Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod – Der Privat-Genozid von Leopold II. (Filmrezension)

White King, Red Rubber, Black Death

Diesmal rezensiert Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ hier eine Doku über das Wüten eines westeuropäischen Monarchen in Zentralafrika

Historien-Doku // Wer hat je den Begriff Kongogräuel vernommen? Ein Geheimnis sind die Missetaten des belgischen Königs Leopold II. (1835–1909) in seinem zynisch Kongo-Freistaat benannten Eigentum in Zentralafrika nicht. Aber ich bin kürzlich nur zufällig darauf gestoßen. Die Geschichte des Kolonialismus ist an Gräueln ohnehin nicht arm, aber das Wüten von Leopold II. ist schon ein besonderes Kapitel.

Tribunal gegen Leopold II.

Der britische (?) Regisseur Peter Bate hat die blutige Geschichte dieser belgischen Kolonie 2003 in seinem Dokumentarfilm „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ festgehalten. Er verwendete dafür Archivaufnahmen in Form von Fotos und Bewegtbildern, führte Interviews mit Historikern und stellte Szenen nach. Heraus kam ein beklemmendes Werk, das uns auf nachhaltige Weise das Wüten der Weißen in Afrika in Erinnerung ruft. Zu diesem Zweck inszenierte Bate ohne jede Effekthascherei in zurückhaltenden Bildern ein Tribunal gegen Leopold II. inklusive Zeugenaussagen. In Wirklichkeit hat es einen solchen Prozess nie gegeben.

Der belgische König Leopold II. (Foto gemeinfrei, Fotograf unbekannt)

Leopold II. folgte 1865 seinem verstorbenen Vater auf den belgischen Thron. Leopold I. (1790–1865) war 1831 nach der Unabhängigkeit des Landes von den Niederlanden zum ersten belgischen König gekrönt worden. Als Monarch konnte Leopold II. seine kolonialistischen Ideen für Belgien nicht in die Tat umsetzen, zumal viele Weltregionen bereits aufgeteilt waren. Dank üppigen Vermögens war er aber in der Lage, dies als Privatmann zu tun. 1876 gründete er das Komitee zur Erforschung des oberen Kongo, das nach außen hin wissenschaftliche Forschung und humanitäre Missionen unterstützen sollte, dem König aber den Weg zu umfangreicher Landnahme ebnete. Als seine Speerspitze fungierte der bekannte Afrikaforscher Henry Morton Stanley (1841–1904), dessen Expeditionen er über das Komitee für fünf Jahre finanzierte. Der drang auf rücksichtslose Weise ins Innere Afrikas vor und ließ von zahlreichen Stammeshäuptlingen deren Land auf Leopold II. umschreiben. Nebenbei gründete er zu Ehren seines Finanziers die Stadt Leopoldville, das heutige Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo.

Der belgische König als Großgrundbesitzer in Afrika

Die Kongokonferenz in Berlin regelte 1885 den Freihandel in Afrika und zementierte die Ansprüche des belgischen Königs: Die Association Internationale du Congo (AIC, Internationale Kongo-Gesellschaft, Nachfolge-Organisation des oben erwähnten Komitees) wurde als Eigentümerin des Gebiets bestätigt, und da Leopold II. mittlerweile der einzige Anteilseigner war, gehörte nun ihm das gesamte Gebiet: der Kongo-Freistaat mit von ihm erlassener Verfassung, eigener Armee (der bis 1960 existierenden Force Publique) und von ihm eingesetzter Regierung, die einzig ihm verantwortlich war – ein Paradebeispiel für absolutistische Herrschaft. Peter Bates Doku zufolge war der belgische König somit Eigentümer über eine Million Quadratmeilen zentralafrikanischen Bodens, er herrschte über 20 Millionen Menschen.

Elfenbein und Kautschuk

Was ich hier tue, geschieht aus Christenpflicht gegenüber den armen Afrikanern, und ich will von all dem Geld, das ich ausgegeben habe, keinen einzigen Franc zurück. So zitiert „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ Leopold II. Kann sich jemand mehr in die Taschen lügen, die er sich zuvor rücksichtslos und grausam vollgestopft hat? In der Tat steckte der König viel Geld in die Erschließung des Gebiets. Diese Investition diente jedoch in erster Linie der Ausbeutung. Wichtigster Rohstoff noch vor dem ebenfalls begehrten Elfenbein war Naturkautschuk, das per Vulkanisation zu Gummi wurde und so verarbeitet für die Industrie der Kolonialstaaten einen wichtigen Werkstoff darstellte.

Völkermord an zehn Millionen Kongolesen

Zur systematischen Ausbeutung des Landes wurde ein System der Zwangsarbeit eingerichtet, dem von 1888 bis 1980 bis zu zehn Millionen Kongolesen zum Opfer fielen, mithin die Hälfte der einheimischen Bevölkerung. So wurden nicht nur Befehlsverweigerung und Widerstand hart bestraft, sondern auch nicht erreichte Mengenvorgaben bei der Kautschukgewinnung. Das übernahmen angeworbene Söldner und die oben erwähnte Force Publique, deren 19.000 afrikanische Soldaten von europäischen Offizieren angeführt wurden. Um ihre Arbeiter zum Erreichen von Lieferquoten und -fristen zu bewegen, nahmen die Aufpasser deren Ehefrauen als Geiseln, die ermordet wurden, wenn die Männer verspätet oder mit zu wenig Ertrag aus dem Dschungel zurückkehrten. Prügelstrafe, Auspeitschungen mit der aus Nilpferdhaut hergestellten Chicotte, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Mord und Massenmord (wenn sich etwa ein gesamtes Dorf unkooperativ zeigte) waren gängige Mittel.

Ein Soldat der Force Publique züchtigt einen Mann mit einer Peitsche aus Nilpferdhaut (Foto gemeinfrei, Fotograf unbekannt)

Besonders beliebt und auch in „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ thematisiert: das Abhacken von Händen. So mussten die afrikanischen Soldaten der Force Publique über jede verschossene Gewehrpatrone genau Rechenschaft ablegen, indem sie die rechte Hand des oder der Erschossenen vorlegten. Diese brutale Amputation erstreckte sich selbstverständlich nicht nur auf Leichen. Und weil ein Arbeiter mit nur einer Hand natürlich nutzlos war, hackte man einem seiner Kinder die Hand ab. Diese grausame Praxis wurde nicht zuletzt durch das Foto „ Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession)“ in Europa bekannt, zu deutsch: „Nsala aus Wala im Nsongo-Distrikt (Konzessionsgebiet Abir)“. Es zeigt einen Mann namens Nsala, der auf die abgehackte Hand und den abgehackten Fuß seiner etwa fünfjährigen Tochter Boali blickt. Die Kleine war zuvor erschossen, Teile von ihr sind womöglich auch verspeist worden. Das Bild hatte die englische Missionarin Alice Seeley Harris (1870–1970) am 14. Mai 1904 geknipst.

Früher Menschenrechtler: Edmund Morel

Dass die Kongogräuel in Europa Aufmerksamkeit erhielten, lag in erster Linie an dem britischen Journalisten Edmund Dene Morel (1873–1924), dem Peter Bate in seiner Doku breiten Raum gewährt. Morel nahm als junger Mann eine Beschäftigung bei der britischen Reederei Elder Dempster an, die das Monopol auf den Transport der Handelsgüter aus dem Kongo-Freistaat besaß. Morel bemerkte, dass die Schiffe, die mit Kautschuk beladen im Hafen von Antwerpen eintrafen, diesen mit Waffen und Munition beladen wieder verließen. Weitere Nachforschungen ergaben ein Bild von Zwangsarbeit und Sklaverei. Fortan schrieb sich Morel den Kampf dagegen auf die Fahnen; er gründete zu diesem Zweck die Congo Reform Association, die als eine der ersten Menschenrechtsorganisationen gesehen werden kann, und wurde als Publizist aktiv. So war er es auch, der das erwähnte Foto von Alice Seeley Harris veröffentlichte.

„Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession)“ (Foto gemeinfrei, Fotografin: Alice Seeley Harris)

Der öffentliche und internationale Druck auf Leopold II. wuchs durch Edmund Dene Morels leidenschaftlichen Einsatz enorm, was den König 1908 zwang, den Kongo-Freistaat an den belgischen Staat zu verkaufen. So wurde daraus bis zur Unabhängigkeit 1960 eine herkömmliche Kolonie: Belgisch-Kongo. Aufgrund der ans Tageslicht gekommenen Machenschaften im Kongo-Freistaat war Leopold II. bei anderen europäischen Herrschaftshäusern nicht mehr unbedingt gern gesehener Gast. Er starb am 17. Dezember 1909, ohne je für die Kongogräuel zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Die belgische Königsfamilie drückt ihr Bedauern aus

Die belgische Königsfamilie schreibt auf ihrer offiziellen Internetpräsenz: Aufgrund der durch die Europäer in Afrika begangenen Exzesse wird der Ruf von Leopold sowie der seines überseeischen Werkes in Frage gestellt. Etwas euphemistisch formuliert, aber wer gibt schon gern zu, einen für Massenmord bis hin zum Genozid verantwortlichen Vorfahr in der Familie zu haben? Erlaubt sei allerdings die Frage: Hat das belgische Königshaus der kongolesischen Bevölkerung einen nennenswerten Anteil des Privatvermögens der Familie überlassen, um wenigstens ein Mindestmaß an Entschädigung zu leisten? Jedenfalls ist das Thema dank #BlackLivesMatter in Belgien wieder aktuell geworden, jüngst entbrannte eine heftige Debatte um Standbilder Leopolds II. und die koloniale Vergangenheit. Erstmals drückte der belgische König Philippe am 30. Juni 2020, dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo, in einem Schreiben an den kongolesischen Staatspräsidenten Félix Tshisekedi sein tiefstes Bedauern über die Verletzungen der Vergangenheit aus. Ich bin gespannt, wie sich der Diskurs dort entwickelt.

Verstümmelte Kongolesen, Anfang des 20. Jahrhunderts (Fotos gemeinfrei, Fotografinnen/Fotografen: Alice Harris, Daniel Danielson u. a.)

Die internationale Koproduktion „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ wirft einen Blick zurück auf unfassbares Unrecht. Das Leid, das die Kolonialmächte ohne jeden Skrupel über die Menschen gebracht haben, lässt sich nicht erspüren, aber mit Dokumentationen wie dieser in der Erinnerung halten. Jede Nation, die als Kolonialmacht in Erscheinung getreten ist, hat großes Unrecht begangen. König Leopold II. war ein Despot, der sich besonders übel hervorgetan hat, auch ohne sich persönlich die Hände blutig zu beflecken.

In den USA auch auf DVD erschienen

„Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ ist nur in den USA auf DVD veröffentlicht worden. Die Doku kann in englischer Sprache gratis und legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. In Deutschland hat der Fernsehsender Arte sie seinerzeit mit deutschem Sprecher ausgestrahlt, diese Version findet sich noch bei YouTube, wenn auch vermutlich nicht autorisiert, weshalb ich auf das Verlinken verzichte.

Buch und Doku „Schatten über dem Kongo“

Ein ausführlicher Bericht über die Geschehnisse im Kongo-Freistaat findet sich bei „all that’s interesting“. Wer das gedruckte Wort einem Online-Text vorzieht, kann auf das Sachbuch „King Leopold’s Ghost – A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa“ zugreifen, das der US-Publizist Adam Hochschild 1998 veröffentlichte. Es ist zwei Jahre später unter dem Titel „Schatten über dem Kongo – Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechens“ auch in Deutschland erschienen. 2006 entstand eine gleichnamige Doku zu Hochschilds Buch. Sie ist 2014 als DVD-Beilage der Zeitschrift „Geo Epoche – Afrika“ in Deutschland erschienen und kann ebenfalls bei YouTube gefunden werden.

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“

Einen literarischen Kommentar zur Ausbeutung der Menschen im Kongo-Freistaat gab 1899 Joseph Conrad mit seinem Roman „Heart of Darkness“ („Herz der Finsternis“) ab. Francis Ford Coppola nahm sich 1979 ganz viele Freiheiten, verlegte die Handlung des Buchs in den Vietnamkrieg und schrieb mit „Apocalypse Now“ Filmgeschichte.

Veröffentlichung (USA): 28. Februar 2006 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Niederländisch, Englisch, Französisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: White King, Red Rubber, Black Death
Französischsprachiger Titel: Le Roi blanc, le caoutchouc rouge, la mort noire
BEL/AUS/KAN/DK/FIN/F/D/NL/GB 2003
Regie: Peter Bate
Drehbuch: Peter Bate
Mitwirkende: Elie Lison, Roger May, Steve Driesen, Tshilombo Imhotep, Annette Kelly, Dirk Beirens, Nick Fraser (Erzähler), Guido Grysseels, Elikia M’Bokolo, Maria Misra, Daniel Vangroenweghe
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Art Mattan

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2006 Art Mattan

Flug der Schmetterlinge – Die lange Reise der Supergeneration (Filmrezension)

Flight of the Butterflies

Diesmal hat uns Volker Schönenberger die Rezension einer sehenswerten Natur-Doku zur Verfügung gestellt – dafür herzlichen Dank an den Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Natur-Doku // Dem kanadische Zoologen und Schmetterlingskundler Frederick Urquhart (1911–2003) gelang es in den 1970er-Jahen, bahnbrechende Erkenntnisse über den Monarchfalter zu erlangen, die geradezu als Naturwunder angesehen werden können. Bei diesen auch Amerikanischer Monarch genannnten Schmetterlingen handelt es sich um sogenannte Wanderfalter, also Tiere, die gezielt in Schwärmen große Strecken zurücklegen.

Die Raupe des Monarchfalters

Das Beeindruckende an den Monarchfaltern, deren Lebenserwartung vier bis sechs Wochen beträgt: Ihr Wanderungszyklus dauert mehrere Generationen. Drei Generationen sind erforderlich, bis die Tiere in Nordamerika ihren nördlichsten Lebensraum im Norden der USA und Süden Kanadas erreicht haben. Der schlüpft eine Art „Supergeneration“ – besonders kräftige Falter mit längerer Lebenserwartung, die in der Lage sind, den Rückweg anzutreten und am Ziel anzukommen: mexikanische Gebirgstäler, die ihre Vorfahren einige Generationen zuvor verlassen haben. Sie erreichen also eine alte Heimat, die sie überhaupt nicht kennen! Auf ihrem Zug ins Winterquartier legen die Falter durchschnittlich 75 Kilometer am Tag und insgesamt eine Strecke von beinahe 4.000 Kilometern zurück. Dabei orientieren sie sich an der Sonne und dem Magnetfeld der Erde.

Im Kokon

Drei Generationen wandern nach Norden, eine Generation wandert nach Süden – ob es dieses Phänomen bei anderen Tieren gibt? Dem Natur-Dokumentarfilmer Mike Slee („Bugs!“) gelangen wunderbare Aufnahmen dieser so zerbrechlich wirkenden Geschöpfe. Um den gesamten Wanderzyklus abbilden zu können, drehte er über den Zeitraum eines Jahres bis März 2012. Die Bilder der Monarchfalter werden eingerahmt von Spielszenen, die eine kurze Chronik von Fred Urquharts Schmetterlingsforschung zeigen – von seiner Kindheit bis ins hohe Alter. Urquharts Faszination für diese winzigen „Wanderchampions“ überträgt sich aufs Publikum.

In ganzer Pracht

„Flug der Schmetterlinge“ wurde 2013 von der Giant Screen Cinema Association mehrfach prämiert, darunter mit dem Preis für den besten Kurzfilm, den besten Film für lebenslanges Lernen und die beste Kamera. Weitere Preise folgten. Nach Sichtung von „Flug der Schmetterlinge“ sieht man die Monarchfalter mit anderen Augen.

Es wird ausgeschwärmt

Veröffentlichung: 11. Dezember 2015 als Blu-ray 3D (inkl. Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 45 Min. (Blu-ray), 43 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Flight of the Butterflies
GB/MEX/KAN 2012
Regie: Mike Slee
Drehbuch: Wendy MacKeigan, Mike Slee
Besetzung: Gordon Pinsent, Patricia Phillips, Shaun Benson, Stephen Bogaert, Megan Follows
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Originaltrailer, Behind the Scenes, Trailershow, Vertikalschuber, Wendecover
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

Diva – Der Postbote und die Star-Sopranistin (Filmrezension)

Diva

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an den Blogger Volker Schönenberger persönlich.

