Als Hitler den Krieg überlebte – Fesselndes Gedankenspiel über Gerechtigkeit (Filmrezension)

Já, spravedlnost

Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

SF-Thrillerdrama // Das optional vorangestellte Intro zeigt Bilder letzter Straßenkämpfe und vorrückende Militäreinheiten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Texteinblendung verrät, Adolf Hitler habe am 29. April 1945 im Bunker sein politisches und persönliches Testament verfasst und im Anschluss Eva Braun geheiratet. Am 30. April nahmen sich beide das Leben, ihre Leichen seien mit Benzin übergossen und vor dem Notausgang des Bunkers im Garten der Neuen Reichskanzlei verbrannt worden. Der Führerbunker wurde zerstört, Berlin war gefallen und das 3. Reich existierte nicht mehr. Der Führer war tot. Jedoch wurde nie wirklich bewiesen, was mit Hitler geschah.

Kann es Gerechtigkeit für millionenfachen Mord geben?

Die tschechoslowakische Produktion „Als Hitler den Krieg überlebte“ beginnt mit ein paar Bildern vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Eine Stimme aus dem Off äußert: Die Richter sollen Gerechtigkeit üben – Gerechtigkeit gegenüber millionenfachen Mördern. Reichen dazu die Gesetze aus? Hat nicht jeder, der diesen Weltbrand überlebt hat, seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit?

Wird Hitler hingerichtet?

Irgendwann in der Nachkriegszeit erreicht ein Auto Schloss Lilienburg in der Schweiz, in welchem sich das Privatsanatorium von Professor Doktor Rolf Harting (Jirí Vrstála) befindet. Er und ein paar Gleichgesinnte schmieden einen Plan. Dazu benötigen sie den in einer Prager Klinik praktizierenden Doktor Josef Herman (Karel Höger), der einem verstorbenen anderen Arzt ähnelt. Herman wird entführt, man versucht, ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Man redet ihm ein, er sei ein gewisser Doktor Bruno Wollmann. Dann wird er von Männern in Nazi-Uniform zu einem Patienten (Fritz Diez) gebracht. Der entpuppt sich als Adolf Hitler persönlich! Er steht offenbar unter Medikamenteneinfluss und hält Herman tatsächlich für Wollmann.

Wer kennt „Vaterland“?

Hitler hat also überlebt. Der Gedanke ist nicht neu, dazu existieren diverse Verschwörungstheorien, auf die ich hier nicht eingehen will. Auch Literatur und Film haben das Thema bereits in fiktionaler Form aufgegriffen, erinnert sei an Robert Harris’ 1992 veröffentlichten Debütroman „Vaterland“, der seinerzeit in Deutschland kontrovers aufgenommen wurde. Darin hat Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die Handlung spielt zu einem Zeitpunkt, als sich das Deutsche Reich mit den USA im Kalten Krieg befindet. Ich kann die Lektüre empfehlen, auch die zwei Jahre später entstandene gleichnamige Verfilmung mit Rutger Hauer als Kriminalbeamter hat ihren Reiz.

Harting (l.) und Herman haben unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit

Handelt es sich bei „Vaterland“ um eine Form der Alternativweltgeschichte, so verfolgt „Als Hitler den Krieg überlebte“ einen anderen Ansatz. Hier geht es nicht um einen alternativen Verlauf des Zweiten Weltkriegs, sondern darum, dass sich Hitler nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ der Verantwortung entzogen hat und geflohen ist, dabei aber der Gruppierung um Doktor Harting in die Hände fiel. Wir haben es eher mit einer Parabel zu tun, welche die Frage aufwirft, ob es möglich ist, dass fanatischer Antifaschismus selbst in eine Form des Faschismus mutieren kann. Ebenso bekommt das Thema Gerechtigkeit in Bezug auf Schuld und Sühne breiten Raum.

Ab hier zwei Absätze mit Spoilern

Die Organisation um Doktor Harting hält Hitler gefangen, um ihn zu quälen. Dabei zeigt sie sich von einer Skrupellosigkeit ergriffen, die der Adolf Hitlers nicht viel nachsteht. Dass dem ehemaligen GröFaZ eine Scharade vorgespielt wird, kann man womöglich noch rechtfertigen, auch wenn es völlig sinnlos erscheint. Aber die Verschwörer schrecken auch vor Mord nicht zurück, spielen sich als Richter und Henker auf, speziell nach einem Überfall von Faschisten. Auch mit Scheinhinrichtungen vermeintlicher Nazis wird Hitler getäuscht. Dies nimmt Doktor Herman alias Wollmann sichtlich mit. Schließlich kommt Hitler unter die Guillotine, doch bevor das Fallbeil ihn enthauptet, befreien ihn wiederum uniformierte Nazis. Befreien? Von wegen, auch hierbei handelt es sich um eine Illusion.

