Des dunklen Lichtes voll (Online-Lesung zum Hölderlin-Jubiläum)

belmonte

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin haben Heidelberger Dichterinnen und Dichter am 20. März 2020 selbstgeschriebene Texte zu Friedrich Hölderlin oder Hölderlin-Neudichtungen im Youtube-Livestream gelesen.

Wer unsere Hölderlin-Online-Lesung verpasst hat, kann hier die Aufzeichnung – heute am Welttag der Poesie und auch weiterhin – nochmal anschauen:

Die ursprünglich für den Musikfrachter BTHVN2020 geplante und wie alle Veranstaltungen wegen der Coronaviruskrise abgesagte Lesung haben wir kurzerhand online veranstaltet. Mein Dank geht vor allem an Michaela Vogl für ihre wunderbare Moderation.

Unsere Hölderlin-Online-Lesung wurde sogar im UNESCO Creative Cities Network angezeigt. Siehe hier …

Danke an das Kulturamt Heidelberg für die Vernetzung. Ich lehne mich jetzt ein wenig zurück und schaue mir die Beiträge der anderen Cities an.

“Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden.” – Ein Gespräch mit Marion Tauschwitz zur UNESCO City of Literature Heidelberg

Marion Tauschwitz ist freie Autorin und Biographin, lebt in Heidelberg und hat neben zahlreichen Veröffentlichungen eine maßgebliche Biographie über die Lyrikerin Hilde Domin, mit der sie viele Jahre eng befreundet war, vorgelegt (siehe hier …). Marion Tauschwitz ist Mitglied u. a. im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) Baden-Württemberg und im PEN-Zentrum Deutschland sowie Sprecherin der Heidelberger AutorInnenversammlung (siehe hier …). Nach Romanen und Essays sowie Biographien zu Selma Merbaum und Pieter Sohl folgte im Juli 2019 ein Erinnerungsbuch an Hilde Domin Das unverlierbare Leben (siehe hier …). Für mehr Information zu Marion Tauschwitz siehe ihre Autorinnen-Website.

Marion Tauschwitz

Marion Tauschwitz / Foto: Gudrun-Holde Ordner

Vnicornis:
Liebe Marion, Heidelberg ist seit 2014 UNESCO City of Literature. Wie hat sich aus Deiner Sicht die Literaturszene der Stadt seitdem entwickelt?

Marion Tauschwitz:
Nach nur kurzer Anlaufphase hat sich die Wahrnehmung für Literatur, für die Vielfalt der Literatur, gefestigt. Sie verankert sich im Bewusstsein der Heidelberger, weil sich die Stadt nicht länger auf ihren Lorbeeren ausruht, vom Gewesenen zehrt, sondern Literatur jung und lebendig macht. Und auch wir AutorInnen nehmen das Angebot, uns einzubringen, wahr, weil wir Unterstützung erfahren, die Neugier des Kulturamts auf spannende Projekte spüren, die Kooperation mit der Stadtbücherei fühlen. So haben wir AutorInnen uns in der AutorInnen-Versammlung zusammengeschlossen und den Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren ins Leben gerufen, der sich zu etablieren scheint, denn nach privatem Sponsoring in den ersten zwei Jahren haben wir nun eine dauerhafte Sponsorin im Rohrbacher Bio-Supermarkt Alnatura. Wir freuen uns, dass Kultur und Natur regional Hand in Hand gehen. Und wissen uns auch hier von Stadtbücherei und Kulturamt und von der hiesigen Rhein-Neckar-Zeitung unterstützt, wie bei der Aktion „Wohnzimmerlesungen zugunsten der RNZ Weihnachtsaktion“.

Vnicornis:
Was hat sich speziell für Autorinnen und Autoren in Heidelberg in den vergangenen Jahren verändert?

