Die Überglücklichen – Verwirrte Psyche im Rausch der Gefühle (Filmrezension)

La pazza gioia

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tragikomödie // In der in der malerischen Toskana gelegenen Villa Biondi führt Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) das große Wort, wenn sie mit Sonnenschirm übers Gelände flaniert. Doch schnell wird deutlich: Sie ist nicht freiwillig dort, denn bei dem Anwesen handelt es sich um eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen, und bei Beatrice wurde eine bipolare Störung diagnostiziert.

Patientin als Ärztin

Als eine neue Patientin eingeliefert wird, weckt diese Beatrices Neugier. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen hält die junge Donatella Morelli (Micaela Ramazzotti) Beatrice für eine Ärztin, und diese erstellt auch sogleich eine Anamnese. Auch später sucht Beatrice Donatellas Nähe, nimmt die Jüngere unter ihre Fittiche. Eines Tages nehmen die beiden gemeinsam Reißaus. Auf der Flucht nimmt eine ungewöhnliche Freundschaft ihren Lauf.

Redeschwall ohne Ende

Puh, Beatrice erweist sich von Anfang an als Quasselstrippe, bei der sowohl das Filmpublikum als auch die Figuren, auf die sie trifft, aufmerksam bleiben müssen, um ihr zu folgen. Mit der Wahrheit nimmt sie es nicht immer genau, doch nicht alles, was sie erzählt, erweist sich in der Folge als Hirngespinst. Valeria Bruni Tedeschi („Die Bartholomäusnacht“) verkörpert ihre Rolle mit genau dem Maß an Überdrehtheit, das der Part erfordert. Wenn man sich erst an den nicht enden wollenden Redeschwall gewöhnt hat, wächst einem Beatrice unweigerlich ans Herz.

Zwei ungleiche Freundinnen

Will man Tedeschis Filmpartnerin Micaela Ramazzotti („Anni Felici – Barfuß durchs Leben“) Unrecht tun, kann man äußern, sie werde von der Älteren an die Wand gespielt. Doch das trifft es nicht im Geringsten. Vielmehr bildet die ungleich zurückhaltendere und bisweilen von tiefer Traurigkeit erfüllte Donatella einen famosen Gegenpol zu der aufgekratzten Beatrice, die von einer unbändigen Neugier aufs Leben und ihre Mitmenschen erfüllt ist. Da wachsen zwei enorm ungleiche Frauen zusammen, dass es die wahre Freude ist, ihnen dabei zuzusehen. Bevor man mehr von Donatella und ihrem Leben erfährt, vergeht allerdings eine Weile.

Von Psychologen beraten

Jetzt haben wir sogar ein Auto. Wir sind die Überglücklichen. So bemerkt es Beatrice, nachdem sich die beiden kurzerhand ein Fahrzeug unter den Nagel gerissen haben. Regisseur und Drehbuchautor Paulo Virzì („Die süße Gier“) skizziert seine Protagonistinnen mit sehr viel Gefühl. Er ließ sich auch von Psychologen beraten, um dem schwierigen Sujet psychischer Erkrankungen gerecht zu werden. Hier wird niemand zur Schau gestellt, weil er oder sie nicht in ein gesellschaftliches Schema passt und eine seelische Last mit sich herumträgt. Dramatische und humorvolle Momente stehen dabei in großer Harmonie nebeneinander. Von Lebensfreude zu Tragik ist es manchmal eben kein weiter Weg, erst recht nicht, wenn man sowieso sein Päckchen mit sich herumträgt. Die sommerlichen Bilder der Toskana bilden dazu einen reizvollen Kontrast. Das Roadmovie „Die Überglücklichen“ erweist sich als feine Tragikomödie über das Leben.

Veröffentlichung: 25. August 2017 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: La pazza gioia
Internationaler Titel: Like Crazy
IT/F 2016
Regie: Paolo Virzì
Drehbuch: Paolo Virzì, Francesca Archibugi
Besetzung: Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti, Tommaso Ragno, Sergio Albelli, Luisanna Messeri, Francesco Lagi, Paolo Vivaldi
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: good!movies / Neue Visionen Medien

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Oberer Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Über Dänemark und Italien – Hannah Arendts Bericht „Eichmann in Jerusalem“ (Fragmentrezension)

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Hannah Arendt: Eichmann in JerusalemBesonders lehrreich sind die Passagen über Dänemark und Italien, die auf jeweils ganz eigene Weise der von den Deutschen geforderten Auslieferung von Juden begegneten.

