Brief an ANM – Über die Anwesenheit in der Abwesenheit

belmonte

Lieber ANM,

bitte entschuldige, dass meine Antwort auf Deine Entgegnung so lange auf sich hat warten lassen. Ich bin dennoch hocherfreut, auf diesem Wege einen Anhänger der Beat Literature kennenzulernen. Ich bin nicht nur selbst ein großer Fan von Kerouac, Ginsburg, Cassady usf. Auf unserem Blog haben wir auch eine ganze Reihe von Kerouac-Büchern besprochen (z. B. hier und hier und hier). Allerdings gehe ich davon aus, dass On the Road oder Howl heutzutage komplett digital entstanden und publiziert worden wären. Cassadys und Kerouacs Briefe wären heute ellenlange Blogposts.

Für mich sind Anwesenheit und Abwesenheit keine Gegensätze. Ich kann nicht anwesend sein, ohne Abwesenheit mitzudenken und umgekehrt. Kerouacs Fahrten (und Bücher) waren eine ständige Suche nach Anwesenheit in der Abwesenheit der dunklen Nacht mit nichts als roten Rücklichtern vor Augen. Aus meiner Sicht wurde hier Digitalität im Analogen bereits vorgefühlt.

Ich möchte Dich gerne näher kennenlernen und tatsächlich an einen Tisch mit Stühlen umsteigen oder in einem Café über wer weiß welche Themen sprechen. Ich weiß nur einfach nicht, wo Du bist. Und immerhin haben wir uns hier über diesen Blog kennengelernt und Du hast nicht gewartet, bis wir uns bei einem Autorentreffen oder einer gemeinsamen Lesung von Brot & Kunst persönlich begegnen. Digitale Briefkultur funktioniert also wunderbar.

An der Briefkultur gefällt mir sehr das Auf-den-Anderen-Eingehen. Im Briefschreiben stelle ich mir den Anderen in seiner Abwesenheit vor und bringe ihn dadurch in Anwesenheit. Es ist wie eine geplante Ankunft, die im Lesen meines Briefes auf sich warten lässt, eine Ankunft, der ich durch meinen Brief bereits vorgreife, die ich geradezu vorwegnehme. Ich entwerfe förmlich Deine Anwesenheit. Meine Vermutung ist, dass sich das auch in digitaler Briefkultur erfahren lässt.

Wir beide kennen uns persönlich gar nicht, und tatsächlich kann ich in Deiner digitalen Antwort keinen Geruch wahrnehmen. Und dennoch gelingt es mir, Dich in meiner Antwort in vorläufige Anwesenheit zu bringen. Womöglich ist diese Anwesenheit, da sie durch kein Papier vermittelt ist, noch viel dringlicher, noch viel intensiver, da mich die digitale Leere noch mehr auffordert, Dich als eine Persönlichkeit in Anrede zu stellen. Nichts spricht gegen Theke und Kopfsteinpflaster. Ich denke nur nicht, dass das Digitale unpoetisch und leblos ist. In seiner Kälte fordert das Digitale die Poesie womöglich noch viel mehr ein.

Herzliche Grüße,
belmonte

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„Die Stille war wie ein gewaltiger Schrei.“ – Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge (Rezension)

belmonte

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge

Ganz anders als On the Road (Rezension) ist Kerouacs Buch The Dharma Bums (deutsch: Gammler, Zen und hohe Berge), das mit der berühmten Lesung in der Six Gallery in San Francisco beginnt, wo Allen Ginsberg sein Poem Howl zum ersten Mal vorgetragen hat.

The Dharma Bums unterscheidet sich von On the Road vor allem durch die Hintergrundstimmung. Zwar trampt Kerouac auch hier mehrmals quer über den Kontinent, aber es ist weniger ein Straßenroman als eine großartige und oftmals sehr stille Aneinanderreihung von Naturschilderungen. Bei der Bergbesteigung des so genannten Matterhorn in der Sierra Nevada, die das erste Drittel des Buches füllt, klingt das so: „Die Stille war wie ein gewaltiger Schrei.“ (99) (Sehr schön nacherlebt übrigens auf Thomas Beckers Hiking-Seiten In the Footsteps of Jack Kerouac on Matterhorn Peak.)