Marion Tauschwitz:
Heidelberger AutorInnen profitieren, weil die regionale literarische Vielfalt zum Blühen gebracht worden ist. Die Heidelberger Literaturszene ist mutiger geworden, ihre Stimme hörbar zu machen, weil das Kulturamt der City of Literature uns AutorInnen in mannigfaltige Kulturprojekte einbindet, den Austausch mit LiteratInnen der anderen Cities of Literature fördert. Besonders hat mir „Poesie unterwegs“ anlässlich des Welttags der Poesie gefallen, in das so viele AutorInnen eingebunden werden, oder die Möglichkeit, während der Heidelberger Literaturtage im Spiegelzelt präsent zu sein. Sehr ansprechend sind Anstöße für städteübergreifende Projekte wie die Hörspielaktion mit der Musikschule in Trossingen oder die Präsenz der Literaten bei der langen Nacht der Naturwissenschaft im EMBL (European Molecular Biology Laboratory). Ja, ich denke, dass wir AutorInnen uns unterstützt und wahrgenommen fühlen.

Vnicornis:
Welche Chancen und Möglichkeiten wurden bis jetzt aus Deiner Sicht noch nicht genügend aufgegriffen?

Marion Tauschwitz:
Ich sehe, wie sich das Kulturamt stetig weiter um neue Impulse bemüht. Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden. Ich kann also nicht sagen, was noch nicht genügend aufgegriffen worden ist, sondern freue mich auf weitere Möglichkeiten der Vernetzung im internationalen Austausch, weil ich weiß, dass genau daran schon gearbeitet wird und Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt werden.

Vnicornis:
Erzähl unseren Lesern etwas über Deine Erfahrungen mit der Vernetzung der UNESCO Cities of Literature untereinander.

Marion Tauschwitz:
Wir AutorInnen werden vom Kulturamt bestens über Aktionen, Projekte, Stipendien etc. informiert. Dann liegt es im persönlichen Engagement, daraus etwas zu machen, sich einzubringen. Ja, die Initiative der Einzelnen ist sicherlich noch ausbaufähig. Ich habe die Möglichkeit und das Angebot wahrgenommen, Gäste aus anderen Literaturstädten zu treffen, sie zu begleiten. Ich hatte die Chance, die City of Literature Heidelberg bei der Buchmesse in Prag zu vertreten. KollegInnen waren im Poesie-Austausch mit anderen Cities of Literature. Alles ist spannend, wenn jeder einzelne neugierig bleibt und mitmacht.

Vnicornis:
Wie ist Deine Einschätzung, ob Stadt und Land dem Status Heidelbergs als UNESCO City of Literature gerecht werden?

Marion Tauschwitz:
Das kann ich wohl recht schnell beantworten: die Stadt wird dem Status gerecht. In vielfältiger Weise wird Literatur immer wieder ins Bewusstsein gehoben und nach Möglichkeiten gesucht, Literatur an Orte zu tragen, wo sie Menschen begegnet: Gedichte in Bussen, Lesungen in Straßenbahnen, nächstes Jahr Performances im Schloss und auf dem Neckar, wenn Hölderlin geehrt wird.

Vnicornis:
Buchverkäufe waren bundesweit bis vor kurzem rückläufig. Anscheinend ging das Interesse an Büchern zurück. Wie lässt sich diesem Trend durch das Konzept der UNESCO City of Literature zumindest in Heidelberg ein Stück weit gegensteuern?

Marion Tauschwitz:
Wir haben in Heidelberg schon viel Förderung der Lesekultur. Schulen, öffentliche Bücherregale, Vorlesen in der Stadtbücherei führen zum Buch. Und die neuesten Zahlen belegen ja erfreulicherweise, dass der Trend zum Bücherkauf wieder angestiegen ist.

Vnicornis:
Feiert Heidelberg seine Autorinnen und Autoren genügend?

Marion Tauschwitz:
Feiern – ein großes Wort. Hegen und pflegen ist vielleicht eher die Wahrnehmung. Mit Interesse wohlwollend unterstützt zu werden, ist schon Freude. Honorar für Lesungen zu erhalten war früher keine Selbstverständlichkeit. Und mit zwei großen Preisen – Clemens-von-Brentano-Preis, Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil – feiert Heidelberg auch überregionale AutorInnen.

