„Und ihr könntet doch Menschen sein …“ – Volker Weidermann: Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen (Buchrezension)

valentino

In seinem neuen Buch schildert Volker Weidermann die kurze, aber intensive Zeit der Münchener Räterepublik. Eine Gruppe von Dichtern nutzt die Gunst der Stunde, um die Macht zu ergreifen. Doch sie scheitern an der harten Wirklichkeit. Ihre humanistischen und pazifistischen Ideale bleiben.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs erfasst eine Revolution Deutschland. In München ruft der Anführer einer Massendemonstration Kurt Eisner in der Nacht zum 8. November 1918 den Freistaat Bayern aus. Die Zeit ist reif für einen Neuanfang: Organe der Selbstverwaltung werden gebildet, bewaffnete Arbeiter und Soldaten besetzen Ministerien, der bayerische König Ludwig III dankt ab.

Eisner will ein Kriegs-Schuldbekenntnis Deutschlands sowie weitgehende Zugeständnisse an die siegreichen Alliierten. Es soll eine Verbindung aus parlamentarischer und Rätedemokratie eingerichtet werden. Die Landtagswahl wird für den 12. Januar 1919 angesetzt. Allerdings hat Eisner nach der Machtergreifung Feinde in zahlreichen Lagern: Neben Anhängern der Monarchie, Rechten, Antisemiten und Nationalisten auch Antidemokraten, gemäßigte und radikale Linke, Anarchisten und Kommunisten.

Kurz vor der Wahl gibt es unterschiedliche Ansichten zur Vorgehensweise. Eisner lässt seinen Mitstreiter Erich Mühsam verhaften. Es kommt zum Bruch innerhalb der Linken. Daraufhin verliert Eisner die Wahl. Als er auf der konstituierenden Sitzung des Landtags am 21. Februar seinen Rücktritt erklären will, erschießt ihn auf dem Weg dorthin Anton von Arco-Valley mit einem Revolver. Der junge Graf will durch den Mord seine Zugehörigkeit zur antisemitischen Thule-Gesellschaft beweisen, nachdem diese ihn zuvor wegen seiner jüdischen Mutter abgelehnt hatte. (94 f., 238)

In der Folge des Attentats gibt es Tumulte im Landtag, bei denen Eisners Gegenspieler Erhard Auer durch Schüsse verwundet wird. Offenbar hielt der Schütze ihn für den Drahtzieher des Eisner-Attentats. Eisner wird durch seinen Tod zur Symbolfigur der bayerischen Novemberrevolution. Thomas Manns Sohn Klaus schreibt über ihn ein Theaterstück.

Sowohl Räte als auch Parlament bestehen nach Eisners Tod fort. Allerdings entsteht ein Machtvakuum. Die Zustände sind anarchisch. Während die parlamentarischen Abgeordneten in Bamberg und Nürnberg über eine Regierungsbildung verhandeln, sind die Räte in München erste orientierungsstiftende Institutionen. Jedoch gibt es weiterhin Meinungsverschiedenheiten unter den Revolutionären. Weil Ernst Toller strikt gegen Gewalt ist, fragt Max Levien polemisch, wie man einen Eierkuchen machen könne, ohne Eier zu zerschlagen. (144)

Am 7. April 1919 ruft Gustav Landauer die Bayerische Räterepublik mit Toller als Regierungschef aus. Bereits eine Woche später wird gegen diese geputscht und es kommt zu blutigen Straßenkämpfen. Angesichts der Bedrohung sind Tollers pazifistische Ideale wertlos. Die Rotgardisten nehmen das Heft in die Hand und wehren unter dem Kommando Rudolf Egelhofers die Angriffe zunächst ab, unterliegen jedoch schließlich den von Truppen der Reichsregierung verstärkten Freikorpsverbänden.

In der Folge der blutigen Niederschlagung der Räterepublik wandelt sich Bayern während der Weimarer Republik zur reaktionären Ordnungszelle und bietet somit einen geeigneten Nährboden für den aufkeimenden Nationalsozialismus.

In Ernst Tollers Theaterstück „Die Wandlung“ heißt es:

„Und ihr könntet doch Menschen sein, wenn ihr den Glauben an euch und den Menschen hättet, wenn ihr Erfüllte wäret im Geist.“ (145)

Thomas Mann, der in dieser Zeit mit seiner Familie in München lebt, nimmt eine eher zwiespältige Rolle ein.