Einmal mehr verlangt Herman von Harting, Hitler der Gerechtigkeit in Nürnberg zu überantworten. Hartings Antwort: Ich bin selbst die Gerechtigkeit! Ein Anhänger rechtsstaatlicher Strukturen und Verfahren ist der Verschwörer sicher nicht. Der entführte Arzt ist zwar auch emotional mittendrin, fungiert aber auch als Meta-Ebene, auf die sich das Publikum des Films stellen kann. Mit Hermans Augen erkennen wir das perfide Spiel, das mit Hitler gespielt wird. Welchem Zweck es dient, wird nie deutlich ausgesprochen, weshalb es spekulativ bleibt. Womöglich soll es eine besondere Form der Bestrafung darstellen, weil Hitlers Taten so monströs sind, dass sie mit herkömmlichen Methoden – ob rechtsstaatlich oder diktatorisch – überhaupt nicht gesühnt werden können. Dafür spricht die von mir eingangs erwähnte, von der Stimme aus dem Off in den Raum gestellte Frage, ob die Gesetze gegenüber millionenfach verübtem Mord ausreichen, Gerechtigkeit zu üben.

Ab hier wieder spoilerfrei

Die Schwarz-Weiß-Produktion mag in den 1970er-Jahren auch im Fernsehen der Bundesrepublik oder der DDR gelaufen sein, womöglich sogar im DDR-Kino. Bemerkenswert, dass ein derartiger SF-Thriller aus der sozialistischen Tschechoslowakei es 2017 in Deutschland auf DVD geschafft hat. Wer hat den Film wohl noch in Erinnerung? Oder überhaupt je von ihm gehört? Ebenso bemerkenswert, dass ein Film, der derart differenziert Faschismus und Antifaschismus thematisiert, seinerzeit hinter dem Eisernen Vorhang überhaupt entstehen konnte. Aber vielleicht protestiert jetzt jemand und wirft mir Unkenntnis der tschechoslowakischen Filmlandschaft vor. Ich bekenne: Der Vorwurf wäre gerechtfertigt.

Regisseur Zbynek Brynych (1927–1995) hat während seiner Laufbahn auch fürs deutsche Fernsehen gearbeitet, schon 1969 und 1970 beispielsweise vier Folgen der Krimiserie „Der Kommissar“ inszeniert. Auch Episoden von „Derrick“, „Der Alte“ und „Polizeiinspektion 1“ finden sich in seiner Filmografie. Mit „Als Hitler den Krieg überlebte“ hat er einen überaus interessanten Science-Fiction-Film gedreht, der als Drama und Thriller gleichermaßen gesehen werden kann. Ein kaum bekanntes, außergewöhnliches Werk, das zum Nachdenken anregt.

Veröffentlichung: 8. Dezember 2017 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Tschechisch/Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Já, spravedlnost
Alternativtitel: Ich, die Gerechtigkeit
Internationaler Titel: I, Justice
CSSR 1968
Regie: Zbynek Brynych
Drehbuch: Zbynek Brynych
Besetzung: Karel Höger, Angelica Domröse, Jirí Vrstála, Fritz Diez, Jindrich Narenta, Karel Charvat, Otto Sevcik, Jindrich Blazicek, Karel Peyr, Rudolf Macharovsky, Oldrich Stodola
Zusatzmaterial: Intro (3:12), Bilderschau, Trailershow, Wendecover
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2017 Ostalgica

Employees’ Entrance – #metoo im Pre-Code (Filmrezension)

Employees’ Entrance

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Drama // Willkommen in der beinharten Geschäftswelt in Zeiten der Krise und in einem brettharten Pre-Code-Knaller, der sich selbst für damalige Verhältnisse weit aus dem Fenster lehnt und doch nicht voyeuristisch ausfällt, sondern knochenehrlich und erfrischend ungeschminkt. Dirty rotten scoundrel „King of Pre-Code“ Warren William („Beauty and the Boss“, 1932) gibt den rücksichtslosen Unternehmer Kurt Anderson, dem der Erfolg recht gibt. Weil dies vermutlich tatsächlich so ist, kann man den Film auch als Kapitalismuskritik lesen. Vielleicht gerade weil er sich der moralischen Bestrafung des Skrupellosen widersetzt. Und bei seinem Kampf schmeißt dieser nicht nur Leute raus (und einmal definitiv in den Ruin sowie einmal in den Freitod), sondern nimmt auch noch alles Weibliche mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die von Loretta Young gespielte Arbeitslose Madeline Walters bekommt er vor den Kussmund und andeutungsweise schon zu Beginn in die Kiste, indem er ihre Not ausnutzt und ihr einen Job gibt. Später ist dann ziemlich deutlich, dass Anderson sie nach der Abblende, in der sie hinreißend schön und ziemlich besoffen in seinem Bett wie hingegossen liegt, „nimmt“.

