Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 23. Teil

valentino

Usumacinta

Illustration: Valentino

Am nächsten Morgen erreichte ich Tenosique mit dem Fahrrad. Ich hatte bloß noch ein paar Peso in der Tasche. Weil es Sonntag war und alle Banken geschlossen hatten und weil die Automaten meine Kreditkarte verweigerten, gab ich das restliche Geld für Wasser und ein kleines Frühstück aus. Daraufhin radelte ich auf der asphaltierten Straße Richtung Palenque. Nachdem ich eine Abzweigung verpasst hatte, fuhr ich einen Umweg über Emiliano Zapata am Usumacinta.

Unterwegs rastete ich bei einer Gaststätte. Der Wirt gab mir ein Stück Wassermelone und kaufte eine meiner beiden Hängematten. Vom Erlös aß ich abends in Palenque in einem Restaurant Mojarra, ein mit dem Barsch verwandter und bei den Einheimischen beliebter Speisefisch. Ein Hausbewohner beherbergte mich daraufhin in seinem Garten. Ich spannte meine Hängematte auf und schlief erschöpft ein. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich mit Mückenstichen übersät. Ich packte meine Sachen, fuhr ins Zentrum, hob dort Geld bei einer Bank ab und nahm ein Zimmer in der Nähe des Parks.

Frisch geduscht fuhr ich mit dem Fahrrad die letzten sechseinhalb Kilometer zu den Ruinen der ehemaligen Maya-Stadt, die ihre Blüte um 700 entfaltete. Die archäologische Fundstätte lag auf einer Terrasse zerklüfteter, bewaldeter Hügel am Rande des Hochlands von Chiapas. Vor mir stand der Tempel der Inschriften auf der obersten Plattform einer Pyramide. Ich stieg die Treppe hinauf, setzte mich auf eine Stufe und blickte auf die Palastruine mit dem vierstöckigen Turm. Dahinter erstreckte sich ein weites Tiefland bis zum Horizont nach Norden.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Cecilias Haus lag am Rande einer Siedlung. Im Garten wuchsen Früchte und Nüsse. Nachdem sie Blätter und Zweige der Indigopflanze in einem Tongefäß mit Wasser und gelöschtem Kalk eingeweicht hatte, entfernte sie grobe Pflanzenteile, indem sie die Flüssigkeit durch einen Filter in ein anderes Gefäß goss. Die restlichen festen Teilchen schwemmte sie hierin auf. Danach rührte und belüftete sie den Sud, bis dieser eine blaue Farbe angenommen hatte.

Nach dem Trocknen zerrieb sie das Indigopigment und ein filziges weißes Tonmineral mit der Handwalze auf dem Mahlstein und erhitzte alles zusammen mit dem Harz des Kopalbaums in einem Topf über dem Feuer. Die Nachmittagssonne schien von einem teils wolkenbedeckten Himmel. Cecilia hatte vergessen, wann und weshalb sie an den Ort gekommen war, an dem sie sich jetzt befand. Paläste und Tempel aus Kalkstein standen auf mehreren Hügeln in der Umgebung. Am anderen Ende der Siedlung fußten weitere Tempelgebäude auf einer Anhöhe. Hinter den Bauwerken fiel das Flussufer steil ab.

Cecilia trat aus dem Schatten eines Baumes und überquerte einen Platz. Sie stieg mit der mit Farbe gefüllten Dreifußschale aus Ton in der Hand die Steinstufen der Treppe hinauf, streifte den Vorhang beiseite und betrat einen kühlen Raum. Vor ihr breitete sich ein noch unfertiges Fresko aus, das über die gesamte Wandbreite konzipiert war: Vor einem türkisfarbenen Hintergrund blies ein Musiker eine Trompete. Um den sitzenden Maisgott tanzte der Windgott – eine menschliche Figur mit tierhafter Schnauze, krebsartigen Greifarmen und einem Tentakel als Bein. Cecilia übergab die Farbschale dem Künstler. Dieser stellte sie wortlos auf dem Steinboden ab und setzte, nachdem Cecilia den Raum wieder verlassen hatte, sein Werk fort.

(c) valentino 2017

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 14. Teil

valentino

Berge

Illustration: Valentino

Cecilia betrat die Eishöhle. Sie setzte einen Fuß vor den anderen. Als sie den Dämon sah, ging sie einen halben Schritt zurück. Er fuhr auf sie zu. Sie drehte sich, rutschte aus und fiel hin, begrub dabei ihre rechte Hand unter ihrer Hüfte und fühlte einen stumpfen Schmerz im kleinen Finger. Der Vampir wendete. Cecilia stand auf und lief in den Gang. Ihre Füße patschten durch Wasser, das in Rinnsalen über den Boden floss. Rasch schlüpfte sie durch den Felsspalt und kroch in den Tunnel. Hinter sich hörte sie Flügel schlagen. Eisblöcke fielen von der Decke herab und zersplitterten.

