„… was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch.“ – Ein Gespräch mit Clemens Bellut über seinen Buchladen „artes liberales“ in der Heidelberger Altstadt | Teil 1 von 2

29. Oktober 2013 § 5 Kommentare

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Vnicornis:
Du bist kürzlich von Zürich nach Heidelberg gezogen und hast hier am Kornmarkt in der Heidelberger Altstadt die Buchhandlung artes liberales eröffnet. Ich weiß von dir, dass du gar kein ausgebildeter Buchhändler bist. Kannst du ein wenig über deinen Hintergrund erzählen?

Clemens Bellut:
Ich bin überhaupt nicht ausgebildet als Buchhändler, sondern bin ausgebildeter Philologe und Philosoph und habe als solcher denn auch die letzten Jahre in Zürich an der Zürcher Hochschule der Künste gearbeitet bis zum vorigen Jahr. Dann ist das dortige Institut für Designforschung „Design2context“, das ich zusammen mit Ruedi Baur geleitet habe, wegen eines Rektoratswechsels geschlossen worden. Und auch das Haus, in dem ich gelebt habe, wurde zum Abriss freigegeben. Da habe ich beschlossen, die Stadt zu wechseln, und habe aus einer vergleichsweise unkomfortablen Situation eine komfortable Entscheidung gemacht, nämlich die Stadt auszusuchen, wo ich mir wünschen konnte, leben zu wollen. Daraus ist dann aus wiederum vergleichsweise zufälligen Gründen Heidelberg geworden. Und dann habe ich hier in der Altstadt am Kornmarkt eine wunderbare Wohnung gefunden. Und es war eines der ganz wenigen Dinge, die mir hier in Heidelberg als Manko aufgefallen sind, dass ich hier für meine Art, einen Buchladen zu verwenden, keine geeignete Buchhandlung gefunden habe. Ich hatte genau das Gegenteil erwartet und angenommen, es gäbe hier zahllose Buchhandlungen dieser Art, und war dann etwas verblüfft, weil ich dergleichen Buchhandlung, in der man sich hinsetzen und stöbern und lesen mag und interessante Leute trifft, in allen Städten hatte, in denen ich gelebt habe, in Frankfurt, in Bonn, Tübingen und Zürich, aber hier in Heidelberg witzigerweise nicht, obwohl von Heidelberg immer noch gesagt wird, es sei die Stadt mit der größten Buchhandlungsdichte, manchmal heißt es sogar, in der Welt. Ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Aber es gibt sehr gute Antiquariate hier, große und kleine, und so etwas wie eine Universitätsbuchhandlung, die aber zu einer Kette gehört und die zwar ein gutes Buchangebot hat und man auch schnell mit Bestellungen bedient wird, aber kein Ort ist, wo ich hingehen würde, um mich dort hinzusetzen und einen halben Samstagnachmittag zu verbringen, obwohl die Leute dort sehr freundlich sind. Und dann war in dem Haus, in dem ich wohne, unten ein sehr kleines Ladenlokal frei. Dafür gab es verschiedene Verwendungsvorschläge, und ich habe mich irgendwann gefragt, ob ich hier nicht eine Idee sich kristallisieren lassen wollte, die sich gar nicht so sehr auf einen Buchladen gerichtet hat, sondern auf eine winzig kleine Art von Akademie. Das verfolge ich schon seit bestimmt 25 Jahren, und da natürlich der Raum für so etwas viel zu klein ist, bin ich auf die Idee gekommen, das ganze von einer Keimzelle aus anzugehen, was dann ein Buchladen sein könnte. Und er heißt somit auch nicht Buchgeschäft, nicht Buchhandlung, sondern Buchladen, weil er so klein ist, dass er einfach ein Laden ist und sonst nichts. Und dann habe ich mit dieser Idee ein paar Wochen lang Umgang gepflegt, erst für mich und dann so peu à peu auch mit Freunden. Und da ich nicht nur kein Buchhändler bin, sondern auch gar keine Kaufmannsvergangenheit habe, auch familiär nicht, war das schon eine, sagen wir mal, nicht ganz einfache Überlegung, so etwas überhaupt tun zu wollen, weil ich wusste, dass da viele Anforderungen auf mich zukommen, die mir nicht in die Wiege gelegt worden sind, zum Beispiel die sinnvolle Bewirtschaftung und Organisation. Aber irgendwann hat dann die Schönheit dieser Vorstellung überhand genommen über all diese einschränkenden Überlegungen, die mir selbst dazu gekommen sind. Und wohlmeinende Freunde haben betriebswirtschaftliche Überlegungen angestellt, an die ich so vorher nicht gedacht habe und die sehr hilfreich waren. Aber es war dann gut zu sehen, dass sich meine Vorstellungen davon auch durch diese Einwände hindurch haben anreichern lassen. Also nicht einfach zu sagen, oh, es geht gar nicht, oder auch einfach zu sagen: Trotzdem! Sondern dass es sich da durchgewirkt hat. Und ich bin von dem, was daraus geworden ist, dann auch ganz entzückt.

