Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Siebter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Der Bus rollte über eine vom Regen lehmige schmale Bergstraße. Ein Lastwagen kam aus der Gegenrichtung. Die beiden Fahrzeuge manövrierten dicht nebeneinander und stießen zusammen. Der Außenspiegel des Busses brach ab. Kurz darauf fuhr uns ein anderer Bus entgegen. Für das Ausweichmanöver benötigten die Fahrer eine halbe Stunde. Etwa auf halber Strecke überholten wir auf einer Passstraße den Bus, der in der Früh kurz vor uns in Huehue abgefahren war und eigentlich auch vor uns in Todos Santos ankommen sollte, jedoch aufgrund eines Achsenbruchs am Gebirgspass liegen geblieben war.

In Todos Santos erwartete mich bereits Sandy vom Sprachprojekt. Sandy machte mich mit Narcisa bekannt, einer Freundin der Mendozas. Bei den Mendozas sollte ich wohnen. Narcisa führte mich in einen höher gelegenen Teil des Dorfes. Auf dem Hof der Familie saß Schwiegertochter Paulina am Webrahmen. Ihr dreijähriger Sohn Eladio lief zu ihr. Narcisa stellte mich vor. Paulina begrüßte mich auf Spanisch und führte mich in ein kleines, separates Zimmer, in dem auf einer Pritsche mehrere Wolldecken lagen. Dann zeigte sie mir das aus Adobe, Lehmziegeln, gefertigte Haus der Mendozas. Es gab eine Feuerstelle mit Steinplatte, Eimer und Feuerholz. An den Wänden hingen Töpfe, Tassen und einfache Haushaltsgegenstände.

Das Dorf lag relativ abgeschieden in einer unzugänglichen Bergregion. Ende der 50er Jahre wurde es ans Straßennetz angebunden: Durch den Bau einer Abzweigung von der Hochlandstraße durch den Höhenzug Los Cuchumatánes. Bei meiner Ankunft war ein Teilstück der Passstraße asphaltiert. Die Dorfbewohner bewirtschafteten ihre Felder, die zwischen zahlreichen schmalen Bergtälern lagen. Neben Mais wurden auch Kartoffeln, Brokkoli und Kaffee angebaut. Der alljährliche Zyklus der Landwirtschaft bestimmte den Lebensrhythmus der Dorfbewohner, bis ein Bürgerkrieg Anfang der 80er Jahre Gewalt ins Dorf brachte.

(c) valentino 2016

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Vierter Teil

valentino

Cioban

Illustration: Valentino

Unsere Route führte durch eine Gegend, deren Orte aus einfachen Bauernhäusern bestanden, die sich beidseitig entlang der befestigten Hauptstraße aneinander reihten. Rechtwinklig stachen schlammige Wege aus den Dorfkernen heraus. In einem Ort liefen am Straßenrand Kinder, welche zu einer Gruppe von Wanderarbeitern gehörten. Diese lebten vom Kesselflicken, Löffelschnitzen und anderen Tagelohnarbeiten, und bewegten sich mit einem Pferdeplanwagen durch das Land.

Die Alimentara, die Lebensmittelgeschäfte, boten außer Brot, Brause, Schokolade und Erdnüssen kaum etwas an. Die Menschen versorgten sich, aufgrund ihrer bäuerlichen Lebensweise, fast vollständig selbst. Etwa die Hälfte der 20 Millionen Einwohner Rumäniens lebte auf dem Land und war auf Tierhaltung und das Bewirtschaften von Agrarflächen angewiesen. Auf den Hinterhöfen der Leute herrschte reges Treiben der Hunde, Katzen, Truthähne, Gänse und Hühner. Ochsenkarren und Pferdewagen befuhren die Straßen. Wir fühlten uns fünfzig Jahre in die Vergangenheit versetzt.

In der Dunkelheit tauchte der Vollmond die Felder in milchiges Licht. Ein Cioban, ein Schäfer, jagte eine Schafherde über die Hügel. Wir grüßten und fragten mit unseren wenigen Brocken Rumänisch, ob es möglich wäre, auf dem Weideland der Schafe unser Zelt aufzustellen. Der Schäfer machte eine Geste mit den Händen, die den nächtlichen, starken Wind auf dem Feld andeuten sollte. Er zeigte uns einen Platz, der geschützt hinter einer kleinen Anhöhe lag. Dann trat er aus dem Mondschein und verschwand im Dunkel der Nacht.

(c) valentino 2012

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