Sicario – Drogenkrieg im Grenzgebiet (Filmrezension)

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Gastrezension von Simon Kyprianou, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Actionthriller // Die idealistische junge FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) wird von ihrem zwielichtigen Kollegen Matt Graver (Josh Brolin) für eine Spezialeinheit rekrutiert. Dieser neu gebildeten Taskforce gehört auch der ebenfalls zwielichtige Alejandro Gillick (Benicio del Toro) an, ein mexikanischer Ex-Staatsanwalt und Söldner. Schon beim ersten – blutigen – Einsatz wird Macer klar, dass sie sich fortan nicht mehr in den Grenzen der Legalität bewegt und dass Graver und Gillick fest entschlossen sind, den Drogenkrieg mit unlauteren Mitteln zu bekämpfen. Macer will die beiden Männer ausbremsen, aber ihre Stimme der Vernunft verhallt ungehört.

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Im Grenzgebiet herrscht eine Atmosphäre des Krieges

Immer wieder gibt es Aufnahmen von oben, um das Chaos und die Ausweglosigkeit der Situation, des längst gescheiterten Drogenkriegs auch topologisch nachvollziehbar zu machen ständig untermalt vom grollenden Brummen des Soundtracks. Roger Deakins’ Kamera fängt die sengende Hitze Mexikos und das dort herrschende Chaos wahrlich bedrückend ein.

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Agentin Macer zieht in den Einsatz

„Sicario“ ist ein ungemütlicher Film, der – vor allem im Hinblick auf die Figuren – immer unheilvoll unzuverlässig erzählt und der seinen wahren Schrecken erst am Ende in einer rauschenden, von Nachtsichtgeräten in diffuses Grün gehüllten Actionszene offenbart. Denis Villeneuve spielt sein visuelles Können hier ganz und gar aus. Mit narrativem Ballast hält er sich nicht lange auf, sondern er konzentriert sich ganz darauf, aus „Sicario“ düsteres, grimmiges Genrekino zu machen. Glücklicherweise bewahrt er sich dabei die Haltung zu seinem Sujet, dem Drogenkrieg, sowie zu den Mitteln der US-Regierung, die von Emily Blunts Rolle personifiziert wird. Blunt, del Toro und Brolin sind ganz fantastisch. Für eine zweite Meinung empfehle ich Iris Jankes – ebenfalls positive – Würdigung des Films bei „Die Nacht der lebenden Texte“.

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Die Einheit arbeitet ihre Strategie aus

Nach „Prisoners“ und „Enemy“ ist „Sicario“ ein weiterer äußerst gelungener Film von Villeneuve, dessen nächstes Projekt die Fortsetzung von „Blade Runner“ sein wird, mit Ryan Gosling und erfreulicherweise auch wieder Harrison Ford. Man darf gespannt sein. Habt Ihr einen Favoriten von Denis Villeneuve?

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Kate führt einen Stoßtrupp an

Veröffentlichung: als 4. Februar 2016 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sicario
USA 2015
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
Besetzung: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Jon Bernthal, Victor Garber, Alan D. Purwin, Jeffrey Donovan, Sarah Minnich, Lora Martinez-Cunningham, Raoul Trujillo
Zusatzmaterial: Takte aus der Wüste: Die Filmmusik, In die Finsternis eintreten: Das visuelle Design, Blunt, Brolin, & Benicio: Die Darstellung der Charaktere, Kampfzone: Der Hintergrund von „Sicario“
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

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Fotos & Packshots: © 2016 Studiocanal Home Entertainment

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt (Rezension)

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Gastrezension von Ulli Gau, die mit ihrem Café Weltenall einen wunderschönen Blog betreibt.

In den letzten Wochen habe ich den Schriftsteller Maarten ‚t Hart entdeckt. Und wenn ich erst einmal begeistert bin, dann schaue ich nach mehr Büchern von ein und demselben Autor.