Vnicornis:
Welche Empfehlungen gibst Du Autorinnen und Autoren, die nach Heidelberg ziehen?

Marion Tauschwitz:
AutorInnen können sich der AutorInnen-Versammlung anschließen, sich auf der Homepage https://heidelbergerautoren.wordpress.com/ informieren, wen sie ansprechen können. Ich weiß auch, dass das Kulturamt für Anfragen offen ist und weiterleitet. Vom eigenen Engagement enthoben ist natürlich niemand. Aber willkommen sind sie alle.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

Bilder von der Shortlist-Lesung des Preises der Heidelberger Autorinnen und Autoren 2019

Bilder von der Shortlist-Lesung des Preises der Heidelberger Autorinnen und Autoren am 17. Mai 2019 im Spiegelzelt der Heidelberger Literaturtage.

Heidelberger Literaturtage 2019

Heidelberger Literaturtage 2019 / Foto: Franziska Äpfel

Moderation belmonte

Moderation belmonte / Foto: Franziska Äpfel

Carola Kasimir

Carola Kasimir / Foto: Franziska Äpfel

Frank Barsch

Frank Barsch / Foto: Franziska Äpfel

Gerhild Michel

Gerhild Michel / Foto: Franziska Äpfel

Şafak Sarıçiçek

Şafak Sarıçiçek / Foto: Franziska Äpfel

Miriam Tag

Miriam Tag / Foto: Franziska Äpfel

Moderation Marion Tauschwitz und Marcus Imbsweiler (rechts)

Moderation Marion Tauschwitz und Marcus Imbsweiler (rechts) / Foto: Franziska Äpfel

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Inwiefern spielt Internationalität für KAMINA eine Rolle?

Katharina Dück:
Meines Erachtens spielt unsere Heterogenität – und dazu gehört mehr als die Internationalität, aber auch diese – eine sehr große Rolle. Es ist einfach toll, so viele unterschiedliche Menschen und ihre Sicht auf die Welt kennenzulernen und mit ihnen zusammen, wenn sie denn bei uns bleiben, weiterzuarbeiten, das heißt zu dichten. Man befruchtet und bereichert sich gegenseitig.

Elena Kisel:
Seit kurzem stört mich in diesem Begriff das Präfix „Inter“. Es versetzt den „Betroffenen“ zwischen die Nationen. Das Problem ist viel sensibler und komplizierter. In unserer Praxis spüre ich direkt und kompromisslos die Andersartigkeit und -sprachigkeit. Es entsteht starke Spannung zwischen dem Wunsch verstanden zu werden und der Intention, seine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln und manchmal einfach bei sich zu bleiben. Eigentlich betrifft das nicht nur Anderssprachler, eine ewige poetologische Frage. Diese Spannung aber hütet Kunst und (Inter)Nationalität oft vor der Funktionalisierung.

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Spielen in der Dichtung und Literatur der KAMINA-Gruppe auch politische Themen eine Rolle?

Katharina Dück:
In den gemeinsamen Werken spielen solche Texte weniger eine Rolle, aber in den individuellen Texten durchaus mehr. Einige von uns schreiben politisch und sozial relevante und kritische Texte.

Elena Kisel:
Ich zitiere hier den Politikbegriff der Bundeszentrale für politische Bildung, der Politik als „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen“ bezeichnet (http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18019/politik).

Zum Teil ist das schon so, oder?

Vnicornis:
Viele von Euch sind mittlerweile keine Studenten mehr. Wie hat sich die Dichtergruppe dadurch verändert?

