Unterwegs zu Cecilia | Vierter Teil

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Illustration: Valentino

Die Fahrt von der Hauptstadt an die Nordgrenze dauerte zwei Tage und Nächte. In der ersten Nacht hielt der Bus an einem Militärposten. Ein Soldat weckte mich und forderte mich zum Aussteigen auf, indem er mir den Kolben seines Gewehrs in die Seite stieß. Er wies mir mit dem Licht seiner Taschenlampe den Weg durch die Dunkelheit bis in eine Halle, in der in einer beleuchteten Ecke mehre Soldaten um einem Tisch herum standen.

Auf dem Tisch lagen mein geöffneter Rucksack und verstreut dessen Inhalt. Die Soldaten hatten verdächtige Gegenstände in einem Beutel gefunden. Ich erklärte ihnen, es handele sich um mein Schweizer Taschenmesser und Hygieneartikel, woraufhin sie alles wieder einpackten. Auf dem Rückweg verlangte der Soldat für das Tragen meines Rucksacks eine Mordida, das in Mexiko übliche Schmiergeld.

Am nächsten Tag fuhr der Bus durch die Sonora-Wüste. Saguaros, die für diese Landschaft typischen baumartigen Kakteen, standen bis zum Horizont im Sand. Nachdem der Bus noch einmal angehalten hatte, stieg ein Soldat ein und überprüfte die Papiere der Fahrgäste. Als sich der Bus daraufhin wieder in Bewegung setzte, suchten wir aufgrund eines bei der Inspektion entdeckten Reifendefekts eine Werkstatt mitten in der Wüste auf.

(c) valentino 2020

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Unterwegs zu Cecilia | Dritter Teil

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Illustration: Valentino

Damals fand gerade das jährliche Stadtfest in San Mateo statt. Ich erreichte das abgelegene Bergdorf um halb fünf Uhr nachmittags. Der Bus war um zehn Uhr morgens von Huehue abgefahren und hatte dann San Juan Ixcoy um ein Uhr mittags, Soloma um zwei und Santa Eulalia um drei Uhr nachmittags passiert. Viele Chuj, Angehörige der im Dorf lebenden Indigenen, feierten trotz des Regens auf der Straße.

Langsam brach die Dunkelheit über die Häuser herein, die sich im spärlichen Licht der untergehenden Sonne sanft an die wolkenverhangenen Hänge des Höhenzugs schmiegten. Ich hatte mir in einem höhergelegenen Bergtal ein Zimmer im Hotel San Pablo genommen und meine Sachen dort gelassen. Daraufhin war ich in den Comedor Coyoteca gegangen und hatte den Besitzer nach Narcisa gefragt. Er hatte mir gesagt, sie würde später eintreffen. Auf einem Tisch vor dem Fenster lag weißer kugelrunder Käse. Der Regen prasselte an die Scheibe.

Spät abends spielten Musiker die Marimba. Tänzer in Stierkostümen tanzten den Baile de los Toritos, den Stiertanz, auf dem Platz gegenüber der Kirche. Sie feuerten Feuerwerkskörper ab, die an ihren Kostümen befestigt waren und die kreisend Flammen schlugen oder ziellos durch die Luft flogen. Die dicht gedrängt stehenden Zuschauer waren ständig auf der Hut vor Blindgängern und wichen vor ihnen aus, wobei sie sich gegenseitig schubsten oder rempelten.

(c) valentino 2020

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Unterwegs zu Cecilia | Zweiter Teil

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Illustration: Valentino

Ich saß auf einem roten Plastikstuhl in der Wartehalle im Busterminal im Norden von Mexiko-Stadt. Mein Bus in den Norden des Landes würde in drei Stunden abfahren. Die Wartezeit vertrieb ich mit Sitzen, Lesen und Herumlaufen. Ich war mir sicher, Cecilia wäre auf demselben Weg unterwegs und ich würde ihr nun auf der Spur sein. Eine Durchsage ertönte über den Lautsprecher, der Bus sei eingetroffen und man solle einsteigen.

Ich glaubte, ein Bild von Cecilia rekonstruieren zu können, wenn es mir gelänge, in meiner Vorstellung an die Orte zurückzukehren, an denen ich Narcisa begegnet war. Während unterwegs die Erinnerungen auftauchten, versiegten sie nach der Heimkehr. Beim Versuch, sie zu Hause niederzuschreiben, war mein Kopf leer und mein Schreiben blockiert. So ging viel Zeit mit Warten verloren.

Narcisa blieb seit unserer letzten Begegnung in Todos Santos verschwunden. Jedoch war ich ihr danach noch einmal wieder begegnet. Ein Jahr später reiste ich in ein benachbartes Bergdorf im Hochland Guatemalas. San Mateo Ixtatán (kurz: San Mateo) lag noch abgelegener als Todos Santos im Cuchumatanes-Gebirge. Die Busfahrt über steile Gebirgspässe und schmale Passstraßen ohne Asphalt mit tiefen nebelverhangenen Schluchten am Straßenrand dauerte mehrere Stunden.

(c) valentino 2020

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Siebter Teil

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Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Der Bus rollte über eine vom Regen lehmige schmale Bergstraße. Ein Lastwagen kam aus der Gegenrichtung. Die beiden Fahrzeuge manövrierten dicht nebeneinander und stießen zusammen. Der Außenspiegel des Busses brach ab. Kurz darauf fuhr uns ein anderer Bus entgegen. Für das Ausweichmanöver benötigten die Fahrer eine halbe Stunde. Etwa auf halber Strecke überholten wir auf einer Passstraße den Bus, der in der Früh kurz vor uns in Huehue abgefahren war und eigentlich auch vor uns in Todos Santos ankommen sollte, jedoch aufgrund eines Achsenbruchs am Gebirgspass liegen geblieben war.

