachs an Arbeit. Dementsprechend wurde die Arbeit mehr, allerdings nicht anders.

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel auf der Marstallbühne

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel im Marstallcafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Wo seht Ihr KAMINA in fünf Jahren?

Katharina Dück:
Gute Frage. Es gibt eine Antwort, die meinen Wunsch, und eine, die meinen Glauben äußert. Ich wünsche mir, dass sich KAMINA als Gruppe professionalisieren und den Poetry Jam weiter ausbauen kann, ohne dass diese Professionalisierung die individuelle Tätigkeit als Dichter/in im weitesten Sinne einschränkt. Optimalerweise ist diese Form der Tätigkeit reziprok: Die Gruppe erhält neue Impulse von der individuellen Entwicklung der Einzelnen, wodurch sich auch die Gruppe weiterentwickelt und ihrerseits jeder und jedem Einzelnen neue Impulse bietet.

Ich glaube allerdings, dass das eine Herausforderung sein wird und dass es das heutige KAMINA-Dichterkollektiv in fünf Jahren vielleicht nicht mehr geben wird: Manche ziehen weg, bei anderen verschieben sich die Prioritäten – es gibt viele Gründe. Aber es gibt eben jenen harten Kern, der voller Wünsche, Ideen und Inspiration nur so sprüht. Ich bin also guter Dinge.

KAMINA steht auf der Schwelle zu etwas Neuem – keine Frage – und ich bin gespannt, wie sich alles weiterentwickeln wird. In jedem Fall bleibt der studentische Teil des Dichterkreises KAMINA weiterhin als Hochschulgruppe der Universität Heidelberg bestehen, um auch in Zukunft Studierenden sowie Interessierten, auch außerhalb des Universitätsbetriebs, eine Plattform zu bieten, über eigene Texte – egal welcher Art sie sein mögen – konstruktiv zu diskutieren. Was sich darüber hinaus noch ergeben wird, das werden wir sehen. Künftige Projekte zeichnen sich bereits ab. Gespannt bin ich trotzdem, denn wer hätte damals vor sechs Jahren, als Elena und ich unsere Idee zu einem solchen Dichterkreis gerade erst umgesetzt hatten, gedacht, dass wir in fünf Jahren auf einer städtischen Bühne stehen, unsere Texte vortragen und dafür sogar eine Gage erhalten würden!? Wir wollten eigentlich nur mit Gleichgesinnten über unsere Texte sprechen.

Elena Kisel:
Wo steht KAMINA in fünf Jahren? Ich glaube, gerade fallen darüber einige wichtige Entscheidungen.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 1 von 2

Vnicornis:
Welche Ziele und Beweggründe hattet Ihr, als Ihr vor sechs Jahren den Studentischen Dichterkreis KAMINA in Heidelberg gegründet habt?

Katharina Dück:
Elena und ich haben uns in einem Kolloquium kennengelernt, in dem es noch andere Studierende gab, die eigentlich nur für sich selbst geschrieben haben. Wir haben uns mit den anderen immer wieder mal über unsere jeweilige Dichtung ausgetauscht, zum Beispiel bei den Leseabenden, die unser damaliger Professor Telle veranstaltet hat, aber selten im Detail über unsere Texte diskutiert. Elena hatte damals mit Kommilitoninnen einen Lesezirkel, in dem Werke von der germanistischen Leseliste gelesen und diskutiert wurden. Ich hatte mich ihnen einige Male angeschlossen und fand, es müsste eine Verbindung beider Lesarten geben, also selbstgeschriebene Texte zu lesen und anschließend zu diskutieren. Auch Elena war dieser Meinung und so gründeten wir den Dichterkreis KAMINA, um selbstgeschriebene Texte anderen Jungautorinn/en vorzutragen und hinterher nicht nur Feedback zu erhalten, sondern auch darüber zu diskutieren und uns gegenseitig konstruktive Kritik zu geben. Wir wollten lediglich einen Lesezirkel gründen. An öffentliche Lesungen, Bühnenauftritte und Publikationen haben wir damals nicht gedacht.

Elena Kisel:
Nur Rückblickend: Das war für mich ein Versuch, den Zugang zu Menschen und zur Sprache zu finden, mich mit dem kulturellen Druck der Autor- und Autoritätschaft [sic] auseinanderzusetzen. Das war eine kulturelle Integration.

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Was bedeutet der Name KAMINA?

Katharina Dück:
Als wir einen Namen suchten – da hatten wir uns im kleinen Kreis von vier bis fünf Personen bereits ein halbes Jahr getroffen –, wollten wir ein Wort für unsere Gruppe finden, dass noch nicht (mit Bedeutungen) belegt war, aber gewisse Assoziationen wecken würde. Es musste ein Neologismus her. Wir haben mit Wörtern und Namen jongliert und kamen irgendwann auf KAMINA: Klanglich erinnert es an „Carmina“ (lat. Lied) und damit die ursprüngliche Bindung der Lyrik an die Musik. Außerdem bedeutet „kamen“ auf russisch „Stein“ – ein Wort, das für uns für Beständigkeit steht. Wir wollten von Anfang an einen Dichterkreis gründen, der länger besteht als unser Studium, was uns bisher auch gelungen ist. Einige von uns haben ihr Studium schon vor etlichen Jahren beendet und sind immer noch mit dabei. Und schließlich befindet sich im Lesecafé, das uns das Studierendenwerk – unser wichtigster Partner – zur Verfügung stellt und in dem wir uns monatlich treffen, ein Kamin. Wenn man das Sitzen am Kamin, das genug Assoziationen weckt, ins Russische übersetzt, dann heißt es „u kamina“. Damit stand der Name fest.

