Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 20. Teil

valentino

Oltcit

Illustration: Valentino

Die Morgensonne schien durch den Zelteingang und weckte uns. Vom Meer wehte eine frische Brise über die weiten Sümpfe. Der Fischer trat aus dem Haus und stellte uns einen Eimer Wasser zum Waschen hin. Über Isaccea folgten wir der Donau entlang ihres Ufers, bis wir Tulceas Fabrikschlote am Horizont aufragen sahen. Meterhohe Betonpfeiler stützten ein rostiges Rohr, das neben der Straße bis in den Ort hineinführte. Vor dem Hotel stellte sich uns ein Mann Anfang Vierzig auf Französisch als Mihai vor.

Durch eine karge Landschaft, in der Sonnenblumen auf Feldern und Äpfel an Bäumen verdorrten, rauschte ein weißer Oltcit. Er bog von der Landstraße ab und kam auf dem Rastplatz zum Stehen. Wir saßen auf Steinstühlen im Schatten eines Plastikdachs. Mihai stieg aus. Er hatte uns vor dem Hotel gesagt, er habe in Tulcea einige Besorgungen erledigt und sei auf dem Rückweg nach Murighiol – ein kleines Fischerdorf, in dem wir uns am frühen Nachmittag am Haus seines Bruders Petre verabredeten, weil er uns von dort aus mit dem Kanu durch das Delta schippern wollte.

Nach unserer Ankunft begrüßte uns Petres Familie. Seine Frau Oana stellte eine Schüssel mit Paprikaschoten, die mit Hack, Fisch und Reis gefüllt waren, Peperoni und einen Brotkorb auf den Tisch und schenkte uns Bier in die Gläser ein. Später luden wir den mit dem Oltcit transportierten Außenbordmotor, einen Treibstoffkanister und eine Tüte mit Kleidung und Verpflegung in das pechschwarze, circa vier Meter lange Boot, das in dem kleinen Hafen lag. Wir stiegen ein und Mihai zog mehrmals ruckartig an der Zündschnur bis der Motor ansprang.

(c) valentino 2013

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Erster Teil

valentino

România

Illustration: Valentino

Es war eine Fahrt ins Ungewisse, in ein Land, welches uns nur aus Erzählungen bekannt gewesen war. Rumänien. Zwar verbanden wir mit diesem Namen damals eher wenig, doch bot dieses Land viel an verborgener Vergangenheit: Die Herrschaft des Römischen Reiches, die erbitterten Kämpfe gegen die Heere der Osmanen. Selbst die alten Griechen hatten Anteil an der kulturellen Entwicklung des sich bis zum Schwarzen Meer erstreckenden Landes im Osten Europas. Und nicht zu vergessen, dass es in jüngster Vergangenheit einer fast 30-jährigen Schreckensherrschaft unter dem Diktator Nicolae Ceaușescu trotzte.

Das Land glich einer uneinnehmbaren Festung. Nicht nur ideell, sondern auch geographisch hatte es die Form einer gewaltigen Burg. Die Karpaten schlugen einen riesigen Bogen von Nordwesten her kommend um das transsilvanische Hochland herum nach Südosten und wieder zurück nach Westen. Auf der anderen Seite dieser natürlichen Festungsmauer lag im Süden die flache Walachei und im Osten das hügelige Moldawien. Die Donau mündete in der Dobrudscha in Form eines Deltas in das Schwarze Meer, welches sich durch Aufschwemmung immer weiter in dieses hineinfraß.

Im Jahr zuvor in Budapest hatten wir die Idee bekommen, das „Land des Grafen Dracula“ näher kennen lernen zu wollen. Dass wir uns zu diesem Zweck unserer Fahrräder bedienten, sollte sich im Nachhinein als ein ausgesprochener Vorteil erweisen. Es war für uns die beste Möglichkeit, die Menschen kennen zu lernen und körperliche Anstrengung mit Naturnähe zu verbinden. Tatsächlich sammelten wir aufgrund dieser Fortbewegungsmethode eine Vielzahl an Kontakten und einmaligen Naturerlebnissen.

(c) valentino 2012

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