Thriller // Der junge Pariser Postbote Jules (Frédéric Andréi) stellt des Abends sein Mofa vor der Opéra Garnier ab und betritt das Opernhaus. Auf dem Programm: ein ausverkauftes Konzert von Cynthia Hawkins (Wilhelmina Fernandez) – Jules verehrt die berühmte Sopranistin. Er nimmt im Parkett Platz und harrt des Auftritts. Sie beginnt ihre Darbietung mit der Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper „La Wally“. Niemand bemerkt, wie Jules heimlich sein eingeschmuggeltes Aufnahmegerät einschaltet und das Konzert mitschneidet. Wirklich niemand? Hinter ihm sitzen zwei sonnenbebrillte Taiwanesen (Jim Adhi Limas, zweiter Darsteller nicht bekannt).

Gefeierte Opern-Diva: Cynthia Hawkins gibt ein Gastspiel in Paris

Nach dem Konzert gelingt es Jules sogar, sich sein Programmheft von der Diva signieren zu lassen. In all dem Trubel nimmt er sich noch ein besonderes Souvenir mit: das Kleid, das Hawkins bei ihrem Auftritt getragen hat. Sein größter Schatz ist aber natürlich die Tonaufnahme, denn die Sopranistin hat sich bisher jedem Versuch verweigert, ein Album aufzunehmen oder überhaupt irgendeinen Mitschnitt ihres Gesangs anfertigen zu lassen.

Postbote Jules stößt mit einer Flüchtenden zusammen

Tags darauf trifft eine gehetzt wirkende Frau (Chantal Deruaz) per Bahn in Paris ein. Die Barfüßige wird bereits von der Kriminalbeamtin Paula (Anny Romand) und ihrem Informanten Krantz (Jean-Jacques Moreau) erwartet, doch auch die beiden Gangster Cure (Dominique Pinon) und der Antillaner (Gérard Darmon) sind hinter der Frau her. Kurz darauf ist die Frau tot, doch vorher hat sie eine Audiokassette mit einer belastenden Aussage in der Seitentasche von Jules’ Mofa verschwinden lassen. Nun ist der junge Postbote im Besitz von zwei brisanten Aufnahmen und wird bald von den Gangstern, den Taiwanesen und dem Polizeichef Saporta (Jacques Fabbri) gejagt. Die unbekümmerte junge Vietnamesin Alba (Thuy An Luu) und ihr älterer Freund Gorodish (Richard Bohringer) erweisen sich als unverhoffte Unterstützung.

„Diva“-Kult in den 80er-Jahren

„Diva“ erspielte sich seinerzeit einen Status als Kultfilm. In manchen Kinos lief er jahrelang, galt in puncto Kinovorführungen als Rekordfilm, wenn ich mich recht entsinne. Ich schaute den Thriller erstmals irgendwann Mitte der 80er in einer Spätvorstellung im „Broadway“ in der Hamburger Innenstadt, wo er im fünften oder sechsten Jahr lief, auch hier: wenn mich die Erinnerung nicht trügt. Das Kino war allerdings nur mit einer Handvoll Personen gefüllt (ich war dort mit einer Mitschülerin, in die ich damals verknallt war – vergeblich, aber über den Liebeskummer kam ich hinweg). Die fast schon surreal anmutende Bilder- und Farbenpracht zogen mich jedenfalls in ihren Bann, und es ist in der Tat die visuelle Kraft, die den größten Reiz von „Diva“ ausmacht. Gleichwohl ist auch die Thriller-Story gar nicht schlecht, der Film ist keineswegs nur „Mehr Schein als Sein“, wie es einige zeitgenössische Rezensenten wahrgenommen haben wollen.

Die Gangster schlagen zu …

Gleichwohl ist das Setdesign atemraubend. Das beginnt bei Jules’ skurriler Bude mit Airbrush an den Wänden und am Boden im oberen Stockwerk eines maroden Lager- oder Parkhauses, in dessen Erdgeschoss schrottreife Luxusautos vor sich hin rosten; es endet nicht bei Gorodishs weitläufigem Loft mit Badewanne mitten im Raum, in welchem Alba mit Rollerskates herumdüst. Selbstverständlich ist auch Paris einige faszinierende Impressionen wert.

… und nehmen sich auch Jules vor

Mir hat aber auch bei meiner erneuten Sichtung die Verflechtung der beiden Kriminalhandlungen ausgesprochen gut gefallen. Jules’ Raubkopie führt zu Erpressung, und die andere Tonaufnahme ist noch härteres Kaliber. Die Fäden laufen bei dem Postboten zusammen, um ihn schart sich das durchaus stattliche Ensemble. Wie kann sich der junge Mann dort herauswinden und gleichzeitig die Gunst von Cynthia Hawkins gewinnen? Das hat Thriller-poetische Qualitäten. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass sich Jean-Jacques Beineix („Betty Blue“) in seinem Langfilm-Regiedebüt bisweilen von der opulenten Bilderflut seines Kameramanns Philippe Rousselot hinreißen ließ, im Visuellen zu schwelgen. „Diva“ wirkt dabei detailverliebt, nahezu jede Einstellung macht einen penibel durchdachten Eindruck, auch und besonders in der Interaktion der Figuren. Ein Blick hier, eine Berührung oder Bewegung dort. Faszinierend und gleichzeitig fesselnd, ein Thriller bleibt es zu jeder Zeit. Sogar ein paar urbane Verfolgungsjagden bekommen wir zu sehen.

Kamera vom späteren Oscar-Preisträger

Rousselot ließ sich ab Mitte der 1980er-Jahre verstärkt international und auch in Hollywood buchen. Nach zwei Oscar-Nominierungen – für „Hoffnung und Ruhm“ (1987) und „Henry & June“ (1990) – gewann er den Academy Award schließlich mit seiner dritten für die Kamera von Robert Redfords „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ (1992). 2013 erhielt er in Cannes für sein Wirken den in jenem Jahr erstmals verliehenen Pierre Angénieux ExcelLens in Cinematography. Auch für „Diva“ wurde Rousselot geehrt: Der Kameramann erhielt 1982 den französischen Filmpreis César, mit dem auch die Musik und der Ton des Thrillers prämiert wurden. Regisseur Beineix gewann den César für das beste Erstlingswerk.

Was führen die Taiwanesen im Schilde?

Für die amerikanische Sopranistin Wilhelmina Fernandez blieb es trotz ansprechender Leistung ihr einziger Spielfilm. Sie singt im Film auch selbst – außer der eingangs erwähnten Arie auch das „Ave Maria“ von Charles Gounod. Heimlicher Held von „Diva“ ist meines Erachtens aber Gorodish, von Richard Bohringer („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) mit Savoir-vivre und unnachahmlicher Coolness gespielt.

Meine Erinnerung nach all den Jahren hat mich nicht getrogen: „Diva“ ist ein Gesamtkunstwerk.

Ein seltsames Paar: Gorodish und Alba

Veröffentlichung: 2. April 2020 und 23. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Diva
F 1981
Regie: Jean-Jacques Beineix
Drehbuch: Jean-Jacques Beineix, Jean Van Hamme, nach einem Roman von Daniel Odier alias Delacorta
Besetzung: Frédéric Andréi, Wilhelmenia Fernandez, Richard Bohringer, Thuy an Luu, Gérard Darmon, Dominique Pinon, Jacques Fabbri, Chantal Deruaz, Roland Bertin, Anny Romand, Jean-Jacques Moreau, Patrick Floersheim, Raymond Aquilon, Jim Adhi Limas
Zusatzmaterial: Interview mit Jean-Jacques Beineix, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Studiocanal Home Entertainment

Employees’ Entrance – #metoo im Pre-Code (Filmrezension)

Employees’ Entrance

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Drama // Willkommen in der beinharten Geschäftswelt in Zeiten der Krise und in einem brettharten Pre-Code-Knaller, der sich selbst für damalige Verhältnisse weit aus dem Fenster lehnt und doch nicht voyeuristisch ausfällt, sondern knochenehrlich und erfrischend ungeschminkt. Dirty rotten scoundrel „King of Pre-Code“ Warren William („Beauty and the Boss“, 1932) gibt den rücksichtslosen Unternehmer Kurt Anderson, dem der Erfolg recht gibt. Weil dies vermutlich tatsächlich so ist, kann man den Film auch als Kapitalismuskritik lesen. Vielleicht gerade weil er sich der moralischen Bestrafung des Skrupellosen widersetzt. Und bei seinem Kampf schmeißt dieser nicht nur Leute raus (und einmal definitiv in den Ruin sowie einmal in den Freitod), sondern nimmt auch noch alles Weibliche mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die von Loretta Young gespielte Arbeitslose Madeline Walters bekommt er vor den Kussmund und andeutungsweise schon zu Beginn in die Kiste, indem er ihre Not ausnutzt und ihr einen Job gibt. Später ist dann ziemlich deutlich, dass Anderson sie nach der Abblende, in der sie hinreißend schön und ziemlich besoffen in seinem Bett wie hingegossen liegt, „nimmt“.