Elena Kisel:
Der Name lädt zum Assozieren ein: carmen, Camena usw. Hinsichtlich Kamin – im Lesecafe im Heidelberger Marstall, wo wir uns treffen, gibt es einen Fake-Kamin.

Vnicornis:
Ihr schreibt und performt hauptsächlich Lyrik. Warum hat Lyrik neben der Massenüberflutung durch Prosa für Euch noch so eine große Bedeutung?

Elena Kisel:
Das Lyrische an sich ist für mich insoweit wichtig, als die Texte, an denen ich momentan arbeite, nicht Bilder und Bedeutungen vorantreiben, sondern elementare Bewegungen und Kontakte wie zum Beispiel Betonung und Entspannung.

Katharina Dück:
Die Frage nach der Bedeutung von Lyrik kann ich nur für mich selbst, nicht aber für die Gruppe insgesamt beantworten. Ich habe das Gefühl, dass Lyrik viel freier ist als Prosa. Man kann viel mehr mit Worten jonglieren. Prosa gibt einem in der Gegenwart viel mehr Vorgaben. Das war schon mal umgekehrt. Interessant wird es dort, wo die Grenzen verschwimmen: in der lyrischen Prosa.

Was unsere Gruppe betrifft, so hat sich das folgendermaßen ergeben: Die ersten Mitglieder waren, mit einer Ausnahme, alle Lyriker/innen, und irgendwie sind vornehmlich Lyriker/innen bei uns geblieben. Es gibt aber auch einige unter uns, die sowohl Lyrik als auch Prosa schreiben.

Vnicornis:
Ihr arbeitet viel im Kollektiv, Texte entstehen häufig miteinander, Ihr veranstaltet gemeinsame Performances und Poetry Jams. Wie verhalten sich aus Eurer Sicht kollektiv und individuell entstandene Dichtung zueinander?

Elena Kisel:
Es gibt individuelle, unabhängig vom Kollektiv entstandene Texte und individuelle Texte, die sich aus Kollektivtexten herauskristallisiert haben. Es gibt auch Kollektivtexte und individuelle Texte, die sich aus textuellen und performativen Wolken bilden – das ist ein verzweigtes System der Formen, Verhältnisse und Methoden. Mir gefiel der Gedanke, einen lokalen inspiratorischen Attraktor zu schaffen – einen Kreator-Attraktor. Ich habe sozusagen einfach die Emergenz, die Vermehrung der Energie und Inspiration, in unserer Praxis beobachtet. Daraus wuchs mein Interesse, das weiter und systematischer zu entwickeln.

Wenn wir von Prinzipien Kollektiv und Individuell sprechen, würde ich das Verhältnis zwischen ihnen als Verdichtung beschreiben. Das ist ein Verhältnis. Das Verhältnis an sich kann nicht individuell, kann vielleicht nur vorstellbar sein, es wird jedes Mal konstituiert, wie die Gruppe, die Individuen oder ihre Verhältnisse es festlegen.

Katharina Dück:
Das ist, als würde man danach fragen, wie sich die einzelnen Finger mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakteristika zum Kollektiv der Hand verhalten. Es gibt einen Punkt, da kann man das nicht mehr voneinander trennen – und muss man auch nicht, wenn man gemeinsam ein Werk entstehen lässt.

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Welche KAMINA-Aktivitäten sind Euch am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

Elena Kisel:
Projekte, Projekte, Projekte. Meine erste Performance auf der Alten Brücke; das Projekt „Textkörper“, bei dem wir auf die Körper der Dichter ihre Gedichte projiziert und daraus Kurzfilme gemacht haben; „Körpertexte“, bei denen wir die Texte auf den Körpern der Dichter gedichtet haben. Du siehst, bei mir ging es schon ganz dicht an den Körper ran. Weiter und mehr. Wir haben diese Körpertexte live auf die Leinwand projiziert und weiter geschrieben, auch auf der Marstallwiese auf den fünfzig Meter langen Schreibfächern; der erste Auftritt mit dem Kollektivtext „Berlin Calling“; überhaupt die ersten kollektiven Schreibwerkstätten, digitale Schreibwerkstätten und -performances, das letzte Mal bei der Mandelstamstraße mit den vielen Tastaturen (waren es sechs?) in einem Dokument ein Textgewirr gleichzeitig kollektiv verfasst, und weiter in Details, ich kann mich an alles erinnern. Ich bin in diese Geschichte verliebt.

