Oh Boy – Er will doch nur einen Kaffee (Filmrezension)

Oh Boy

Erneut ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger, dem Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Ein Schwarz-Weiß-Film über einen Nichtstuer im heutigen Berlin, der sich auf einen kurzen Zeitraum zwischen einem Morgen und dem nächsten Morgen fokussiert – „Oh Boy“ von 2012 ist nicht gerade eine Produktion, die auf ein großes Publikum schielt, wobei die mehr als 300.000 Kinozuschauerinnen und -zuschauer dafür aller Ehren wert sind. Mit melancholischem Charme und einem guten Auge für sowohl die Hauptfigur als auch ihre Beobachtungen im Lauf dieses Tages hat sich das Werk eine Fangemeinde und viel Kritikerlob gleichermaßen erarbeitet. Und diverse Auszeichnungen: 2012 gab es unter anderem den Bayerischen Filmpreis für Jan-Ole Gersters Drehbuch und Hauptdarsteller Tom Schilling, 2013 folgten der Europäische Filmpreis in der Kategorie bester Nachwuchsfilm und sechs Deutsche Filmpreise in den Kategorien bester Spielfilm in Gold, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Musik, beste männliche Hauptrolle und beste männliche Nebenrolle für Michael Gwisdek. Dabei schlug „Oh Boy“ in jenem Jahr sogar die Großproduktion „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer und den Wachowskis, obwohl die mit Topstars wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon aufwartete.

Niko weiß nicht, wo sein Platz im Leben ist

Der 1982 in Ost-Berlin geborene Tom Schilling („Werk ohne Autor“, „Brecht“, „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“) gehört zu Deutschlands profiliertesten Schauspielern. In „Oh Boy“ verkörpert er den Endzwanziger Niko Fischer, der zwei Jahre zuvor sein Jurastudium abgebrochen hat, ziellos durchs Leben driftet und auch in puncto Frauen nicht recht weiß, wo die Reise hingeht. Gleich zu Beginn bietet ihm seine Freundin Elli (Katharina Schüttler) kurz vor seinem Aufbruch einen Kaffee an, den er ablehnt. Das erweist sich als Fehler, denn in der Folge versucht Niko vergeblich, anderswo einen Kaffee zu bekommen. Mal fehlt ihm das nötige Kleingeld, mal ist die Kaffeemaschine kaputt – ein schöner kleiner Running Gag, der einen roten Faden bildet.

Der väterliche Geldhahn versiegt

Merke: Wenn dich dein Vater fragt, was du mit den 1.000 Euro gemacht hast, die er dir zwei Jahre lang monatlich im Glauben überwiesen hat, damit dein Studium zu finanzieren, ist Ich habe nachgedacht. Über mich. Über dich. Über alles. wohl nicht die richtige Antwort. Dumm nur, dass Niko keine andere Antwort hat, nachdem ihn sein Vater (Ulrich Noethen) damit konfrontiert, über das abgebrochene Studium im Bilde zu sein. Folge: Der Geldhahn ist versiegt, was erklärt, weshalb Sohnemann kurz zuvor keine Scheine aus dem Geldautomaten ziehen konnte. Immerhin trifft Niko in einem Café auf seine Schulkameradin Julika (Friederike Kempter), die er nach dem Abitur nicht mehr gesehen hatte.

Julika allerdings auch nicht

Ob „Oh Boy“ die urbane Atmosphäre der deutschen Hauptstadt korrekt abbildet und ihre Einwohnerschaft treffend porträtiert, vermag ich mangels ausreichender Berlinkenntnisse nicht zu beurteilen. Menschen bleiben aber Menschen und Drehbuchautor und Regisseur Jan-Ole Gerster gelingt ein präziser Blick auf diverse sehr unterschiedliche Figuren. Er wechselt dabei zwischen Situationskomik und Tragik und stellt seine Figuren nie bloß, nicht mal die Halbstarken Ronny (Frederick Lau), Pascal (Robert Hoffmann) und Kevin (Jakob Bieber), mit denen Niko eine unangenehme Begegnung hat. All seine Begegnungen lassen den jungen Mann ins Grübeln kommen, auch der betrunkene alte Mann (Michael Gwisdek), der von seiner Kindheit während der Nazizeit schwadroniert, dann aber unvermittelt ernste Töne anschlägt. Das ist unspektakulär im besten Sinne, lakonisch umgesetzt und von Kameramann Philipp Kirsamer in erlesenen Bildern jenseits plakativer Berlin-Tourismusansichten fotografiert. Ob diese „Oh Boy“ zu einem Berlinfilm machen, mögen andere bewerten.

