Brief an die kreative Kumpanei – Serielles Schreiben

Liebe Freundinnen und Freunde der kreativen Kumpanei,

unser Brot & Kunst-Projekttag zum seriellen Schreiben am 12. Mai rückt näher, und ich würde Euch gerne einladen, Euch vorab Gedanken zu machen und Ideen zu sammeln.

Was wollen wir an dem Tag erreichen? Wie wollen wir als AutorInnen zusammenfinden? Wie schaffen wir es, als Einzelpersonen mit sehr individuellen Eigenheiten aufeinander zuzugehen und einander künstlerisch zuzuhören? Ich bin gespannt. Zumindest mir fiel das in der Vergangenheit nicht immer einfach.

Ich erfinde gerne Personen und denke mir zu ihnen kurze Storylines aus, sogenannte Loglines. Es gibt hierzu ziemlich gute Anleitungen in Netz, meistens an TV- und Filmdrehbuchschreiber gerichtet. 10 Tips for Writing Loglines oder How to write a logline finde ich sehr eingängig.

Daneben gibt es eine Reihe von gelungenen Podcasts, die sich mit Loglines beschäftigen. Ich habe zum Beispiel den Podcast It’s All About Your Loglines mit Felicity Wren und Max Timm mit Gewinn gehört. Hier werden sehr schön die vier wesentlichen Ziele einer Person in einer Geschichte erläutert, nämlich etwas wiederzufinden, etwas aufzuhalten, etwas zu erlangen oder etwas zu überwinden (0:31:45). Darüber hinaus erläutert Max Timm die von ihm verwendete Logline-Vorlage:

„When this happens to this type of character then this 2nd act adventure type of obstacle comes into play – and he or she is forced to deal with it – until – and then the until is kind of that either midpoint 2nd act or even low point at the end of the 2nd act twist, some kind of a complication, something changes now, we need to be going in a different direction.” (0:35:00)

Versucht es doch mal und schreibt ein paar Loglines in den Kommentar, und wir können daran bei unserem Projekttreffen arbeiten.

Ich werde für den Projekttag Flipcharts und genügend Post-its besorgen. Wir werden also ziemlich viel mit unseren Ideen um uns werfen. Ich freue mich sehr, dass es endlich losgeht.

Herzliche Grüße,
belmonte

Beispiele:

Nach einem Streit beschließt eine schüchterne Diplomatentochter, aus sich heraus zu gehen und sich gegen ihren herrschsüchtigen Vater aufzulehnen, und löst einen Atomkrieg aus.

Als seine Eltern nach dem tragischen Tod seines jüngeren Bruders allen Lebensmut verlieren, wächst ein grüblerischer Jugendlicher über sich hinaus und übernimmt Verantwortung für die Familie – bis er ein schreckliches Geheimnis entdeckt, dass ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Ein bosnischer Arzt zieht nach Wien und verliebt sich in einen hohen Beamten der Staatsverwaltung, der im Verdacht steht, eine Barsängerin umgebracht zu haben. Nach einer Woche ausschweifender Feiern und Liebesnächte verschwindet der Beamte urplötzlich. Kurz darauf wird der österreichische Thronfolger in Sarajevo erschossen.

Ein haltloser Jugendlicher, der die vergangenen Jahre in Erziehungsheimen verbracht hat, kommt nach Berlin und inspiriert mit seinen Litaneien eine Gruppe von Literaten zu einer ganz neuen Literatur. Er hält es nicht lange in Berlin aus und beginnt, wie ein zügelloses Pferd kreuz und quer über den Kontinent zu rasen. Einige, die ihn begleiten, gehen an ihm zugrunde.

(c) belmonte 2019

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Brief an Alexander M. Neumann – Eine Spur aus dem Nichts

belmonte

Lieber Alexander,

ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr.

Deine Antwort (siehe hier …) hat mir die Augen geöffnet, und erfreulicherweise haben wir uns beim Autorentreffen des Brot & Kunst Verlag in Haßloch kurz vor Jahresende schon früher wiedergetroffen.

A Notorious Maniac? Oder eher A Never Mind? Ob das Wirkliche im falschen Zeichen durchscheint? Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß immer weniger, was dieses Wirkliche ist. Das, welches durchscheint? Das, dessen ich mir erst bewusst werde, wenn ich es verloren habe? Das verlorene Leben, nachdem es mich von dieser Welt fortgewischt hat? Das, was war, was ist, was sein wird, was alles zugleich waristwird?