Wieder zurück in San Francisco trifft Kerouac, der hier als Ray Smith auftritt, seinen Reisegefährten Neal Cassady wieder (im Buch: Cody Pomeray), dessen Freundin unter Polizeiverfolgungswahn Selbstmord begeht. Eine solche Todeslinie zieht sich durch den gesamten Untergrund des Romans. Kerouac säuft so viel, dass sein früher Alkoholikertod sich bereits andeutet.

Dennoch, schmeiß alle Outdoor-Ratgeber fort! Der einzig wahre Ratgeber für Backpacker ist Kerouacs The Dharma Bums. Auch eine Outdoor-Einkaufsliste wird sich der Leser daraus zusammenstellen können: Flanellhemden, Aluminiumtöpfe und Besteck, Bergstiefel, Kunststoffflaschen, Blechtassen, Trockenverpflegung und was nicht alles. Auch Rezepte werden zum Besten gegeben: „… und ich nahm etwas Maismehl und mischte es mit gehackten Zwiebeln und Salz und Wasser und goss mit dem Esslöffel kleine Maisfladen in der heißen Bratpfanne aus (mit Öl) und versorgte die ganze Bande mit köstlichem heißem Gebäck zum Tee.“ (237) An anderer Stelle werden Roggenmuffins gebacken (304).

Anders als On the Road hat The Dharma Bums keinen eindeutigen Soundtrack. Und an die Stelle des ekstatischen Neal Cassady ist der ruhigere Buddhist Gary Snyder (im Buch: Japhy Ryder) getreten, mit dem Kerouac in den Bergen unterwegs ist, ein Prachtkerl von einem Naturburschen, dabei ganz zierlich und gebildet: „Japhy Ryder ist der große neue Held der amerikanischen Kultur.“ (53) Mit ihm und an ihm festigt Kerouac seinen eigenen, amerikanischen Buddhismus, den er nach North Carolina mitnimmt, um im Haus seiner Mutter zu überwintern: „Als ich daher in meiner Buddha-Laube saß, in der (Colyalcolor-)Wand aus rosa und roten und elfenbeinweißen Blumen, zwischen Gehegen magischer, transzendentaler Vögel, und meinen erwachsenden Geist erkannte, süße, überirdische Schreie dabei ausstieß, in dem ätherischen Duft, geheimnisvoll altertümlich, der Seligkeit der Buddha-Acker, da sah ich, dass mein Leben eine riesige, glühende, leere Seite war und dass ich alles tun konnte, was ich wollte.“ (196)

Jack Kerouac / Bild: Tom Palumbo/wikimedia unter CC-by-SA 2.0

Jack Kerouac / Bild: Tom Palumbo/wikimedia unter CC-by-SA 2.0

Im Frühjahr kehrt Kerouac nach Kalifornien zurück, um noch einmal mit Snyder zu wandern, bevor dieser sich nach Japan einschifft. Vorher wird aber noch eine Party gefeiert, und es ist eine der coolsten mehrtägigen Garten- und Lungerpartys Kaliforniens der Literaturgeschichte:

„Sean legte im Hof eine Planke aus und deckte einen königlichen Tisch mit Wein und Buletten und Pökelfleisch und machte ein großes Feuer im Freien und holte seine beiden Gitarren raus, und ich stellte fest, das war wirklich eine überwältigende Art, im sonnigen Kalifornien zu leben, verbunden mit all diesem schönen Dharma und der Bergsteigerei, alle hatten Rucksäcke und Schlafsäcke (…). So war die Party die ganze Zeit in drei Gruppen geteilt: diejenigen, die im Wohnzimmer Hi-Fi hörten oder Bücher durchblätterten, diejenigen, die im Hof saßen und Gitarrenmusik hörten, und diejenigen, die oben auf dem Hügel in der Hütte Tee aufbrühten und im Schneidersitz über Lyrik und anderes und Dharma diskutierten oder auf der Hochwiese umherwanderten, um zuzusehen, wie die Kinder Drachen steigen ließen oder wie alte Damen zu Pferde vorüberritten.“ (233)

Danach geht es auch schon weiter nach Norden. Kerouac verbringt den Sommer über als Waldbrandwächter an der kanadischen Grenze einsam in einer Hütte auf dem Desolation Peak, mit Blick auf den Nachbarberg Mount Hozomeen:

