Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 13. Teil

valentino

Illustration: Valentino

In Wolken aus Räucherwerk, das nach Anis duftete, verschwanden die sechs Gefangenen ins Labyrinth. Dort irrten sie durch geheime verwinkelte Gänge innerhalb dicker Tempelmauern. Ihre blau bemalte Haut leuchtete im Schein der Fackeln, die in einigen Abständen an den steinernen Wänden befestigt waren. Sie erreichten eine Stufe, die steil nach unten abfiel. Einer der Gefangenen ließ eine Fackel über die Kante hinabfallen. Ihr Licht erhellte kurz die Dunkelheit und gab den Blick auf eine Wasseroberfläche frei.

Auf dem Weg ins Tal suchte Cecilia in der hereinbrechenden Nacht Unterschlupf am Fuß einer Zeder. Am nächsten Morgen strich sie nach dem Aufwachen die Asche mit den Händen von ihrer Haut. Ihr Knöchel schmerzte noch immer. Das getrocknete Blut bildete zusammen mit Erde und Asche eine Kruste. Sie lief weiter bergab ins Tal, wo sich eine Menschentraube gebildet hatte. Unter den Geflüchteten fand Cecilia ihre Eltern und Geschwister wieder. Manche versorgten die Wunden der Verletzten oder kochten Essen über offenen Feuerstellen.

Neben dem Feuer lag ein Stück glühende Holzkohle. Cecilia griff es mit den Zehen und stieß es mit dem Fuß hinter ihren Rücken. Dann hielt sie das Seil, mit dem ihre Hände gefesselt waren, über die glühende Kohle und verbrannte es an einer Stelle. Sie löste die Schlingen von ihren Handgelenken, stand auf und lief im Mondschein an den beiden Pinien vorbei in den Wald. Am nächsten Tag erreichte sie das Ufer eines großen Sees, in dessen Mitte in einem Dickicht von Binsen eine Insel lag. Einige weiße Vögel schwammen auf der Wasseroberfläche.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Elfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Ein lauer Wind fachte ein Feuer an, das in einer sternenklaren Nacht auf einem zentralen Platz brannte. Der Mond warf ein fahles Licht auf Cecilia. Sie hockte neben dem Feuer auf dem Boden. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken an einen Holzpfahl gebunden. Grillen zirpten. Es roch nach verbrannter Holzkohle. Cecilias Handgelenke rieben sich am spröden Seil wund, mit dem sie gefesselt war. Sie beobachtete die züngelnden Flammen und sprühenden Funken.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie als Kind mit ihrer Familie von zu Hause geflohen war. Eine riesige Aschewolke stieg aus dem Krater des Vulkans hinter den Bergen auf. Zwischen den Berghängen lag im Ascheregen das Dorf, in dem Cecilia aufgewachsen war. Im Durcheinander der Flucht hatte sie ihre Eltern und Geschwister verloren. Die Hitze brannte auf ihrer Haut. Barfuß lief sie entlang eines baumbestandenen schroffen Berghangs über aschebedeckte felsige Wege ins Tal. Auf einmal glitt sie auf dem Fels aus, stürzte und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Blut floss über ihren Fuß und vermischte sich mit Erde.

Auf der anderen Seite des Platzes stiegen die Stufen einer Steintreppe steil zum Himmel hinauf. Über dem oberen Absatz überragte auf einer Plattform ein Dachkamm das Kraggewölbe. Darunter befand sich ein Durchlass in der Mauer des Tempelgebäudes. Cecilia spürte einen Windstoß. Das Seil schnitt in ihre Handgelenke. Sie bewegte ihre Hände und klammen Finger. Dann lehnte sie ihren Hinterkopf an den Pfahl und las den aufsteigenden Rauch.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Cecilias Haus lag am Rande einer Siedlung. Im Garten wuchsen Früchte und Nüsse. Nachdem sie Blätter und Zweige der Indigopflanze in einem Tongefäß mit Wasser und gelöschtem Kalk eingeweicht hatte, entfernte sie grobe Pflanzenteile, indem sie die Flüssigkeit durch einen Filter in ein anderes Gefäß goss. Die restlichen festen Teilchen schwemmte sie hierin auf. Danach rührte und belüftete sie den Sud, bis dieser eine blaue Farbe angenommen hatte.

Nach dem Trocknen zerrieb sie das Indigopigment und ein filziges weißes Tonmineral mit der Handwalze auf dem Mahlstein und erhitzte alles zusammen mit dem Harz des Kopalbaums in einem Topf über dem Feuer. Die Nachmittagssonne schien von einem teils wolkenbedeckten Himmel. Cecilia hatte vergessen, wann und weshalb sie an den Ort gekommen war, an dem sie sich jetzt befand. Paläste und Tempel aus Kalkstein standen auf mehreren Hügeln in der Umgebung. Am anderen Ende der Siedlung fußten weitere Tempelgebäude auf einer Anhöhe. Hinter den Bauwerken fiel das Flussufer steil ab.

Cecilia trat aus dem Schatten eines Baumes und überquerte einen Platz. Sie stieg mit der mit Farbe gefüllten Dreifußschale aus Ton in der Hand die Steinstufen der Treppe hinauf, streifte den Vorhang beiseite und betrat einen kühlen Raum. Vor ihr breitete sich ein noch unfertiges Fresko aus, das über die gesamte Wandbreite konzipiert war: Vor einem türkisfarbenen Hintergrund blies ein Musiker eine Trompete. Um den sitzenden Maisgott tanzte der Windgott – eine menschliche Figur mit tierhafter Schnauze, krebsartigen Greifarmen und einem Tentakel als Bein. Cecilia übergab die Farbschale dem Künstler. Dieser stellte sie wortlos auf dem Steinboden ab und setzte, nachdem Cecilia den Raum wieder verlassen hatte, sein Werk fort.

(c) valentino 2017

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | erster gesang | 1 bis 4

belmonte

erster gesang

1 diese ist die geheimschrift des iohanan
vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht
verborgene worte wer sie je gehört
gesang der nicht gefunden wurde im sand

2 dies ist das buch aus dem verlorenes spricht
wiedergefundenes durch die himmel fährt
aus blauen flammen die in die höhe schlugen
blauernes feuer wanns aus der erde bricht

3 aus zeiten engel über den göttern währten
götter sich aus den steinen der götzen trugen
und füchse und biber mit den menschen sprachen
feuervögel îrer flügel himmel kehrten

4 meer aus flüssen stieg über meere wogen
gebirge sich erhoben aus heißer rachen
und schlangen aus denen sieben köpfe fuhren
tage und nächte um nacht und tag betrogen

(c) belmonte 2011

© valentino 2011

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