Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 17. Teil

valentino

Haus in den Karpaten

Illustration: Valentino

Tief hingen die Wolken in den bewaldeten Vorgebirgen der Karpaten. Bis nach Piatra Fântânele wand sich der Weg stetig bergauf und folgte einem Gebirgsbach durch eine tiefe Schlucht. Obwohl das trübe Wetter uns die Sicht auf die Landschaft verwehrte, hörten wir das Plätschern des Bachs und rochen das Moos auf dem Fels. Ein Feuersalamander kroch über den nassen Asphalt. In Holda trafen wir einen alten Mann, den wir nach einer Berghütte in der Gegend fragten und der uns fünf Kilometer durch den Regen ins Nachbardorf zum Holzhaus der Alesandrus führte, in dem wir unterkamen.

Das junge Paar Mioara und Zeno versorgte sich und ihre beiden Kleinkinder Maria und Toma mit selbstangebautem Gemüse aus dem Garten und mit Hühnereiern aus dem Stall. Auch gab es heißes Wasser zum Duschen und einen Ofen, an dem wir die nassen Sachen trockneten. Wir nahmen ein wohltuendes, mitternächtliches Bad und schliefen unter den warmen Decken rasch ein. Am nächsten Morgen machte Mioara sich Vorwürfe, weil ein Huhn fehlte. Sie hatte am Vorabend vergessen, die Tür zum Hühnerstall zu schließen, durch die in der Nacht ein Fuchs eingedrungen war.

Unsere Route führte entlang des Bettes der Bistrița und über einige Hügel, bis sich der Fluss vor Bicaz zu einem See staute, an dessen Uferhängen wir uns in einer Berghütte einmieteten. Am nächsten Morgen klarte der Himmel auf und wir sahen in der Ferne das Felsmassiv der Karpaten. Weil das Wetter unbeständig war und wir uns nach Wärme sehnten, rückten wir von unserer geplanten Route durch die Berge ab und nahmen Kurs ostwärts, um in dieser Richtung in einigen Tagen das maritime Klima der Region der Donaumündung zu erreichen.

(c) valentino 2013

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Neunter Teil

valentino

Garten

Illustration: Valentino

Cecilia schlenderte in dem weitläufigen Barockgarten. Hohe, gestutzte Hecken umsäumten den großzügig angelegten Teich. Die Wege im Garten waren zahlreich und verzweigten sich zwischen den Hecken und Beeten. Am gegenüberliegenden Ufer stand auf einer Anhöhe ein Pavillon. Im Abendrot blickte Cecilia von dort hinunter auf eine Lichtung des Waldes, der sich vom Fuß des Hügels aus in eine weite Niederung hinein ausdehnte.

Als Kind fing Cecilia mit ihrer Schwester Fabia Fischchen im nahegelegenen Bach, kletterte auf Bäume oder spielte auf Mureșeniis sandigen Wegen mit dem Kreisel, den ihr Vater Marian geschnitzt hatte aus dem Holz des Waldes, der das Dorf bis über die Hügelkuppen hinaus umgab und in der Ferne von den Karpaten überragt wurde. Mit fünf oder sechs Jahren lernte sie Schwimmen im See, in dem alle Kinder des Dorfs badeten. Sie sah ihren Bruder Grigore dort schwimmen und bekam Lust, es ihm nachzutun. Als sie fast unterging dachte sie, es sei noch nicht an der Zeit, im See zu versinken. So schaffte sie es, sich über Wasser zu halten.

Während sie erzählte, zerteilte Narcisa mit der Gabel auf ihrem Teller ein Stück Mămăligă. Mit den Fingerspitzen verrückte sie auf ihrer Nase die Glasovale, über deren Einfassung hinweg sie mit halbwachen Augen sah. Regentropfen prasselten an das kleine Fenster der Wohnstube, in der wir uns auf Anhieb geborgen fühlten. Einige der Tücher und Stoffe bildeten kreisförmig angeordnete rote Rosenblüten und grüne Blätter auf schwarzem Grund ab. Im Nebenzimmer und im Wohnzimmer hingen hinter Glas Kinderfotos. Fabia hatte den Raum kurz verlassen und kehrte nun mit einem Foto zurück, das Cecilia zwischen ihrer Schwester und ihren Brüdern zeigte.

