Feuerwerk am helllichten Tage – Zu Recht zwei Berlinale-Bären (Filmrezension)

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Simon Kyprianou ist Gastautor beim Filmblog Die Nacht der lebenden Texte, den der freundschaftlich mit uns verbundene Blogger Volker Schönenberger betreibt. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, auch für vnicornis einen Text zu liefern.

Bai ri yan huo

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Im Sommer 1999 werden in Nordchina männliche Leichenteile in den Kohlelagern der Region gefunden. Die Polizei nimmt an, dass der Mörder ein Serientäter ist. Der Polizist Zili (Fan Liao) übernimmt den Fall. Bei einer Festnahme wird sein gesamtes Team erschossen. Zili quittiert den Dienst.

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Zili ist ein gebrochener Mann

Einige Jahre später werden im Winter wieder Leichenteile gefunden – der Mörder ist zurück. Zili ist mittlerweile heruntergekommen und müde, ein Mann ohne Aufgabe, abgestumpft und lebenssatt. Der Jagd nach dem Serienkiller wird für ihn zu einer Erlösung, zu einer Wiedergeburt. Alle Opfer hatten eine Beziehung mit Wu Zhizhen (Lun Mei Gwei). Zili beginnt, sie zu beschatten. Nach und nach verliebt er sich in sie.

Ein Antiheld kehrt zurück ins Leben

Am Anfang des Films hat Zili mit seinem Leben abgeschlossen. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Leute sind tot, es gibt für ihn keinen Grund mehr zu existieren. Am Ende, wenn er Jahre später den Fall endlich lösen konnte, tanzt er in einer beinahe grotesken, ausufernden Szene wie von Sinnen, wie ein Verrückter zu Musik. Der Erfolg hat ihn erlöst von seiner Depression. Aber es ging im nie um die Menschen, es ging ihm nie um die erloschene Liebe seiner Frau oder seine Zuneigung zu Wu, es ging ihm auch nie um die Wahrheit. Es ging ihm immer nur um den Erfolg, der die Rückfahrkarte in sein früheres Leben bedeutet. Zili ist ein klassischer Antiheld, ein Unmensch, ein Unsympath.

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Wieso sterben die Leute in Wus Nähe wie die Fliegen?

Regisseur Diao Yinan inszeniert mit „Feuerwerk am helllichten Tage“ eine interessante Film-noir-Hommage. Wir begegnen Antihelden, Femmes fatales, wir blicken in menschliche Abgründe und am Ende stehen Leere und Hoffnungslosigkeit. Alles wird untermalt von unaufhörlich fallendem Schnee, der die Welt zu einem surrealen, kalten Ort werden lässt, ein Ort, der das Innere der Charaktere widerspiegelt. Alle Charaktere sind innerlich längst tot, ihre Leidenschaft ist erloschen und ihr Leben vergeudet, ein konsequenter Film noir.

Gewinner des Goldenen und eines Silbernen Bären

Die Reise in den Abgrund wird in ausgesucht schönen Bildern erzählt. Elegisch hält Regisseur Yi’nan Diao die kalte, menschenfeindliche Schneewelt fest, durch die er seine Figuren wie innerlich tote Geister wandeln lässt. Grandios ist das mit dem Silbernen Bären der Berlinale prämierte Spiel von Fan Liao. Mit erschreckender Intensität spielt er das Leiden und die moralische Verwahrlosung seiner Figur. So langsam und gelegentlich vielleicht auch etwas schleppend der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale auch inszeniert ist, er bewahrt sich immer eine düstere Poesie, eine abgründige Trauer und eine grandiose Atmosphäre. Ein beachtlicher Film!

Veröffentlichung: 6. November 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Hochchinesisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bai ri yan huo
CHN 2014
Regie: Yi’nan Diao
Drehbuch: Yi’nan Diao
Besetzung: Fan Liao, Lun Mei Gwei, Xuebing Wang
Zusatzmaterial: Pressekonferenz der Berlinale, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Eine Festnahme kurz vor der Eskalation

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot & Fotos: © 2014 Studiocanal Home Entertainment

Star Trek – Into Darkness (Filmrezension)

V. Beautifulmountain

Kinostart: 9. Mai 2013

Um die Jahrtausendwende schien das Star-Trek-Universum zu Ende erzählt (auch wenn etliche Trekkies den Autor dieser Zeilen für diese These womöglich steinigen würden): Nach dem grandiosen 1996er-Kinohit „Der erste Kontakt“ hatten die beiden Nachfolger „Der Aufstand“ (1998) und „Nemesis“ (2002) nur solide Science-Fiction-Unterhaltung geboten. Auch die als Prequel konzipierte bislang letzte Star-Trek-Fernsehserie „Enterprise“ (2001–2005) brachte keine entscheidend neuen Impulse. Trotzdem begann schon 2005 die Arbeit an einem weiteren Kinofilm. „Star Trek“ schlug 2009 ein wie eine Bombe, was einerseits an der Wucht der großartigen Bilder lag, andererseits nicht zuletzt auch an der Idee, zu den Anfängen der Serie zurückzukehren und den Werdegang von James T. Kirk und Spock zu beleuchten.