Katharina Dück:
Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war für mich unser erster Poetry Jam im September 2013 beim Kulturportal auf dem Haardter Schloss, eine Benefizveranstaltung des „Arte Casimir Sozialfonds“. Wir hatten noch keinen Namen für das, was wir da machten, aber wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Zusammen mit dem Künstler Manfred E. Plathe und der Musik von Paul Kalkbrenner hatten wir den ganzen Tag auf dem Gelände gejamt mit unseren Worten, der Musik „Berlin Calling“ und mit Manfred, der zu unseren Worten und der Musik wie wild sprayte. Das war magisch. Aber eigentlich war jeder Poetry-Jam-Auftritt magisch. Ich weiß noch, wie erschrocken wir waren, als wir das erste Mal „Wer hat Angst vor Virginia Woolfs Wellen?“ aufgeführt haben, nachdem wir wochenlang zuvor dran gearbeitet hatten. Da gab es danach eine kurze Stille. Das Publikum starrte uns an und wir starrten zurück und wussten: Da ist etwas Großes entstanden. Alle waren platt, bevor dann plötzlich der Applaus losbrach. Das war unglaublich!

Das gemeinsame Schreiben, die Diskussionen, die Arbeit an Texten und schließlich die dazugehörige Preisgabe der Werke oder des Werkes an das Publikum. Das ist in meinem Gedächtnis am eindrücklichsten geblieben. Aber eigentlich gibt es so viele schöne Momente, Menschen und Aktivitäten, an die ich mich gerne erinnere.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

“This is an old diner” und “Around the poolhalls of Denver” – Jack Kerouac: Visions of Cody (Fragmentrezension)

valentino

Jack Kerouac Visions of Cody

Jack Kerouac: Visions of Cody

Seine Rastlosigkeit und der Wunsch auszubrechen treiben den 19-jährigen Jack Duluoz auf die Suche nach einem Exil. Eine verlorene Seele, die das Land, in das sie hineingeboren wurde, als kalten, großen Nebel wahrnimmt und trotzdem das Leben liebt. Die intensive Wahrnehmung der Wirklichkeit gepaart mit der Erkenntnis eines kurzen Lebens bringt den jungen Duluoz zum Erzählen.

Das markante Äußere Cody Pomerays, der im wirklichen Leben Neal Cassady hieß (Dean Moriarty in “On the Road”), vergleicht Jack mit den Statuen berühmter junger Helden. Codys Mutter starb, bevor er alt genug war, um mit ihr sprechen zu können, der Vater führte ein Leben als “hobo”, US-amerikanischer Wanderarbeiter, und hatte einen heruntergekommenen Friseurladen in Denver. Cody ist in eine lebensfeindliche Welt geworfen: 1927, Zeit der Großen Depression in Amerika. Doch Cody hat einen Traum: Bücher lesen. Das verändert sein Leben.

In Kerouacs “Visions” geht es vor allem um den Aufbruch in eine neue Zeit: Die Moderne. Der Autor schildert Amerikas Tristesse, seine nackte Wirklichkeit. Das liest sich zuweilen deprimierend, aber schonungslos hart. So ist die Schwäche des Buches zugleich seine Stärke. Die essayhafte Beschreibung eines Flusses tiefer Bewusstseinsströme, trugbildhafter Erinnerungen und irrlichternder Träume, das Weglassen jeglicher textlichen Konstruktion. Man kann kaum Luft holen.

Ununterbrochen reiht der Autor Sätze aneinander wie Perlen auf einer Schnur, entwirft ein ausgeprägtes Bild des Raumes und mythologisiert das intensive Leben. Kerouacs Sprache charakterisiert sich durch einen experimentellen, intuitiven Stil. Der an den Jazz angelehnte Rhythmus der Prosa ruft starke Imaginationen hervor, die eine Wolke der Inspiration bilden, in der Kerouac schwimmt:

“Whether her cherry trees were in bloom or not it was brown in this room – when my father had rheumatism in it the sheets of his sickbed made it gray – now this is an ‘inexpressibly delicious’ old memory like old port – nothing in California matches it. I rolled my glassies for the first time on the jagged wood of desk – it was when I got idea for racing, they meandered a race under my eyes – it was a gray day – the whole idea of the Turf must have come to me like (as just now and not since 1948) that so-seldom experience of seeing my whole life’s richness swimming in a palpable mothlike cloud, a cloud I can really see and which I think is elfin and due really to my Celtic blood – coming only in moments of complete inspiration … In my life I number them probably below five – at least on this level –” (27)

So spielt es weniger eine Rolle, ob Kerouac Erinnerungen rekonstruiert oder Beobachtetes beschreibt, jedes Mal fließen die Gedanken durch einen individuellen Trichter, werden durch die ihnen innewohnenden Abläufe geformt. Insofern ist es wichtig, bedeutsamer, überhaupt im Schreiben den Gedankenbildern einen Zugang zu ermöglichen und im künstlerischen Prozess diese zu materialisieren. Das Leben schreiben. Schreiben als Leben. Kunst als Leben.

(c) valentino 2012

Jack Kerouac: Visions of Cody. New York 1993.

Link zum Datensatz im Katalog der Library of Congress