„Thomas Mann hatte in den letzten Tagen so etwas wie einen Mantel aus zeitentrückter Magie um sich gehüllt. Seine Idyllen-Stimmung. All das, der Pöbel, die Demokratie, der Krieg, die Niederlage, all das sollte ihn nichts angehen.“ (47)

Nachdem er anfänglich mit den Ideen der Revolutionäre sympathisiert (143), fordert er schon bald deren Köpfe (203) und sein Antisemitismus tritt offen zutage. (260 f.) Dazu passen auch der Bericht über eine peinliche Bruderschaft zu Hitler (227) und die Besuche des ultranationalistischen, feinnervigen Komponisten Hans Pfitzner. (41)

Weidermann sieht in der Figur des Hans Castorp aus dem „Zauberberg“ das Exempel eines Träumers: „Ein taumelnder Held zwischen den Mächten seiner Zeit“. (226) Ähnlich wie Mann selbst sei er für alles empfänglich und wandele auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Ich bin noch nicht an Thomas Mann herangekommen, obwohl ich seine Themen durchaus reizvoll finde. Seine aus meiner Sicht gestelzte Sprache hat mich bisher immer abgestoßen. Ich weiß noch nicht, ob sich meine Einstellung nach Weidermanns Lektüre wirklich geändert hat. Vielleicht starte ich ja nochmal einen Anlauf.

Aufgrund des dankbaren Stoffs mit sich überschlagenden Ereignissen und tragischen Helden, die schließlich an ihren humanistischen Idealen scheitern, kommt die Erzählung – eine gelungene Mischung aus Thriller und Tragikomödie mit dem Fokus auf München vor hundert Jahren – ohne fiktive Elemente aus. Anstelle der Auktorialen nimmt der Leser die Perspektiven der historischen Protagonisten ein. Wie in einem Prisma brechen sich die verschiedenen Blickwinkel auf die Ereignisse, die in einer verdichteten Form zugleich nuanciert und reduziert dargestellt sind. Auf diese Weise entsteht ein virtuoses, vielstimmiges Gebilde der Zeit, in der die Stimmung zwischen Euphorie und Ernüchterung schwankt.

Neben Rainer Maria Rilke und Oskar Maria Graf taucht auch Gusto Gräser auf. Unter seinem Pseudonym Emil Sinclair dient der „Apostel“ Gräser dem damals bereits namhaften Hermann Hesse als Vorlage für die Figur des Predigers Max Demian. (186 ff.) Hesse nimmt an der Revolution nicht teil, stattdessen geht er zum Schreiben in die Einsamkeit Tessins. (190)

Und dann gibt es noch Ret Marut (178 ff.), besser bekannt als B. Traven. Als Herausgeber der Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ und Mitglied des Zentralrats (250) kann er nach der Niederschlagung der Münchener Räteregierung – Gerüchte über Gräueltaten wie dem sogenannten „Geiselmord“ der Revolutionäre heizen einen erbarmungslosen Rachefeldzug gegen ihre Protagonisten und Anhänger an – nur mit viel Glück entkommen.

Herzlichen Dank an den Verlag Kiepenheuer & Witsch für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

(c) valentino 2018

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 288 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Tabu der Gerechten – Damals wie heute wichtig (Filmrezension)

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Gentleman’s Agreement

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker, Blogger von „Die Nacht der lebenden Texte“ und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Drama // Das hat sofort gewirkt: Just als ich dachte, das recht leichtfüßige Intro habe sich zu lange hingezogen, änderte der Film nach einer halben Stunde die Tonalität – genau mit dem Moment, als Philip Schuyler Green (Gregory Peck) vorgab, ein Jude zu sein. Das macht die etwas zu lang wirkende Einführung der Figuren zu einem brillanten Schachzug, da die Prämisse des Films sofort ihre Wirkung entfaltet.