Abschlussarbeit von Jan-Ole Gerster

Mit „Oh Boy“ debütierte Gerster 2012 als Spielfilmregisseur. Das Werk war sein Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Trotz der verdienten Lorbeeren inszenierte er seitdem allerdings nur einen weiteren Film: das Drama „Lara“ (2019) mit Corinna Harfouch, Rainer Bock und erneut Tom Schilling. Bedauerlich, dass ein Filmemacher mit einem solchen Händchen nicht mehr Engagements bekommt. Immerhin ist seine Lebensgefährtin Friederike Kempter als Schauspielerin gut ausgelastet. Mit „Oh Boy“ hat Gerster ein Kleinod des deutschen Films vorgelegt.

Diese drei Halbstarken noch viel weniger

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Schilling sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Der alte Mann schon eher

Veröffentlichung: 24. Mai 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Oh Boy
D 2012
Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Besetzung: Tom Schilling, Friederike Kempter, Katharina Schüttler, Justus von Dohnányi, Katharina Hauck, Inga Birkenfeld, Leander Modersohn, Martin Brambach, Ulrich Noethen, Frederick Lau, Michael Gwisdek, Tim Williams, Robert Hoffmann, Jakob Bieber, Rolf Peter Kahl, Theo Trebs, Steffen Jürgens, Ellen Schlootz,
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Jan-Ole Gerster und Tom Schilling, Outtakes, Making-of der Filmmusik (4 Min.), erste Improvisation (5 Min.), entfernte Szene „Dr. Motte“, Castingband Friederike Kempter (3 Min.), Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2013 Warner Home Video

Withnail and I – Im Rausch von London aufs Land (Filmrezension)

Withnail and I

Einmal mehr eine Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Feine Klänge leiten „Withnail and I“ ein: „A Whiter Shade of Pale“, interpretiert von King Curtis (im Original von Procol Harum). Wir befinden uns im Jahr 1969 im Londoner Stadtteil Camden Town. Marwood Paul McGann – er ist der „I“ aus dem Filmtitel – verlässt die Wohnung, die er sich mit seinem Schauspielerkollegen Withnail (Richard E. Grant) teilt. Nach einem Frühstück in einem billigen Arbeiterlokal kehrt er gerade rechtzeitig zurück, damit sich Withnail darüber beklagen kann, dass ihnen der Wein ausgegangen ist. Beide sind offenkundig berauschenden Substanzen zugetan. Als sie über den vor sich hin gammelnden Abwasch in Panik geraten, verlassen, die beiden ihr Heim, um sich bei einem Spaziergang im Park in Selbstmitleid zu üben. Beruflich läuft es suboptimal. Withnail wird nicht einmal mehr zu Vorsprechen eingeladen, und auch Marwoods letzte Rolle liegt etwas zurück. Sie sehen sich als Dandys, die über das Leben philosophieren, obwohl sie nicht einmal ihr eigenes Dasein im Griff haben und es nur mit Drogen ertragen.

Ab in die Provinz!

Ein Erholungstrip aufs Land soll ihr Leben umkrempeln. Es gelingt ihnen, Withnails begüterten Onkel Monty (Richard Griffiths, „Harry Potter“-Reihe) zu überreden, ihnen den Schlüssel zu dessen Landhaus in Nordengland zu überlassen. Anderntags begeben sie sich in Marwoods Rostlaube von Jaguar auf die Reise. Sie ahnen nicht, dass auch die Provinz ihre Tücken hat.

Abgehalftert: Marwood (l.) und Withnail

Im Vereinigten Königreich hat sich „Withnail and I“ nach verhaltenem Start eine gewisse Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Da die zwei verkrachten Schauspieler gern mal einen heben, gibt es sogar ein Trinkspiel zum Film. Bei einer von der ehrwürdigen britischen Tageszeitung „The Guardian“ vorgenommenen Umfrage unter Filmschaffenden landete die Tragikomödie 2009 hinter Danny Boyles „Trainspotting – Neue Helden“ (1996) auf einem respektablen zweiten Rang.

Was ist ein „Toilet Trader“?

Von der britischen Bekanntheit kann in Deutschland nicht die Rede sein, dabei sprüht die Tragikomödie vor Esprit. Aufgrund des englischen Sprachwitzes empfiehlt sich die Sichtung mit Original-Tonspur, auch wenn ihr nicht immer einfach zu folgen ist. Dies ist bedingt zum einen durch spezielle Formulierungen, die sich nicht immer adäquat übersetzen lassen, zum anderen durch ein paar Landbewohner mit rustikalem Slang. So musste ich beispielsweise erst einmal nachschlagen, was ein „Toilet Trader“ ist – so bezeichnet man im Englischen einen homosexuellen Mann, der auf öffentlichen Toiletten Sex mit Gleichgesinnten sucht. Dazu passt die Anekdote, dass Regisseur Bruce Robinson bei einer ersten Vorführung des Films regelrecht entgeistert registrierte, dass das Publikum mucksmäuschenstill blieb und bei keinem Gag zu lachen begann. Anschließend stellte er fest, dass der Saal ausschließlich mit deutschen Touristinnen und Touristen gefüllt war, die zufällig in einem benachbarten Hotel abgestiegen waren und von dem englischen Wortwitz überhaupt nichts verstanden. Ob die deutsche Synchronisation dem Original gerecht wird, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich auf den Kauf einer deutschen Edition zugunsten des schönen englischen Steelbooks verzichtet habe.