„Hozomeen, Hozomeen, der düsterste Berg, den ich je gesehen, und der schönste, sobald ich ihn näher kennenlernte und sah, wie hinter ihm das Nordlicht das ganze Eis des Nordpols von der anderen Seite der Welt spiegelte.“ (301)

Da oben verdreht sich für Kerouac die Perspektive:

„Die Welt stand auf dem Kopf und hing in einem Ozean von endlosem Raum.“ (307)

Immerhin gibt es da oben noch eine Welt. Ein paar Seiten weiter vorn ist selbst das nicht mehr vorausgesetzt:

„Was für ein Gräuel wäre es gewesen, wenn die Welt wirklich wäre.“ (181)

Der Leser merkt an solchen Passagen, dass Kerouac zehn Jahre älter geworden ist im Vergleich zu der Zeit, als er mit Neal Cassady kreuz und quer durch Amerika gerast ist. Kerouac ist mittlerweile abgeklärter, vielleicht sogar verhärmter:

„Sind wir gefallene Engel, die nicht glauben wollten, dass nichts nichts ist, und die wir daher geboren wurden, um unsere lieben und teuren Freunde einen nach dem anderen und schließlich unser eigenes Leben zu verlieren, damit wir am eigenen Leibe erfahren: Es ist so!?“ (308)

(c) belmonte 2015

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge. Deutsch von Werner Burckhardt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1971, überarbeitete Neuausgabe 2010. 348 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

Siehe auch valentinos Rezension zu Jack Kerouac: Visions of Cody sowie belmontes Rezension zu Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung.

„… because the only people that interest me are the mad ones …“ – Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung (Rezension)

belmonte

Jack Kerouac: On the Road

Jack Kerouac: On the Road

Jack Kerouacs Buch On the Road – Die Urfassung (auf Deutsch zuerst erschienen unter dem Titel Unterwegs) ist für mich eines der großartigsten, schönsten und schnellsten Bücher überhaupt. Ich bin selbst viel per Anhalter unterwegs gewesen – Paris, Rotterdam, Mailand, Süditalien, Südamerika und sonst wo, Übernachtung im Gras hinter Autobahnraststätten, um am nächsten Tag – Klassiker – am Grab von Jim Morrison zu lungern. Kerouacs On the Road ist die genaue Vorlage dafür, pausenlos, schnell, immer erregt. Noch dazu ist das Buch eines der wenigen, das einen echten Soundtrack hat. Es ist nicht nur der darin beschriebene Bebop, nein, die Sprache des Buches selbst ist Bebop, der schnelle Jazz der 40er-Jahre. Inmitten findet sich sogar eine kurze Geschichte des Jazz. Charlie Parker, Count Basie, Thelonious Monk, Lester Young – Kerouac hat sie alle gehört: „Hier waren die Kinder der amerikanischen Bebop-Nacht.“ (335)

Kerouac rast von einer Küste zur anderen, und Amerika liegt dazwischen wie ein immenser Teppich, mit Straßen, die stets am Meer zu enden scheinen. Immer vorneweg: Neal Cassady, Kerouacs Intimus, eine einzige amerikanische Ekstase, der nichts anderes tut, als wie ein wilder Hengst über den Kontinent zu preschen. Das sind die Leute, die Kerouac fesseln:

„… because the only people that interest me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing but burn, burn, burn like roman candles across the night.” (113)

Das ist die lyrische Prosa, mit der auch Kerouacs Dichterkumpan Allen Ginsberg sein grandioses Poem Howl beginnt:

“I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix, | angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night, | who poverty and tatters and hollow-eyed and high sat up smoking in the supernatural darkness of cold-water flats floating across the tops of cities contemplating jazz”.

Lies diese Passage in monotoner mittelhoher Tonlage, ohne Pause! Es ist Jazz, derselbe Jazz, den auch Kerouac schreibt. In dieser Hinsicht ist Kerouacs Prosa nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Langversen. Beat Literature at its best.