Maarten ‚t Hart wurde 1944 in Maassluis (NL) als Sohn eines Totengräbers geboren. Er studierte Biologie in Leiden und dozierte dort in dem Fach Tierethologie. Mittlerweile sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen. Ich las:

  • In unnütz toller Wut
  • Die Netzflickerin und
  • Das Wüten der ganzen Welt, um das es hier geht …

Maarten ‚t Hart ist ein wunderbarer Erzähler, verknüpft seine philosophischen Gedanken über Gott und die Welt geschickt mit seinen Geschichten, die in der Regel keine leichte Kost sind, die aber durch seinen Humor immer wieder Leichtigkeit erfahren. Außerdem ist er ein großer Klassikliebhaber. Bach steht bei ihm ganz vorne, aber auch Brahms, Mozart, Beethoven, Mendelssohn Bartholdy und Bruckner tauchen immer wieder in seinen Romanen auf.

Das Wüten der ganzen Welt ist im weitesten Sinne ein Krimi. Zum Buch erschien ebenfalls eine CD mit den von ihm erwähnten Musikstücken. Diese steht nun auf meinem Wunschzettel …

Maarten 't Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Es ist nicht wirklich meine Art Rezensionen zu schreiben. Lieber ist es mir, Stellen, die ich im Buch angestrichen habe, mit euch zu teilen. Das sind Stellen, die ich später gerne noch einmal lese, um sie zu verinnerlichen und zu verdauen. Manche können auch Bestätigungen für meine eigenen Gedanken, mein eigenes Erleben und Spüren sein.

Eine besondere Freude war es für mich, in sehr wenigen Sätzen endlich das Phänomen der Zeit erklärt zu bekommen. Schon länger grübele ich daran herum, wie es gemeint sein kann, wenn manche WissenschaftlerInnen behaupten, dass es die Zeit an sich nicht gäbe, keine Vergangenheit, keine Zukunft, alles soll immer gleichzeitig stattfinden, nur wir kleine Menschen mit unserem speziellen Hirn könnten dies nicht fassen. Ha! Es geht:

„Wie eigenartig, dass man in einem solchen sonnendurchglühten Augenblick denkt, das ganze Leben liege noch vor einem, während sich später herausstellt, dass ein solcher Moment das wahre Leben ist. Die Hoffnung hat dann noch einen langen Weg zu gehen; von Beruhigung kann nicht die Rede sein, alles atmet Erwartung. Ich wollt, ich stünde wieder dort, an einem solchem Sommertag im Februar, während sich die Gardinen blähten und mir ins Gesicht wehten. Solange sich das Weltall ausdehnt, bleibt jeder Augenblick in einem Menschenleben bestehen, denn irgendein Fleckchen im Weltall ist genauso viele Lichtjahre von diesem Augenblick entfernt. Wenn du an jenem Fleckchen wärst und durch ein Fernglas zur Erde schauen könntest, würdest du dich selbst dort stehen sehen – am offenen Fenster, in der Sonne, für immer an den einen Punkt der Zeit festgenagelt, der niemals verlorengehen wird.“ (S. 267)

(Be-)merkenswertes:

„Es ist viel schwieriger, sich nach Jahren noch an etwas zu erinnern, was man damals gedacht hat, als das, was damals geschah …“ (S. 312)

„Warum hatte ein Mensch Eltern? Warum riefen sie, wie sie so dahinschlurften, derartig gegensätzliche, einander widerstreitende, schmerzliche Gefühle in einem hervor, Erbarmen und Entsetzen, Mitleid und Abscheu, Anhänglichkeit und Wut? Es war, als müsste die Zuneigung im selben Augenblick von Gefühlen begleitet werden, welche diese Zuneigung wieder zunichte machten. Liebe wurde zu Groll, Anhänglichkeit zu Ablehnung.“ (S. 314)

Maarten 't Hart bei einer Signierstunde

Maarten ‚t Hart bei einer Signierstunde / Bild: Jost Hindersmann/wikimedia unter CC-by-SA 3.0

Im folgenden Absatz geht es um die Spießbürgerlichkeit bzw. dem kleinen Geist der Menschen aus dem Dorf, in dem der Protagonist aufwuchs.