Die beiden Schauspieler beschließen …

Auf eine sonderbare Art und Weise lässt „Withnail and I“ uns schmunzeln, auch wenn sich die beiden Titelhelden schnell als mitleiderregende, von Ängsten und Neurosen getriebene Gestalten entpuppen. Während Paul McGann eher zurückhaltend agiert, spielt sich Richard E. Grant die Seele aus dem Leib. Für beide war ihr jeweils erster Auftritt in einem Kinofilm ein Sprungbrett, das sie auch nach Hollywood führte: McGann spielte unter anderem in Steven Spielbergs „Das Reich der Sonne“ (1987), David Finchers „Alien 3“ (1992) und Stephen Hereks „Die drei Musketiere“ (1993). Von 2007 bis 2011 verkörperte er den achten „Doctor Who“. Grant war 1991 in „L.A. Story“ an der Seite von Steve Martin und in „Hudson Hawk – Der Meisterdieb“ neben Bruce Willis zu sehen, 1992 gab er den Dr. Seward in Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Mit „Logan“ (2017) und „Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers“ (2019) stehen sogar zwei große Hollywood-Franchises in seiner Filmografie zu Buche. Für seine Nebenrolle in der biografischen Krimikomödie „Can You Ever Forgive Me?“ (2018) wurde er immerhin für Oscar und Golden Globe nominiert. Während sich Grant in Hollywood etabliert hat, ist McGann stets dem englischen Fernsehen treu geblieben.

Von Franco Zeffirelli angebaggert

Der „on location“ gedrehte „Withnail and I“ wirkt trotz des Wechsels zwischen London und dem Lande reduziert, konzentriert sich auf wenige Schauplätze, die aber umso präziser ins Bild gesetzt sind. Ungewöhnlich, in den späten 80er-Jahren einen Blick auf die ausklingenden 60er zu werfen, in der zwei kauzige Gestalten wie aus der Zeit geworfen erscheinen. Etwas aus der heutigen Zeit gefallen sind sowohl die aufdringlichen Avancen, die Withnails schwuler Onkel Monty Marwood macht, als er den beiden einen Überraschungsbesuch auf dem Lande abstattet, als auch Marwoods unbeholfene Abwehr derselben. Schuld daran ist eine kleine Gemeinheit Withnails, der zuvor Monty gegenüber eine homosexuelle Veranlagung Marwoods angedeutet hatte. Dem Vernehmen nach beruht diese Szene auf Erfahrungen, die Regisseur Bruce Robinson als Schauspieler am Set von Franco Zeffirellis „Romeo und Julia“ (1968) einst selbst gemacht hatte, als ihn der Regisseur persönlich anbaggerte.

… aufs Land zu fahren

Für den Engländer Bruce Robinson war „Withnail and I“ das Regiedebüt, das er nach eigenem Drehbuch inszenierte – sein zweites Skript nach dem zu Roland Joffés Kambodscha-Kriegsdrama „Killing Fields – Schreiendes Land“ (1984), für das er Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen erhalten hatte. Bedauerlich, dass ihm als Drehbuchautor wie Regisseur nur eine kurze Karriere beschieden war. Nach „Kopf an Kopf“ (1989, erneut mit Richard E. Grant), „Jennifer 8 ist die Nächste“ (1992) mit Andy Garcia und Uma Thurman sowie „Rum Diary“ (2011) mit Johnny Depp wurde es ruhig um Robinson.

Schaut es euch an, ihr Deutschen!