Jack Kerouacs On the Road hat aber nicht nur Sound sondern auch geographische Gerüche. Ich habe beim Lesen die Luft der industriellen Atlantikküste, des entspannten Pazifik, des mediterranen Golf von Mexiko gespürt, die Kerouac alle so wunderbar darstellt. Kerouac beschreibt Amerika als ein Leben an der Peripherie: Fabrikhallen und Mietskasernen, Eisenbahner, Güterzüge, Parkplätze, Diners. Es gibt wunderschöne Amerika-Passagen. Als Jack und Neal beispielsweise den Mississippi überqueren, sehen sie „in den großen braunen Vater der Flüsse hinab, der sich als ein Strom gebrochener Seelen aus der Mitte Amerikas heranwälzte – mit Baumstämmen aus Montana, Schlamm aus Dakota und den Tälern von Iowa und allen Rätseln bis nach Three Forks hoch, wo das Geheimnis im Eis entsprang.“ (200)

Oder das wehmütige Ende:

„So in America when the sun goes down and I sit on the old brokendown river pier watching the long, long skies over New Jersey and sense all the raw land that rolls in one unbelievable huge bulge over to the West Coast, all that road going, all the people dreaming in the immensity of it, and in Iowa I know by now the evening-star must be drooping and shedding her sparkler dims on the prairie, which is just before the coming of complete night that blesses the earth, darkens all rivers, cups the peaks in the west and folds the last and final shore in, and nobody, just nobody knows what’s going to happen to anybody besides the forlorn rags of growing old, I think of Neal Cassady, I even think of Old Neal Cassady the father we never found, I think of Neal Cassady, I think of Neal Cassady.” (408)

Genau so klingen viele Jazzstücke aus. Lies das laut, lies es im Ton antiker Hexameter! Es ist Musik. Jack Kerouac ist in On the Road eigentlich ein begnadeter Jazzmusiker. Höre sich nur einmal jemand Kerouacs October in the Railroad Earth an. Das ist Jazz, nicht enden wollende Langverse.

Jack Kerouac: On the Road - The Original Scroll

Jack Kerouac: On the Road – The Original Scroll

Ich empfehle übrigens ausdrücklich die Lektüre der Urfassung On the Road. Sie ist im Unterschied zu der geglätteten Erstpublikation Unterwegs nicht nur sprachlich rauher und vulgärer sondern behält auch alle Echtnamen bei, zum Beispiel Neal Cassady anstelle von Dean Moriarty. Und wer kann, sollte das Buch natürlich im englischen Original lesen, weshalb ich hier mehrheitlich auch aus dem Englischen zitiert habe. Kerouacs Musikalität lässt sich eigentlich nur dort ganz nachempfinden.

Kerouac zieht es immer wieder nach San Francisco, immer wieder nach Westen, der Sonne hinterher:

„Jetzt sah ich, wie sich Denver undeutlich vor uns abzeichnete wie das gelobte Land, weit da draußen unter dem Sternenhimmel, hinter der Prärie von Iowa und den Ebenen von Nebraska, und in noch weiterer Ferne sah ich die noch größere Vision von San Francisco aufschimmern wie Juwelen in der Nacht.“ (28)

Was für ein Land, das Kerouac da für sich und für ganze Generationen nach ihm neu aufgetan hat.

(c) belmonte 2015

Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011. 575 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

Englisches Original:

Jack Kerouac: On the Road – The Original Scroll. Viking Penguin, New York 2007. 408 S.

Link zum Datensatz in WorldCat

Siehe auch valentinos Rezension zu Jack Kerouac: Visions of Cody sowie belmontes Rezension zu Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge.

Etwas zu sauber: Kill Your Darlings – Junge Wilde (Filmgespräch)

vnicornis ist erneut auf dem befreundeten blog Die Nacht der lebenden Texte fremdgegangen. Im Gespräch nähern sich Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel dem in diesen Tagen auf Blu-ray und DVD erschienenen Film Kill Your Darlings über die Beat-Literaten Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac.

Die Nacht der lebenden Texte

Kill Your Darlings_Blu-ray

Gastrezension von Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel

Drama // Ein Filmgespräch:

Giovanni Belmonte: Wovon handelt der Film?

Franziska Äpfel: Der Film erzählt die Geschichte des jungen Allen Ginsberg, seiner Aufnahme an der Columbia-Universität in New York City und seines Studiums. Dort lernt er die beiden Avantgardisten Lucien Carr und William Burroughs kennen, seine Gefährten. Später kommt noch Jack Kerouac dazu, der mit seinem Roman „On the Road“ weltberühmt werden wird.