Clemens Bellut vor seinem Schaufenster / Foto: Clemens Bellut

Clemens Bellut vor seinem Schaufenster / Foto: Clemens Bellut

Der Kornmarkt hier in der Heidelberger Altstadt liegt sehr zentral, Blick aufs Schloss, die meisten geisteswissenschaftlichen Institute sind innerhalb von Gehminuten erreichbar. Wie fühlst du dich hier?

Perfekt. Ich fühle mich hier schon wie die Spinne in ihrem Netz, weil es zwar einerseits zentral und andererseits eben so haarscharf nicht zentral ist, weil es nicht an der Heiliggeistkirche ist, nicht auf der Hauptstraße. Es ist sogar ein Platz, der, obwohl er vielleicht der schönste in Heidelberg ist, bei den Heidelbergern selbst, wenn man in der Stadt irgendwo nach dem Kornmarkt fragt, völlig unbekannt ist, oder wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, und ich sage, am Kornmarkt, dann fällt ihm offensichtlich immer der danach folgende Karlsplatz und nicht der Kornmarkt ein. Und wenn man dann das Stichwort gibt: Dort, wo die Madonna steht, die Kornmarktmadonna, dann dämmert es ihm, ach, da ist ja auch noch so ein kleiner Platz. Und hier gab es fast keine Geschäfte auf dem Kornmarkt, damals als ich hergekommen bin, dieses Schuhgeschäft dort hinten und dieses Haushaltswarengeschäft, ein Hotel, und ansonsten gewerblich überhaupt nichts. Dann sind hier in relativ schneller Folge in zwei benachbarten Häusern ein Friseursalon von Susanna Beck, das Café GRANO von Ertjon Doci und dann eben als letztes von den dreien mein Buchladen entstanden. Und dass wir drei auch untereinander ein bemerkenswert freundschaftliches Verhältnis und auch sehr viel Freude aneinander und an unseren drei Geschäften haben und wir auch diese Veränderung des Kornmarkts, die durch diese drei Geschäfte entstanden ist, jeden Tag mit Freude genießen – mit Freunden und Freuden –, das sind sicher Seiten, an die ich vorher überhaupt nicht gedacht habe, dass sich das so zeigen könnte. Und ansonsten mit den Instituten hier drum herum, die Altstadt als sozusagen der Standort für die geisteswissenschaftlichen Disziplinen und Fakultäten, das war schon zu Beginn in meiner Überlegung eigentlich eine Entstehungsbedingung, weil ich jetzt nicht einfach einen Buchladen für jedes erdenkliche Lesebedürfnis, sondern schon einen Laden machen wollte für die Bücher, die mir wichtig sind und von denen nahegelegen hat anzunehmen, dass das am ehesten Philosophen, Philologen, Historiker, vielleicht noch Gesellschaftswissenschaftler und Ethnologen sein könnten, die hier herkommen, die Theologen auch noch in der Nähe. Und all diese sind hier in diesem hinteren Teil der Altstadt mit Buchläden nun deutlich unterversorgt. Tatsächlich war es durch die ungefähr dreißig Meter entfernt liegende Studien- und Forschungseinrichtung der Germanistik wie vorherzusehen, dass ich von dort her die meisten Leute habe, die den Buchladen aufsuchen und das auch regelmäßig tun. Das war auch zu Beginn eines der Dinge, die mir Heidelberg so erfreulich gemacht haben, dass ich mich erstens in einer ganz grundsätzlichen Weise hier sehr willkommen gefühlt habe, obwohl ich keinen einzigen Menschen hier kannte, und dann aber beim Besuch von Cafés und Kneipen und Lokalen die schöne Beobachtung gemacht habe, dass man mit einer gewissen Regelmäßigkeit am Nachbartisch hat Leute jeglichen Alters miteinander sprechen hören, von zwanzig bis achtzig, die sich mit einer wunderbaren Häufigkeit über einen Film, über eine Theateraufführung, oder worüber sie gerade von Husserl oder Hegel gelesen haben, oder über ein Goethe- oder Paul-Celan-Gedicht unterhalten haben. Das hatte ich früher in meiner Studienzeit vor allem in Tübingen so auch und habe das dann in der Zeit in Frankfurt und Zürich so nicht mehr erlebt und auch sehr vermisst, und hier war es dann plötzlich wie ein Flashback zu meinen besten Studienzeiten. Und das sind die Menschen, die auch hier herkommen und mit denen dann irgendwie eine Verdichtung dieser Gesprächsmöglichkeiten für mich hier stattfindet, die ich mit Freuden beobachte.