Von Kurt Anderson zu Harvey Weinstein

Aber unserem Harvey Weinstein der Kaufhausbranche in der Depressionszeit wird es nicht an den Kragen gehen! Der aus heutiger Sicht vielleicht grenzwertige Plot ist gleichwohl zu genießen, verehrt er den Hauptcharakter doch nicht als tollen Hecht, sondern zeigt, dass gegen eine brutale Wirtschaftskrise nur ein noch brutalerer Manager hilft. Damit ist der Film genauso hässlich-zynisch wie vermutlich leider wahr, und er braucht den Vergleich mit so manchem Billy Wilder, wie zum Beispiel „Extrablatt“ (1974), sowie den vorherigen „Front Page“-Verfilmungen nicht zu scheuen. Eine hier nicht zu verratende Chance für die Liebe gibt es gleichwohl, aber auch so rotzfrech-erfrischende Figuren wie Polly Dale (Alice White). Sie wird von Anderson wie eine Prostituierte für das Stellen von Honigfallen bezahlt, wobei sie dessen Widersacher vielleicht mehr als nur umgarnt. White spielt diese Polly schon nach dem Zenit ihrer kurzen, aber heftigen Flapper-Karriere, und auch wenn sie diesmal vielleicht etwas überzieht, ist ihre Figur ein stimmiger Charakter, weiß diese doch genau, was sie tut, und dies macht sie gleichsam effektiv wie irritierend gern.

„Employees’ Entrance“ hat dann noch die Chuzpe, ein paar Anspielungen auf Homosexualität einzubauen. Ein findiger Verkäufer schlägt einmal vor, Damen- neben Herrenartikeln zu platzieren, da Damen für ihre Männer nicht nur Krawatten kauften, sondern auch andere (zum Teil recht intime) Dinge – und dass die Männer dann auch die Damen bei der Unterwäschewahl sehen, wird als willkommener (Verkaufs-)Appetizer angesehen. Ein brüskierter Kollege wird von Anderson nur gefragt: „Don’t you like women?“ Und auch Anderson selbst scheint gelegentlich an dem findigen Verkäufer Martin West (Wallace Ford), den er unter seine Fittiche nimmt, mehr als nur berufliches Interesse zu haben, wird insoweit sogar Konkurrent für Young, die Ford heimlich geheiratet hat – fortan hat er keine Zeit mehr für sie. So werden am Schluss auch nicht Kurt und Polly als seelenverwandte dirty rotten scoundrels zusammenkommen. Pre-Code, wie er sein muss, immer in die Vollen, doch nie selbstzweckhaft.

Der effektive Regie-Handwerker Roy Del Ruth

Dass die Machart nur im besten Sinne konventionell ist, muss man schlucken. Aber was heißt schon „nur“? Roy Del Ruth („Der kleine Gangsterkönig“, 1933) war seinerzeit ein vielbeschäftigter Warner-Auftragsregisseur. Es mag seine Gründe haben, dass er nicht so bekannt wurde wie die damaligen Kollegen Michael Curtiz und Mervyn LeRoy. Aber er liefert effektives Handwerk ab, mit schnörkellosem, hohem Tempo (etwa durch die damals üblichen und heute noch bei „Star Wars“ gebräuchlichen Überblendungen von allen und in alle möglichen Richtungen). Auch die bei hohem Kostendruck sehr effiziente Technik der Montagen funktioniert, in denen zum Beispiel zu Beginn sehr schnell, aber ohne neumodisches Schnittgewitter die Unternehmensgeschichte der vergangenen Jahrzehnte vorgestellt wird. Der übliche Blick auf Zeitungsschlagzeilen unterstreicht den Realismus. Und das Einstreuen von Footage gibt die effektive Illusion von Production Values (der wiederkehrende flucht-/vogelperspektivische Blick auf eine Fabrikationshalle kommt mir aus dem Autofabrik-Streifen „Unser Boss ist eine Lady“ (1933) merkwürdig bekannt vor, aber ich mag mich irren). Zudem gibt es zwar – wie seinerzeit oft – noch keinen durchkomponierten Soundtrack, aber musikalische Leitmotive, beispielsweise „I Found My Million Dollar Baby in a Five and Ten Cent Store“. Eine hübsche Umkehrung der Tatsache, dass hier alle in einem Million Dollar Store zu „billigen“ Personen zu werden drohen.

Fazit: Hard, fast and beautiful. In 75 Minuten Wahrheit, Unterhaltung, Gemeinheit, aber nie Nihilismus. Wem seinerzeitiger MGM-Edelkitsch auf den Zeiger geht, der greife zu diesem Film. Pre-Code vom Derbsten und zugleich Feinsten. Nun braucht’s nur noch eine deutsche Heimkino-Veröffentlichung. Im Zuge der #metoo-Debatte mag ein findiges Label hoffentlich mal auf „Employees’ Entrance“ stoßen.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als DVD (Bestandteil der Box „Forbidden Hollywood – Volume 7“)

Länge: 65 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Employees’ Entrance
USA 1933
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Robert Presnell Sr., nach einem Theaterstück von David Boehm
Besetzung: Warren William, Loretta Young, Wallace Ford, Alice White, Hale Hamilton, Albert Gran, Marjorie Gateson, Ruth Donnelly, Frank Reicher, Charles Sellon
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

Redacted – Die Verdammten des Bilderkriegs (Filmrezension)

Redacted

Nach einer Pause mal wieder eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Kriegsdrama // Ein Herr schickte seinen Diener in Bagdad auf den Markt. Dort erschien ihm der Tod; er kehrte angsterfüllt zu seinem Herrn zurück und bat um ein Pferd, um nach Samarra zu reiten; dort würde ihn der Tod nicht finden. So geschah es. Der Herr ging selbst zum Markt, erkannte dort den Tod und warf ihm vor, wie er denn seinen Diener so erschrecken könne. Darauf entgegnete der Tod: „Aber ich wollte ihn gar nicht erschrecken. Ich war nur erstaunt, ihn in Bagdad zu sehen. Ich hatte nämlich heute Abend mit ihm eine Verabredung in Samarra.“

Wache schieben am Kontrollpunkt

Was sagt uns diese Geschichte? Sie wird vorgetragen im Kreise von US-Soldaten in – Samarra, Irak. Am Ende wird einer von ihnen ziemlich deutlich aussprechen, es gebe keinen guten Grund, aus dem die USA im Irak einen Krieg führten. Alles also ein Missverständnis („der Irak hat Massenvernichtungswaffen“), das aber doch den Hintersinn hat, dem tödlichen Schicksal nicht zu entgehen? „Mit jedem Tag kommen wir der Verabredung näher“, wird der Soldat sagen, der täglich im Buch „Verabredung in Samarra“ liest (Auszug siehe oben). Die Terroristen von 9/11 hatten die USA erschreckt, um sie dann in den Irak zu locken und dort zu erwarten. Möglicherweise. Die Parabel vom Tod und dem Diener eines Herren (Soldaten als Diener ihres Landes vielleicht) lädt zu vielfältigen Interpretationen und Spekulationen ein. Und das ist schon einmal gut, in einem Film des großen Brian De Palma, der zumindest teilweise extrem ungewöhnlich und interessant ist.