An der Columbia-Universität stellt sich heraus, dass sie Dichter werden wollen. Sie stellen sich gegen den Konservatismus der Universität, der bestimmte Autoren zensiert und ihre Literatur sogar wegschließt. Sie aber bevorzugen eben diese Autoren wie zum Beispiel Henry Miller oder D. H. Lawrence, damalige Skandalautoren, und brechen sogar nachts in die Bibliothek ein, um deren Bücher in die Schaukästen zu legen.

Zusammen gründen sie die Bewegung „The New Vision“ und wollen im Namen dieser Bewegung schreiben. Und im…

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“This is an old diner” und “Around the poolhalls of Denver” – Jack Kerouac: Visions of Cody (Fragmentrezension)

valentino

Jack Kerouac Visions of Cody

Jack Kerouac: Visions of Cody

Seine Rastlosigkeit und der Wunsch auszubrechen treiben den 19-jährigen Jack Duluoz auf die Suche nach einem Exil. Eine verlorene Seele, die das Land, in das sie hineingeboren wurde, als kalten, großen Nebel wahrnimmt und trotzdem das Leben liebt. Die intensive Wahrnehmung der Wirklichkeit gepaart mit der Erkenntnis eines kurzen Lebens bringt den jungen Duluoz zum Erzählen.

Das markante Äußere Cody Pomerays, der im wirklichen Leben Neal Cassady hieß (Dean Moriarty in “On the Road”), vergleicht Jack mit den Statuen berühmter junger Helden. Codys Mutter starb, bevor er alt genug war, um mit ihr sprechen zu können, der Vater führte ein Leben als “hobo”, US-amerikanischer Wanderarbeiter, und hatte einen heruntergekommenen Friseurladen in Denver. Cody ist in eine lebensfeindliche Welt geworfen: 1927, Zeit der Großen Depression in Amerika. Doch Cody hat einen Traum: Bücher lesen. Das verändert sein Leben.

In Kerouacs “Visions” geht es vor allem um den Aufbruch in eine neue Zeit: Die Moderne. Der Autor schildert Amerikas Tristesse, seine nackte Wirklichkeit. Das liest sich zuweilen deprimierend, aber schonungslos hart. So ist die Schwäche des Buches zugleich seine Stärke. Die essayhafte Beschreibung eines Flusses tiefer Bewusstseinsströme, trugbildhafter Erinnerungen und irrlichternder Träume, das Weglassen jeglicher textlichen Konstruktion. Man kann kaum Luft holen.

Ununterbrochen reiht der Autor Sätze aneinander wie Perlen auf einer Schnur, entwirft ein ausgeprägtes Bild des Raumes und mythologisiert das intensive Leben. Kerouacs Sprache charakterisiert sich durch einen experimentellen, intuitiven Stil. Der an den Jazz angelehnte Rhythmus der Prosa ruft starke Imaginationen hervor, die eine Wolke der Inspiration bilden, in der Kerouac schwimmt:

“Whether her cherry trees were in bloom or not it was brown in this room – when my father had rheumatism in it the sheets of his sickbed made it gray – now this is an ‘inexpressibly delicious’ old memory like old port – nothing in California matches it. I rolled my glassies for the first time on the jagged wood of desk – it was when I got idea for racing, they meandered a race under my eyes – it was a gray day – the whole idea of the Turf must have come to me like (as just now and not since 1948) that so-seldom experience of seeing my whole life’s richness swimming in a palpable mothlike cloud, a cloud I can really see and which I think is elfin and due really to my Celtic blood – coming only in moments of complete inspiration … In my life I number them probably below five – at least on this level –” (27)

So spielt es weniger eine Rolle, ob Kerouac Erinnerungen rekonstruiert oder Beobachtetes beschreibt, jedes Mal fließen die Gedanken durch einen individuellen Trichter, werden durch die ihnen innewohnenden Abläufe geformt. Insofern ist es wichtig, bedeutsamer, überhaupt im Schreiben den Gedankenbildern einen Zugang zu ermöglichen und im künstlerischen Prozess diese zu materialisieren. Das Leben schreiben. Schreiben als Leben. Kunst als Leben.

(c) valentino 2012

Jack Kerouac: Visions of Cody. New York 1993.

Link zum Datensatz im Katalog der Library of Congress