Also uns verwischen? Was denn verwischen? Da ist doch nichts und ist doch nichts gewesen. Und wenn ich meine Haut einritze, spüre ich dann die Haut oder den Riss oder den Schmerz? Wer sagt mir, dass zumindest eines davon wirklich ist? Der Schmerz geht vorbei. Der Riss verheilt. Ist dann die Haut wieder unwirklich? Ist die Erinnerung an den Schmerz wirklich? Ich denke darüber nach und sehe nur den Schein hinter dem Schein und weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt sehe.

Schlag mir den Kopf ein, denn nur wenn Du das tust, erkennst Du an, dass ich einen Kopf habe. Töte mich, denn nur dann akzeptierst Du, dass ich ein wirkliches Leben war. Aber bald schwindet die Erinnerung, meine und Deine, dann verschwindet sogar der Schein dessen, was war. Kein Riss. Kein Schmerz. Und auch keine Haut mehr. Erase Your Face? Wenn da überhaupt jemals ein Face gewesen ist. Was ist denn das? Höchstens eine Abbildung des Ausradierten, das schon vorher nicht da war.

Ich habe immer mal wieder diese Nichts-Erfahrungen, habe darüber schon geschrieben (siehe hier …). Vielleicht ist darin eine Spur, die mich zu etwas führt – wenn ich bloß verstehe, dass dieses Etwas gar kein Etwas ist.

Vielen Dank für den Hinweis auf Atari Teenage Riot. Elektronische Musik back to the riots.

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an ANM – Über die Anwesenheit in der Abwesenheit

belmonte

Lieber ANM,

bitte entschuldige, dass meine Antwort auf Deine Entgegnung so lange auf sich hat warten lassen. Ich bin dennoch hocherfreut, auf diesem Wege einen Anhänger der Beat Literature kennenzulernen. Ich bin nicht nur selbst ein großer Fan von Kerouac, Ginsburg, Cassady usf. Auf unserem Blog haben wir auch eine ganze Reihe von Kerouac-Büchern besprochen (z. B. hier und hier und hier). Allerdings gehe ich davon aus, dass On the Road oder Howl heutzutage komplett digital entstanden und publiziert worden wären. Cassadys und Kerouacs Briefe wären heute ellenlange Blogposts.

Für mich sind Anwesenheit und Abwesenheit keine Gegensätze. Ich kann nicht anwesend sein, ohne Abwesenheit mitzudenken und umgekehrt. Kerouacs Fahrten (und Bücher) waren eine ständige Suche nach Anwesenheit in der Abwesenheit der dunklen Nacht mit nichts als roten Rücklichtern vor Augen. Aus meiner Sicht wurde hier Digitalität im Analogen bereits vorgefühlt.

Ich möchte Dich gerne näher kennenlernen und tatsächlich an einen Tisch mit Stühlen umsteigen oder in einem Café über wer weiß welche Themen sprechen. Ich weiß nur einfach nicht, wo Du bist. Und immerhin haben wir uns hier über diesen Blog kennengelernt und Du hast nicht gewartet, bis wir uns bei einem Autorentreffen oder einer gemeinsamen Lesung von Brot & Kunst persönlich begegnen. Digitale Briefkultur funktioniert also wunderbar.

An der Briefkultur gefällt mir sehr das Auf-den-Anderen-Eingehen. Im Briefschreiben stelle ich mir den Anderen in seiner Abwesenheit vor und bringe ihn dadurch in Anwesenheit. Es ist wie eine geplante Ankunft, die im Lesen meines Briefes auf sich warten lässt, eine Ankunft, der ich durch meinen Brief bereits vorgreife, die ich geradezu vorwegnehme. Ich entwerfe förmlich Deine Anwesenheit. Meine Vermutung ist, dass sich das auch in digitaler Briefkultur erfahren lässt.

Wir beide kennen uns persönlich gar nicht, und tatsächlich kann ich in Deiner digitalen Antwort keinen Geruch wahrnehmen. Und dennoch gelingt es mir, Dich in meiner Antwort in vorläufige Anwesenheit zu bringen. Womöglich ist diese Anwesenheit, da sie durch kein Papier vermittelt ist, noch viel dringlicher, noch viel intensiver, da mich die digitale Leere noch mehr auffordert, Dich als eine Persönlichkeit in Anrede zu stellen. Nichts spricht gegen Theke und Kopfsteinpflaster. Ich denke nur nicht, dass das Digitale unpoetisch und leblos ist. In seiner Kälte fordert das Digitale die Poesie womöglich noch viel mehr ein.

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an Michaela – Über digitale Briefkultur

belmonte

Liebe Michaela,

vielen Dank für Deine Antwort auf meine Auslassungen über digitale Briefkultur.

