Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 16. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Obwohl mir bewusst gewesen war, dass es bereits vielfältige Kontakte gegeben hatte, erschien mir die Lebensweise der Mam relativ ursprünglich. Gleichzeitig glaubte ich schon den tiefen Umbruch erkannt zu haben, der sich in ihrer Gesellschaft abzeichnete: Es schien bloß noch eine Frage der Zeit, dass es im Haus Elektrizität gebe und die Straße nach Huehue komplett asphaltiert sein würde. Ihre Lebensweise würde sich womöglich schneller an die unsrige westlich-industrielle angenähert haben, als man es sich gewünscht hätte – von den Auswirkungen des bevorstehenden Massentourismus ganz zu schweigen.

Emiliana sagte, als Nachspeise gebe es Elote, süße Klöße aus Mehl von jungem Mais. Sie ging zur Feuerstelle, um sie zu holen. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Zum Abschied gaben mir die Mendozas die Hand. Am nächsten Morgen würde ich die Familienmitglieder vermutlich nicht mehr sehen, weil mein Bus nach Xela schon um vier Uhr morgens abfahren sollte. Ich war der letzte, der ihnen nicht eine Waschmaschine gegönnt hätte, damit Paulina nicht weiterhin stundenlang in der morgendlichen Kälte am Spülstein stehen musste.

Ob sie eine bekommen haben, sollte ich allerdings nicht mehr erfahren. Ich legte mich unter die Wolldecken auf meine Pritsche und fiel prompt in einen tiefen Schlaf. In der Zeit, die seit meiner Abreise von Todos Santos vergangen war, hat sich meine Sichtweise verändert. Vielleicht aus Angst vor einer Enttäuschung würde ich nicht wieder dorthin zurückkehren. Ich habe mich oft an den Abend bei den Mendozas zu erinnern versucht. Immer wieder hat mich mein Gedächtnis getäuscht und die Ereignisse zur Gegenwart hin zurechtgebogen. Und so bleibt Narcisas Erzählung die einzige nicht verblassende Erinnerung.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | 14. Teil

valentino

Illustration: Valentino

Cecilia wachte am Seeufer unter einer Weide auf. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Doch der Mond verdeckte sie, so dass ihre Korona um die dunkle Mondscheibe leuchtete. Cecilia watete durch das Schilf knietief ins kühle Wasser und benetzte ihre Haut. Über der Insel nahm sie einen unbekannten Himmelskörper wahr, der größer war und heller strahlte als ein üblicher Stern und der näher zu kommen schien.

Narcisa hob mit der Gabel ein Stück Tamal auf und schob es in den Mund. Beim Kauen trank sie einen Schluck Kaffee aus grob gemahlenen Bohnen. Sie sagte zu Emiliana, dass ihre Tamales immer noch die besten seien und der Kaffee köstlich schmecke. Die Kinder hatten sich zum Schutz vor der Kälte in Decken gehüllt. Sie konnten ihre Augen kaum noch offen halten. Narcisa erzählte, dass Cecilia später nicht mehr gewusst hätte, ob sie die Vorkommnisse am See wirklich erlebt oder bloß geträumt hatte. Vor den plötzlich auftauchenden Kriegern Pakals konnte sie jedenfalls nicht mehr rechtzeitig fliehen. Sie waren ihrer Spur gefolgt und brachten sie nun zurück in die Stadt und von dort in einen Kalksteinbruch, wo sie Strafarbeit verrichten musste.

Cecilia und ihre Mitgefangenen brachen und spalteten den Kalkstein. Träger banden sich die Steinblöcke mit einem Band an die Stirn und trugen sie in die Stadt. Große und schwere Stücke transportierten mehrere Arbeiter mit Halteseilen, Bremskeilen und Gegengewichten auf Rollen dorthin, wo Steinmetze mit Steinmeißeln Reliefs auf die Kalksteintafeln modellierten oder mit Feuersteinmessern Inschriften in den Stuck aus gebranntem Kalk und Muschelschalen schnitten.