Elena Kisel:
Sie war von Anfang an nie einhundert Prozent studentisch. Wir hatten zu manchen Zeiten Altersunterschiede von mehr als fünfundzwanzig Jahren – ein Vierteljahrhundert Erfahrung, systematisch gesehen; leider ein von jungen Menschen oft nicht anerkanntes Potenzial – wir sehen auch so erschreckend alt aus. Aber die Dichtung braucht Erfahrung, intensiv und schnell, wo sonst bekommt man sie anders hin.

Katharina Dück:
Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Studentenstatus zusammenhängt, denn es waren von Anfang an auch Nicht-Studierende bei uns. Was uns verändert hat, ist vielmehr die Zeit, in der wir nun zusammen lesen, schreiben, diskutieren, auftreten, arbeiten und zum Teil den Alltag teilen. Es hat sich ein mehr oder weniger harter KAMINA-Kern herausgebildet, der inzwischen nicht nur durch Dichtung, sondern auch durch persönliche Kontakte verbunden ist.

Auf der anderen Seite ist das Dichten neben dem Studium für viele eine Freizeitbeschäftigung. Nach dem Studium fragen sich dann doch einige, ob man diese Leidenschaft nicht professionalisieren soll.

Vnicornis:
Welche Auswirkungen hat der Status der Stadt Heidelberg als UNESCO City of Literature auf Eure Arbeit?

Elena Kisel:
Das hat zusätzliche Kräfte aktiviert, in uns und der literarischen Community der Stadt.

Katharina Dück:
Auf unsere Arbeit als Gruppe hatte dieses Label qualitativ eigentlich keine Auswirkung, jedoch auf unsere Wahrnehmung in der Literatur-Community der Stadt: Seit Heidelberg eine der UNESCO Cities of Literature ist, schauen sich alle im hiesigen Literaturbetrieb ein wenig um, und so ist man nach fast sechs Jahren auch auf uns aufmerksam geworden. Plötzlich bekamen wir Anfragen, ob wir irgendwo auftreten oder mit jemandem kooperieren möchten. Das war großartig, bedeutete aber einen quantitativen Zuwachs an Arbeit. Dementsprechend wurde die Arbeit mehr, allerdings nicht anders.

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel auf der Marstallbühne

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel im Marstallcafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Wo seht Ihr KAMINA in fünf Jahren?

Katharina Dück:
Gute Frage. Es gibt eine Antwort, die meinen Wunsch, und eine, die meinen Glauben äußert. Ich wünsche mir, dass sich KAMINA als Gruppe professionalisieren und den Poetry Jam weiter ausbauen kann, ohne dass diese Professionalisierung die individuelle Tätigkeit als Dichter/in im weitesten Sinne einschränkt. Optimalerweise ist diese Form der Tätigkeit reziprok: Die Gruppe erhält neue Impulse von der individuellen Entwicklung der Einzelnen, wodurch sich auch die Gruppe weiterentwickelt und ihrerseits jeder und jedem Einzelnen neue Impulse bietet.

Ich glaube allerdings, dass das eine Herausforderung sein wird und dass es das heutige KAMINA-Dichterkollektiv in fünf Jahren vielleicht nicht mehr geben wird: Manche ziehen weg, bei anderen verschieben sich die Prioritäten – es gibt viele Gründe. Aber es gibt eben jenen harten Kern, der voller Wünsche, Ideen und Inspiration nur so sprüht. Ich bin also guter Dinge.

KAMINA steht auf der Schwelle zu etwas Neuem – keine Frage – und ich bin gespannt, wie sich alles weiterentwickeln wird. In jedem Fall bleibt der studentische Teil des Dichterkreises KAMINA weiterhin als Hochschulgruppe der Universität Heidelberg bestehen, um auch in Zukunft Studierenden sowie Interessierten, auch außerhalb des Universitätsbetriebs, eine Plattform zu bieten, über eigene Texte – egal welcher Art sie sein mögen – konstruktiv zu diskutieren. Was sich darüber hinaus noch ergeben wird, das werden wir sehen. Künftige Projekte zeichnen sich bereits ab. Gespannt bin ich trotzdem, denn wer hätte damals vor sechs Jahren, als Elena und ich unsere Idee zu einem solchen Dichterkreis gerade erst umgesetzt hatten, gedacht, dass wir in fünf Jahren auf einer städtischen Bühne stehen, unsere Texte vortragen und dafür sogar eine Gage erhalten würden!? Wir wollten eigentlich nur mit Gleichgesinnten über unsere Texte sprechen.