„Spießbürgerlich? Findest du das? Das ist nicht der richtige Ausdruck. Du könntest eher sagen: beschränkt. Oder nein, das ist es auch nicht, die Menschen dort sind sehr herzlich, viel herzlicher und gemütlicher als hier in Leiden. Aber ihre Welt ist klein, sie haben immer nur zwischen Fluss und Bahnübergang gewohnt, sie haben den Fluss nie überquert und den Bahnübersteig nur selten. Dadurch können sie vieles nicht verstehen. Für sie ist eine unverheiratete Mutter eine rätselhafte Erscheinung. Davon haben sie eigentlich noch nie etwas gehört. Und eine Universität? Na, du hast gehört, was dein Vater sagte: >Gehst du hier auch zur Schule?Das Leben ist banaldas Leben ist eine Dreigroschenoper, all die erhabenen literarischen Geschichten versuchen nur, die bittere Pille zu versüßen, schlagen nur Schaum vor deinen Augen, vertuschen und vergewaltigen nur die alltägliche Wirklichkeit, blenden dich nur mit Ästhetik. Hannah Arendt spricht so eindrucksvoll von der Banalität des Bösen, aber auch das Gute ist banal, sogar das Erhabene ist banal. Das Leben ist so flach, soll ein Dichter einmal gesagt haben, dass du an seinem Ende schon deinen Grabstein stehen sehen kannst.<“ (S. 404)

Zum Ende noch der Klappentext, von Elke Heidenreich geschrieben:

„Es ist eine Geschichte über Musik und Schönheit, Enge und Verbohrtheit, über das Erwachsenwerden und die Nachkriegszeit, verzweifelte Lebenslügen und feigen Verrat – und wenn man ganz am Schluss den Prolog noch einmal liest, dann wächst der Roman zu einem wunderbaren Kunstwerk zusammen. Dass dieses Kunstwerk sogar auch komisch ist, ist ein besonderer Verdienst des Autors, der in den Niederlanden zu den Großen zählt.“

(c) Ulli Gau 2016

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Piper, München, Zürich 1999. 410 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

„Die Welt ist immer noch scheiße.“ – Joe R. Lansdale: Gluthitze (Rezension)

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Ich kann nicht immer nachvollziehen, wieso manche Originaltitel es nicht in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Titel des amerikanischen Thrillers Leather Maiden von Joe R. Lansdale wäre mit Lederbraut adäquat übersetzt gewesen. Warum Suhrkamp den Roman stattdessen mit Gluthitze betitelt, erschließt sich mir nicht. Der Titel der deutschen Erstausgabe Gauklersommer trifft es schon ein wenig besser, denn ein Gaukler spielt hier tatsächlich sein Spiel – ein grausames Spiel.

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Joe R. Lansdale: Gluthitze

Es geht um Sexvideos, Erpressung, ein wenig Rassismus als Hintergrund, ein osttexanisches Kaff, einen miesen Pfarrer, eine Lokalzeitung, eine Vermisste und viel Schmutz unter der Oberfläche.

Erzählt wird all das von Cason Statler, einem Veteran des Irakkrieges und Zeitungsreporter, der den Schmutz nach und nach aufdeckt und dabei einem Pärchen auf die Schliche kommt, das auf ganz widerliche Weise mordend den mittleren Westen der USA heimsucht. Mehr wird hier nicht verraten.

Der Roman ist schnell, kurzweilig, hat einige hervorragende Wendungen, die Sprache ist derb, keine schöngeistige Literatur.

Neben der überzeugenden Hauptperson Statler treten einige bemerkenswerte Gestalten auf. Erwähnt sei vor allem Statlers Kamerad aus dem Irakkrieg – Booger, der sich selbst als Soziopath bezeichnet (er weiß es wohl am besten) und einer Lady schon mal auf die Schulter klopft und sagt: „Vögelst du immer noch für Geld?“ Booger ist ein vulgärer, frauenfeindlicher und schießwütiger Biersäufer und bekommt dennoch alle Sympatiepunkte. Ohne ihn wäre Statler womöglich doch ein wenig blass. Und Boogers Freund Mr Lucky, eine .45er, schießt auch mal den Kopf eines Handlangers so kaputt, dass es nur so …

Der Roman hat ein paar inhaltliche Schwächen, die ich nicht aufzählen muss. Das Buch funktioniert trotzdem wunderbar. Nur von dem mörderischen Gaukler hätte ich mir mehr Präsenz erwartet. Aber so sind sie halt, die Gaukler.

Kurz vor Ende bemerkt Statler, was die Atmosphäre des Romans ziemlich gut auf den Punkt bringt: „Die Welt ist immer noch scheiße.“

Joe R. Lansdale: Gluthitze, Suhrkamp, Berlin 2013. Deutsche Erstausgabe erschienen unter dem Titel: Gauklersommer, Golkonda, Berlin 2010.