Zu Dänemark:

„Diese Geschichte möchte man als Pflichtlektüre allen Studenten der politischen Wissenschaft empfehlen, die etwas darüber erfahren wollen, welch ungeheure Macht in gewaltloser Aktion und im Widerstand gegen einen an Gewaltmitteln vielfach überlegenen Gegner liegt. (…) Als die Deutschen wegen der Einführung des gelben Sterns an sie [die Dänen] herantraten, (…) sagte man ihnen ganz kühl, als erster werde sich der König den Judenstern anheften; die Mitglieder der dänischen Regierung kündigten vorsorglich an, daß antijüdische Maßnahmen ihren sofortigen Rücktritt zur Folge haben würden.“ (S. 274)

Im Oktober 1943 legten die Deutschen dann das endgültige Deportationsdatum fest.

„Den Juden blieb gerade genügend Zeit, ihre Wohnungen zu verlassen und sich zu verstecken, was in Dänemark sehr einfach war, denn alle Kreise des dänischen Volkes, vom König bis zum einfachen Bürger, standen (…) bereit, sie aufzunehmen.“ (S. 277)

Anders in Italien, das sich genau wie Dänemark „nahezu immun gegen den Antisemitismus“ (S. 274) zeigte, sich aber niemals direkt gegen die „Politiker der Endlösung“ (ebd.) wandte:

„Selbst Italiens ernsthafteste Bemühungen, sich dem mächtigen Freund und Verbündeten anzupassen, entbehrten nicht der Komik. Als Mussolini unter deutschen Druck in den späten dreißiger Jahren antijüdische Gesetze einführte, sah er darin Ausnahmen vor – Kriegsveteranen, hoch dekorierte Juden, ‚Verdienstjuden’ und dergleichen –, aber er fügte noch eine Kategorie hinzu, nämlich ehemalige Mitglieder der Faschistischen Partei einschließlich ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Geschwister, Frauen, Kinder und Enkel. Meines Wissens existieren über diese Angelegenheit keine Statistiken, doch muß infolge dieser Klausel die große Mehrheit der italienischen Juden zu den Ausnahmekategorien gehört haben. Es kann kaum eine jüdische Familie ohne wenigstens einen Angehörigen in der Faschistischen Partei gegeben haben (…).“ (S. 282)

Bemerkenswert sind Hannah Arendts Schlussfolgerungen über das unterschiedliche Staats- und Politikverständnis Dänemarks und Italiens:

„Was in Dänemark das Ergebnis eines echten Sinnes für Politik war, eines anerzogenen Verständnisses für die Voraussetzungen und die Verpflichtungen, die Bürgertum und Unabhängigkeit garantieren, das war in Italien Ausfluß einer fast automatisch gewordenen, alle Schichten erfassenden Humanität eines alten und zivilisierten Volkes.“ (S. 283)

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1964, 42011.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2012

Rosa sei pura – Laura Marchigs Gedichtband „Lilith, Sinnlichkeit und Farben“ (Rezension)

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Laura Marchig: Lilith, Sinnlichkeit und Farben