Von Kurt Anderson zu Harvey Weinstein

Aber unserem Harvey Weinstein der Kaufhausbranche in der Depressionszeit wird es nicht an den Kragen gehen! Der aus heutiger Sicht vielleicht grenzwertige Plot ist gleichwohl zu genießen, verehrt er den Hauptcharakter doch nicht als tollen Hecht, sondern zeigt, dass gegen eine brutale Wirtschaftskrise nur ein noch brutalerer Manager hilft. Damit ist der Film genauso hässlich-zynisch wie vermutlich leider wahr, und er braucht den Vergleich mit so manchem Billy Wilder, wie zum Beispiel „Extrablatt“ (1974), sowie den vorherigen „Front Page“-Verfilmungen nicht zu scheuen. Eine hier nicht zu verratende Chance für die Liebe gibt es gleichwohl, aber auch so rotzfrech-erfrischende Figuren wie Polly Dale (Alice White). Sie wird von Anderson wie eine Prostituierte für das Stellen von Honigfallen bezahlt, wobei sie dessen Widersacher vielleicht mehr als nur umgarnt. White spielt diese Polly schon nach dem Zenit ihrer kurzen, aber heftigen Flapper-Karriere, und auch wenn sie diesmal vielleicht etwas überzieht, ist ihre Figur ein stimmiger Charakter, weiß diese doch genau, was sie tut, und dies macht sie gleichsam effektiv wie irritierend gern.

„Employees’ Entrance“ hat dann noch die Chuzpe, ein paar Anspielungen auf Homosexualität einzubauen. Ein findiger Verkäufer schlägt einmal vor, Damen- neben Herrenartikeln zu platzieren, da Damen für ihre Männer nicht nur Krawatten kauften, sondern auch andere (zum Teil recht intime) Dinge – und dass die Männer dann auch die Damen bei der Unterwäschewahl sehen, wird als willkommener (Verkaufs-)Appetizer angesehen. Ein brüskierter Kollege wird von Anderson nur gefragt: „Don’t you like women?“ Und auch Anderson selbst scheint gelegentlich an dem findigen Verkäufer Martin West (Wallace Ford), den er unter seine Fittiche nimmt, mehr als nur berufliches Interesse zu haben, wird insoweit sogar Konkurrent für Young, die Ford heimlich geheiratet hat – fortan hat er keine Zeit mehr für sie. So werden am Schluss auch nicht Kurt und Polly als seelenverwandte dirty rotten scoundrels zusammenkommen. Pre-Code, wie er sein muss, immer in die Vollen, doch nie selbstzweckhaft.

Der effektive Regie-Handwerker Roy Del Ruth

Dass die Machart nur im besten Sinne konventionell ist, muss man schlucken. Aber was heißt schon „nur“? Roy Del Ruth („Der kleine Gangsterkönig“, 1933) war seinerzeit ein vielbeschäftigter Warner-Auftragsregisseur. Es mag seine Gründe haben, dass er nicht so bekannt wurde wie die damaligen Kollegen Michael Curtiz und Mervyn LeRoy. Aber er liefert effektives Handwerk ab, mit schnörkellosem, hohem Tempo (etwa durch die damals üblichen und heute noch bei „Star Wars“ gebräuchlichen Überblendungen von allen und in alle möglichen Richtungen). Auch die bei hohem Kostendruck sehr effiziente Technik der Montagen funktioniert, in denen zum Beispiel zu Beginn sehr schnell, aber ohne neumodisches Schnittgewitter die Unternehmensgeschichte der vergangenen Jahrzehnte vorgestellt wird. Der übliche Blick auf Zeitungsschlagzeilen unterstreicht den Realismus. Und das Einstreuen von Footage gibt die effektive Illusion von Production Values (der wiederkehrende flucht-/vogelperspektivische Blick auf eine Fabrikationshalle kommt mir aus dem Autofabrik-Streifen „Unser Boss ist eine Lady“ (1933) merkwürdig bekannt vor, aber ich mag mich irren). Zudem gibt es zwar – wie seinerzeit oft – noch keinen durchkomponierten Soundtrack, aber musikalische Leitmotive, beispielsweise „I Found My Million Dollar Baby in a Five and Ten Cent Store“. Eine hübsche Umkehrung der Tatsache, dass hier alle in einem Million Dollar Store zu „billigen“ Personen zu werden drohen.

Fazit: Hard, fast and beautiful. In 75 Minuten Wahrheit, Unterhaltung, Gemeinheit, aber nie Nihilismus. Wem seinerzeitiger MGM-Edelkitsch auf den Zeiger geht, der greife zu diesem Film. Pre-Code vom Derbsten und zugleich Feinsten. Nun braucht’s nur noch eine deutsche Heimkino-Veröffentlichung. Im Zuge der #metoo-Debatte mag ein findiges Label hoffentlich mal auf „Employees’ Entrance“ stoßen.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als DVD (Bestandteil der Box „Forbidden Hollywood – Volume 7“)

Länge: 65 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Employees’ Entrance
USA 1933
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Robert Presnell Sr., nach einem Theaterstück von David Boehm
Besetzung: Warren William, Loretta Young, Wallace Ford, Alice White, Hale Hamilton, Albert Gran, Marjorie Gateson, Ruth Donnelly, Frank Reicher, Charles Sellon
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

God Loves the Fighter – Karibische Träume (Filmrezension)

God Loves the Fighter

Von Volker Schönenberger, der unseren Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ führt.

Drama // Wird in Port of Spain tatsächlich alle 17 Stunden ein Mensch ermordet? Jedenfalls behauptet das der Rückseitentext des Films über die Hauptstadt des karibischen Inselstaats Trinidad und Tobago. Einer ihrer Bürger, Damian Marcano, nahm sich einfach vor, seine Heimatstadt mit einem Spielfilm zu porträtieren. Zuvor hatte er lediglich einen Kurzfilm gedreht.