Trotz des Alkohol- und Drogennebels, der speziell Withnail konstant umwabert, ist die Tragikomödie von großer Klarheit erfüllt. Bruce Robinson enthüllt seine Figuren, stellt sie aber niemals bloß, sondern behandelt sie mit Respekt und Liebe. „Withnail and I“ hat seinen Abdruck in der britischen Popkultur und im englischen Sprachgebrauch gleichermaßen hinterlassen. Ein höherer Bekanntheitsgrad auch in Deutschland ist der wunderbar melancholischen Tragikomödie zu wünschen. Sie hat es verdient, und bei allen britischen Eigentümlichkeiten stellt sie auch für deutsche Filmfans einen Hochgenuss dar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard E. Grant sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Im betulichen Café machen sie sich schnell unbeliebt

Veröffentlichung: 7. September 2012 als Blu-ray und DVD, 19. Januar 2007 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Withnail and I
GB 1987
Regie: Bruce Robinson
Drehbuch: Bruce Robinson
Besetzung: Richard E. Grant, Paul McGann, Richard Griffiths, Ralph Brown, Michael Elphick, Daragh O’Malley, Michael Wardle, Una Brandon-Jones
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bruce Robinson, Audiokommentar mit Paul McGann und Ralph Brown, Featurette „Die Handmade Story“ (24:36 Min.), Featurette „Postcards from Penrith (20:54 Min.), Interview mit Bruce Robinson (14:20 Min.), 2 englische Trailer, deutscher Trailer, Dokumentation „Withnail & Us“ (24:49 Min.), Hinter-den-Kulissen-Bildergalerie (0:59 Min.), Featurette „Swear-a-Thon“ (1:14 Min.), Featurette „Drinking Game“ (14:57 Min.)
Label 2012: Black Hill Pictures / Spirit Media
Vertrieb 2012: Koch Media (Koch Films)
Label/Vertrieb 2007: Sunfilm (Tiberius Film

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2012 Black Hill Pictures / Spirit Media

Der rote Korsar – Lustig ist das Piratenleben (Filmrezension)

The Crimson Pirate

Die nächste Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Abenteuer // Gleich in der ersten Szene schwingt sich Burt Lancaster mit einem Tampen von einem Segelbaum zu einem anderen und präsentiert uns sowohl seinen durchtrainierten Oberkörper als auch sein berühmtes Grinsen mit gebleckten Zähnen. Dann durchbricht er sogar die vierte Wand, richtet das Wort ans Publikum und kündigt an, wir seien nun zur letzten Reise des roten Korsaren geschanghait worden. Stellt keine Fragen! Glaubt nur, was Ihr seht! … Nein – glaubt nicht einmal die Hälfte davon! Diese Ansage gibt den Ton vor, wir bekommen es also mit zünftigem Seemannsgarn zu tun.

Es winkt eine fette Prise

Nach dem Vorspann setzt die Handlung im späten 18. Jahrhundert auf einer mit 30 Kanonen bestückten Fregatte der königlich britischen Marine ein, die sich auf einer Mission in der Karibik befindet. Ein anderer Segler wird gesichtet – ein vermeintliches Totenschiff voller Leichen, die wohl der Skorbut dahingerafft hat. Doch das erweist sich als Finte des Piratenkapitäns Vallo (Burt Lancaster), der den englischen Segler mit seinen Männern im Handstreich kapert.

Kapitän Vallo (l.) und Ojo werden von Consuelo befreit

Unter den nun Gefangenen befindet sich Baron Gruda (Leslie Bradley), Sondergesandter des Königs, der sich auf dem Weg zur Insel Cobra befindet, um dort eine Rebellion niederzuschlagen. Vallo beabsichtigt, die erbeuteten Waffen an den Rebellenführer El Libre (Frederick Leister) zu verkaufen, lässt sich dann aber auf einen Handel mit Gruda ein: Er willigt ein, dem Baron gegen Bezahlung El Libre auszuliefern.

„Es lebe die Republik!“

Welch ausgelassener Klamauk: Kaum auf Cobra eingetroffen, provoziert Vallo mit kernigen Ausrufen Es lebe die Republik! und Es lebe El Libre! eine Schar britischer Soldaten und lässt sich mit seinem stummen Begleiter Ojo (Nick Cravat) auf eine zünftige Verfolgungsjagd durch die Gassen des Örtchens ein. Dieses Spektakel dient offenbar dem Zweck, die Rebellen auf ihre Seite zu ziehen. Wie sich zeigt, befindet sich El Libre allerdings im Kerker der Festung des Königs auf der Insel Pero, und Pablo (Noel Purcell), der deshalb das Kommando über die Rebellen übernommen hat, traut Vallo nicht über den Weg. El Libres schöne Tochter Consuelo (Eva Bartok) hingegen hilft dem roten Korsaren. Es geht komödiantisch weiter: Als Vallo als Baron Gruda getarnt auf Pero eintrifft, um El Libre zu befreien, sprengen er und Ojo einen ihm zu Ehren gegebenen Empfang des Obersts (Frank Pettingell) der dortigen Garnison. Generell zeigt der Film die britischen Soldaten gern als unbeholfene Trottel, die sich einfach überrumpeln lassen.

