Ich werde Jack Kerouacs Unterwegs bestimmt nicht abtippen – Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter (Buchrezension)

belmonte

Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing - Sprachmanagement im digitalen Zeitalter

Kenneth Goldsmith:Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter

Ich hole aus Kenneth Goldsmiths Buch Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter einige Anregungen heraus, aber insgesamt überzeugt mich das Buch wenig und begeistert mich noch weniger.

Mir ist dieses ganze Parsen, Kopieren und Verwalten und die Appropriation von Texten klar, und mit der Digitalisierung nehmen diese Prozesse massiv zu, haben ihren eigenen Charme und werfen ganz neue Werke mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten in die Welt.

Warum sollte ich aber deshalb den originären, schöpferischen, in welcher Tiefe auch immer kreativen Prozess des Dichtens verwerfen, den Goldsmith gar nicht wirklich berührt? Texte im Fluss (52), ständige Wörtermassenspiele, Hypertext-Code, „postidentitäre Literatur“ (115), Maschinenlesen (237), soziale Medien als Droge, ich mache all diese Trends begeistert mit, aber es wird noch keine Poetologie daraus. Womöglich übernehmen das in Zukunft die Maschinen.

Sehr aufschlussreich fand ich die Referenzen an moderne Kunst, vor allem LeWitt und Warhol. Jack Kerouacs Unterwegs werde ich aber bestimmt nicht abtippen.

(c) belmonte 2018

Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing – Sprachmanagement im digitalen Zeitalter. Erweiterte deutsche Ausgabe. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Swantje Lichtenstein und Hannes Bajohr. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2017, 352 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Manifest einer freien Dichtung

Manifest einer freien Dichtung

1. Ziele nicht darauf ab, gelesen zu werden.

2. Schreib, wie Du gerade willst, mache einen Plan, oder mache keinen Plan, schreib irgendwie.

3. Höre nicht auf die vielen Erklärer, die Dir erklären wollen, wie Du am besten plottest, Charaktere zeichnest, Füllwörter entfernst. Im Literaturbetrieb wimmeln viele Erklärer. Sie sind alle mittelmäßig, sonst wären sie erfolgreiche Schriftsteller. Was sollten sie Dir erklären?

4. Jede Minute Dante-, Shakespeare- oder Tolstoi-Lektüre wiegt einhundert Stunden Creative Writing Workshop auf.

5. Ein roh gemeißelter Vers, während eines Spazierganges feingeschliffen, birgt häufig mehr als wochenlanges Wettschreiben.

6. Orientiere Dich nicht am Leser. Der Leser ist immer flüchtig. Willst Du der Sklave eines Flüchtigen sein? Mach Dich frei davon.

7. Laufe nicht Agenturen oder anderen Verwertern hinterher.

8. Zahle niemals für ein Lektorat. Zahle niemals dafür, dass jemand Dich liest.

9. Mache Deine Dichtung nicht von Geld abhängig, sonst verrätst Du sie.

10. Dichtung misst sich nicht in Absätzen und Leserzahlen. Sie ist gar nicht messbar.

11. Dichtung ist unbezahlbar.

12. Die Metrik steht über der Grammatik. Das hilft Dir im Zweifelsfall.

13. Es gibt nur eine Universalmetrik. Sie misst nicht mehr.

14. Achte nicht auf Kritik, wenn anders als losgelöstes Kuriosum. Kritik enlarvt zuerst immer sich selbst.

15. Lies, wenn Du vor Leuten liest, immer zu Dir selbst. Deine Dichtung bleibt immer mit Dir allein.

16. Zweifle, wenn es denn sein muss, an Deiner Dichtung, aber zweifle nie, dass Du ein Dichter bist. Du wirst immer ein Dichter sein.

17. Verteidige nie Deine Dichtung. Sie verteidigt sich selbst oder auch nicht, das ist egal.

18. Es gibt nur eine Dichtung. Manchmal kannst Du ihre Spur entdecken. Manchmal siehst du noch ihren Schatten um die Ecke huschen. Manchmal steht sie, ohne dass Du sie bemerkst, dicht neben Dir und lauscht, wie Du sie besingst. Dann wird sie vielleicht morgen oder irgendwann wiederkommen und Dir neue Sprache geben, und Du schreibst etwas von so wunderbarer Schönheit, dass es Dich umwirft.

(c) belmonte 2017

Hermeneutik des ewigen Nichts

hermeneutik des ewigen nichts

Hermeneutik des ewigen Nichts

Hermeneutik des ewigen Nichts / Foto: belmonte

ich bin in das dunkle getreten das alles auslöscht der große schlaf der alles schluckt ich habe geschlafen und erinnere mich nicht an den schlaf der mich ausgelöscht hat so ist totsein ewiges schlafen kein schlafen mehr wenn ich aufwache komme ich von nirgendwoher und bin aus dem nichts denn ich war im nichts und war nichts und ewiges totsein ist weniger als dunkelheit wenn dunkelheit das gegenteil von licht und wenn ich dunkelheit denke denke ich licht aber im nichts ist auch die dunkelheit ausgelöscht wenn die dunkelheit erst verschluckt vom ewigen nichts und ich mich nicht mehr erinnere und aufwache aus der ewigkeit und nirgendwo war und wach liege und mich an nichts mehr erinnere und von der ewigkeit nur eine spur übrigbleibt die ich nicht sehen kann und was ich davon sehe ist selbst nur eine spur und vom totsein habe ich nur eine spur die mich nirgendwo hinführt und ich liege wach bevor sich meine aufmerksamkeit wieder verdunkelt in eine dunkelheit die es nicht gibt und ich bin noch wach aber vor mir starrt mich eine ewigkeit an die ich nicht sehen kann und näher und näher kommt mich zu verschlucken und davor habe ich angst dass ich verschluckt werde von einem nichts das noch weniger ist als dunkelheit und habe angst aus diesem nichts nicht wieder ausgespuckt zu werden und im ewigen totsein an das ich mich nicht erinnere keine spur zu finden die mich aus der ewigkeit führt und wenn ich verschluckt werde und noch sehe wie ich die augen schließe und ich mich in nichts auflöse dann ist auch die angst weg und dann ist das spüren weg und das erinnern und ich möchte lieber in der dunkelheit liegen und an das licht denken als verschluckt zu werden und nicht mehr zu liegen und nicht mehr dunkel und nicht mehr nichts an das ich mich nicht erinnere und wenn ich wach bin und eine spur von einer spur habe will ich keine ewigkeit die ein ewiges totsein ist das in sich selber zusammengefallen ist und wenn ich wach bin und mich nicht an gestern erinnere und nicht an heute dann ist dieses nichts schon da das mich schon verschluckt hat denn ich bin der spur gefolgt die zum nichts und zum ewigen totsein geführt hat bis ich die augen – für immer schließe

(c) belmonte 2016

Der Text ist während eines KAMINA-Workshops für kreatives Schreiben entstanden, den Katharina Dück am 29. April 2016 im Marstall-Lesecafé in Heidelberg geleitet hat.