Kindheit in Armut

Der Filmemacher hat sich für seine Geschichte den Stadtstreicher King Curtis (Lou Lyons) ausgesucht, der durch die Straßen von Port of Spain streift und dabei von kleinen und großen Schicksalen erzählt – zum Teil als Stimme aus dem Off. Da ist die Prostituierte Dinah (Jamie Lee Phillips), die sich wegen ihres Jobs unwürdig fühlt. Wir lernen Charlie (Muhammad Muwakil) kennen, der sich nach einem Leben jenseits der Kleinkriminalität sehnt. Der Knirps Chicken (Zion Henry) kann nicht zur Schule, weil seine Mutter (Penelope Spencer) kein Geld für die Busfahrkarte hat. Sie alle und andere träumen davon, aus der Armut auszubrechen – mal mit legalen, mal mit illegalen Mitteln. Einige von ihnen ahnen jedoch, dass daraus nichts werden wird.

Charlie (l.) will raus aus dem Elend

Damian Marcano will der Welt keine pittoresken Bilder des vermeintlichen Karibikparadieses Trinidad und Tobago zeigen, er präsentiert uns die Schattenseiten der Hauptstadt. „God Loves the Fighter“ könnte so für Port of Spain das sein, was seinerzeit „The Harder They Come“ mit Jimmy Cliff für Jamaikas Hauptstadt Kingston war – ein düsteres Abbild von Armut und Kriminalität. Die Hoffnung lässt Marcano allerdings nicht fahren. King Curtis behält bei seinen poetischen, gereimten Erzählungen stets ein fröhliches Timbre in der Stimme. In Verbindung mit den kräftigen Farben ergibt das einen reizvollen Kontrast zur Trübnis des Geschehens. „God Loves the Fighter“ beschert den Filmguckern einen mal faszinierenden, mal verstörenden, aber immer authentischen Blick in eine fremde Welt. Damian Marcano hat es verdient, weitere Spielfilme zu drehen. Bleibt zu hoffen, dass er mal wieder die Chance dazu erhält.

Auch die Prostituierte Dinah träumt von einem besseren Leben

Veröffentlichung: 31. Dezember 2016 als Blu-ray, 2. November 2015 als limitierte Blu-ray (inklusive Soundtrack-CD), 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: God Loves the Fighter
TTO 2013
Regie: Damian Marcano
Drehbuch: Damian Marcano, Alexa Marcano
Besetzung: Muhammad Muwakil, Jamie Lee Phillips, Darren Cheewah, Zion Henry, Simon Junior John, Lou Lyons, Tyker Phillips, Penelope Spencer, Abdi Waithe
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, nur limitierte Blu-ray: Soundtrack-CD, Schuber
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2015 Mad Dimension

Der die Zeichen liest – Der gläubige Teenager (Filmrezension)

(M)uchenik

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Matthias Holm.

Drama // Der junge Benjamin (Pyotr Skvortsov) weigert sich, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Der Grund dafür liegt allerdings nicht in pubertärer Scham – Benjamin ist zum Christentum konvertiert und hält das Tragen knapper Kleidung für Gotteslästerung. Doch nicht nur in der Hinsicht sieht Benjamin Ansätze zur Verbesserung – stetig aus der Bibel zitierend, stellt er nach und nach die gesamte Schule auf den Kopf und driftet immer weiter in den religiösen Fanatismus.

Zucht und Ordnung durch Religion

Regisseur Kirill Serebrennikov verlagert das Theaterstück des deutschen Dramaturgen Marius von Nayenburg nach Russland – ein interessanter Punkt, ist Russland doch das Land der orthodoxen Christen. Bevor aber Benjamin mit seinen wütenden Tiraden beginnt, sieht man davon wenig – die Teenager stellen ihre Leiber zur Schau, alles ist wild, chaotisch und stark sexualisiert. Erst durch Benjamins Einsatz kommt Ordnung in den Unterricht und beim Schwimmen werden Bikinis durch Schwimmanzüge ersetzt. Durch seinen Aktionismus erhält Benjamin Aufmerksamkeit, er wird von den anderen Schülern bemerkt, wo noch zuvor gesagt wurde, dass ihn niemand bemerkt. Dadurch angestachelt, weiten sich seine religiösen Bemühungen aus – schließlich ist er nur ein Kind, welches nach Aufmerksamkeit lechzt.

Der Gegenpol zu Benjamins religiöser Obsession ist die Biologielehrerin Elena Krasnova (Viktoria Isakova), die versucht, ihre Schüler zu weltoffenen, aufgeklärten Menschen zu erziehen. Diese beiden Figuren reiben sich während des Films aneinander auf, wobei die Lehrerin meist den Kürzeren zieht – man solle Verständnis haben für den rebellierenden Teenager, man könne die Evolutionstheorie nicht mit der Bibel in Einklang bringen. In allen Szenen, in denen die angeblich liberale Schulleiterin Lyudmila Stukalina (Svetlana Bragarnik) auftaucht, scheint Benjamin mit seiner Weltsicht zu gewinnen.