Du hast genau das gemacht, was ich erhofft habe, und hast als mein Peer (nämlich meine Dichterkollegin) meinen Brief einem Review unterzogen, hast meine Gedanken und hast mich als den Anderen ernstgenommen, hast Dir Zeit genommen und meine Überlegungen an Deinen eigenen Erfahrungen reflektiert, Deiner Antwort die nötige Tiefe und mir die Möglichkeit des mehrfachen, vertiefenden Lesens gegeben. Wer weiß, wie lange dieses Experiment einer digitalen Briefkultur andauert, aber ein hoffnungsvoller Anfang ist gemacht.

Mir kommt vieles aus Deinem Brief sehr bekannt vor. Die Masse der Gedanken überflutet Deine Notizbücher? Das kenne ich nur zu gut. Mit unserem vnicornis-Blog habe ich zumindest die Möglichkeit gefunden, einige Gedanken aus der Flut wie mit einem Kescher herauszufischen, aufzuschneiden und zu säubern und auf unserem Blog zum Verzehr anzubieten. Bei meinen Überlegungen zur digitalen Briefkultur bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es sich nicht etwa um Fisch aus der Zuchtanlage handelt.

Ich habe früher sehr viele Briefe geschrieben. Dann kam das Internet, E-Mail, Chats, Foren, Blogs, Social Media, Streaming. Und natürlich habe ich jede Stufe der Digitalisierung mit offenen Armen angenommen. Auf einmal war das Briefeschreiben wie weggewischt.

Den einzigen Schritt in der Digitalisierung, den ich – ganz bewusst – nicht mitgemacht habe, sind die Messenger-Systeme. Den Facebook-Messenger hatte ich weniger als 24 Stunden auf meinem Gerät. Womöglich war das genau der Punkt, an dem ich innegehalten und mir gesagt habe: Moment mal, was machst Du hier eigentlich? Übergibst Du wirklich Dein Schreiben dem Fleischwolf und heraus kommt nur noch Hackepetersprache?

Die Digitalisierung ist ein Fakt. Ich sehe viele ihrer Risiken, immer noch überwiegen für mich aber ihre Chancen. Dennoch möchte ich mich nicht damit abfinden, dass Dinge, die mir einmal wichtig waren und deren Wert ich nach wie vor schätze, einfach so verschwinden, obwohl sie aus meiner Sicht auch für die Zukunft einigen Wert bereitzuhalten im Stande sind.

Die strukturelle Analogie zwischen Briefkultur und wissenschaftlichem Peer-Review bietet eine Chance, Briefkultur in digitaler Form nicht bloß zu erhalten sondern neu auszuprobieren, nämlich Briefeschreiben und digitale Kommunikation miteinander zu verbinden als ein freundschaftliches, wohlwollendes und wertschätzendes gegenseitiges Erörtern und Abwägen – in der Öffentlichkeit des Internets, als Einladung auch an Dritte, in diese offene Form der digitalen Briefkultur einzusteigen.

Und wenn man in die Wissenschaftsgeschichte blickt, sind die ersten Formen dessen, was wir heute Peer-Review nennen, nichts anderes als eben Briefe. Demnach deutet sich die Analogie bereits im Ursprung an.

Vielleicht kommen wir ja über eine digitale Briefkultur auch wieder in Kontakt mit „alten, fast vergessenen Bekannten“. Dann bliebe auch dieses Phänomen des Nach-langer-Zeit-wieder-in Kontakt-Kommens nicht nur eine Domäne von Facebook und Co.

Sei herzlich gegrüßt,
belmonte

Brief aus Italien an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über digitale Briefkultur

belmonte

Liebe Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei,

Urlaubszeit ist für mich Zeit des Lesens, Zeit des etwas ungezwungeneren Nachdenkens und losen Niederschreibens. Ich bringe aus meinen Urlauben meistens eine recht umfangreiche Zahl an beschriebenen Blättern zurück, die manchmal mehr, manchmal weniger schlüssige Gedanken enthalten.

Ein Thema, das mich schon seit längerem, auch durch die wiederkehrende Lektüre von Schriftstellerbriefwechseln, umtreibt, ist der Niedergang der Briefkultur in den vergangenen zwanzig Jahren. Ich würde daher gerne ein paar Gedanken hierzu mit Euch teilen.