Aus Green wird Greenberg

Mit seiner Mutter (Anne Revere) und Sohn Tommy (Dean Stockwell) ist Witwer Green von Kalifornien nach New York City gezogen. Der angesehene Journalist soll dort für ein Magazin schreiben. Dessen Chefredakteur John Minify (Albert Dekker) beauftragt ihn mit einer Story über Antisemitismus. Nach einiger Zeit des Überlegens kommt ihm die zündende Idee, sich als Jude auszugeben. Aus Green wird Greenberg.

Kaum jemand wird eingeweiht, nicht einmal die Kollegen in der Redaktion. Es funktioniert sehr gut – zu gut. Umgehend schauen ihn die Menschen mit anderen Augen an. Ein paar meiner besten Freunde … – es dauert nicht lange, bis Green alias Greenberg diesen Satz zum ersten Mal hört. Selbst Minifys Nichte Kathy Lacey (Dorothy McGuire), mit der Green zügig eine Beziehung angefangen hat, lässt unbedachte Bemerkungen fallen, die ihn stutzig werden lassen. Auch Sohn Tommy muss darunter leiden.

Selbstkritik bei Gregory Peck

Bosley Crowther von der New York Times hielt 1947 Gregory Pecks Rolle für unglaubwürdig – außergewöhnlich naiv lautete sein Urteil. Für einen erfahrenen Journalisten sei er zu erstaunt über die Reaktionen, die er als Jude bekäme, derlei hätte ihm bewusst sein müssen. Da mag etwas dran sein, zumal es seine einzige Zusammenarbeit mit Regisseur Elia Kazan bleiben sollte, der mit seinem Star dem Vernehmen nach nicht zufrieden gewesen sein soll. Peck bestätigte Kazans Kritik viele Jahre später, sagte selbst, es sei nicht seine beste Arbeit gewesen. Schlecht ist es aber keineswegs, was Peck da zeigt. 16 Jahre später erhielt er den Hauptrollen-Oscar im Antirassismus-Drama „Wer die Nachtigall stört“ („To Kill a Mockingbird“, 1962).

Der New-York-Times-Rezensent kritisierte darüber hinaus, obwohl Green über Antisemitismus in der gesamten US-Gesellschaft recherchiere, beschränke er seinen Bewegungsradius auf die Upperclass. Es mag obendrein heute etwas verwundern, dass ein kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandener Film über Antisemitismus den Holocaust in Europa mit keinem Wort thematisiert. Allerdings zielt „Tabu der Gerechten“ nicht darauf, offen gelebten Rassismus anzuprangern, vielmehr geht es darum, Vorurteile gebildeter Menschen zu entlarven – Menschen, die sich selbst für vorurteilsfrei halten. Insofern muss sich der Film auch nicht in die Niederungen offen judenfeindlicher Milieus begeben, so sie denn klar zu identifizieren wären.

In einer faszinierenden Szene kurz vor dem Finale zeigt sich Greens Sekretärin Elaine Wales (June Havoc), selbst Jüdin mit geändertem Namen, verwundert, als sie erfährt, dass der Journalist tatsächlich kein Jude ist. Offenkundiger kann die Absurdität dieser Vorurteile nicht zu Tage treten.

Drei Oscars und vier Golden Globes

Acht Oscar-Nominierungen erhielt das meisterhafte Schwarz-Weiß-Drama 1948, für drei Kategorien gab’s die Trophäe dann auch: als bester Film, für Elia Kazans („Die Faust im Nacken“) feinfühlige Regie und Nebendarstellerin Celeste Holm – sie spielt die Chefredakteurin eines Modemagazins. In diesen drei Kategorien hatte der Film bereits Golden Globes erhalten, dazu auch einen für Dean Stockwell als bester Nachwuchsdarsteller.

Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Zwölfjährige hatte noch eine lange Karriere vor sich, die bis heute anhält. Für „Die Mafiosi-Braut“ wurde Stockwell 1988 als bester Nebendarsteller Oscar-nominiert. Im selben Jahrzehnt hatte er in David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (1984) und „Blue Velvet“ (1986) gespielt.

Erstauflage im Schuber

Twentieth Century Fox Home Entertainment hat „Tabu der Gerechten“ 2006 in einer schönen Edition mit Schuber, Booklet und Postkarte veröffentlicht. Sie ist im Handel vergriffen, aber auf dem Gebrauchtmarkt problemlos zu kriegen. Wer auf den Schuber Wert legt, sollte sich vor dem Kauf vergewissern, dass es nicht die etwas spartanischere Zweitauflage von 2007 ist. „Tabu der Gerechten“ war seinerzeit ein wichtiger Film – er ist es heute noch, wie sich auch bei uns an der unter dem Deckmantel der Israelkritik offenbarenden Judenfeindlichkeit zeigt.