In der Fortsetzung „Star Trek – Into Darkness“ sind erneut Chris Pine („Carriers“) als Kirk und der durch die TV-Serie „Heroes“ zum Star gewordene Zachary Quinto als Spock zu sehen. Speziell Quinto hatte sich bereits in „Star Trek“ als Idealbesetzung des rein logisch vorgehenden Vulkaniers erwiesen; er überzeugt auch beim zweiten Mal. Die anderen tragenden Säulen der Enterprise-Crew sind ebenfalls erneut an Bord, darunter Simon Pegg als Scotty und Zoe Saldana als Uhura.

Als feinster Besetzungsstreich erweist sich der bei uns als Sherlock Holmes bekannt gewordene Engländer Benedict Cumberbatch in der Rolle des Gegenspielers John Harrison. Und da die Information bereits vor Kinostart durchs Netz gegeistert ist, verraten wir nicht zu viel, wenn wir an dieser Stelle Harrisons Alias preisgeben: Khan – genau: der Übermensch, den u. a. im zweiten Kinofilm „Der Zorn des Khan“ (1982) Ricardo Montalban verkörpert hat. Cumberbatch wirft ein britisch-aristokratisches Charisma in die Waagschale und liefert Schauspielkunst ab, die dem ansonsten eher auf wuchtige Bilder und Action setzenden Film gut zu Gesicht steht.

Im Prolog rettet die „Enterprise“ eine kleine Welt samt ihrer rückständigen Einwohner vor der Zerstörung, indem sich Spock ins Innere eines kurz vor der Eruption stehenden Vulkans abseilt und die Lavamassen zum Gefrieren bringt. Klingt hanebüchen? Egal – is’ ja kein Doku-Drama hier. Um Spocks Überleben zu retten, ignoriert Heißsporn Kirk kurzerhand ein paar Direktiven der Sternenflotte. Dummerweise kann Spock nicht lügen – er petzt bei Admiral Pike (Bruce Greenwood). Das kostet Kirk das Kommando der „Enterprise“. Kurz darauf erschüttert ein Terroranschlag London. Die Krisensitzung des Sternenflotten-Kommandos unter Admiral Marcus (Peter Weller, „Robocop“) offenbart eine weitaus größere Dimension der Bedrohung – Stichwort Khan. Der flieht ausgerechnet ins Reich der – Trommelwirbel – Klingonen!

Damit die Trekkies nicht allzu enttäuscht sind, sei an dieser Stelle verraten, dass die Klingonen im Film lediglich eine untergeordnete Rolle spielen. Da freuen wir uns auf die nächste Fortsetzung. Dennoch bietet „Star Trek – Into Darkness“ genügend Schauwert für Trekkies. Nicht-Trekkies können sich an einem actionreichen und bombastischen Weltraum-Abenteuer erfreuen, auch wenn J. J. Abrams gegenüber dem Vorgängerfilm ein wenig auf der Stelle tritt. Vielleicht steckte der Regisseur mental bereits in der Vorbereitung zum nächsten Star-Wars-Film, einem Franchise, dem er nach eigener Aussage deutlich mehr abgewinnen kann als dem Star-Trek-Universum.

Abschließend ein Wort zu 3D: Der Trailer sah in 3D herausragend aus und weckte hohe Erwartungen, die der Film leider nicht einhält. Es scheint sich zu etablieren, die 3D-Technik bei Trailern mehr auszureizen. Das mag kurzfristig den einen oder anderen Zuschauer mehr zur Zahlung des Aufpreises bewegen; ob sich dieser Schmu am Kinogänger auf Dauer auszahlt, sei dahingestellt. „Star Trek – Into Darkness“ sieht gut aus, mehr aber auch nicht. 2D hätte völlig ausgereicht, zumal gelegentlich undefinierbare Teilchen vor der Leinwand zu schweben scheinen, die eher stören als dass sie ein räumliches Erlebnis bewirken. Schade drum.

USA 2013
Regie: J. J. Abrams
Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof
Besetzung u. a.: Chris Pine, Zachary Quinto, Benedict Cumberbatch, Zoe Saldana, Simon Pegg, Peter Weller, Karl Urban, Alice Eve, Bruce Greenwood

(c) V. Beautifulmountain 2013