Narcisa nahm mit einer Zuckerzange aus einem Porzellanschälchen zwei Zuckerstückchen und gab sie in ein auf dem Tisch stehendes Teeglas. Sie griff nach der Kanne und füllte das Glas mit dampfendem Tee, in dem sich die Stückchen Zucker langsam auflösten. Der Teelöffel klirrte zweimal gegen das Glas, sie hob es hoch, spitzte die Lippen und pustete. Dann nippte sie, stellte das Teeglas wieder auf der mit gelben und blauen Blumen bestickten Tischdecke ab und erzählte weiter.

Cecilia kletterte zwischen den Kristallen entlang bis zum Faden. Sie hob ihn auf. Ihr Finger war geschwollen und schmerzte noch immer. Sie tastete ihren Weg am Faden entlang durch die Gänge. Im Verlies stieg sie die Stufen der Steintreppe hinauf, die in einen Flügel des Schlosses führte, ging in das Vestibül und betrat von dort aus den Garten. Das Tageslicht blendete sie. Durch die Irrwege zwischen den Hecken erreichte sie den Pavillon auf der Anhöhe, rannte über die Lichtung in den Wald und gelangte tags darauf in die Berge.

(c) valentino 2013

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Neunter Teil

valentino

Garten

Illustration: Valentino

Cecilia schlenderte in dem weitläufigen Barockgarten. Hohe, gestutzte Hecken umsäumten den großzügig angelegten Teich. Die Wege im Garten waren zahlreich und verzweigten sich zwischen den Hecken und Beeten. Am gegenüberliegenden Ufer stand auf einer Anhöhe ein Pavillon. Im Abendrot blickte Cecilia von dort hinunter auf eine Lichtung des Waldes, der sich vom Fuß des Hügels aus in eine weite Niederung hinein ausdehnte.

Als Kind fing Cecilia mit ihrer Schwester Fabia Fischchen im nahegelegenen Bach, kletterte auf Bäume oder spielte auf Mureșeniis sandigen Wegen mit dem Kreisel, den ihr Vater Marian geschnitzt hatte aus dem Holz des Waldes, der das Dorf bis über die Hügelkuppen hinaus umgab und in der Ferne von den Karpaten überragt wurde. Mit fünf oder sechs Jahren lernte sie Schwimmen im See, in dem alle Kinder des Dorfs badeten. Sie sah ihren Bruder Grigore dort schwimmen und bekam Lust, es ihm nachzutun. Als sie fast unterging dachte sie, es sei noch nicht an der Zeit, im See zu versinken. So schaffte sie es, sich über Wasser zu halten.

Während sie erzählte, zerteilte Narcisa mit der Gabel auf ihrem Teller ein Stück Mămăligă. Mit den Fingerspitzen verrückte sie auf ihrer Nase die Glasovale, über deren Einfassung hinweg sie mit halbwachen Augen sah. Regentropfen prasselten an das kleine Fenster der Wohnstube, in der wir uns auf Anhieb geborgen fühlten. Einige der Tücher und Stoffe bildeten kreisförmig angeordnete rote Rosenblüten und grüne Blätter auf schwarzem Grund ab. Im Nebenzimmer und im Wohnzimmer hingen hinter Glas Kinderfotos. Fabia hatte den Raum kurz verlassen und kehrte nun mit einem Foto zurück, das Cecilia zwischen ihrer Schwester und ihren Brüdern zeigte.

(c) valentino 2012

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | dritter gesang | 81 bis 84

belmonte

dritter gesang

81 und gärten die unter bögen einzusehen
waren dort stand schunemydala und konnte
die berge erkennen aber îre augen
sahen wölfe aus stein die zum himmel schrieen

82 aufnahme fand schunemydala zu wohnen
bei marzion dem sie sich schüchtern anvertraute
als er sie allein fand auf quds engen wegen
und îr licht sah das älter war als äonen

83 er nahm sie in sein haus wann der morgen graute
da konnte sie sich in ruhe niederlegen
und was sie brauchte davon gab es genug
während marzion um sie war und nach îr schaute

84 schunemydala spürte in sich bewegen
den licht und dunkel in sie gelegt und trug
îren sohn aus und brachte în außer gefahr
zur welt diese welt und sich selbst zu besiegen

(c) belmonte 2012

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