Vier GIs im Irakkrieg

Von den GIs rücken vier in den Vordergrund. Angel Salazar (Izzy Diaz) ist der Chronist, der sämtliches Geschehen mit der Videokamera dokumentiert; er will sich damit an der Filmhochschule bewerben. Angel Salazar – Engel! Tod! Wohl kaum ein zufälliger Name. McCoy (Rob Devaney) ist der etwas zurückhaltendere Typ, an Gerechtigkeit interessiert, ein Anwalt der Schwachen, darum heißt er mit Vornamen tatsächlich Lawyer. B. B. Rush (Daniel Stewart Sherman) und Reno Flake (Patrick Carroll) sind die ungehobelten (Front-)Schweine. Reno ist nach einem Ort des Glücksspiels benannt, sein Bruder heißt Vegas. Dies zeigt nicht nur, dass Reno in einer Welt für sich lebt und das Verbrechen, das er begehen wird, nicht nach außen dringen dürfe (so sei dies bei Geschichten, die in Las Vegas passierten, sagt er einmal). Dies hat auch mit einer seltsamen Art von Glücksrittertum zu tun. Daddy nannte Reno und Vegas immer seine Joker. Vegas wurde, wie Reno erzählt, einmal als Trumpfkarte eingesetzt, als andere nicht den Mumm hatten, einen Mord zu begehen. Doch das Glück hatte Vegas danach verlassen; er wurde erwischt, ging ins Gefängnis und starb dort. Reno überschreitet nun ebenfalls eine rote Linie: Unsere Vier wollen oder sollen ein 15-jähriges irakisches Mädchen vergewaltigen. Reno und B. B. Rush schreiten zur Tat und erschießen dabei noch gleich einen Gutteil der Familie des Opfers. McCoy kommt zwar mit, aber als er merkt, dass seine Kameraden es tatsächlich ernst meinen, versucht er vergeblich, sie von der Tat abzuhalten. Bei Salazar siegt die Lust am Dokumentieren über die Skrupel – er filmt die Tat. Später wird er von Verwandten der Opfer entführt und vor laufender Kamera enthauptet (ausgerechnet Salazar, der selbst immer die Kamera laufen ließ), ein Bild, das wir aus der Realität kennen. Um dieses Enthauptungsvideo herum baut Brian De Palma seine ansonsten weitgehend fiktive Geschichte auf.

Lebensgefahr oder willkommene Abwechslung?

Dennoch hat „Redacted“ etwas Dokumentarisches. De Palma hat in HD statt auf Zelluloid gefilmt. Die ansonsten bei ihm übliche optische Opulenz ist deutlich zurückgenommen. Bei uns kam das Kriegsdrama gar nicht erst in die Kinos; vielleicht ist es auch eher fürs Fernsehformat geeignet. Die Ästhetik erinnert an Reportagen. Dokumente aus dem Internet und geschwärzte Akten (eben „redacted“, also editiert, wie schon der Vorspann eindrucksvoll zeigt) werden immer wieder eingeblendet. Wir haben hintereinander geschnittene, aber nicht ineinander übergehende Szenen. Diese erzählen zusammengenommen zwar eine geschlossene Geschichte, aber den Fluss dieser Geschichte müssen wir uns selbst im Kopf zusammenbasteln. De Palma zeigt Momentaufnahmen; ein Szenenwechsel bedeutet auch einen Stilwechsel. Vieles ist mit (Salazars) Handkamera oder mit festinstallierten (Überwachungs-)Kameras gefilmt, ab und zu sehen wir Internetvideos, die als solche erkennbar sind, und (fiktive) Kriegsreportagen. Halt Dinge, die es auch in der Realität gibt. Beispielsweise kommt ein paarmal ein irakischer Internetkanal vor – ein feststehendes Bild mit arabischem Design und Schriftzeichen am Rand und einem Videobildschirm in der Mitte. Dort sehen wir einmal, mit Nachtsichtkamera aufgenommen, ein paar Wache schiebende US-Soldaten und ein paar unerkennbare Männer, die dort herumschleichen, anscheinend unbemerkt. Beim ersten Sehen ist kaum klar, worum es geht. Es folgt eine Szene im Vollbildmodus, von Salazar gefilmt und daher fast ohne die üblichen Farbbearbeitungen, sondern mit gleißendem und kaltem Licht, wie man das von Dokumentationen statt von Spielfilmen kennt – dieser Effekt kommt mehrfach vor. Wir sehen, wie ein Soldat Opfer einer Mine wird. Nun ist klar, dass die voranstehende Szene gezeigt hatte, wie Iraker diese Mine gelegt hatten. Immer wieder kommt es zu solchen Ellipsen, wechselt der Film die Perspektiven.

Über Schuld und Mitschuld

Hierdurch bleiben einige Dinge offen; wir müssen uns selbst Gedanken machen. Ob Flake und Rush belangt werden, ist so wenig klar wie die Frage, ob McCoy sein Trauma überwinden wird. Irritierend ambivalent verhält sich der Film ferner zu der Frage, ob Filmen (Salazar) und Dabeisein, aber Nichtverhindern (McCoy) genauso schlimm ist wie die aktive Begehung der Tat. Am Ende sehen wir in einem Internetvideo eine wütende junge Frau, die die Täter beschimpft und ihnen wünscht, Opfer einer archaischen Selbstjustiz zu werden. Man weiß nicht genau, ob sie alle oder nur die beiden aktiven Täter meint. Jedenfalls Salazar betreffend gibt es deutliche Anzeichen, dass De Palma ihn in der Mitschuld sieht. Hier hat „Redacted“ De-Palma-typische Stärken; bei dem Regisseur ging es immer um Voyeurismus und die Macht der Bilder. Die Kamera als Waffe; diese uralte Metapher passte selten so gut wie hier. De Palma zeigt ja zu einem Großteil Filme im Film und macht schon am Anfang klar, dass Bilder ein Eigenleben bekommen und die Realität machen, statt sie nur abzubilden. Salazar filmt so viel, dass er irgendwann nur noch einen anderen Filmer filmt; und die Soldaten schwadronieren darüber, ob das jetzt schwachsinnig sei, wenn „ich ’nen Film von einem drehe, der ’nen Film von mir dreht.“ Aber genau darum geht es: Filmen als selbstbezügliche Angelegenheit, die sich im Kreis dreht und auf sich selbst zurückwirft; die Realität kann hier schon einmal ausgeschlossen sein und unter den Tisch fallen – sozusagen „deleted scenes from the cutting room floor“. Auf diese Weise hatte De Palma auch in seinen großen, anscheinend ganz anderen, durchgestylten Thrillern über die Bilder und den Voyeurismus nachgedacht.

Objekte männlicher Begierde

De Palma geht nun einen Schritt weiter und macht seine Aussagen auch zum Stil. „Was ihr hier sehen werdet, ist kein Hollywoodfilm mit durchgehender Handlung“, so Salazar am Anfang über seine Doku – das könnte auch De Palma über „Redacted“ gesagt haben. „Film ist vierundzwanzigmal Wahrheit pro Sekunde“; das berühmte Godard-Zitat gibt Salazar leicht abgewandelt wieder, und auch hier spricht De Palma. Im einen wie im anderen Fall lädt er uns zu kritischen Reflexionen ein, denn „Das erste Opfer des Krieges [und also auch des Filmens] ist immer die Wahrheit“, so heißt es an anderer Stelle. Und wie sehr der Dokumentarist in Wirklichkeit mitmischt, wird bei „Redacted“ mehr als deutlich. Bezeichnenderweise entgleiten dem Filmer Salazar genau nach seinem 24-Sekunden-Spruch die Dinge, denn just dann wird er entführt und später enthauptet. Die Kamera aber überlebt. Es findet sich immer ein anderer, der sie bedienen wird.

Vom quälend langweiligen Dienst in der Fremde

Dem Zuschauer etwas über die Bildermacht zu erklären, aber ihn nicht mit selbiger zu verführen – das ist aller Ehren wert, aber De Palma geht damit ein Teil seiner emotionalen Kraft verloren. Es ist fast wie eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, zum Beispiel zu „Murder à la Mod“ (1968), wo er zwar kunstvoll zeigte, wie man den Zuschauer mitnehmen kann, aber dies nicht tat. Wie in dem alten Film haben wir nun ebenfalls wieder eine maximale Fülle an Stilmitteln von einem Extrem ins andere. Den nüchtern ausgeleuchteten Aufnahmen steht paradoxerweise gegenüber, dass ausgerechnet in einer eingeschobenen fiktiven französischen Dokumentation die Bilder ganz anders sind: Alles ist in warmen Brauntönen gehalten, entsprechend der Hitze, den staubigen Straßen und der Bauweise in Samarra. Doch auch hier gibt es unspektakuläre Chronistenaufnahmen, die eine Durchsuchung an einem Kontrollpunkt zeigen – sehr streng, zwar kontrolliert, aber irgendwie demütigend für die Iraker, obwohl ihnen nichts passiert und sie schließlich weiterfahren dürfen. In einer Zeitrafferszene sehen wir, wie dies zum Alltag der Soldaten und der Iraker gehört. Andererseits ist der Dienst in der Fremde teilweise so quälend langweilig, dass das Knacken beim Drücken einer leeren Plastikflasche zum ohrenbetäubenden Geräusch in der Ödnis werden kann. Zeitlupe des Tons gegen Zeitraffer des Bildes. Und dann Chaos gegen Routine, Handkamera, andere Ausleuchtung, wenn es zu einem dramatischen und blutigen Zwischenfall an diesem Kontrollpunkt kommt. Sicherlich nicht von ungefähr wegen eines Missverständnisses. Gleichsam erfreulich wie verstörend ist, dass man dem handelnden Soldaten nach Betrachten der Bilder kaum einen Vorwurf machen kann – aber dann vermischt das Drama die Ebenen schon wieder: Einer der Soldaten der französischen Dokumentation ist Flake; er hat eine schwangere Frau erschossen, was man ihm nicht einmal vorwerfen kann – aber sehr wohl die Art, wie er damit umgeht. Man kann sich in „Redacted“ nie ganz sicher sein in seinem moralischen Urteil.