Elena Kisel:
Wo steht KAMINA in fünf Jahren? Ich glaube, gerade fallen darüber einige wichtige Entscheidungen.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 1 von 2

Vnicornis:
Welche Ziele und Beweggründe hattet Ihr, als Ihr vor sechs Jahren den Studentischen Dichterkreis KAMINA in Heidelberg gegründet habt?

Katharina Dück:
Elena und ich haben uns in einem Kolloquium kennengelernt, in dem es noch andere Studierende gab, die eigentlich nur für sich selbst geschrieben haben. Wir haben uns mit den anderen immer wieder mal über unsere jeweilige Dichtung ausgetauscht, zum Beispiel bei den Leseabenden, die unser damaliger Professor Telle veranstaltet hat, aber selten im Detail über unsere Texte diskutiert. Elena hatte damals mit Kommilitoninnen einen Lesezirkel, in dem Werke von der germanistischen Leseliste gelesen und diskutiert wurden. Ich hatte mich ihnen einige Male angeschlossen und fand, es müsste eine Verbindung beider Lesarten geben, also selbstgeschriebene Texte zu lesen und anschließend zu diskutieren. Auch Elena war dieser Meinung und so gründeten wir den Dichterkreis KAMINA, um selbstgeschriebene Texte anderen Jungautorinn/en vorzutragen und hinterher nicht nur Feedback zu erhalten, sondern auch darüber zu diskutieren und uns gegenseitig konstruktive Kritik zu geben. Wir wollten lediglich einen Lesezirkel gründen. An öffentliche Lesungen, Bühnenauftritte und Publikationen haben wir damals nicht gedacht.

Elena Kisel:
Nur Rückblickend: Das war für mich ein Versuch, den Zugang zu Menschen und zur Sprache zu finden, mich mit dem kulturellen Druck der Autor- und Autoritätschaft [sic] auseinanderzusetzen. Das war eine kulturelle Integration.

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Was bedeutet der Name KAMINA?

Katharina Dück:
Als wir einen Namen suchten – da hatten wir uns im kleinen Kreis von vier bis fünf Personen bereits ein halbes Jahr getroffen –, wollten wir ein Wort für unsere Gruppe finden, dass noch nicht (mit Bedeutungen) belegt war, aber gewisse Assoziationen wecken würde. Es musste ein Neologismus her. Wir haben mit Wörtern und Namen jongliert und kamen irgendwann auf KAMINA: Klanglich erinnert es an „Carmina“ (lat. Lied) und damit die ursprüngliche Bindung der Lyrik an die Musik. Außerdem bedeutet „kamen“ auf russisch „Stein“ – ein Wort, das für uns für Beständigkeit steht. Wir wollten von Anfang an einen Dichterkreis gründen, der länger besteht als unser Studium, was uns bisher auch gelungen ist. Einige von uns haben ihr Studium schon vor etlichen Jahren beendet und sind immer noch mit dabei. Und schließlich befindet sich im Lesecafé, das uns das Studierendenwerk – unser wichtigster Partner – zur Verfügung stellt und in dem wir uns monatlich treffen, ein Kamin. Wenn man das Sitzen am Kamin, das genug Assoziationen weckt, ins Russische übersetzt, dann heißt es „u kamina“. Damit stand der Name fest.

Elena Kisel:
Der Name lädt zum Assozieren ein: carmen, Camena usw. Hinsichtlich Kamin – im Lesecafe im Heidelberger Marstall, wo wir uns treffen, gibt es einen Fake-Kamin.