Clemens Bellut / Foto: Clemens Bellut

Clemens Bellut / Foto: Indre Doci

Als wir uns kennengelernt haben, hast du erzählt, dass ein Student hier hereingekommen sei und gefragt habe, ob er bei dir die Antigone-Übersetzung von Friedrich Hölderlin bestellen könne, und du hast gesagt, du bräuchtest sie gar nicht zu bestellen, die stehe hier im Regal. Tatsächlich hast du hier eine ganze Menge an klassischer Literatur. Wie wählst du dein Sortiment aus?

Das ist interessanterweise eine häufig gestellte Frage, die mich tatsächlich ein bisschen verblüfft, dass sie so kommt, nicht dass sie jetzt von dir kommt, sondern dass sie so häufig hier gestellt wird, was ich als Reaktion auf diese sehr kleine Büchersammlung sofort nachvollziehen kann. Es sind ja nur vielleicht, wenn es hoch kommt, 1500 Titel hier. In Parenthese gesagt, heute habe ich einen Artikel gelesen mit einer Bemerkung über eine sehr kleine Buchhandlung in Berlin, die nur 5000 Bände vorrätig habe, und dann finde ich natürlich, dass mein Buchladen winzig klein ist, es sind ja nur zwanzig Quadratmeter. Und das Prinzip, nach dem ich die Bücher ausgesucht habe, sie mit diesem beschränkten Platz auszustellen, war, dass ich mir überlegt habe, welche Bücher ich bei mir selbst habe und welche Bücher davon wiederum diejenigen sind, die ich gerne einem öffentlichen Blick zugänglich machen möchte, in der Annahme, dass es nicht ganz selbstverständlich ist, sie überhaupt präsent zu haben, in einer Buchhandlung oft sowieso nicht. Dann aber sind es auch oft Titel, die man nicht auf den allerersten Blick, wenn man über ein Thema oder über einen Autoren nachdenkt, gleich im Sinn hat. Da gab es dann auch Sachen, die durchaus auch sehr teuer sein können, und mir viele Freunde gesagt haben, dass ich ja ganz schnell einen Rückzieher machen müsste, zum Beispiel eine sehr schöne Reprint-Ausgabe von Keplers Weltharmonik, die fast ein Folioband ist, und bei der mir schon mancher gesagt hat, das Buch wirst Du noch bis zum Ende Deiner Tage hier haben, und ich habe es inzwischen schon zweimal verkauft. Beim ersten Mal war ich tatsächlich ein bisschen traurig, dass es rausgegangen ist, weil ich es gerne hier haben wollte, um auch noch selbst reinschauen zu können. Und dann ist auch eine ganze Reihe von Büchern durchaus hier, weil sie mir von Kollegen, von Freunden empfohlen worden sind, und die sind manchmal so gelagert, dass sie mit anderen Interessen hier hereinkommen, wie meine Kollegin Kristina Koturic, die mir als Kunstwissenschaftlerin einige Dinge vorgeschlagen hat, die ich tatsächlich nicht im Blick hatte und froh war, darauf aufmerksam gemacht zu werden. Aber es gibt schon noch ein wichtiges Prinzip für mich, dass ich zu über neunzig Prozent der Bücher, die im Laden sind, auch irgendwie etwas sagen können möchte, und zwar nicht den Klappentext sondern mindestens mein Verhältnis zu diesem Buch, und sei es auch, dass ich es gar nicht gelesen und trotzdem etwas mit diesem Buch angefangen habe.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2013

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