Nähe zu „Die Verdammten des Krieges“

Was allerdings ein bisschen bedauerlich ist, ist die meines Erachtens zu enge Anlehnung De Palmas an seinen eigenen Film „Die Verdammten des Krieges“ (1989). Weniger störend ist, wenn jemand in unterschiedlichen Varianten stilistische Wiederholungen betreibt wie etwa Hitchcock oder De Palma selbst, die dergestalt eine künstlerische Meisterschaft variier(t)en und perfektionier(t)en. Hier geht es aber um inhaltliche Übereinstimmungen bei stilistisch großen Unterschieden. „Die Verdammten des Krieges“ war die für De Palma typische große Oper; vielen zu sentimental. Man kann verstehen, dass der Regisseur an dasselbe Thema („Mord bleibt Mord, auch im Krieg“) noch einmal heranwollte, aber den Plot betreffend klaut er entschieden zu viel von sich selbst. Wir haben die frustrierten Soldaten, die murren, dass ihr Einsatz verlängert wird (im alten Film: dass sie kurz vor Einsatzende auf eine beschwerliche Mission müssen). Ein dunkelhäutiger Soldat (im alten Film dito) nimmt den Gutmenschen McCoy (Rob Devaney, im alten Film Michael J. Fox in ähnlicher Rolle) an die Kandarre, etwas misstrauischer gegenüber der vermeintlich freundlichen einheimischen Bevölkerung zu sein. Ausgerechnet der Schwarze muss wenig später Opfer einer Gewalttat werden, die von den Einheimischen ausging. Die anderen Soldaten sind gerade deshalb so frustriert, weil die gesamte Dorfbevölkerung von der Falle gewusst haben muss. Im alten Film ein Hinterhalt des Vietcong, in „Redacted“ eine Mine, die an anderer Stelle im alten Film auch vorkommt. Das Opfer hat jeweils einen Namen, der „süß“ klingt, im alten Film „Brownie“ (oder zeigt dies auch einen latenten Rassismus?), im neuen „Sweet“. Für beide Filme gilt: Nach der Gewalttat ist der Mann, der nicht mitmacht, Einschüchterungen ausgesetzt. Er stößt zunächst auf taube Ohren, als er den Vorfall melden will. Am Ende setzt er aber doch eine Untersuchung in Gang. Beide Filme enden mit einem Bild, in welchem klar ist, dass dieser Mann an seinen Traumata noch knabbern muss. Die Übereinstimmungen sind teils sehr detailliert, bis hin zu Dialogen à la „Jeder hier hat es gewusst“ (dass eine Mine gelegt wurde / dass der Vietcong wartet). Bei aller Meisterschaft im Übrigen: Man hätte sich hier ein bisschen mehr Kreativität des Regisseurs und Autors De Palma gewünscht.

Aufgesetztes Finale mit Musik von Puccini

Im Übrigen liegt aber ein weitgehend guter Film vor, zu dem noch gesagt werden sollte, dass er eben nur scheinbar semidokumentarisches Kino bietet. Wie eben auch in seinen großen Opern überlässt De Palma nichts dem Zufall, ist alles genau durchkomponiert. Opernhaft wird Musik von Händel und am Ende Puccini eingesetzt; wobei ich mich schon fragte, ob die Schlussbilder einen Verrat am vorher Gesehenen darstellen. Zu Puccini sehen wir grausam verstümmelte Leichen als „Kollateralschäden“ des Krieges; teilweise offenbar Originalaufnahmen, da die Augen geschwärzt sind, aber bei De Palma kann man nie ganz sicher sein, ob dies nicht auch nur simulierte Originale sind. Oftmals Kinder mit abgetrennten Gliedmaßen, viel Blut und schmerzverzerrtem, hilfeschreiendem Ausdruck. „Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit“; der Voyeur, der Chronist, der Kameramann beteilige sich wie ein Kämpfer und erzeuge seine eigene Wahrheit. Wollte De Palma am Ende noch einmal genau dies zeigen, indem er offen auf große Gefühle setzt? Mir scheint es gerade auch angesichts des gegenüber dem Restfilm völlig anderen Musikeinsatzes eher so, als verrate der schlaue Fuchs seine eigene Idee. Er instrumentalisiert diese (Kinder-)Leichen fürs große Gefühl und hinterfragt alles, was er vorher eindrucksvoll demonstriert hatte. Vielleicht hätte er besser bei seinem nüchterneren Ansatz bleiben sollen. Der emotionsgeladene „Die Verdammten des Krieges“ ist ebenfalls nicht schlecht, aber bei einer Mischung aus beidem entsteht eine Reibung, die sich nicht auflöst. Die letzte Szene ist in einem Film wie diesem Sand im Getriebe, und das ist schade. De Palma hätte mit dem irritierten Bild McCoys schließen sollen, das den Leichenbildern vorangeht. McCoys Freunde geben eine Party für den heimgekehrten „Kriegshelden“, aber er und seine Freundin können nicht glücklich sein. Das Bild friert ein; wieder ist es ein Bild im Film, genauer: ein Foto, das Freunde von den beiden schießen („Bilder schießen“; diese im Amerikanischen noch häufiger gebräuchliche Metapher passte selten so gut wie in „Redacted“). Der verstörte Gesichtsausdruck der beiden brennt sich ein, bleibt lange haften. Ein Foto zeigt endlich einmal mehr Wahrheit als das, was vorher immer nur eine vermeintliche Wahrheit war. Dies wäre ein gutes Schlussbild gewesen, aber De Palma setzt noch einen drauf. Nichtsdestoweniger ein ungewöhnlicher, interessanter und wichtiger Film, der zum Nachdenken und zum Überdenken des Schauens an sich einlädt. Im Interview zu „Redacted“ wünschte sich De Palma, sein Werk möge wütend machen.

Bei „Die Nacht der lebenden Texte“ hat Blogbetreiber Volker Schönenberger bereits einen Text über „Redacted“ veröffentlicht. Alle dort berücksichtigten Filme von Brian De Palma finden sich in der Rubrik Regisseure.

Ein Kamerad wird zum Schweigen verdonnert

4. Februar 2009 als Blu-ray, 6. Februar 2009 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Redacted
USA/KAN 2007
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Brian De Palma
Besetzung: Patrick Carroll, Rob Devaney, Izzy Diaz, Daniel Stewart Sherman, Ty Jones, Mike Figueroa
Zusatzmaterial: Interview mit Brian de Palma, Interviews mit Flüchtlingen, Hinter den Kulissen, Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2009 Studiocanal Home Entertainment

Woher wir kommen, wohin wir gehen – Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift (Buchrezension)

valentino

Wir wissen viel über die Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens und Chinas. Kein Wunder, sie kannten die Schrift und haben ihr Wissen schriftlich weitergegeben. Deshalb stehen sie in der Regel am Anfang der modernen Geschichtsschreibung. Anders sieht es mit noch älteren Kulturen aus. Von ihnen fehlen meist schriftliche Quellen, weil sie entweder keine Schrift kannten, oder falls sie eine kannten, diese verloren ist. Hier kommt die Archäologie ins Spiel – sie versucht, Kulturen anhand von materiellen Funden zu beschreiben.

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

In seinem 2014 erschienen Buch „Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ legt Hermann Parzinger eine große Menge an gesammeltem Wissen über diese frühen Kulturen dar. Er klammert die klassischen Hochkulturen aus und beginnt stattdessen bei den ältesten bekannten, von Menschenhand bearbeiteten Steinwerkzeugen, der ersten menschlichen Kulturleistung überhaupt.