Die schriftliche Kommunikation unter Freunden hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren von (a) Handschrift über (b) E-Mail in (c) die sozialen Medien verlagert. Dieser Übergang ist, soweit ich das überblicken kann, beinahe vollständig. Es gibt zwischen Freunden praktisch keine handschriftliche Briefkommunikation mehr, und selbst E-Mail-Kommunikation hat den Stil sozialer Medien angenommen, so dass E-Mails nicht einmal mehr als digitale Briefe im überkommenen Sinne gehandhabt werden.

Kurz gesagt: Die Digitalisierung hat massive – und zwar destruktive – Auswirkungen auf die Briefkultur, wie ich sie kennengelernt habe.

Aus meiner Sicht zeichnet sich die Kommunikation in sozialen Medien und Messenger-Systemen durch Kürze, Unmittelbarkeit, Rasanz und ein erhöhtes Maß an Unreflektiertheit und Ressentiment aus. Tatsächlich beobachte ich in Messenger-Freundesgruppen eine Verlagerung zur Mündlichkeit, mangelnde Mimik wird durch Emojis (vor allem Gesichter) ersetzt. Ist es sinnvoll, ein Jahr Konversation in einer Messenger-Freundesgruppe zu konservieren? Womöglich als ein Buch zu drucken? Wer wählte aus? Wer editierte? Gut möglich, dass ausgewählte Passagen hohen diskursiven Wert haben, aber nach welchen Kriterien wäre der Füllkram zu entfernen? Und manch einem fehlte gerade jener Füllkram.

Nur am Rande: Wenn wir alle irgendwann einmal weltbekannte Autorinnen und Dichter geworden sind, woher nehmen dann die Verlage unsere schriftliche Kommunikation, um sie der interessierten Nachwelt öffentlich zu machen. Die Nachwelt hat doch ein Anrecht darauf, die schriftliche Kommunikation zwischen Katharina Dück und Elena Kisel der vergangenen Jahre nachzulesen. Wo liegen diese schriftlichen Schätze?

Ich stelle mir die Frage, wie sich Briefkultur und digitale Kultur verbinden lassen, ohne einem abwehrenden „Zurück zum alten Schreiben“ zu verfallen? Wie lässt sich Schriftlichkeit in Freundeskommunikation mit all den über zweitausend Jahren erlernten Fähigkeiten und Erfahrungen in digitale Schriftlichkeit überführen? Wie lassen sich Reflexivität, Offenheit, Diskursivität, schriftliche Objektivität („Ich bringe etwas zu Papier.“) in der digitalen Schriftlichkeit neu verankern, neu erproben, neu leben?

An dieser Stelle erscheint mir ein Blick in die Wissenschaftskommunikation wertvoll, insbesondere in die Begutachtungsweise des so genannten Peer-Reviews. Mag dessen Zweck auch ein anderer sein (Qualitätssicherung wissenschaftlicher Artikel durch Kollegen, Prüfung auf Aktualität, Originalität, Validität, Plausibilität), gibt es doch eine doppelte Analogie: Freunde lassen sich strukturell als Peers (Gleichrangige, Genossen) betrachten, und die Lektüre und das Beantworten von Briefen kann (mit gebotener Einschränkung) als Review verstanden werden. Wenn also die Anonymität und der Zweck der Qualitätssicherung abgeschwächt werden und das Peer-Review in eine im Prinzip endlose Kommunikationskette umgewandelt wird, so ließen sich alle Vorzüge des digitalen Peer-Reviews auf modernes digitales Briefeschreiben unter Freunden übertragen:

  • Den Adressaten als gleichberechtigtes Du ansprechen, den Anderen als Du ernstnehmen und auf seine Belange eingehen
  • Komplexe Gedanken entwickeln und weiterentwickeln in der nötigen Tiefe und dem nötigen textlichen Raum
  • Diskursivität, Reflexivität und Nachhaltigkeit der Kommunikation
  • Möglichkeit einer erneuten, vertiefenden Lektüre
  • Vertrauensvolles Teilen
  • Dem Anderen wertschätzende Zeit einräumen
  • Missverständliche Kürze (Kürze um jeden Preis) vermeiden

Wie wäre es daher, wenn wir eine offene digitale Briefkultur ausprobieren nach Art eines offenen Peer-Reviews? Wie wäre es, wenn wir in dieser Kommunikation Abstand nehmen von Facebook, Twitter, Instagram und Messenger-Apps? Wie wäre es, wenn wir stattdessen auf Blogsysteme umsteigen wie zum Beispiel WordPress oder Blogspot oder ganz normale HTML-Seiten?

Ich bin gespannt, ob sich in einer solchen offenen digitalen Briefkultur die Intimität handschriftlicher Briefe aufrechterhalten lässt. Wie denkt Ihr darüber?

Herzliche Grüße,
belmonte