Unterwegs zu Cecilia | Siebter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Narcisa setzte sich an den Tisch. Während sie mir gegenüber auf dem Holzstuhl saß, erzählte sie von einem Brief, den Cecilia ihr geschrieben hatte. Aus diesem gehe hervor, sie arbeite in einem Hotel in Portland. Narcisa kramte in ihrer Tasche, holte einen Umschlag heraus und öffnete ihn. Ein Foto, das Cecilia mit anderen Hotelangestellten zeigte, lag dem Brief bei.

Damals war mir nicht klar, dass ich Narcisa auf lange Zeit nicht wiedersehen würde. Auf dem Rückweg nach Huehue fiel ich in ein Delirium, das sich als Beginn einer Blockade erwies. Nach meiner Genesung verstrich eine geraume Weile, in der ich nichts weiter tat, als meinen Gedanken nachzuhängen. Es kommt mir vor, als wäre ich Narcisa erst gestern begegnet. Zugleich scheint mir, als hätte ihr ein anderer Mensch am Tisch gegenüber gesessen.

Beim Blick aus dem Fenster bemerkte ich den hereinbrechenden Morgen. Die Sonne ging über den wolkenverhangenen Berghängen auf. Narcisa verabschiedete sich und verließ den Raum durch die Tür ins neblige Morgengrauen. Lediglich einige Krümel weißer Käse blieben auf ihrem Teller zurück.

(c) valentino 2020

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Unterwegs zu Cecilia | Fünfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Beim Aufwachen hatte ich das Zeitgefühl verloren. Ich blickte durchs Fenster des Comedors. Der Regen hatte aufgehört, als das milchige Mondlicht durch die Wolken brach. Noch immer war ich allein im Raum. Narcisa war nicht gekommen. Aus der Küche hörte ich Geräusche vom Schneiden und Zubereiten von Speisen. Eine leise Musik spielte im Radio.

Ich wusste nicht mehr, ob ich alles wirklich erlebt hatte oder ob ich bloß träumte und einer Illusion hinterherlaufen würde. Was war aus Sandy und den Mendozas geworden? Ich hatte Narcisa seit unserem letzten Zusammentreffen vor einem Jahr in Todos Santos nicht mehr gesehen. Hatte ich den weiten Weg auf mich genommen und einen halben Tag im Bus verbracht, um an diesem Abend alleine zu bleiben?

Essengerüche drangen aus der Küche. Nach dem Fest hatte sich eine seltsame Stille über das Bergdorf gelegt. Ich stellte mir vor, wie die Leute nach dem Regen nach Hause gegangen wären. Nebel stiege über den Berghängen auf. Am Hang gegenüber lägen im Mondlicht über dem Tal die Terrassen von K’atepan, der verlassenen Tempelanlage der Maya. Ich hing meinen Gedanken nach, als sich behutsam knarrend die Tür öffnete und aus der Nacht Narcisa in den Comedor Coyoteca eintrat.

(c) valentino 2020

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