Zwar ist das Buch teilweise etwas ermüdend zu lesen, weil der Autor an manchen Stellen viele Fachbegriffe verwendet wie zum Beispiel die Namen der verschiedenen Fundorte und die verschiedenen Schichten der jeweiligen Fundorte. Auch wird keine neue Theorie aus den gewonnenen Daten gebildet. Umso mehr beeindruckt jedoch der Blick auf das große Ganze.

zahlreiche Karten ...

zahlreiche Karten … / Foto: Valentino

In sechzehn Kapiteln beleuchtet der Autor sämtliche bekannten prähistorischen Kulturen bis zur Erfindung der Schrift, und lässt dabei – soweit aus heutiger Sicht zu beurteilen ist – keine aus. Allerdings verwendeten diese schon vor den Hochkulturen Zeichensysteme, die als Anfänge der Schrift gelten. Deshalb ist es durchaus schwierig, Schriftkultur und schriftlose Kultur voneinander abzugrenzen. Zumindest in Ansätzen hatten wohl alle Hochkulturen eine Schrift: die Azteken eine narrative Bilderschrift, die Inka eine Knotenschrift und in Textilien gewebte sogenannte Tocapu-Muster und die Harappa die Indus-Schrift mit piktografischen Zeichen. Jedoch fehlte diese offenbar in den urbanen Zentren Südturkmenistans aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christus:

„Konnten Megacitys also auch ohne Schrift funktionieren?“ (722)

Das eigentliche Thema des Buches ist der Übergang vom Wildbeutertum zur Sesshaftigkeit. Das liegt einerseits daran, dass sich die Zeit des Jungpaläolithikums, also bis zum Ende des Pleistozäns vor allem in Eurasien aufgrund der guten Datenlage differenziert darstellen lässt. Andererseits hat Parzinger, seit mehr als zehn Jahren Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zuvor als Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts zahlreiche Ausgrabungen in Mittelasien, Iran, Spanien und der Türkei durchgeführt und kann somit auf ein fundiertes Wissen zurückgreifen.

... und Abbildungen ergänzen den Text.

… und Abbildungen ergänzen den Text. / Foto: Valentino

In „Die Kinder des Prometheus“ geht der Autor von ausgewertetem Fundmaterial aus und verspricht sich einen Erkenntnisgewinn durch die Betrachtung spezifischer Merkmale verschiedener Regionen. Sein Augenmerk liegt dabei auf den Siedlungsformen, der Ernährung und Nahrungsbeschaffung, den Bestattungsformen und der Kunst. Bei seinem ambitionierten Vorhaben stößt er naturgemäß immer wieder auf Lücken, wobei er fehlende Quellen reflektiert.

Das erste Kapitel behandelt den gewaltigen Zeitabschnitt vom ersten Auftreten des Australopithecus in Afrika vor circa sieben Millionen Jahren bis zum Neandertaler, der bis vor circa 40.000 Jahren, also bis zum Beginn des Jungpaläolithikums, in Europa und im Nahen Osten lebte. Somit dauerte es mehrere Millionen Jahre vom aufrechten Gang über die Herausbildung der Greifhand und der Herstellung erster scharfkantiger Geröllgeräte bis zur Produktion von Faustkeilen und dem Wandel vom Aasfresser zum Jäger sowie von der Spezialisierung der Jagd bis zum Beherrschen des Feuers, das dem frühen Menschen die Besiedelung kälterer Regionen ermöglichte.

Wie wurden aus Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter? Von einer „Neolithischen Revolution“, wie sie Gordon Childe beschrieben hat, kann nach der Lektüre keine Rede mehr sein. Stattdessen stellt sich die sesshafte Lebensweise als das Ergebnis jahrtausendelanger Adaptionsprozesse an die Umwelt dar. Schlaglichter auf diese Zeit des Umbruchs werfen die Kultstätte von Göbekli Tepe nahe Urfa in der Südosttürkei an der Schwelle von der jungen Altsteinzeit zum präkeramischen Neolithikum, Aşıklı Höyük im anatolischen Hochland aus dem präkeramischen Neolithikum oder die Großsiedlung Çatal Höyük in der Hochebene von Konya in Zentralanatolien, die für den Übergang vom präkeramischen zum keramischen Frühneolithikum steht. Dabei stellen die beiden letztgenannten Siedlungen autochthone Entwicklungen dar. Aşıklı Höyük steht darüber hinaus exemplarisch für die Koexistenz beider Lebensweisen: Während die Menschen in der Siedlung bereits sesshaft waren, lebten im nahegelegenen Musular weiterhin spezialisierte Rinderjäger (151f.).

Die Menschen blieben Wildbeuter in Waldgebieten ohne demografischen Druck, in Rückzugsgebieten und dort, wo die Umwelt schwer für den Ackerbau umgestaltet werden konnte oder wo die Umwelt Nahrung im Überfluss bereitstellte. Die produzierende Lebensweise brachte zudem nicht nur Vorteile mit sich. Sie führte beispielsweise zu einseitigerer Ernährung mit geringerem Proteingehalt. Der Wandel vom Wildbeutertum zur Sesshaftigkeit vollzog sich regional ganz unterschiedlich.

Die Kulturen des Saharo-Sudanesischen Neolithikums lebten genauso als Wildbeuter mit Keramik wie die endsteinzeitlichen Wildbeuter der Punpun-Kultur in Ghana. Die Kintampo-Kultur war die erste vollständig entwickelte neolithische Kultur in Westafrika. Die Jamnaja-Kultur im nordpontischen Steppenraum domestizierte als erste Pferde. Ebenso trifft dies für die Botaj-Kultur in der nordkasachischen Steppe zu. Während im sibirischen Mesolithikum halbsesshafte Wildbeuter lebten, war der Übergang zum Frühneolithikum fließend mit einem keramiklosen Neolithikum: Die Jäger-, Fischer- und Sammlergemeinschaften kannten bereits für das Neolithikum typische Steingeräte, stellten aber noch keine Tongefäße her. In Nordasien verhinderte das aufgrund der üppigen natürlichen Bedingungen reichlich vorhandene Nahrungsangebot den Ackerbau („ökologische Bremse“). Dennoch stellten die Menschen einfache Keramik her. Man spricht hier von der Zeit des Waldneolithikums.

In Armenien gab es Sesshaftigkeit ohne Keramik. Das Neolithikum der Dscheitun-Kultur in Südturkmenistan war von Ackerbau und Viehzucht geprägt. In Nordchina und Ostasien gab es Keramik vor der Sesshaftigkeit. Die Hongshan in Nordostchina waren mobile Jäger und Sammler, die Viehzucht betrieben und hochentwickelte Keramik herstellten. Im russischen Fernen Osten gab es Wildbeuter mit Keramik. Auch in Japan sorgte die „ökologische Bremse“ für eine späte Einführung des Ackerbaus: Weil die Natur reichlich Nahrung zum Jagen, Fischen und Sammeln lieferte, waren die Angehörigen der Jomon-Kultur sesshafte Wildbeuter. Aus demselben Grund lebten an den Küsten Südostchinas saisonal sesshafte Wildbeuter. Sowohl die Jomon-Kultur als auch die Wildbeuter der amerikanischen Nordwestküste waren trotz des Fehlens von Ackerbau und Viehzucht sozial hoch differenziert. In Mexiko führte der Anbau von Kulturpflanzen zur Sesshaftigkeit. Die Leute der Chinchorro-Kultur in Nordchile und Südperu waren präkeramische spezialisierte Fischer und Wildbeuter mit Sesshaftigkeit.

Die Schlussfolgerungen stellen das Bild einer einheitlichen kulturellen Entwicklung des Menschen in Frage – so löst sich nach der Lektüre nicht nur das „neolithische Bündel“ auf: Die Merkmale Sesshaftigkeit, Domestikation von Pflanzen und Tieren und Keramikproduktion treten erst nacheinander und bei jeder Kultur in unterschiedlicher Weise und Ausprägung auf –, sie verdeutlichen auch, wie zerbrechlich die Kulturen sind: Sie entstehen, blühen kurz und vergehen wieder oder gehen in anderen Kulturen auf.