Je weiter der Film fortschreitet, umso schlimmer wird der Fanatismus. Benjamin ist kein Protagonist, dem man gern folgt. Er zitiert nur aus der Bibel, was seine Agenda unterstützt. Als er in einer der stärksten Szenen des Films mit Versen konfrontiert wird, die seinen Ansichten konträr gegenüber stehen, kann er sich nur noch mit Lügen aus dieser Misere herauswinden.

Beängstigend real

Getragen wird das Drama von den Schauspielern und der Inszenierung. Gerade Pytor Skvortsov und Viktoria Isakova spielen derart glaubwürdig, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Und auch wenn die Geschichte abstruse Züge annimmt – Benjamin hält sich für eine Art Jesus-gleichen Heiler –, man hat immer das Gefühl, ein realistisches Szenario zu sehen.

Man darf „Der die Zeichen liest“ aber nicht als plumpe Religionskritik abstempeln. Der Film spricht sich für einen aufgeklärten Umgang mit der Bibel aus, ermutigt dazu, Vergleiche zu ziehen. Und er warnt vor blindem, andere verletzenden Aktionismus. In einer Zeit, in der Wutbürger und „Das wird man ja noch sagen dürfen“-Schreier durch die Straßen ziehen, ist „Der die Zeichen liest“ ein mutiger, unbequemer und wichtiger Film.

Veröffentlichung: 10. November 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: (M)uchenik
Internationaler Titel: The Student
RUS 2016
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, nach einem Theaterstück von Marius von Mayenburg
Besetzung: Pyotr Skvortsov, Viktoriya Isakova, Yuliya Aug, Aleksandr Gorchilin, Aleksandra Revenko, Anton Vasilev, Svetlana Bragarnik
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Matthias Holm

Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Café Belgica – Besoffen in Gent (Filmrezension)

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Belgica

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Nach dem großen Erfolg seines Oscar-nominierten Liebesdramas „The Broken Circle“ (2012) konnte sich Regisseur Felix van Groeningen kaum vor Anfragen aus dem In- und Ausland retten. Doch der Belgier beschloss, stattdessen sein – wie er selbst sagt – bisher persönlichstes Projekt zu realisieren. Sein Vater führte von 1989 bis 2000 das Café Charlatan in Gent. In der Live-Musikkneipe stand van Groeningen aushilfsweise hinter der Theke und sog das Treiben in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos in sich auf.

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Auf einem Auge blind: Jo hat große Pläne mit dem „Café Belgica“

Auch, wenn er viele Situationen aus dem Film so oder ähnlich selbst erlebt habe, bestreitet der Regisseur, dass „Café Belgica“ autobiografische Züge trage. Diese Zeit habe mehr als eine Art Recherche für sein Brüderdrama gedient, für das van Groeningen auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten
internationalen Film gewann.

Zwei Brüder im Partyrausch

Der musikbegeisterte Jo (Stef Aerts) betreibt die heruntergekommene kleine Kneipe „Café Belgica“. Die Lokalität ist beliebt, denn der auf einem Auge blinde Jo weist niemanden ab. Jeder soziale Stand und jedes Alter trinkt hier sein Bier, jede Art von Musik wird in seinem Zufluchtsort für allerlei verlorene Seelen gespielt. Eines Tages kommt Jos älterer Bruder Frank (Tom Vermeir) zu Besuch. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der Familienvater ist begeistert vom „Café Belgica“ und willigt trotz klammer Finanzlage und gegen den Willen seiner Frau Isabelle (Charlotte Vandermeersch) ein, in Jos Laden als Teilhaber zu investieren.

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Jo, Frank und Tim (v. l.) sind in Feierlaune

Gemeinsam vergrößern die Brüder das „Café Belgica“. In einem neuen Nebenraum finden nun Konzerte statt. Das Partyvolk reagiert begeistert und rennt den Brüdern die Bude ein. Doch zunehmend verlieren Jo und Frank die Kontrolle über das Geschehen. Die einst idealistischen Werte der Brüder werden zunehmend über Bord geworfen. Besonders Frank verliert sich immer mehr im täglichen Rauschzustand aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Schließlich muss Jo eine schwere Entscheidung treffen …

Vergängliche Momente

Da dröhnt der Schädel: Die Kneipen- und Partyszenen sind mitreißend inszeniert. Den Rausch, den Schweiß, das Gedränge und das Bier kann man förmlich riechen und schmecken. Für den passenden Soundtrack sorgt die belgische Kultband Soulwax, die sich mit ihren Klängen zwischen Kraut-Techno über Neo-Soul und Psychobilly in keine Schublade einordnen lässt. Van Groeningen ist seit seinem Langfilmdebüt „Steve + Sky“ (2004) mit der Band befreundet, die inzwischen sogar so bekannt ist, dass sie die Musik für das Videospiel „Grand Theft Auto V“ beisteuern durfte.

