Die Strohpuppe – Das Böse steht Connery gut

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Woman of Straw

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Thriller // „Hat Sean Connery eigentlich jemals einen echten Bösewicht gespielt?“, frage ich mich während der Sichtung von Basil Deardens „Die Strohpuppe“. Auch wenn er in Alfred Hitchcocks „Marnie“ die kleptomanische Hauptfigur erpresst und zur Heirat zwingt und in „Sein Leben in meiner Gewalt“ als gebeutelter Cop einen Kinderschänder heftig verprügelt – mir fällt keine Rolle in seiner langen Filmografie ein, in der der James-Bond-Darsteller einen wirklich skrupellosen Typen gespielt hat.

Eine fiese Intrige

In Basil Deardens Verfilmung des Romans von Catherine Arley darf Connery zumindest mal den hinterhältigen Neffen Anthony geben, der seinem schwerreichen Onkel Charles (Ralph Richardson) das Erbe abluchsen will. Dafür spinnt der Lebemann eine fiese Intrige: Er bandelt mit Maria (Gina Lollobrigida) an, der attraktiven Pflegerin seines gehbehinderten Onkels. Sie soll den alten Herren heiraten, dann wird Charles seine geliebte Maria in seinem Testament verewigen. Nach seinem Tod werden Anthony und Maria dann ein wunderbares Luxusleben miteinander führen. Doch es läuft alles anders als geplant …

Großes Starkino

Regisseur Dearden durfte aus dem Vollen schöpfen und versammelte drei namhafte Stars vor der Kamera. Nach seinen ersten beiden 007-Abenteuern kassierte Sean Connery für seinen Auftritt in „Die Strohpuppe“ erstmals eine Gage von einer Million US-Dollar. Das Böse steht dem Schotten in diesem Kriminalstück ebenso gut wie der weiße Tuxedo, den er trägt. Bei dem Maßanzug handelt es sich übrigens um denselben, den er später in der Eröffnungssequenz von „James Bond 007 – Goldfinger“ am Leib hat. Mit seinem bekannten britischen Charme wickelt er zudem als schmieriger Lebemann Anthony nicht nur die arme Maria um den Finger.

Traumfrau und Schauspiel-Veteran

Darstellerisch sind Traumfrau Gina Lollobrigida und Schauspiel-Veteran Ralph Richardson („Kleines Herz in Not“) dem Schotten eine Spur überlegen. Als temperamentvolle, aber gutgläubige Maria, die unfreiwillig zur Femme fatale mutiert, liefert sie sich besonders in der ersten Filmhälfte ein bissiges Dialogduell mit Multimillionär Charles. Richardson spielt den alten Tycoon, der seine Hunde besser behandelt als seine Bediensteten, mit boshaftem Zynismus. Man muss diesen garstigen Misanthropen einfach hassen – und wünscht ihm auch den baldigen Filmtod herbei.

Cleverer Schlussakkord

Neben dem starken Darsteller-Trio, den schönen Kulissen und den tollen Kostümen – man beachte besonders Marias Hochzeitskleid – verläuft auch die Krimihandlung nicht in den üblichen Bahnen. Wie in der klassischen Musik, mit der Charles die Mauern seines riesigen Landhauses beschallt, erklingen in der simplen, aber wendungsreichen Erzählung ständig neue Höhen und Tiefen. So bleibt die spannende Frage, ob das perfekte Verbrechen wirklich gelingt, bis zum cleveren Schlussakkord erhalten.

Veröffentlichung: 4. Dezember 2015 als DVD

Länge: 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Woman of Straw
GB 1964
Regie: Basil Dearden
Drehbuch: Robert Muller, Stanley Mann nach einem Roman von Catherine Arley
Besetzung: Sean Connery, Gina Lollobrigida, Ralph Richardson, Alexander Knox, Johnny Sekka, Laurence Hardy, Peter Madden
Zusatzmaterial: Booklet mit einem Nachdruck des Originalheftes „Illustrierte Film Bühne“ zu „Die Strohpuppe“, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät: Der unterschätzte Bond (Filmrezension)

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On Her Majesty’s Secret Service

Gastrezension von Simon Kyprianou von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin)