(c) valentino 2018

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Pakal beobachtete den aufgehenden Morgenstern von seinem Palast aus. Er fragte sich, wie oft er ihn noch sehen würde, wie viele Opfer er dem Federschlange-Gott noch darbringen müsse. Er war der legitime Herrscher über sein Volk. In einem einzigartigen Ritual hatte er sich eine Dornenschnur durch die Zunge gezogen: Das Blut tränkte Papierstreifen in einem Korb. Der Priester hatte anschließend das Papier zusammen mit Kopalharz verbrannt. Nachdem die Götter den aufsteigenden Rauch eingeatmet hatten, wurde Pakals Urahn aus der Unterwelt aus dem Rachen der Federschlange heraufbeschworen.

Wie sollte Pakal über die erlittene Schmach hinwegkommen, als man seinen Sohn, den Thronfolger, entführt und geopfert hatte? Er blickte von der Plattform des Palasts hinüber zu den beiden Pinien am anderen Ende des Platzes. Dort stand der Holzpfahl, an den er die Frau hatte fesseln lassen. Er hatte sie auf seinem letzten Raubzug zusammen mit sechs Adligen gefangen genommen. Kurz darauf hatte der Jaguarpriester ihm das Bohnenorakel gelegt, das ihm den nahen Tod durch Krankheit verhieß. Der Herrscher stieg die Treppe hinab. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen am Horizont über die Baumwipfel.

Narcisa rückte mit ihrem Stuhl näher an den Holztisch. Sie hatte beim Erzählen das Essen vergessen. Es lag noch auf dem Teller. Die Nacht war hereingebrochen. Die Kälte kroch von draußen durch die Türritzen ins Adobe-Haus. Emiliana saß in einer Ecke des Hauses und briet Tortillas auf der Steinplatte über dem Holzofen. Paulina hatte gerade Eladio zu Bett gebracht, als die älteren Kinder unbedingt noch weiter zuhören wollten. Narcisa wickelte einen noch warmen Tamal aus den Maisblättern und zerteilte ihn.

(c) valentino 2017

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ORTE KRIEGEN NASSE FÜSSE | TEIL 21 VON 24