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Frank sprüht vor Tatendrang

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des „Café Belgica“ ist natürlich vorhersehbar. Aber van Groeningen geht es viel mehr um die Beziehung der unterschiedlichen Brüder, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden und dann langsam erneut auseinanderdriften. Etwas schwer fällt es dabei, Frank wirklich sympathisch zu finden. Er vernachlässigt seine Familie, geht fremd, säuft und wird schnell gewalttätig. Leider wird auch nur leicht angedeutet, wie er so ein hedonistischer Mistkerl werden konnte, der auch gut in van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ (2009) gepasst hätte.

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Frank schwört seiner Frau Isabelle, dass er sich benimmt

Im Gegensatz dazu steht der zurückhaltende Jo, der seit dem Babyalter mit seiner Augenbehinderung leben muss. Es ist nicht verwunderlich, dass er zu seinem großen Bruder aufblickt, der ihn im Teenageralter vor Hänseleien geschützt hat. In einer kurzen, wunderschönen Szene sieht sich Jo ein altes Foto an. Darauf hält Frank im Kindesalter den einäugigen Säugling Jo in seinen Händen. Beide strahlen dabei über beide Ohren.

Mit Herzblut und Nostalgie

Auch wenn „Café Belgica“ nicht ganz an den tieftraurigen und höchst emotionalen „The Broken Circle“ heranreicht, spürt man jede Minute, dass van Groeningen viel Herzblut in seine Tragikomödie gesteckt hat, die sowohl als elektrisierender Musikfilm als auch als schmerzliche Charakterstudie sehr gut funktioniert. „Café Belgica“ ist ein nostalgischer Blick zurück auf eine unbeschwerte Zeit voller vergänglicher Momente – bis man schließlich von der Realität eingeholt wurde. Ein Film, der sich so anfühlt, wie die Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, die man sich aber ab und an ruhig mal gönnen sollte.

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Zwischen den Brüdern verhärten sich die Fronten

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Belgica
BEL/F 2015
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Arne Sierens
Besetzung: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Boris Van Severen, Ben Benaouisse
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Trailershow
Vertrieb: Pandora Film Verleih

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Pandora Film Verleih

Tabu der Gerechten – Damals wie heute wichtig (Filmrezension)

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Gentleman’s Agreement

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker, Blogger von „Die Nacht der lebenden Texte“ und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Drama // Das hat sofort gewirkt: Just als ich dachte, das recht leichtfüßige Intro habe sich zu lange hingezogen, änderte der Film nach einer halben Stunde die Tonalität – genau mit dem Moment, als Philip Schuyler Green (Gregory Peck) vorgab, ein Jude zu sein. Das macht die etwas zu lang wirkende Einführung der Figuren zu einem brillanten Schachzug, da die Prämisse des Films sofort ihre Wirkung entfaltet.

Aus Green wird Greenberg

Mit seiner Mutter (Anne Revere) und Sohn Tommy (Dean Stockwell) ist Witwer Green von Kalifornien nach New York City gezogen. Der angesehene Journalist soll dort für ein Magazin schreiben. Dessen Chefredakteur John Minify (Albert Dekker) beauftragt ihn mit einer Story über Antisemitismus. Nach einiger Zeit des Überlegens kommt ihm die zündende Idee, sich als Jude auszugeben. Aus Green wird Greenberg.

Kaum jemand wird eingeweiht, nicht einmal die Kollegen in der Redaktion. Es funktioniert sehr gut – zu gut. Umgehend schauen ihn die Menschen mit anderen Augen an. Ein paar meiner besten Freunde … – es dauert nicht lange, bis Green alias Greenberg diesen Satz zum ersten Mal hört. Selbst Minifys Nichte Kathy Lacey (Dorothy McGuire), mit der Green zügig eine Beziehung angefangen hat, lässt unbedachte Bemerkungen fallen, die ihn stutzig werden lassen. Auch Sohn Tommy muss darunter leiden.

Selbstkritik bei Gregory Peck

Bosley Crowther von der New York Times hielt 1947 Gregory Pecks Rolle für unglaubwürdig – außergewöhnlich naiv lautete sein Urteil. Für einen erfahrenen Journalisten sei er zu erstaunt über die Reaktionen, die er als Jude bekäme, derlei hätte ihm bewusst sein müssen. Da mag etwas dran sein, zumal es seine einzige Zusammenarbeit mit Regisseur Elia Kazan bleiben sollte, der mit seinem Star dem Vernehmen nach nicht zufrieden gewesen sein soll. Peck bestätigte Kazans Kritik viele Jahre später, sagte selbst, es sei nicht seine beste Arbeit gewesen. Schlecht ist es aber keineswegs, was Peck da zeigt. 16 Jahre später erhielt er den Hauptrollen-Oscar im Antirassismus-Drama „Wer die Nachtigall stört“ („To Kill a Mockingbird“, 1962).

Der New-York-Times-Rezensent kritisierte darüber hinaus, obwohl Green über Antisemitismus in der gesamten US-Gesellschaft recherchiere, beschränke er seinen Bewegungsradius auf die Upperclass. Es mag obendrein heute etwas verwundern, dass ein kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandener Film über Antisemitismus den Holocaust in Europa mit keinem Wort thematisiert. Allerdings zielt „Tabu der Gerechten“ nicht darauf, offen gelebten Rassismus anzuprangern, vielmehr geht es darum, Vorurteile gebildeter Menschen zu entlarven – Menschen, die sich selbst für vorurteilsfrei halten. Insofern muss sich der Film auch nicht in die Niederungen offen judenfeindlicher Milieus begeben, so sie denn klar zu identifizieren wären.