Agenten-Abenteuer // „James Bond 007 – Spectre“ wirft seine Schatten voraus. Auch wenn die Filmwelt derzeit auf „Star Wars – Episode VII: Das Erwachen der Macht“ hinfiebert – ein neuer Bond ist immer ein Großereignis. Grund genug, dass ich mir Gedanken um meine Favoriten gemacht habe – bei „Die Nacht der lebenden Texte“ könnt Ihr nachlesen, was ich dazu niedergeschrieben habe: Teil 1 findet Ihr hier, zu Teil 2 geht’s hier entlang. Einem dieser Favoriten will ich einen separaten Text widmen, weil er oft zu Unrecht geschmäht wird: dem einzigen Auftritt des australischen Dressmans George Lazenby in der Rolle des englischen Geheimagenten mit der durch die Doppelnull bescheinigten Lizenz zum Töten.

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Der kernige Superagent …

Superverbrecher Blofeld (Telly Savalas) hat einmal mehr einen teuflischen Plan entwickelt, um die Welt in Chaos und Verderben zu stürzen. James Bond (George Lazenby) ist dem Schurken mal wieder auf den Fersen. Getarnt als Wappenkundler schleicht er sich in Blofelds mysteriöse Bergfestung ein, um dessen Plan zu vereiteln, doch seine Tarnung hält nicht lange stand. Mithilfe von Tracy (Diana Rigg) versucht er, Blofeld das Handwerk zu legen. Die Tochter eines korsischen Mafioso wird für den Superagenten bald mehr als nur ein Bond-Girl …

Kein Bond nach üblichem Schema

Schon die Eröffnungsszene macht klar, dass wir es bei „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ nicht mit einem gewöhnlichen Bond-Film zu tun haben. Ein weiträumiger Strand, ein wunderliches Idyll im fragilen, milchigen Morgenlicht, eine wunderlich trübe Welt, erst leer und still, plötzlich bevölkert von Menschen, die versuchen, einander zu töten.

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… bekommt es wieder einmal mit Superschurke Blofeld zu tun …

George Lazenby ist ein ganz anderer Bond als seine Vorgänger, das sagt er selbst am Filmanfang so und löst dieses Versprechen dann auch ein. Es fehlt die wie selbstverständliche Hingabe von Sean Connery, es fehlen der charmante Witz und die allgegenwärtige Ironie. Lazenbys Bond gibt den Blick auf sein Innenleben frei, ein verkrüppeltes Innenleben – und das kann er im Film dann auch exzessiv ausleben.

Erste und letzte Bond-Regie für Peter R. Hunt

Es ist der erste Versuch der Reihe, ihre eigenen Mechanismen zu unterwandern und mit ihnen zu brechen. Die Melodien von allen früheren Filmen erklingen zu Anfang des Films in einer schönen Szene kurz aus dem Off, es wirkt wie ein Lebewohl. Regisseur Peter R. Hunt lasst seinen Film an wild ausgeleuchteten, in wirren Farbräuschen ertrinkenden Orten spielen. Nach dem bizarren Strand vom Anfang wechselt die Szenerie bald in Blofelds urig-düsteres Bergschloss, das Bond mit seinem Verwirrspiel in eine bizarre, modern-sterile, eiskalte Paranoia-Welt verwandelt. Später geht es in eine trügerisch-harmonische, weihnachtlich-dunkle Schnee-Landschaft, in der Hunt grandiose Action inszeniert. Der Regisseur war zuvor bei einigen Bond-Filmen für den Schnitt und als Second Unit Director tätig. Nach „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ durfte er aber keinen Bond mehr drehen.

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… trifft aber auch die bezaubernde Tracy

Zum Finale erlebt James Bond dann seine persönliche Apokalypse und aus dem Off ertönt trügerisch zum bitteren Abschied Louis Armstrongs „We Have All the Time In The World“ – übrigens die letzte Aufnahme des begnadeten Jazztrompeters, der zwei Jahre später starb. Das passt auf tragische Weise ins Bild.

Veröffentlichung: 15. September 2015 als Blu-ray und DVD, 24. Oktober 2008 als Ultimate Edition 2-Disc DVD Set, 1. Oktober 2007 als DVD, 8. Dezember 2004 als DVD

Länge: 142 Min. (Blu-ray), 136 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: On Her Majesty’s Secret Service
GB 1969
Regie: Peter R. Hunt
Drehbuch: Richard Maibaum
Besetzung: George Lazenby, Diane Rigg, Telly Savalas
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

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