Unterdrückung und Aufstand – B. Travens Roman “Die Rebellion der Gehenkten” (Rezension)

valentino

B. Traven Die Rebellion der Gehenkten

B. Traven Die Rebellion der Gehenkten

Um seine Schulden zu tilgen, geht der Indianer Candido einen Pakt mit einem Werber der Holzfällerlager im Süden Mexikos ein. Dort erwartet ihn ein menschenverachtendes Regime aus sadistischen Aufsehern, die ihre Untergebenen henken, um sie zu größtmöglicher Arbeitsleistung zu bringen:

„Santiago führte seinen Finger an dünnen Linien, die sich auf dem Rücken des Procoro befanden, auf und ab, um sie zu zeigen. ‚Hier hat der stinkige Coyote, La Mecha, nachdem er den Procoro aufgehenkt hatte, mit einem Dorn Risse in das Fell eingeschnitten, damit Moskitos, Ameisen, Maden und weiß der Teufel was sonst noch für Insektenzeug es bequemer haben sollten. Was denkt ihr grünen Jüngelchen denn eigentlich, wo ihr seid? In einer Finca? Oder in euren Dörfern, wo euch nur Flöhe und Läuse fressen? Ihr seid nicht in der Vorhalle der Hölle, hier seid ihr bereits am anderen Ende der Hölle.‘“ (82)

Trotz stilistischer Schwächen schildert Traven in einer bemerkenswerten inhaltlichen Dichte die schockierende Gewalt und Grausamkeit, die den Indianern in den Lagern angetan wird, und legt schonungslos die ausweglosen, gesellschaftlichen Zwänge bloß, die sie in die Zwangsarbeit treiben. Die nüchterne Beschreibung klagt die Täter nicht an, die in Travens Augen bloß Teile eines perfiden Systems sind, das auf Ertrag und Ausbeutung ausgerichtet ist. Vielmehr zeigt er, inwiefern Unterdrückung zwangsläufig zu Rebellion führt und diese wiederum ab einem gewissen Punkt unumkehrbar wird, weil als Konsequenz des Scheiterns noch härtere Strafen drohen.

Auch die Indianer sind keineswegs Kinder von Traurigkeit. Nach außen oft unterwürfig und naiv dargestellt, gehen sie, als sich das Blatt wendet, kaum weniger brutal gegen ihre Peiniger vor. Stattdessen handeln sie immer aus Notwehr oder aus Rache für das Leid, das die Aufseher ihnen in Form von Strafen für unvollständig ausgeführte Arbeit zugefügt haben, die, zumal sie fast übermenschliche Leistung verlangt, selbst von einem harten Arbeiter kaum vollbracht werden kann. Unter diesen Bedingungen kommen viele um, wobei den Toten nicht viel Aufmerksamkeit zuteil wird, weil die Lebenden um ihr eigenes Überleben kämpfen müssen:

„Das Leben ist viel zu kurz, um zu trauern um jemand, der nicht wiederkommen kann. Stirb und sei noch am selben Tage vergessen. Die Lebenden können sich nicht um dich kümmern, wenn du dich davongemacht hast, um dich auszuschlafen.“ (141f.)

Das Buch beginnt mit dem Einzelnen und endet im Allgemeinen. Leider verliert sich auf diese Weise Candidos Spur im Laufe der Geschichte, die keine Anklage ist, sondern die Beschreibung der Folge von Unterdrückung, die von vorneherein im System angelegt ist. 1910 münden diese ausbeuterischen Zustände in der Mexikanischen Revolution.

(c) valentino 2013

B. Traven: Die Rebellion der Gehenkten, Diogenes Verlag 1983, 326 S.

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