Vnicornis:
Ihr schreibt und performt hauptsächlich Lyrik. Warum hat Lyrik neben der Massenüberflutung durch Prosa für Euch noch so eine große Bedeutung?

Elena Kisel:
Das Lyrische an sich ist für mich insoweit wichtig, als die Texte, an denen ich momentan arbeite, nicht Bilder und Bedeutungen vorantreiben, sondern elementare Bewegungen und Kontakte wie zum Beispiel Betonung und Entspannung.

Katharina Dück:
Die Frage nach der Bedeutung von Lyrik kann ich nur für mich selbst, nicht aber für die Gruppe insgesamt beantworten. Ich habe das Gefühl, dass Lyrik viel freier ist als Prosa. Man kann viel mehr mit Worten jonglieren. Prosa gibt einem in der Gegenwart viel mehr Vorgaben. Das war schon mal umgekehrt. Interessant wird es dort, wo die Grenzen verschwimmen: in der lyrischen Prosa.

Was unsere Gruppe betrifft, so hat sich das folgendermaßen ergeben: Die ersten Mitglieder waren, mit einer Ausnahme, alle Lyriker/innen, und irgendwie sind vornehmlich Lyriker/innen bei uns geblieben. Es gibt aber auch einige unter uns, die sowohl Lyrik als auch Prosa schreiben.

Vnicornis:
Ihr arbeitet viel im Kollektiv, Texte entstehen häufig miteinander, Ihr veranstaltet gemeinsame Performances und Poetry Jams. Wie verhalten sich aus Eurer Sicht kollektiv und individuell entstandene Dichtung zueinander?

Elena Kisel:
Es gibt individuelle, unabhängig vom Kollektiv entstandene Texte und individuelle Texte, die sich aus Kollektivtexten herauskristallisiert haben. Es gibt auch Kollektivtexte und individuelle Texte, die sich aus textuellen und performativen Wolken bilden – das ist ein verzweigtes System der Formen, Verhältnisse und Methoden. Mir gefiel der Gedanke, einen lokalen inspiratorischen Attraktor zu schaffen – einen Kreator-Attraktor. Ich habe sozusagen einfach die Emergenz, die Vermehrung der Energie und Inspiration, in unserer Praxis beobachtet. Daraus wuchs mein Interesse, das weiter und systematischer zu entwickeln.

Wenn wir von Prinzipien Kollektiv und Individuell sprechen, würde ich das Verhältnis zwischen ihnen als Verdichtung beschreiben. Das ist ein Verhältnis. Das Verhältnis an sich kann nicht individuell, kann vielleicht nur vorstellbar sein, es wird jedes Mal konstituiert, wie die Gruppe, die Individuen oder ihre Verhältnisse es festlegen.

Katharina Dück:
Das ist, als würde man danach fragen, wie sich die einzelnen Finger mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakteristika zum Kollektiv der Hand verhalten. Es gibt einen Punkt, da kann man das nicht mehr voneinander trennen – und muss man auch nicht, wenn man gemeinsam ein Werk entstehen lässt.

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Welche KAMINA-Aktivitäten sind Euch am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

Elena Kisel:
Projekte, Projekte, Projekte. Meine erste Performance auf der Alten Brücke; das Projekt „Textkörper“, bei dem wir auf die Körper der Dichter ihre Gedichte projiziert und daraus Kurzfilme gemacht haben; „Körpertexte“, bei denen wir die Texte auf den Körpern der Dichter gedichtet haben. Du siehst, bei mir ging es schon ganz dicht an den Körper ran. Weiter und mehr. Wir haben diese Körpertexte live auf die Leinwand projiziert und weiter geschrieben, auch auf der Marstallwiese auf den fünfzig Meter langen Schreibfächern; der erste Auftritt mit dem Kollektivtext „Berlin Calling“; überhaupt die ersten kollektiven Schreibwerkstätten, digitale Schreibwerkstätten und -performances, das letzte Mal bei der Mandelstamstraße mit den vielen Tastaturen (waren es sechs?) in einem Dokument ein Textgewirr gleichzeitig kollektiv verfasst, und weiter in Details, ich kann mich an alles erinnern. Ich bin in diese Geschichte verliebt.

