Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 15. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Pakal hatte sich in letzter Zeit kaum noch blicken lassen und krank in die Gemächer seines Palasts zurückgezogen. Lediglich seine Schergen beaufsichtigten noch die Arbeit in den Steinbrüchen und die Bauarbeiten am Palast. Die neuen Gebäude waren fast fertig. Die Aufseher sorgten mit harten Strafen dafür, dass täglich genügend Steine auf die Baustelle gebracht wurden. Die Arbeiter planten wegen ihrer Ausbeutung bereits einen Aufstand. Die gesamte Gesellschaft war jedoch in einer Art Schockstarre aufgrund des herannahenden Kometen.

Inzwischen glich der Komet einem riesigen Feuerball, obwohl er erst vor kurzem gesichtet worden war. Bis zum Einschlag würde es nicht mehr lange dauern. Cecilia stieg die Stufen des Tempels hinauf und ergriff das Opfermesser aus schwarzem Obsidian in Form eines Lebensbaums, das der Priester auf der Plattform neben der Opferblutschale liegen gelassen hatte. Sie stieg die Stufen wieder hinab und lief in den Palast. Dort lag Pakal bleich und regungslos auf seinem Krankenbett. Kurz darauf legte sich ein kaltes schweres Eisen auf seine Brust.

Narcisa stand vom Stuhl auf und verabschiedete sich. Nun waren auch die älteren Kinder eingeschlafen. Paulina brachte sie zu Bett. Ich fragte Narcisa, ob wir uns nicht von irgendwo her kennen würden. Es kam mir so vor, als wären wir uns schon einmal auf einer früheren Reise begegnet. Leider konnte ich es nicht mehr herausfinden, denn sie ging fort mit der Begründung, es sei schon sehr spät und sie müsse jetzt nach Hause. Daraufhin trat sie durch die Tür in die Nacht.

(c) valentino 2018

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Elfter Teil

valentino

Verlies

Illustration: Valentino

Wasser tropfte in eine Lache, die sich in einer Ecke des Verlieses gebildet hatte. Durch einen Schacht fiel ein Lichtkegel, der auf die Wasseroberfläche sich ständig verändernde Muster zeichnete. Cecilia hockte auf dem klammen Steinboden. Über ihr wölbte sich eine kohlenähnliche, verkrustete Decke, durch die es hin und wieder dumpf schnarrte. Es roch modrig. Ihr Fußgelenk rieb sich wund an einer eisernen Fessel, die sie an eine Wand aus hartem Lehm band. Die Knie vor dem Körper lauschte sie dem gleichmäßigen Tropfen.

Sie erinnerte sich an den Tag im Sommer, an dem sie im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal auf die Idee gekommen war zu schwimmen. Entlang des Ufers bildeten Laubbäume einen dichten Saum. Die Kinder des Dorfes johlten, wateten durch das Schilf oder sprangen von der Uferböschung aus ins Wasser. Über der glatten Oberfläche des Sees stand die Luft still. Cecilia tauchte ins Wasser, presste es mit den Armen beiseite und schluckte einen Schwall bei dem Versuch, Luft zu holen. Sie hustete, heftete ihren Blick auf die Wolken am Himmel, bevor sie abermals untertauchte und für einen Augenblick das Bewusstsein verlor.

Steil stiegen die grob in die felsige Wand des Gewölbes gehauenen Stufen der Steintreppe empor. Der obere Absatz mündete in einen Durchbruch. Cecilia spürte einen Luftzug auf der Haut. Metallisch, bleiern haftete das Eisen auf dem abgeschürften Knöchel. Sie kauerte auf der schroffen Erde, eingehüllt in Leinen, das an einigen Stellen abgerieben und zerrissen war, neigte ihren Körper vornüber und las in den Figuren, die das Licht auf das Wasser warf.

(c) valentino 2013

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