In einer faszinierenden Szene kurz vor dem Finale zeigt sich Greens Sekretärin Elaine Wales (June Havoc), selbst Jüdin mit geändertem Namen, verwundert, als sie erfährt, dass der Journalist tatsächlich kein Jude ist. Offenkundiger kann die Absurdität dieser Vorurteile nicht zu Tage treten.

Drei Oscars und vier Golden Globes

Acht Oscar-Nominierungen erhielt das meisterhafte Schwarz-Weiß-Drama 1948, für drei Kategorien gab’s die Trophäe dann auch: als bester Film, für Elia Kazans („Die Faust im Nacken“) feinfühlige Regie und Nebendarstellerin Celeste Holm – sie spielt die Chefredakteurin eines Modemagazins. In diesen drei Kategorien hatte der Film bereits Golden Globes erhalten, dazu auch einen für Dean Stockwell als bester Nachwuchsdarsteller.

Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Zwölfjährige hatte noch eine lange Karriere vor sich, die bis heute anhält. Für „Die Mafiosi-Braut“ wurde Stockwell 1988 als bester Nebendarsteller Oscar-nominiert. Im selben Jahrzehnt hatte er in David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (1984) und „Blue Velvet“ (1986) gespielt.

Erstauflage im Schuber

Twentieth Century Fox Home Entertainment hat „Tabu der Gerechten“ 2006 in einer schönen Edition mit Schuber, Booklet und Postkarte veröffentlicht. Sie ist im Handel vergriffen, aber auf dem Gebrauchtmarkt problemlos zu kriegen. Wer auf den Schuber Wert legt, sollte sich vor dem Kauf vergewissern, dass es nicht die etwas spartanischere Zweitauflage von 2007 ist. „Tabu der Gerechten“ war seinerzeit ein wichtiger Film – er ist es heute noch, wie sich auch bei uns an der unter dem Deckmantel der Israelkritik offenbarenden Judenfeindlichkeit zeigt.

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Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gregory Peck sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. Januar 2006 als DVD (Zweitauflage 19. März 2007)

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Gentleman’s Agreement
USA 1947
Regie: Elia Kazan
Drehbuch: Moss Hart, nach Laura Z. Hobsons Roman „Gentleman’s Agreement“
Besetzung: Gregory Peck, Dorothy McGuire, John Garfield, Celeste Holm, Anne Revere, Dean Stockwell, June Havoc, Albert Dekker, Philip Schuyler Green, Kathy Lacey, Dave Goldman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Original Kinotrailer, Original Kinotrailer „Alles über Eva“, Booklet, Erstauflage: Postkarte, Schuber
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

Oslo, 31. August – Von einem, der aufhört, das Leben zu suchen (Filmrezension)

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Der nächste Gastbeitrag – einmal mehr bedanken wir uns bei Simon Kyprianou, Gastautor bei unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Oslo August 31st

Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Anders (Anders Danielsen Lie), ein junger Mann, 34 Jahre alt, könnte mitten im Leben stehen, sitzt aber im Drogenentzug fest. Gleich in der ersten Filmszene will er sich umbringen, doch ihn verlässt der Mut. Nach langer Zeit darf er die Suchtklinik für einen Tag verlassen, nach Oslo fahren, alte Freunde und die Familie besuchen; ein Vorstellungsgespräch hat er auch. Er könnte die Grundsteine für sein restliches Leben legen, aber Anders ist müde, Anders ist satt.

Abbild einer Generation

„Oslo, 31. August“ ist zwar radikal an seinen Protagonisten gebunden, zeichnet aber nicht nur dessen Porträt. All die Begegnungen, Konversationen und Erlebnisse auf Anders‘ Odyssee durch Oslo lassen das mosaikhafte Abbild einer ganzen Generation, einer komplexen Gesellschaft deutlich werden. Es entstehen Sinnzusammenhänge, Schmerz und Ausweglosigkeit von Anders werden spürbar.

Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit

Regisseur Joachim Trier findet eine äußerst realistische aber vor allem eine lebendig kraftvolle, ästhetische Filmsprache, um seine zärtliche und schmerzhafte Geschichte von verlorener Jugend und dem verpasstem Einstieg ins Leben zu erzählen. Dabei verfällt der Film nie der absoluten Hoffnungslosigkeit, Trier inszeniert einen lebensklugen Film, der überall mögliche Lebenskonzepte und Auswege aufzeigt, die zwangsläufig auch Probleme und Leid mit sich bringen, aber letztlich doch erträglich sind.

Das Leben ist schön

So lebenssatt und enttäuscht der Protagonist Anders auch sein mag, Triers Film ist es nicht, er ist im Gegenteil lebenshungrig, sucht überall nach Möglichkeiten, Auswegen, Hoffnung, Schönheit und Liebe. Wenn er eine wilde Partynacht und einen Flirt einfängt, werden Triers Bilder sogar wild, hypnotisch und flirrend, er bricht aus dem nüchternen Realismus aus und zeigt das Leben in all seiner Schönheit. Denn auch an jenem schicksalshaften 31. August könnte man Schönheit finden, würde man sie nur suchen. Anders sucht sie nicht mehr.