In Todos Santos erwartete mich bereits Sandy vom Sprachprojekt. Sandy machte mich mit Narcisa bekannt, einer Freundin der Mendozas. Bei den Mendozas sollte ich wohnen. Narcisa führte mich in einen höher gelegenen Teil des Dorfes. Auf dem Hof der Familie saß Schwiegertochter Paulina am Webrahmen. Ihr dreijähriger Sohn Eladio lief zu ihr. Narcisa stellte mich vor. Paulina begrüßte mich auf Spanisch und führte mich in ein kleines, separates Zimmer, in dem auf einer Pritsche mehrere Wolldecken lagen. Dann zeigte sie mir das aus Adobe, Lehmziegeln, gefertigte Haus der Mendozas. Es gab eine Feuerstelle mit Steinplatte, Eimer und Feuerholz. An den Wänden hingen Töpfe, Tassen und einfache Haushaltsgegenstände.

Das Dorf lag relativ abgeschieden in einer unzugänglichen Bergregion. Ende der 50er Jahre wurde es ans Straßennetz angebunden: Durch den Bau einer Abzweigung von der Hochlandstraße durch den Höhenzug Los Cuchumatánes. Bei meiner Ankunft war ein Teilstück der Passstraße asphaltiert. Die Dorfbewohner bewirtschafteten ihre Felder, die zwischen zahlreichen schmalen Bergtälern lagen. Neben Mais wurden auch Kartoffeln, Brokkoli und Kaffee angebaut. Der alljährliche Zyklus der Landwirtschaft bestimmte den Lebensrhythmus der Dorfbewohner, bis ein Bürgerkrieg Anfang der 80er Jahre Gewalt ins Dorf brachte.

(c) valentino 2016

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Sechster Teil

valentino

Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Es war kalt und dunkel auf Huehues Busbahnhof. Eine Familie lag frühmorgens unter Decken vor dem kleinen Büro des Busunternehmens auf dem Bussteig. Daneben schlief zugedeckt eine Frau auf einem Stuhl neben einem Verkaufsstand. Ein Mann stieg auf die Stoßstange eines alten Busses, öffnete die Motorhaube und goss den Inhalt eines Kanisters in den Tank. Unterdessen erschien ein anderer Mann mit abgetragenem Hut.

Der Fahrer stieg in den Bus und zündete den Motor. Zwei Glühbirnen erleuchteten das Zielschild. Ein Scheibenwischer wischte über die Windschutzscheibe. Der Motor stotterte und sprang an. Der Mann mit Hut ging zum Laden und reichte der Verkäuferin, die gerade aufgewacht war, einen Fünfzig-Centavo-Schein. Die Frau nahm den Geldschein, öffnete einen Kühlschrank, holte eine Flasche heraus und gab sie dem Mann. Dann setzte sie sich wieder auf den Stuhl und warf sich die Decke über. Ein zweiter Hutträger gesellte sich zum ersten. Beide begannen ein Gespräch in einer mir unverständlichen Sprache.

Das Licht im Bus ging an. Die beiden Männer stiegen ein. Auch ich stieg ein und nahm Platz. Es folgte eine Gruppe Touristen, die kurz darauf allerdings wieder ausstieg, um einen anderen Bus zu nehmen. Dieser sollte ebenfalls nach Todos Santos fahren, würde jedoch für dieselbe Strecke weniger Zeit benötigen. So hatte es ihnen jedenfalls ein Mitarbeiter des anderen Busunternehmens gesagt. Durch das Fenster konnte ich im Halbdunkel sehen, wie die Gruppe eilig auf den abfahrenden, vermeintlich schnelleren Bus aufsprang. Kurz darauf, als der Motor warmgelaufen war, startete auch mein Bus.

(c) valentino 2016

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Rauschen I

valentino

Illustration: Valentino

Ralph träumte.

Er stiege in einen Bus, griff nach einer von der Fahrzeugdecke baumelnden Schlaufe, führe mit dem Bus entlang einer staubigen Straße. Häuser beidseitig. Ralph träumte, durch Fensterritzen eindringender Staub würde seine Kehle von innen kitzeln.

Das Kitzeln löste bei Ralph einen Hustenreiz aus, der ihn weckte, was eigentlich dem Radio vorbehalten war (mit Musik). Nun rang Ralph damit, das Geschehen einzufangen, das ihm der Traum erzählt hatte, es hinüberzuretten in den Wachzustand. Er drehte sich auf die Seite. Eine kakophone Stimme aus dem Radio kündigte Nachrichten an.

Die erste Meldung: Er hatte sie schon vergessen. Ralph lag bäuchlings. Er streckte ruckartig den Arm aus, stieß dabei mit dem Ellenbogen gegen die hölzerne Platte des kleinen Nachttisches. Er legte einen Schalter am Radio auf die Position off um, die Stimme brach ab.

Ralph erinnerte sich an die Bilder, die der Traum in seinen Kopf gezeichnet hatte. Einige Sekunden bloß die Bilder einfangen, dachte er.

Doch schon waren sie fort.

(c) valentino 2012

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Link zum zweiten Teil „Rauschen“