Gewagtes Spiel in der McCarthy-Ära

Dennoch geht es nicht nur komödiantisch zu. Vallo verliebt sich natürlich in Consuelo – und sie sich in ihn –, woraufhin er von seinem Plan abkommt, El Libre auszuliefern. Das führt zu dramatischen und auch tragischen Verwicklungen, wobei das Abenteuer aber nie seine Leichtigkeit verliert. Positiv hervorzuheben ist auch der politische Subtext, beginnend schon beim Titel, der als Anspielung auf die Roten – mithin Kommunisten – verstanden werden kann. Auch der Kampf der Freibeuter und Rebellen gegen die herrschende Macht trägt durchaus linke Züge, bemerkenswert mitten in der McCarthy-Ära. Vielleicht verhinderte der farbenfrohe Charakter des Spektakels, dass die Kommunistenjäger des Komitees für unamerikanische Umtriebe bei „The Crimson Pirate“ Lunte rochen.

Der Pirat und die Schönheit stechen in See

Den Trivia der IMDb zufolge war Vallos Adjutant Ojo deshalb stumm, weil der breite Brooklyn-Akzent des New Yorkers Nick Cravat in einem derartigen Historienfilm deplatziert gewesen wäre. Lancaster und Cravat waren seit Kindesbeinen Freunde und ab 1932 gemeinsam als Akrobaten tätig. Dazu passen einige Show-Einlagen, die die beiden im Film präsentieren. Cravat war keine große Karriere als Schauspieler beschieden, immerhin brachte sein Kumpel Lancaster ihn gelegentlich unter. In „Trapez“ (1956) war er sogar dessen Stunt-Double – kaum zu glauben, da er deutlich kleiner war als der Superstar. Cravat ist in insgesamt elf Filmen mit Lancaster zu sehen, darunter „U 23 – Tödliche Tiefen“ (1958), „Valdez“ (1971), „Keine Gnade für Ulzana“ (1972) und „Die Insel des Dr, Moreau“ (1977), wenn auch bisweilen nur in Komparsenrollen. Er starb 1994 im Alter von 82 Jahren.

Lancasters erste Produktion, Siodmaks letzte Hollywood-Arbeit

„Der rote Korsar“ markiert Burt Lancasters erste Arbeit als Produzent, auch wenn er im Vorspann nicht als solcher genannt ist. Diese Funktion ermöglichte es ihm, massiven Einfluss auf die Dreharbeiten zu nehmen, um sich im Film selbst zu inszenieren und als strahlende Hauptfigur zu präsentieren; sehr zum Missfallen von Robert Siodmak, der das Heft als Regisseur verständlicherweise selbst in der Hand behalten wollte. Der Deutsche war womöglich schon vorher von Hollywood frustriert, und die Reibereien mit seinem „The Crimson Pirate“-Titeldarsteller brachten das Fass zum Überlaufen: Siodmak kehrte der Traumfabrik den Rücken und drehte bis zu seinem Karriereende 1969 nur noch in Europa. Vier Jahre später starb er im Alter von 72 Jahren. Vor „Der rote Korsar“ hatte er mit Lancaster die beiden Noirs „Die Killer“ (1946) und „Gewagtes Alibi“ (1949) gedreht.

Dort wird die Lage brenzlig

Die 2006 veröffentlichten DVDs sind längst vergriffen, da war es höchste Zeit für eine Neuauflage des jederzeit launigen Piraten-Abenteuers. Ganz frei von Kritik ist die DVD von Pidax Film nicht. Zwar zeigt das Bild im 4:3-Format (1,33:1) die Technicolor-Farben des Films in guter Qualität, und auch die deutsche Synchronisation klingt anständig; die englische Originaltonspur lässt aber etwas zu wünschen übrig, wirkt unsauber und zu dumpf. Auch fehlen sowohl deutsche als auch englische Untertitel. Manche Fans von „Der rote Korsar“ werden obendrein enttäuscht sein, dass Robert Siodmaks Regiearbeit parallel nicht auch auf Blu-ray erschienen ist. Das mag aber nicht dem Label anzulasten sein, da es meines Wissens weltweit überhaupt keine Blu-ray des Films gibt. Womöglich existiert kein HD-fähiges Material. Bedauerlich, eignet sich gerade Technicolor doch vorzüglich fürs Blu-ray-Format. Nennenswertes Zusatzmaterial enthält die neue DVD nicht, immerhin hat Pidax als gedruckten Bonus ein Faksimile der Illustrierten Film-Bühne Nr. 1821 beigelegt. Wie für die zeitgenössische Publikation üblich, enthält auch diese Ausgabe eine vollständige Inhaltsangabe, die Lektüre empfiehlt sich somit erst nach Sichtung des Films (wobei man sie dann natürlich gar nicht mehr benötigt). „Der rote Korsar“ bringt auch heute noch viel Freude – ein prächtig ausgestattetes Freibeuter-Spektakel mit einer Paraderolle für Burt Lancaster.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Siodmak sind dort in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Burt Lancaster und Christopher Lee unter Schauspieler. Ansgar Skulme hat 2016 für „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Rezension von „Der rote Korsar“ verfasst.