„Oslo, 31. August“ ist gleichsam ein Film über einen Menschen, der sich und die Welt aufgegeben hat, weil sie ihm nichts mehr zu bieten hat, als auch ein differenzierter Blick auf die Welt selbst, ihre Defizite, Irrwege, aber auch Möglichkeiten.

Veröffentlichung: 10. Januar 2014 als DVD

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Norwegisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Internationaler Titel: Oslo August 31st
NOR 2011
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt, nach einem Roman von Pierre Drieu La Rochelle
Besetzung: Anders Danielsen Lie, Ingrid Olava, Anders Borchgrevink, Andreas Braaten, Hans Olav Brenner, Johanne Kjellevik Ledang, Malin Crépin, Renate Reinsve
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2014 Al!ve AG

Feuerwerk am helllichten Tage – Zu Recht zwei Berlinale-Bären (Filmrezension)

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Simon Kyprianou ist Gastautor beim Filmblog Die Nacht der lebenden Texte, den der freundschaftlich mit uns verbundene Blogger Volker Schönenberger betreibt. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, auch für vnicornis einen Text zu liefern.

Bai ri yan huo

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Im Sommer 1999 werden in Nordchina männliche Leichenteile in den Kohlelagern der Region gefunden. Die Polizei nimmt an, dass der Mörder ein Serientäter ist. Der Polizist Zili (Fan Liao) übernimmt den Fall. Bei einer Festnahme wird sein gesamtes Team erschossen. Zili quittiert den Dienst.

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Zili ist ein gebrochener Mann

Einige Jahre später werden im Winter wieder Leichenteile gefunden – der Mörder ist zurück. Zili ist mittlerweile heruntergekommen und müde, ein Mann ohne Aufgabe, abgestumpft und lebenssatt. Der Jagd nach dem Serienkiller wird für ihn zu einer Erlösung, zu einer Wiedergeburt. Alle Opfer hatten eine Beziehung mit Wu Zhizhen (Lun Mei Gwei). Zili beginnt, sie zu beschatten. Nach und nach verliebt er sich in sie.

Ein Antiheld kehrt zurück ins Leben

Am Anfang des Films hat Zili mit seinem Leben abgeschlossen. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Leute sind tot, es gibt für ihn keinen Grund mehr zu existieren. Am Ende, wenn er Jahre später den Fall endlich lösen konnte, tanzt er in einer beinahe grotesken, ausufernden Szene wie von Sinnen, wie ein Verrückter zu Musik. Der Erfolg hat ihn erlöst von seiner Depression. Aber es ging im nie um die Menschen, es ging ihm nie um die erloschene Liebe seiner Frau oder seine Zuneigung zu Wu, es ging ihm auch nie um die Wahrheit. Es ging ihm immer nur um den Erfolg, der die Rückfahrkarte in sein früheres Leben bedeutet. Zili ist ein klassischer Antiheld, ein Unmensch, ein Unsympath.

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Wieso sterben die Leute in Wus Nähe wie die Fliegen?

Regisseur Diao Yinan inszeniert mit „Feuerwerk am helllichten Tage“ eine interessante Film-noir-Hommage. Wir begegnen Antihelden, Femmes fatales, wir blicken in menschliche Abgründe und am Ende stehen Leere und Hoffnungslosigkeit. Alles wird untermalt von unaufhörlich fallendem Schnee, der die Welt zu einem surrealen, kalten Ort werden lässt, ein Ort, der das Innere der Charaktere widerspiegelt. Alle Charaktere sind innerlich längst tot, ihre Leidenschaft ist erloschen und ihr Leben vergeudet, ein konsequenter Film noir.

Gewinner des Goldenen und eines Silbernen Bären

Die Reise in den Abgrund wird in ausgesucht schönen Bildern erzählt. Elegisch hält Regisseur Yi’nan Diao die kalte, menschenfeindliche Schneewelt fest, durch die er seine Figuren wie innerlich tote Geister wandeln lässt. Grandios ist das mit dem Silbernen Bären der Berlinale prämierte Spiel von Fan Liao. Mit erschreckender Intensität spielt er das Leiden und die moralische Verwahrlosung seiner Figur. So langsam und gelegentlich vielleicht auch etwas schleppend der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale auch inszeniert ist, er bewahrt sich immer eine düstere Poesie, eine abgründige Trauer und eine grandiose Atmosphäre. Ein beachtlicher Film!

Veröffentlichung: 6. November 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Hochchinesisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bai ri yan huo
CHN 2014
Regie: Yi’nan Diao
Drehbuch: Yi’nan Diao
Besetzung: Fan Liao, Lun Mei Gwei, Xuebing Wang
Zusatzmaterial: Pressekonferenz der Berlinale, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Eine Festnahme kurz vor der Eskalation

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot & Fotos: © 2014 Studiocanal Home Entertainment