Wie ich zwei Finger meiner linken Hand nicht wiedergefunden habe

belmonte

Neulich ging es mir ziemlich dreckig. Als ich aufwachte, fand ich, dass zwei Finger meiner linken Hand fehlten, einfach abgeschnitten. Es tat so weh. Mein Laken war blutdurchtränkt. Und ich habe die beiden Finger nicht mehr wiedergefunden. Gott weiß, was passiert war. Es sind diese Dinge, die dich fragen lassen, wozu das alles gut ist. Und trotzdem, es ist einfach, wie es ist.

(c) belmonte 2019

Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 13. Teil

valentino

Illustration: Valentino

In Wolken aus Räucherwerk, das nach Anis duftete, verschwanden die sechs Gefangenen ins Labyrinth. Dort irrten sie durch geheime verwinkelte Gänge innerhalb dicker Tempelmauern. Ihre blau bemalte Haut leuchtete im Schein der Fackeln, die in einigen Abständen an den steinernen Wänden befestigt waren. Sie erreichten eine Stufe, die steil nach unten abfiel. Einer der Gefangenen ließ eine Fackel über die Kante hinabfallen. Ihr Licht erhellte kurz die Dunkelheit und gab den Blick auf eine Wasseroberfläche frei.

Auf dem Weg ins Tal suchte Cecilia in der hereinbrechenden Nacht Unterschlupf am Fuß einer Zeder. Am nächsten Morgen strich sie nach dem Aufwachen die Asche mit den Händen von ihrer Haut. Ihr Knöchel schmerzte noch immer. Das getrocknete Blut bildete zusammen mit Erde und Asche eine Kruste. Sie lief weiter bergab ins Tal, wo sich eine Menschentraube gebildet hatte. Unter den Geflüchteten fand Cecilia ihre Eltern und Geschwister wieder. Manche versorgten die Wunden der Verletzten oder kochten Essen über offenen Feuerstellen.

Neben dem Feuer lag ein Stück glühende Holzkohle. Cecilia griff es mit den Zehen und stieß es mit dem Fuß hinter ihren Rücken. Dann hielt sie das Seil, mit dem ihre Hände gefesselt waren, über die glühende Kohle und verbrannte es an einer Stelle. Sie löste die Schlingen von ihren Handgelenken, stand auf und lief im Mondschein an den beiden Pinien vorbei in den Wald. Am nächsten Tag erreichte sie das Ufer eines großen Sees, in dessen Mitte in einem Dickicht von Binsen eine Insel lag. Einige weiße Vögel schwammen auf der Wasseroberfläche.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Pakal beobachtete den aufgehenden Morgenstern von seinem Palast aus. Er fragte sich, wie oft er ihn noch sehen würde, wie viele Opfer er dem Federschlange-Gott noch darbringen müsse. Er war der legitime Herrscher über sein Volk. In einem einzigartigen Ritual hatte er sich eine Dornenschnur durch die Zunge gezogen: Das Blut tränkte Papierstreifen in einem Korb. Der Priester hatte anschließend das Papier zusammen mit Kopalharz verbrannt. Nachdem die Götter den aufsteigenden Rauch eingeatmet hatten, wurde Pakals Urahn aus der Unterwelt aus dem Rachen der Federschlange heraufbeschworen.

Wie sollte Pakal über die erlittene Schmach hinwegkommen, als man seinen Sohn, den Thronfolger, entführt und geopfert hatte? Er blickte von der Plattform des Palasts hinüber zu den beiden Pinien am anderen Ende des Platzes. Dort stand der Holzpfahl, an den er die Frau hatte fesseln lassen. Er hatte sie auf seinem letzten Raubzug zusammen mit sechs Adligen gefangen genommen. Kurz darauf hatte der Jaguarpriester ihm das Bohnenorakel gelegt, das ihm den nahen Tod durch Krankheit verhieß. Der Herrscher stieg die Treppe hinab. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen am Horizont über die Baumwipfel.

Narcisa rückte mit ihrem Stuhl näher an den Holztisch. Sie hatte beim Erzählen das Essen vergessen. Es lag noch auf dem Teller. Die Nacht war hereingebrochen. Die Kälte kroch von draußen durch die Türritzen ins Adobe-Haus. Emiliana saß in einer Ecke des Hauses und briet Tortillas auf der Steinplatte über dem Holzofen. Paulina hatte gerade Eladio zu Bett gebracht, als die älteren Kinder unbedingt noch weiter zuhören wollten. Narcisa wickelte einen noch warmen Tamal aus den Maisblättern und zerteilte ihn.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zehnter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Nachdem zum wiederholten Male der Tribut des Vasallen an den Herrscher ausgeblieben war, kam es zum kriegerischen Konflikt zwischen den verbündeten Stadtstaaten. Cecilia wurde bei einem nächtlichen Überfall zusammen mit sechs Adligen entführt. Einst war Pakal ein mächtiger Herrscher gewesen. Von seinem Urahn hatte er die Legitimation zur Macht erhalten. Doch als es zu Revolten gekommen war, verlangte der Federschlange-Gott Blutopfer und er machte viele Gefangene, um dessen Blutdurst zu stillen.

Priesterfürsten und Krieger mit Lanzen zogen bis auf den Lendenschurz entblößte und mit Seilen gefesselte Krieger an ihren langen schwarzen Zöpfen die Stufen der Tempelpyramide hinauf. Einige schrien vor Schmerzen – man hatte ihnen ihre Fingernägel herausgezogen. Das Blut tropfte auf den Kalkstein. Einem anderen hatte man ein paar Zähne gezogen. Nun hielt er einen Zahn zwischen Daumen und Zeigefinger und bot diesen erschrocken einem Fürsten dar. Ein anderer Priester schritt mit einer Schale in der Hand an die Gefangenen heran und gab ihnen einen frisch gebrühten Sud aus Honig, Ackerwinde, Seerose, Pilzen und der Hautausscheidung einer Meereskröte zu trinken.

Irgendwann würde der Morgenstern nicht mehr am Himmel erscheinen. Doch bis es soweit war, und um die Zeit bis dahin zu verlängern, benötigte die Federschlange Blutopfer. So besänftigte Pakal sie, damit Venus ihre Prüfungen bestehen konnte, die sie nachts in der Unterwelt durchlaufen musste. Doch die Zeit lief dem Herrscher davon und so wurde er immer streitbarer. Es dauerte eine Weile, bis die Gefangenen nicht mehr klar denken konnten. Begleitet von allerlei Räucherei stieß man sie durch einen Schacht ins Innere der Pyramide und überließ sie ihren Visionen.

(c) valentino 2017

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