Veröffentlichung: 14. August 2020 als DVD, 9. November 2006 als DVD (SZ Junge Cinemathek), 23. Juni 2006 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Crimson Pirate
USA 1952
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Roland Kibbee
Besetzung: Burt Lancaster, Nick Cravat, Eva Bartok, Torin Thatcher, James Hayter, Leslie Bradley, Noel Purcell, Christopher Lee, Frederick Leister, Frank Pettingell
Zusatzmaterial: Trailershow, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 1821, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2006: Süddeutsche Zeitung bzw. Warner Home Video

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2020 Pidax Film

Beauty and the Boss – Wenn der Chef seine Meisterin findet (Filmrezension)

Beauty and the Boss

Einmal mehr eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt.

Komödie // Warren William war zwar für seine Rollen als übergriffiger (mal böser, mal dennoch liebenswerter) Chef in Pre-Code-Filmen bekannt, konnte aber auch mal etwas ganz anderes spielen. Zum Beispiel den guten, zurückhaltenden und nicht mal charmant-verschlagenen Anwalt in „Three on a Match“. Oder eine äußerst interessante Variation seiner Typenbesetzung in „Beauty and the Boss“. In „Employees’ Entrance“ (1933) war der Weg zu Harvey Weinstein nicht weit. „Beauty and the Boss“ ist nicht minder interessant, denn da ist er als Wiener Bankdirektor Baron Josef von Ullrich weiblichen Reizen zwar nicht abgeneigt, wird aber seine Meisterin finden. Diese heißt Susie Sachs (Marian March mit entfernten Anklängen an die ganz junge Bette Davis). Manchmal „Säääx“, oft aber, nun ja, „Sex“ ausgesprochen. Zufall? Wohl kaum! Wobei es nicht nur um Sex geht, sondern vor allem um Liebe, oder: um die Frage, ob das Liebesspiel, welches der Baron äußerst gern betreibt, wirklich nur ein Spiel ist. Susie meint es ernst! Und hat die Hosen an. Wie übrigens alle Frauen in dieser frivolen und doch lebensklugen Komödie.

Pre Code und Warner: ungeschminkt und effizient

Falls es dem geneigten Leser unbekannt sein sollte: „Pre-Code“ nennt man die Phase in der Geschichte Hollywoods, in der aus Angst vor drohenden staatlichen Repressalien die Selbstzensurbestimmungen (der sogenannte Production Code, auch als Hays Code bekannt) der Traumfabrik zwar schon beschlossen waren, aber noch nicht durchgesetzt wurden. Von 1930 bis zur Verbindlichkeit der Vorgaben Mitte 1934 tobte sich die Traumfabrik noch mal aus, als gäbe es kein Morgen. Natürlich sind nicht alle Filme dieser Zeit zwanghaft „versaut“, aber die besten erreichen einen knochenehrlichen Blick auf die ältesten Gefühle der Welt.

So auch dieser, der zudem ein typisches Beispiel dafür ist, wie Warner Brothers seinerzeit funktionierte. Eine A-Film-Abteilung gab es faktisch nicht, die Brüder ließen kurze Programmfüller (Filme als Teil eines Doppelprogramms) äußerst kostengünstig herstellen. Und das machten sie oft so gut, dass auch Filme ohne dezidiert künstlerischen Anspruch zum einen sehr effizient und unterhaltsam sind, zum anderen manches Erhellende über ihre Zeit und Produktionsmethoden erkennen lassen. Beispielsweise, wie man mit einfachen Mitteln „production values“ suggeriert, die der Film nicht hat. Da kann es anhand von Schrifttafeln, Footage-Postkartenansichten und rückprojizierten wie gemalten Hintergründen durch die ganze Welt gehen, natürlich im Studio. Wien? Gemalt. Wobei man rätseln kann, ob die Hintergründe besonders expressionistisch-avantgardistisch sind oder schlicht dem Budget geschuldet. Auch aus der Not kann Kreativität entstehen. Ein Flug nach Paris? Der Propeller dreht sich vor einem Allerweltshintergrund (ein Hangar, eine Miniatur?), und Aufnahmen vom Eiffelturm und vom Triumphbogen finden sich als Montagenmaterial in den Archiven. Herrlich! 65 Minuten allerbeste Unterhaltung.