valentino

“La Bola”, Centro Cultural, Zona Río, Tijuana

“La Bola”, Centro Cultural, Zona Río, Tijuana / Foto: Valentino

WIE WIR WISSEN LEBEN VIELE MEXIKANISCHE KOMMT OFT DIE POLIZEI SIE KANN KOMMEN DEN VEREINIGTEN STAATEN DAS IST DER DIE VEREINIGTEN STAATEN WARTEN ALSO WAS DENN DIE GROSSE ANZIEHUNG ÜBEN IM GRUNDE WEIL SIE WISSEN DASS MAN ÜBERQUERT WAS GEHÖRT HABE SIE SAGEN DASS ES LEUTE GIBT DERJENIGE DER SIE FÜHRT DANN STEHST DU DIR DURCH DIE LINIE HELFEN MIT GEFÄLSCHTEN EINIGEN ICH GEBE IHNEN SO UND SO VIEL RÜBER SIE VERLANGEN EINEN HOHEN BETRAG UND MANCHMAL MUSSTEN WIR SIE ALLE AUF BRINGEN SIE IN AUTOS RÜBER UND MANCHMAL UNS SIE BRACHTEN UNS ZUR DIENSTSTELLE DIE SIE ÜBERLASSEN SIE IHREM SCHICKSAL WEIL SIE ETWAS SCHWIERIGER ABER WIR REGELTEN DAS SEHEN UND BEVORZUGEN ZU FLIEHEN UND SIE WAR EIN VERGLEICH ZWISCHEN POLIZEI UND AB SIE LASSEN SIE DORT DESHALB VON DEM JEHER BIS HEUTE DAS GAB ES IMMER DIE HABE DASS SIE ES AUCH AUF DIESE WEISE VERSUCHEN WAS SIE DIR SAGEN WEIL IMMER WENN DASS MANCHMAL IHRE FAMILIEN KOMMEN UM INTERESSANTEN DINGE DEN LUSTIGSTEN TEIL IHRER AUTOS RÜBER ZU BRINGEN AUCH DIE SIE VON AUTOS VON HÜBSCHEN MÄDCHEN ZU SEHR SCHWIERIG ES GIBT HALT KEIN GELD ICH LEBE ENGLISCH WAR IMMER EINE PROJEKTION IN AUS VERACRUZ UND BIN GANZ ALLEIN HIER ICH HABE NOCH EINE SPRACHE LERNEN DAS WAR DIE STRASSE SIE SCHLAGEN DICH ODER RAUBEN KULTURELL SIND DIE VEREINIGTEN STAATEN IMMER FAMILIE IST IN VERACRUZ SIE WISSEN NICHT DAS PARADIES DIE UNGEHEURE WERBUNG DIE ANDEREN SEITE AM FREITAG BRECHE ICH AUF WENN SIE IN DEN MEDIEN DEN DANN IST SCHLUSS ICH HABE BEREITS EINEN JOB SEHEN DAS IST EIN GROSSER ANREIZ FÜR DEN WENIGER ERNÄHREN UND DEN FAHRPREIS AUFBRINGEN IN DIE VEREINIGTEN STAATEN ZU ÜBERQUEREN SEITE GEHE WERDE ICH NACH VERACRUZ ZURÜCKKEHREN NENNEN ZU VERWIRKLICHEN ODER DAS NOCH MEHR DIE KÄLTE DER HUNGER UND AUCH DIE TATSACHE DASS VIELE MEXIKANER VERZWEIFELST DU DENKST DU VIEL AN DEINE MAMA KEHREN SIE AUCH MIT EINEM SEHR SCHWIERIG ALSO EIGENTLICH WAR ES NICHT BEWIRKT DASS DIE ZUHAUSEGEBLIEBENEN ER IST VON DORT UND ES GEFÄLLT IHM NICHT IN AUSSTRECKEN ZU EINEM MIGRANTEN DER OHNE SEINE AUSWEISPAPIERE SIE WIESEN IHN FÜR EINEM KLOTZIGEN AUTO DOLLARS IM GEPÄCK HATTE SCHON EINEN JOB DORT ER MIETETE EIN SIE ER IST EIN GEWINNER OBWOHL ER IN DEN WIE ICH RÜBERKOMME UND DA SIE MIR DAS ES WIRD ANDERE ERMUTIGEN ZU GEHEN ANDERES ÜBRIG ABER ES KAM NOCH SCHLIMMER
Border Monument, Playas, Tijuana

Border Monument, Playas, Tijuana / Foto: Valentino

(c) valentino 2015

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | zweiter gesang | 45 bis 48

belmonte

zweiter gesang

45 dort konntest du schon früher die kälte spüren
als deine mutter dich noch hinauf getragen
und du îre milch getrunken hast und aller
deiner brüder glanz und deines vaters zier

46 wurdest und schön gekleidet an hohen tagen
als die strâlen der himmel auf dich gefallen
sind in dem licht warst du selbst der hellste schein
wer wusste da schon welcher weg dich zu schaden

47 führte wer konnte die dunkelheit die bald
die berge bedeckte sehen wann die reine
luft aufgesogen wurde von den verschlungenen
gipfeln wo einst der wind das gras auf den kalten

48 ebenen niedergedrückt da ist jetzt keiner
mehr nur füchse wenn die nacht herab gesunken
und es noch kälter wird auf den unbewohnten
hängen peitscht der schnee über die nackten steine

(c) belmonte 2012

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | erster gesang | 21 bis 24

belmonte

erster gesang

21 was nun mein lehrer mir sagte das erstand
vor meinen augen es selbst zu überprüfen
worüber mein lehrer redete war bald
vor mir als könnte ichs greifen mit meiner hand

22 fratzen und scheusale die nächst um mich liefen
von kälte sprach mein lehrer wurde mir kalt
und sagte mir während er mich festhielt wahr
von den lichttropfen die in den bulgen schliefen

23 und den archonten deren blick auszuhalten
er mich lehrte als ich in die tiefe sah
mein angestrengter blick richtete sich gegen
die dunklen blitze und flackernden gestalten

24 wirklichkeit war im erzählten das geschah
der boden tat sich weit auf darin bewegten
sich gebückte menschenleiber enger scharen
wen er rufen sagte hörte ich rufen da

(c) belmonte 2012

© valentino 2012

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