Katharina Dück:
Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war für mich unser erster Poetry Jam im September 2013 beim Kulturportal auf dem Haardter Schloss, eine Benefizveranstaltung des „Arte Casimir Sozialfonds“. Wir hatten noch keinen Namen für das, was wir da machten, aber wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Zusammen mit dem Künstler Manfred E. Plathe und der Musik von Paul Kalkbrenner hatten wir den ganzen Tag auf dem Gelände gejamt mit unseren Worten, der Musik „Berlin Calling“ und mit Manfred, der zu unseren Worten und der Musik wie wild sprayte. Das war magisch. Aber eigentlich war jeder Poetry-Jam-Auftritt magisch. Ich weiß noch, wie erschrocken wir waren, als wir das erste Mal „Wer hat Angst vor Virginia Woolfs Wellen?“ aufgeführt haben, nachdem wir wochenlang zuvor dran gearbeitet hatten. Da gab es danach eine kurze Stille. Das Publikum starrte uns an und wir starrten zurück und wussten: Da ist etwas Großes entstanden. Alle waren platt, bevor dann plötzlich der Applaus losbrach. Das war unglaublich!

Das gemeinsame Schreiben, die Diskussionen, die Arbeit an Texten und schließlich die dazugehörige Preisgabe der Werke oder des Werkes an das Publikum. Das ist in meinem Gedächtnis am eindrücklichsten geblieben. Aber eigentlich gibt es so viele schöne Momente, Menschen und Aktivitäten, an die ich mich gerne erinnere.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

Kamina-Workshop „Metrik und Kontrafaktur“ (Veranstaltung)

Kamina-Workshop Metrik und Kontrafaktur

Bernard de Ventadorn

Bernard de Ventadorn

Am 24. Juni 2016 findet im Lesecafé über dem Marstallcafé in Heidelberg der Kamina-Workshop Metrik und Kontrafaktur statt.

Inhalt:
Nach einer Kurzeinführung in die deutsche und italienische Verslehre hören wir einen mittelalterlichen Gesang, eignen uns seine metrische Gestalt an und erarbeiten auf dieser Vorlage je eigene Kontrafakturen. Diese Neudichtungen werden vorgetragen oder vorgesungen. Zum Abschluss diskutieren wir den Wert der gebundenen Sprache in der heutigen Dichtung.

Workshop-Leitung:
belmonte

Datum:
24. Juni 2015, 19 Uhr

Ort:
Lesecafé über dem Marstallcafé, Heidelberg

Freier Eintritt

Weitere Informationen unter http://kamina-dichter.de/aktuelles.

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA im Centro Italiano Monna Lisa

Autorenlesung KAMINA

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA zur Publikation der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift BAWÜLON in Kooperation mit dem Centro Italiano Monna Lisa

Datum:
3. Juli 2015, 19.30 Uhr

Ort:
Centro Italiano Monna Lisa, Heidelberg

Freier Eintritt

Lesende Dichter:
Katharina Dück
Manuel Beck
Elena Kisel
Miriam Tag
Olga Kovalenko
Heribert Hansen
Claudia Kiefer
Simon Probst
Anne Schelzig
Wadim Vodovozov

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA

Autorenlesung KAMINA

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA zur Publikation der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift BAWÜLON in Kooperation mit dem Studierendenwerk Heidelberg

Datum:
21. April 2015, 19 Uhr

Ort:
Lesecafé im Marstall, Heidelberg

Freier Eintritt

Lesende Dichter:
Katharina Dück
Manuel Beck
Elena Kisel
Miriam Tag
Olga Kovalenko
Heribert Hansen
Claudia Kiefer
Simon Probst
Anne Schelzig
Wadim Vodovozov