Ein Geschäftsmann und das älteste Geschäft der Welt

Und durchaus hintersinnige wie selbst für 1932 gewagte Unterhaltung. Baron von Ullrich hat immerhin so viel Ehre im Sinn und Beherrschung in der Hose, dass er mit seinen Sekretärinnen nichts anfängt. Nein, er entlässt sie erst … Wobei er es sich leisten kann, ihnen noch monatelang Gehalt zu zahlen. Weniger verklausuliert gab es einen Hurenlohn selten. Wobei es die Damen sind, die den Mann verführen, das merkt er nur nicht. „Beauty and the Boss“ beginnt mit einem typischen „Frollein, zum Diktat“, und Stenotypistin Ollie Frey (Mary Doran) ist willig, wenn auch unwillig, die Arbeit zu leisten. Sie schlägt die Beine übereinander, sodass der Rock die Knie-Ansicht freigibt. Er: „Yes, I see it. But I’ve seen better.“ Sie kokett geheuchelt: „I didn’t think you could see my, äh …“. Ollie wird sich bei denjenigen Damen einreihen, die von von Ullrich nur das eine wollen. Und zwar nicht, weil sie ihm verfallen sind. Sondern weil sie Spaß dran haben, den Mann scharf zu machen und sich dann mit ihm zu vergnügen.

Auf einer Geschäftsreise in Paris dreht der Film die Schraube noch einmal gewaltig an. Die Liste der Damen, die von Ullrich dort aus nichtgeschäftlichen Anlässen, ähem, sehen wollen, ist so absurd lang wie Leporellos Leporello, in dem er die Betthäschen Don Giovannis vermerkt hat. Und am Telefon müssen diverse heiße Feger mehrmals, manchmal sogar zugleich, abgewimmelt werden, die sogar nackt in der Badewanne nach ihrem, pardon, Stecher rufen. Auch 1932 gab es keine „full frontal nudity“, aber eine sehr effektive Suggestion in den Badewannenshots. Mädels im Unterrock und mit Strümpfen waren sowieso Standard.

Liebe nicht als Geschäft: das hässliche Entlein …

Warum nun werden sie abgewimmelt? Auftritt Susie Sex, äh, Sachs, oder auch Miss Church Mouse. Als typisches „poor girl of the Great Depression“ (die es ja auch in Wien gab) wird die Figur äußerst interessant eingeführt. Sie drückt sich die Nase an einem Studiowiener Kaffeehaus platt, in dem ein reicher Mann üppig speist. Man hat sich nicht nur Mühe gegeben, den schönen Schwan als hässliches Entlein zu verpacken, man hat noch mehr getan. Dadurch, dass wir nur das ungeschminkte Gesicht oberhalb eines Vorhangs sehen, von einem Hut bedeckt, ist nicht einmal erkennbar, dass Susie bereits im fraulichen Alter ist. Das poor little girl wirkt tatsächlich noch wie ein girl im Sinne von Kind! Erst als wir die Person im Ganzen sehen: aha, eine Frau. Diese stürmt dann mit Chuzpe in das Büro von Ullrichs und ergattert die freie Sekretärinnenstelle. Dass sie den Portier als Tippgeber dafür hat, wann eine Stelle frei wird, lehrt uns, sie nicht zu unterschätzen. Zudem ist sie im Job spitze und garantiert nicht willig, den Geschäftsmann vom Geschäft abzubringen. Sie wird schnell von Ullrichs beste rechte Hand ever und wirbelt nicht nur sein Geschäftsleben durcheinander. Dabei liebt sie diesen Mann, sieht, dass er sich seinen Reichtum wirklich verdient hat und sogar noch viel mehr Potenzial hätte, wenn er sich nicht gelegentlich mit Frauengeschichten ablenken würde. Also wird sie es sein, die die erwähnte Damenriege abwimmelt und stattdessen lieber daran arbeitet, dass eine wichtige, in Paris abgeschlossene Fusion auf bestem Wege wächst, blüht und gedeiht. Einen vollen Terminkalender mit Geschäftsleuten und einflussreichen Politikern statt oh là là, Can Can und Séparées wird sie ihm bescheren – um lieber selbst einen draufzumachen.

… und der schöne Schwan

Es folgt natürlich die erwartete Schwan-Szene, aber sie kommt erfreulich spät und Susie wird auch dann nicht ihre Kirchenmaus-Tugenden verleugnen! Des Barons Firmenkumpel, mit denen sie ausgeht, sind harmlose und wirklich freundliche Gefährten. David Manners spielt einen von ihnen (wobei seine Figur zugleich von Ullrichs jüngerer Bruder ist), eigentlich der klassisch junge leading man, aber er wird nicht viel zu melden haben. Susie hat die Hauptrolle! Während im sehr bösen „The Match King“ (1932) die William-Figur andauernd nervige Frauen reinlegt, ist es hier Susie, die dies mit von Ullrichs Damenriege tut. Wobei der Film, was ich positiv werte, daraus nicht das große Drama macht. Ollie, die das wichtigste Opfer ist, nimmt’s als sportlichen Zickenkrieg und verklickert Susie einmal sogar in kameradschaftlicher Weise, wie man es mit kleinen Tricks anstelle, einen Mann in die Arme zu bekommen – und ins Bett, was natürlich nicht offen gesagt wird. Als Susie diese Tricks bei von Ullrich ausprobiert und er sofort darauf anspringt, ist sie mächtig enttäuscht und zeigt Größe: Ja, sie will ihn. Aber sie sagt auch: Wenn du mich haben willst, musst du mehr sein als ein allerweltstestoreongesteuerter Heini. „When I love a man, … he must be hungry and thirsty forever, since I came along. I, Susie Sachs. No other woman on earth must do. That’s the sort of love I want.”