(c) valentino 2012

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Siebter Teil

valentino

Haus in Transsilvanien

Illustration: Valentino

In einem Dorf trafen wir Gheorghe, der sich als „König der Schnapsbrenner“ ausgab. Tatsächlich brannte er, wie sich nach einer Kostprobe herausstellte, ausgezeichneten Pflaumenschnaps. In kurzer Zeit versammelte sich nahezu die ganze Familie auf dem Hof, was uns zu einem etwas überstürzten Aufbruch nötigte. Nachdem wir eine Flasche des edlen Trunkes ersteigert, das Dorf verlassen und das Zelt aufgebaut hatten, fielen wir dank Țuică in einen tiefen Schlaf, den der Regen bis in die Mittagsstunden des nächsten Tages verlängerte, so dass an eine Weiterfahrt bei dem Wetter nicht zu denken war.

Nachmittags in Bistrița beschrieb uns Lucia auf Englisch den Weg zum Hotel. Wir trafen Lucia, die an der Universität von Năsăud Volkskunde studierte, am folgenden Vormittag an dem großen Glockenturm aus dem 14. Jahrhundert, der zu einer Pfarrkirche gehörte. Im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte der Region Bistrița-Năsăud weckte sie unsere Begeisterung für archäologische Funde, Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus vorchristlicher Zeit, traditionelle Einrichtungen, landwirtschaftliche Geräte und Trachten der Siebenbürger Sachsen.

Unser nächstes Ziel hieß Vatra Dornei. Wir näherten uns den Karpaten, dem Gebirge, welches durch Bram Stokers Vampir-Klassiker Berühmtheit erlangt hatte. Allerdings war von den finsteren, unheimlichen Felsformationen nichts zu sehen. Die bewaldeten Vorgebirge der Karpaten machten einen eher friedlichen Eindruck. Auch entdeckten wir weit und breit keine Spur von Vampiren. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt, da uns das Tageslicht noch beschützte.

(c) valentino 2012

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Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | Erster Teil

valentino

România

Illustration: Valentino

Es war eine Fahrt ins Ungewisse, in ein Land, welches uns nur aus Erzählungen bekannt gewesen war. Rumänien. Zwar verbanden wir mit diesem Namen damals eher wenig, doch bot dieses Land viel an verborgener Vergangenheit: Die Herrschaft des Römischen Reiches, die erbitterten Kämpfe gegen die Heere der Osmanen. Selbst die alten Griechen hatten Anteil an der kulturellen Entwicklung des sich bis zum Schwarzen Meer erstreckenden Landes im Osten Europas. Und nicht zu vergessen, dass es in jüngster Vergangenheit einer fast 30-jährigen Schreckensherrschaft unter dem Diktator Nicolae Ceaușescu trotzte.

Das Land glich einer uneinnehmbaren Festung. Nicht nur ideell, sondern auch geographisch hatte es die Form einer gewaltigen Burg. Die Karpaten schlugen einen riesigen Bogen von Nordwesten her kommend um das transsilvanische Hochland herum nach Südosten und wieder zurück nach Westen. Auf der anderen Seite dieser natürlichen Festungsmauer lag im Süden die flache Walachei und im Osten das hügelige Moldawien. Die Donau mündete in der Dobrudscha in Form eines Deltas in das Schwarze Meer, welches sich durch Aufschwemmung immer weiter in dieses hineinfraß.

Im Jahr zuvor in Budapest hatten wir die Idee bekommen, das „Land des Grafen Dracula“ näher kennen lernen zu wollen. Dass wir uns zu diesem Zweck unserer Fahrräder bedienten, sollte sich im Nachhinein als ein ausgesprochener Vorteil erweisen. Es war für uns die beste Möglichkeit, die Menschen kennen zu lernen und körperliche Anstrengung mit Naturnähe zu verbinden. Tatsächlich sammelten wir aufgrund dieser Fortbewegungsmethode eine Vielzahl an Kontakten und einmaligen Naturerlebnissen.

(c) valentino 2012

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