(c) belmonte 2015

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Feuerwerk am helllichten Tage – Zu Recht zwei Berlinale-Bären (Filmrezension)

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Simon Kyprianou ist Gastautor beim Filmblog Die Nacht der lebenden Texte, den der freundschaftlich mit uns verbundene Blogger Volker Schönenberger betreibt. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, auch für vnicornis einen Text zu liefern.

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Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Im Sommer 1999 werden in Nordchina männliche Leichenteile in den Kohlelagern der Region gefunden. Die Polizei nimmt an, dass der Mörder ein Serientäter ist. Der Polizist Zili (Fan Liao) übernimmt den Fall. Bei einer Festnahme wird sein gesamtes Team erschossen. Zili quittiert den Dienst.

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Zili ist ein gebrochener Mann

Einige Jahre später werden im Winter wieder Leichenteile gefunden – der Mörder ist zurück. Zili ist mittlerweile heruntergekommen und müde, ein Mann ohne Aufgabe, abgestumpft und lebenssatt. Der Jagd nach dem Serienkiller wird für ihn zu einer Erlösung, zu einer Wiedergeburt. Alle Opfer hatten eine Beziehung mit Wu Zhizhen (Lun Mei Gwei). Zili beginnt, sie zu beschatten. Nach und nach verliebt er sich in sie.

Ein Antiheld kehrt zurück ins Leben

Am Anfang des Films hat Zili mit seinem Leben abgeschlossen. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Leute sind tot, es gibt für ihn keinen Grund mehr zu existieren. Am Ende, wenn er Jahre später den Fall endlich lösen konnte, tanzt er in einer beinahe grotesken, ausufernden Szene wie von Sinnen, wie ein Verrückter zu Musik. Der Erfolg hat ihn erlöst von seiner Depression. Aber es ging im nie um die Menschen, es ging ihm nie um die erloschene Liebe seiner Frau oder seine Zuneigung zu Wu, es ging ihm auch nie um die Wahrheit. Es ging ihm immer nur um den Erfolg, der die Rückfahrkarte in sein früheres Leben bedeutet. Zili ist ein klassischer Antiheld, ein Unmensch, ein Unsympath.

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Wieso sterben die Leute in Wus Nähe wie die Fliegen?

Regisseur Diao Yinan inszeniert mit „Feuerwerk am helllichten Tage“ eine interessante Film-noir-Hommage. Wir begegnen Antihelden, Femmes fatales, wir blicken in menschliche Abgründe und am Ende stehen Leere und Hoffnungslosigkeit. Alles wird untermalt von unaufhörlich fallendem Schnee, der die Welt zu einem surrealen, kalten Ort werden lässt, ein Ort, der das Innere der Charaktere widerspiegelt. Alle Charaktere sind innerlich längst tot, ihre Leidenschaft ist erloschen und ihr Leben vergeudet, ein konsequenter Film noir.

Gewinner des Goldenen und eines Silbernen Bären

Die Reise in den Abgrund wird in ausgesucht schönen Bildern erzählt. Elegisch hält Regisseur Yi’nan Diao die kalte, menschenfeindliche Schneewelt fest, durch die er seine Figuren wie innerlich tote Geister wandeln lässt. Grandios ist das mit dem Silbernen Bären der Berlinale prämierte Spiel von Fan Liao. Mit erschreckender Intensität spielt er das Leiden und die moralische Verwahrlosung seiner Figur. So langsam und gelegentlich vielleicht auch etwas schleppend der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale auch inszeniert ist, er bewahrt sich immer eine düstere Poesie, eine abgründige Trauer und eine grandiose Atmosphäre. Ein beachtlicher Film!

Veröffentlichung: 6. November 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Hochchinesisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bai ri yan huo
CHN 2014
Regie: Yi’nan Diao
Drehbuch: Yi’nan Diao
Besetzung: Fan Liao, Lun Mei Gwei, Xuebing Wang
Zusatzmaterial: Pressekonferenz der Berlinale, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Eine Festnahme kurz vor der Eskalation

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot & Fotos: © 2014 Studiocanal Home Entertainment