Laura Marchig: Lilith, Sinnlichkeit und Farben

Kroatien Istrien Italien Lyrik ein Brunnen, der die Stille füllt (94) das Weibliche Laura Lilith die erste Unsere Körper sind hier süße Kissen (136) fiumanisches Italienisch Honig und Zwiebel Nachdenken über zwei- oder dreifache Kultur der schwarze Mond ein Rausch von Bildern con te nella dolcezza (44) wo die methodische Unordnung zur Regel wird (43) italienische Minderheit in Istrien aus Thymian und Salbei das Haar (42) Lyrik an der Peripherie der italienischen Sprache vor dem Hintergrund der kroatischen Umgebung Rosa sei pura nel tuo vermiglio (38) bisweilen zweifach ins Kroatische übersetzt von Daniel Načinović und Ljerka Car Matutinović Čista si, ružo, u rumenu žaro beziehungsweise Čista si ružo u tvom rumenilu (39) von Antonio Staude in eingängige deutsche Lyriksprache übertragen Rose rein bist du in deinem tiefen Rot (38) ein geschmackvoller, aufmerksam gesetzter Band ausgewählter Lyrik der fiumanischen Dichterin Laura Marchig aus Rijeka, nicht der erste Lyrikband aus der Feder der Autorin, Performerin und Theaterintendantin. Rimbaud wird zitiert und Blake Già respiro profondo | tuti i pichi del mondo canta forte | canti de morte e i resta in alegria (148) Das sind die Gipfel der Welt und die Todesgesänge Ich erinnere mich an diese Tage | ganz aus Nebel, ganz aus einem Licht (165) Aus jenem Fiumanischen, „das heute die Vertreter dieser glücklosen, unter dem demokratischen Sozialismus und mit Rock’n Roll als geistiger Nahrung und mit der Sprache Dante aufgewachsen und vom Krieg zermürbten Generation radebrechen“ (134) Sti nostri corpi xe cussini dolze (135) Lilith, die erste Frau Adams. Sie ist Magie und Mythologie, aus dem Garten vertrieben Brenne, o brenne meine geflügelte Erinnerung (145) Tatsächlich handelt es sich um einen Auswahlband, unterteilt in eine Reihe von Sinneinheiten und Schaffensperioden der Dichterin Colours in allem Reichtum an Farben, Formen, grünen, blauen, Veilchen, Toden Von Gold zu Schwefel mit dem Kopf voller Indianer, Schmetterlinge, Sternkonjunktionen (21) schreibt die Dichterin wie eine Verrückte (19) die Reime und Rhythmen aus ihrem platzenden Kopf erbricht. Hier spürt der Leser den Einfluss von Jazz und Beat-Literatur Auch ich schreibe gelegentlich Jazz … ich verliere den Faden | weiter vorne finde ich ihn | wieder (25) I ja gdjekad u jazzu pišem Im Abschnitt Lussignana / Aus Lussin sind es die Landschaften, Gärten, Palmen, Zitronen und Menschen der Kvarneinsel Lošinj, und immer wieder das Ich-und-Du mit dir in der Süße | wo man den Frühling durchquert | und eine Jahreszeit die Reinheit ist | die gegenüber der Zeit die Arme öffnet | und nichts gibt es mehr außer Unschuld | così la notte ha la luce del giorno (44/45) Es ist die Stärke dieser Lyrik, dass der grausame Hintergrund der 90er Jahre auf dem Balkan durch das Licht der Vielgestaltigkeit, Ironie und des Spiels gebrochen wird. Bisweilen durchbricht er die Bildfläche dann doch. Im Winter 1992 … entlaubt sich das Meer und sie fragt ihren Sohn Kind warum bist du geboren | nichts als einen Körper habe ich auf dich zu stürzen (23) bimbo perché sei nato Liest man aber diese Lyrik, dann ist alles alte noch längst nicht verschwunden. Es ist noch da, und es ist nicht ungefährlich eingefasst im Alten, im Ewigen | auf der Hölle geiferndem Mund (163) Die nächtlichen Flüge entführen ins Anekdotische, wo das Weibliche vom Wölfischen bedroht wird Hundsaugen hatte er jetzt und Wolfszähne (103) und da ist in all dem Zwischenmenschlichen ein sich selbst auffressendes Alleinsein in den eigenen Erinnerungen Non poi mai dire alle tue gambe dove andare, né ai tuoi occhi dove guardare, non puoi dire a te stesso tutto ciò che andrebbe detto a sperare di essere ascoltato (122) Das sind die Flüge. Und dann kommt Lilith, Besuch in einem italienischen Garten, Florentiner Bibliotheken, zurück in Istrien. Und da ist die Liebe als eine fixe Idee und ein Warten und Ertragen, bis es endlich soweit ist Die wiedergefundene Liebe erschüttert unerbittlich und bleibt aufrecht und starrt mich an, beherrscht meine Illusion, mein unvorsichtiges Fortschreiten in diesem schlecht gelebten Leben (183) questa vita malvissuta.

Laura Marchig: Lilith, Sinnlichkeit und Farben, Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben von Alida Bremer. Mit einem Vorwort von Irene Visintini. Aus dem Italienischen von Antonio Staude. Übertragungen ins Kroatische von Ljerka Car Matutinović und Daniel Načinović. Drava Verlag, Klagenfurt, Wien, Celovec-Dunaj 2010.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2012