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Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gregory Peck sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. Januar 2006 als DVD (Zweitauflage 19. März 2007)

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Gentleman’s Agreement
USA 1947
Regie: Elia Kazan
Drehbuch: Moss Hart, nach Laura Z. Hobsons Roman „Gentleman’s Agreement“
Besetzung: Gregory Peck, Dorothy McGuire, John Garfield, Celeste Holm, Anne Revere, Dean Stockwell, June Havoc, Albert Dekker, Philip Schuyler Green, Kathy Lacey, Dave Goldman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Original Kinotrailer, Original Kinotrailer „Alles über Eva“, Booklet, Erstauflage: Postkarte, Schuber
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

Über Dänemark und Italien – Hannah Arendts Bericht „Eichmann in Jerusalem“ (Fragmentrezension)

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Hannah Arendt: Eichmann in JerusalemBesonders lehrreich sind die Passagen über Dänemark und Italien, die auf jeweils ganz eigene Weise der von den Deutschen geforderten Auslieferung von Juden begegneten.

Zu Dänemark:

„Diese Geschichte möchte man als Pflichtlektüre allen Studenten der politischen Wissenschaft empfehlen, die etwas darüber erfahren wollen, welch ungeheure Macht in gewaltloser Aktion und im Widerstand gegen einen an Gewaltmitteln vielfach überlegenen Gegner liegt. (…) Als die Deutschen wegen der Einführung des gelben Sterns an sie [die Dänen] herantraten, (…) sagte man ihnen ganz kühl, als erster werde sich der König den Judenstern anheften; die Mitglieder der dänischen Regierung kündigten vorsorglich an, daß antijüdische Maßnahmen ihren sofortigen Rücktritt zur Folge haben würden.“ (S. 274)

Im Oktober 1943 legten die Deutschen dann das endgültige Deportationsdatum fest.

„Den Juden blieb gerade genügend Zeit, ihre Wohnungen zu verlassen und sich zu verstecken, was in Dänemark sehr einfach war, denn alle Kreise des dänischen Volkes, vom König bis zum einfachen Bürger, standen (…) bereit, sie aufzunehmen.“ (S. 277)

Anders in Italien, das sich genau wie Dänemark „nahezu immun gegen den Antisemitismus“ (S. 274) zeigte, sich aber niemals direkt gegen die „Politiker der Endlösung“ (ebd.) wandte:

„Selbst Italiens ernsthafteste Bemühungen, sich dem mächtigen Freund und Verbündeten anzupassen, entbehrten nicht der Komik. Als Mussolini unter deutschen Druck in den späten dreißiger Jahren antijüdische Gesetze einführte, sah er darin Ausnahmen vor – Kriegsveteranen, hoch dekorierte Juden, ‚Verdienstjuden’ und dergleichen –, aber er fügte noch eine Kategorie hinzu, nämlich ehemalige Mitglieder der Faschistischen Partei einschließlich ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Geschwister, Frauen, Kinder und Enkel. Meines Wissens existieren über diese Angelegenheit keine Statistiken, doch muß infolge dieser Klausel die große Mehrheit der italienischen Juden zu den Ausnahmekategorien gehört haben. Es kann kaum eine jüdische Familie ohne wenigstens einen Angehörigen in der Faschistischen Partei gegeben haben (…).“ (S. 282)

Bemerkenswert sind Hannah Arendts Schlussfolgerungen über das unterschiedliche Staats- und Politikverständnis Dänemarks und Italiens:

„Was in Dänemark das Ergebnis eines echten Sinnes für Politik war, eines anerzogenen Verständnisses für die Voraussetzungen und die Verpflichtungen, die Bürgertum und Unabhängigkeit garantieren, das war in Italien Ausfluß einer fast automatisch gewordenen, alle Schichten erfassenden Humanität eines alten und zivilisierten Volkes.“ (S. 283)

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1964, 42011.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2012