Lust ist auch lustig

Das ist natürlich ein romantisches, vielleicht utopisches Ideal. Aber für den Film wie Susie spricht, dass sie kompromisslos ist und sich nicht mit weniger zufriedengibt. Äußerst vergnügliche Elemente wie ein von Begehren und Koketterie geprägtes „Fangenspielen“ als wilde Hatz im „top shot“ sowie herrlich schräge Nebenfiguren runden den Eindruck ab. Einer dieser großen kleinen Warner-Filme, zudem mit dem Jäger als Beute. Veröffentlicht ist der Film bis heute nicht in Deutschland, aber in den USA in der Warner Archive Collection. Dort wird übrigens nicht der Bankdirektor höchst charmant über den Tisch gezogen, sondern der Kunde: Das Cover ziert nicht die Hauptfigur, die Kirchenmaus, sondern die Dame, die nackt aus der Badewanne heraus nach von Ullrich telefoniert.

Veröffentlichung (USA): 22. April 2010 als DVD

Länge: ca. 65 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Beauty and the Boss
USA 1932
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Joseph Jackson, nach einem Theaterstück von Ladislas Fodor
Besetzung: Marian Marsh, Warren William, Mary Doran, David Manners
Zusatzmaterial: keines
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein

Filmplakat: Fair Use

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Wild Tales – Jeder dreht mal durch: Aggressionstherapie nötig? (Filmrezension)

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Relatos salvajes

Für diesen Beitrag bedanken wir uns bei Matthias Holm, Gastautor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Episodenkomödie // Wer hat es sich nicht schon mal gewünscht, den nervenden Autofahrer vor einem zu rammen oder den Pfeifen in der Behörde mal so richtig die Meinung zu geigen? Diesen Wunsch nach Konfrontation reizt Damián Szifrón in seinem Film „Wild Tales“ aufs Äußerste aus.

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Auf einer staubigen Landstraße …

Der argentinische Regisseur erzählt sechs voneinander unabhängige Geschichten. Alle Episoden haben eins gemeinsam: Eine der Figuren dreht durch. Das kann zu witzigen Eskapaden führen, wie in der großartigen dritten Episode „Straße zur Hölle“, oder dem Zuschauer bleibt das Lachen im Halse stecken, wie in „Die Rechnung“. Nicht alle Geschichten zünden, und doch haben sie alle ihren eigenen Charme.

Nominiert für den Auslands-Oscar

Szifrón versteht es, innerhalb kürzester Zeit sechs Mal eine komplett andere Atmosphäre zu erschaffen und die Ausgangssituationen zu erläutern. Zwischendurch verzettelt er sich ein wenig – bei einer Laufzeit von knapp zwei Stunden schleicht sich die eine oder andere Länge in den Film. Dennoch bleibt „Wild Tales – Jeder dreht mal durch“ über die gesamte Laufzeit unterhaltsam. Eine Nominierung für den Auslands-Oscar war der Lohn, zudem hagelte es Auszeichnungen, darunter zehn Preise der argentinischen Filmakademie und einen Goya für den besten iberoamerikanischen Film.

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… kommt es zum Duell zweier Männer

Viel mehr muss man nicht über den schwarzhumorigen Film verraten, denn die Kapriolen, die die einzelnen Episoden schlagen, sollte man sich nicht spoilern lassen. Denn davon leben die Geschichten: von der Unvorhersehbarkeit und diesem Gefühl, dass man fast alles, was da passiert, auch mal machen will.

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Ich schreie nicht!

Veröffentlichung: 25 Juni als Blu-ray und DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Spanisch
Originaltitel: Relatos salvajes
ARG/SP 2014
Regie: Damián Szifrón
Drehbuch: Damián Szifrón
Besetzung: Darío Grandinetti, María Marull, Mónica Villa, Rita Cortese, Leonardo Sbaraglia
Zusatzmaterial:
Vertrieb: Prokino Home Entertainment

Copyright 2015 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Prokino Home Entertainment