Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 24. Teil

valentino

Palastruine

Illustration: Valentino

Die Ebene lag wie ein Meer vor mir. Ich saß auf der Treppenstufe und erinnerte mich an die Nacht verloren im Wald, an die Tage im Hochland und an den Abend bei den Mendozas. Meine Erinnerungen begannen bereits zu verblassen. Bald würden sie vergessen sein wie die Steine der Maya unter grünen Hügeln. Später träumte ich nie wieder von Palenque, sondern vom schattigen Ufer des Usumacinta oder von meiner Ankunft in La Palma in einer lauen Nacht.

In der Pyramide stieg ich die steinernen Stufen der steilen Treppe hinab in die Grabkammer. Auf dem Sarkophag lag die Grabplatte: Die Inschrift auf ihren Seitenflächen gab die Namen der Herrscher und Daten aus dem Maya-Kalender wieder, ihre Oberseite zeigte den Lebensbaum der Maya. Darunter war Pakal abgebildet bei seinem Übergang nach Xibalbá, der Unterwelt. Nachdem er sie durchwandert haben würde, sollte er im Schutz der Sonnenhieroglyphe am östlichen Horizont wieder auferstehen.

Ich schlenderte auf ausgetretenen Pfaden zwischen den Gebäuden und suchte in der Nachmittagshitze Schatten unter einem Baum. Als die Sonne kurz hinter einer Wolke verschwunden war, bemerkte ich zwei Pinien bei der Palastruine. Ich stellte mir vor, ein Holzpfahl stünde auf dem Platz davor. Dort angekommen würde ich auf eine erloschene Feuerstelle stoßen und mich niederhocken, um mit einem Stock zwischen verkohlten Holzresten in der kalten Asche zu stochern. Da fiele mir ein durchtrenntes Seil auf, das auf der Erde läge. – E N D E –

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 13. Teil

valentino

Illustration: Valentino

In Wolken aus Räucherwerk, das nach Anis duftete, verschwanden die sechs Gefangenen ins Labyrinth. Dort irrten sie durch geheime verwinkelte Gänge innerhalb dicker Tempelmauern. Ihre blau bemalte Haut leuchtete im Schein der Fackeln, die in einigen Abständen an den steinernen Wänden befestigt waren. Sie erreichten eine Stufe, die steil nach unten abfiel. Einer der Gefangenen ließ eine Fackel über die Kante hinabfallen. Ihr Licht erhellte kurz die Dunkelheit und gab den Blick auf eine Wasseroberfläche frei.

Auf dem Weg ins Tal suchte Cecilia in der hereinbrechenden Nacht Unterschlupf am Fuß einer Zeder. Am nächsten Morgen strich sie nach dem Aufwachen die Asche mit den Händen von ihrer Haut. Ihr Knöchel schmerzte noch immer. Das getrocknete Blut bildete zusammen mit Erde und Asche eine Kruste. Sie lief weiter bergab ins Tal, wo sich eine Menschentraube gebildet hatte. Unter den Geflüchteten fand Cecilia ihre Eltern und Geschwister wieder. Manche versorgten die Wunden der Verletzten oder kochten Essen über offenen Feuerstellen.

Neben dem Feuer lag ein Stück glühende Holzkohle. Cecilia griff es mit den Zehen und stieß es mit dem Fuß hinter ihren Rücken. Dann hielt sie das Seil, mit dem ihre Hände gefesselt waren, über die glühende Kohle und verbrannte es an einer Stelle. Sie löste die Schlingen von ihren Handgelenken, stand auf und lief im Mondschein an den beiden Pinien vorbei in den Wald. Am nächsten Tag erreichte sie das Ufer eines großen Sees, in dessen Mitte in einem Dickicht von Binsen eine Insel lag. Einige weiße Vögel schwammen auf der Wasseroberfläche.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Elfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Ein lauer Wind fachte ein Feuer an, das in einer sternenklaren Nacht auf einem zentralen Platz brannte. Der Mond warf ein fahles Licht auf Cecilia. Sie hockte neben dem Feuer auf dem Boden. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken an einen Holzpfahl gebunden. Grillen zirpten. Es roch nach verbrannter Holzkohle. Cecilias Handgelenke rieben sich am spröden Seil wund, mit dem sie gefesselt war. Sie beobachtete die züngelnden Flammen und sprühenden Funken.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie als Kind mit ihrer Familie von zu Hause geflohen war. Eine riesige Aschewolke stieg aus dem Krater des Vulkans hinter den Bergen auf. Zwischen den Berghängen lag im Ascheregen das Dorf, in dem Cecilia aufgewachsen war. Im Durcheinander der Flucht hatte sie ihre Eltern und Geschwister verloren. Die Hitze brannte auf ihrer Haut. Barfuß lief sie entlang eines baumbestandenen schroffen Berghangs über aschebedeckte felsige Wege ins Tal. Auf einmal glitt sie auf dem Fels aus, stürzte und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Blut floss über ihren Fuß und vermischte sich mit Erde.

Auf der anderen Seite des Platzes stiegen die Stufen einer Steintreppe steil zum Himmel hinauf. Über dem oberen Absatz überragte auf einer Plattform ein Dachkamm das Kraggewölbe. Darunter befand sich ein Durchlass in der Mauer des Tempelgebäudes. Cecilia spürte einen Windstoß. Das Seil schnitt in ihre Handgelenke. Sie bewegte ihre Hände und klammen Finger. Dann lehnte sie ihren Hinterkopf an den Pfahl und las den aufsteigenden Rauch.

(c) valentino 2017

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | erster gesang | 17 bis 20

belmonte

erster gesang

17 jäh beginnt da die kahle erde zu beben
über mir tun sich die himmel auf ich bin
von angst und zittern erfasst und falle nieder
in das licht der da jetzt steht gibt mir mein leben

18 wieder und spricht ich bin der vor anbeginn
schon da war niemals war ich von dir geschieden
ich bin durch den alles seiende ist ohne
mich ist nichts das war oder wird aus mir sind

19 die sichtbaren und die unsichtbaren glieder
erhebe dich dass lehre vom gottessohn
und erkenntnis dir werde von einer anderen
zeiten ewigkeit in der das licht nicht wider

20 im schatten sich spiegelt der weisheit zu hœhnen
viel hast du gelernt und warst doch außer stande
den ganzen menschen zu sehen und den tiefen
gang durch das dunkle reich wo die sêlen stöhnen

(c) belmonte 2011

© valentino 2011

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | erster gesang | 1 bis 4

belmonte

erster gesang

1 diese ist die geheimschrift des iohanan
vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht
verborgene worte wer sie je gehört
gesang der nicht gefunden wurde im sand

2 dies ist das buch aus dem verlorenes spricht
wiedergefundenes durch die himmel fährt
aus blauen flammen die in die höhe schlugen
blauernes feuer wanns aus der erde bricht

3 aus zeiten engel über den göttern währten
götter sich aus den steinen der götzen trugen
und füchse und biber mit den menschen sprachen
feuervögel îrer flügel himmel kehrten

4 meer aus flüssen stieg über meere wogen
gebirge sich erhoben aus heißer rachen
und schlangen aus denen sieben köpfe fuhren
tage und nächte um nacht und tag betrogen

(c) belmonte 2011

© valentino 2011

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