Herzlichen Dank an den Verlag C. H. Beck für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

(c) valentino 2019

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, C. H. Beck, München 2014, 848 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Von den Tafelbergen bis zu den Totempfählen – Peter Baumann und Martin Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Buchrezension)

valentino

Die traditionell angewandte Kunst der Ureinwohner Amerikas bleibt beim Übergang in die Moderne stets in ihrer Kultur verwurzelt. Ihre Bedeutung verändert sich jedoch im Kontext ihrer Verwendung, was sich auch in der kunstvollen Gestaltung der Gebrauchsgegenstände widerspiegelt. Beim Zusammentreffen und Austausch mit europäischen Kunstformen hat sie sich zudem weiterentwickelt. Allen Künstlern gemein ist, dass sie trotz ihrer Zugehörigkeit zu heterogenen Gruppen wie unter anderen der Apache, der Dakota oder der Haida, über die Reanimierung ihrer eigenen Kultur hinaus identitätsstiftend wirken. Dafür finden Peter Baumann und Martin Schliessler in ihrem Buch „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ zahlreiche Beispiele.

„Als Völker aber sind sie so voneinander unterschieden wie etwa die Norweger von den Italienern. (…) Jeder Stamm mußte also auf eigene bescheidene Weise das Rad neu erfinden. Das College führt nun die Kinder aus den verschiedenen Stämmen erstmals zusammen, und sie stellen zum erstenmal [sic] fest, daß sie die gleichen Wünsche und Sorgen haben. Sie empfinden so etwas wie Gemeinschaftsgeist.“ (112)

Dabei wirkt der Kontakt zu den Europäern sowohl störend als auch inspirierend. Als Beispiel für Letzteres sei Karl Bodmer erwähnt. Der Mandan-Häuptling Mato-tope malt 1834 unter seiner Anleitung mit Wasserfarben auf Papier die vermutlich älteste bekannte indianische Malerei mit Materialien eines Weißen. Vier Jahrzehnte später beginnt die indianische Kunstmalerei in den Schulen, Forts und Gefängnissen der Weißen – den ersten aufständischen Künstlerkolonien.

In Anadarko, Oklahoma, fördert Susan Ryan Peters die sogenannten fünf Kiowa. Mitunter setzen sie im Meskalin-Rausch, der den Sehnerv beeinflusst, ihre Visionen in Bilder um. Der Hopi-Künstler Dan Namingha wiederum lässt sich von Kachina-Puppen inspirieren, die Ahnengeister der Pueblos darstellen und als Mittler zwischen den Welten gelten.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Hopi)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Hopi)

Das Buch ist nach Regionen in drei Teile gegliedert. Im ersten stellt Baumann neben dem bereits erwähnten Namingha exemplarisch weitere Künstler des Südwestens vor, darunter T. C. Cannon, Fritz Scholder und den Navajo R. C. Gorman, zu dessen Vorbildern die Mexikaner Siqueiros, Rivera, Orozco und Zúñiga gehören. Oscar Howe und Allan Houser gehen aus einer rein dekorativen Malschule hervor, von der sie sich jedoch später abwenden und eigene Wege gehen. Während die Malerin Jaune Quick-to-See Smith Felszeichnungen der Anasazi im Canyon de Chelly in ihr Werk aufnimmt, belebt Randy Lee White die piktografische Sprache wider.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Comanche-Kiowa & Kiowa)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Comanche-Kiowa & Kiowa)

Im zweiten und dritten Teil setzt sich Schliessler mit der Kunst der Nordwestküste und der Inuit (Eskimo) auseinander und führt jeweils exemplarisch die Bildhauer Bill Reid für erstere und Kania für letztere an. Das gebundene Buch enthält zahlreiche Fotos, insbesondere Abbildungen der Kunstwerke.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Inuit)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Inuit)

Ich habe „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ neulich beim Stöbern in meinen Bücherregalen wiederentdeckt. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, anstelle der Vielzahl von vorgestellten Künstlern einige wenige Künstler-Monografien zu schreiben, weil so doch manches an der Oberfläche bleibt. Trotzdem ist das Buch überaus informativ, und wer wie ich schon immer von nebligen, mit Totempfählen bestandenen, Geisterwäldern der Nordwestküste oder von Tafelbergen und Felsschluchten des Südwestens geträumt hat, kommt bei der Lektüre voll auf seine Kosten.

Besonders beeindruckend fand ich Schliesslers Schilderung der Landschaft der Nordwestküste, die er teils mit dem Helikopter bereist hat. Mitte der 80er-Jahre kehrt der Autor für Filmaufnahmen nach dreißig Jahren zurück an einen Ort auf Baffin Island und bemerkt dort während der Teilnahme an einem Walfest der Eskimo den Umbruch in der traditionellen Inuit-Gesellschaft.

Die Autoren weisen zahlreiche Werke vor. Schliessler wirkte an Dokumentarfilmen mit. Baumann veröffentlichte als Journalist Sachbücher und Romane. Mit ihrem Buch „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ wollen sie, so schreiben sie einleitend, eine Bestandsaufnahme der indianischen Kunst Amerikas machen. Dafür haben sie jahrelang recherchiert und die Orte bereist. Ob sie dieses ambitionierte Vorhaben erreicht haben, wage ich zu bezweifeln. Dennoch vermittelt das Buch einen bemerkenswerten Einblick in die indianische Kunst und vermittelt auf diese Weise einen Eindruck von der untergegangenen indianischen Welt, in der alles beseelt war.

(c) valentino 2018

Peter Baumann; Martin Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes, ECON, Düsseldorf, Wien, New York 1987, 280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

God Loves the Fighter – Karibische Träume (Filmrezension)

God Loves the Fighter

Von Volker Schönenberger, der unseren Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ führt.

Drama // Wird in Port of Spain tatsächlich alle 17 Stunden ein Mensch ermordet? Jedenfalls behauptet das der Rückseitentext des Films über die Hauptstadt des karibischen Inselstaats Trinidad und Tobago. Einer ihrer Bürger, Damian Marcano, nahm sich einfach vor, seine Heimatstadt mit einem Spielfilm zu porträtieren. Zuvor hatte er lediglich einen Kurzfilm gedreht.

Kindheit in Armut

Der Filmemacher hat sich für seine Geschichte den Stadtstreicher King Curtis (Lou Lyons) ausgesucht, der durch die Straßen von Port of Spain streift und dabei von kleinen und großen Schicksalen erzählt – zum Teil als Stimme aus dem Off. Da ist die Prostituierte Dinah (Jamie Lee Phillips), die sich wegen ihres Jobs unwürdig fühlt. Wir lernen Charlie (Muhammad Muwakil) kennen, der sich nach einem Leben jenseits der Kleinkriminalität sehnt. Der Knirps Chicken (Zion Henry) kann nicht zur Schule, weil seine Mutter (Penelope Spencer) kein Geld für die Busfahrkarte hat. Sie alle und andere träumen davon, aus der Armut auszubrechen – mal mit legalen, mal mit illegalen Mitteln. Einige von ihnen ahnen jedoch, dass daraus nichts werden wird.

Charlie (l.) will raus aus dem Elend

Damian Marcano will der Welt keine pittoresken Bilder des vermeintlichen Karibikparadieses Trinidad und Tobago zeigen, er präsentiert uns die Schattenseiten der Hauptstadt. „God Loves the Fighter“ könnte so für Port of Spain das sein, was seinerzeit „The Harder They Come“ mit Jimmy Cliff für Jamaikas Hauptstadt Kingston war – ein düsteres Abbild von Armut und Kriminalität. Die Hoffnung lässt Marcano allerdings nicht fahren. King Curtis behält bei seinen poetischen, gereimten Erzählungen stets ein fröhliches Timbre in der Stimme. In Verbindung mit den kräftigen Farben ergibt das einen reizvollen Kontrast zur Trübnis des Geschehens. „God Loves the Fighter“ beschert den Filmguckern einen mal faszinierenden, mal verstörenden, aber immer authentischen Blick in eine fremde Welt. Damian Marcano hat es verdient, weitere Spielfilme zu drehen. Bleibt zu hoffen, dass er mal wieder die Chance dazu erhält.

Auch die Prostituierte Dinah träumt von einem besseren Leben

Veröffentlichung: 31. Dezember 2016 als Blu-ray, 2. November 2015 als limitierte Blu-ray (inklusive Soundtrack-CD), 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: God Loves the Fighter
TTO 2013
Regie: Damian Marcano
Drehbuch: Damian Marcano, Alexa Marcano
Besetzung: Muhammad Muwakil, Jamie Lee Phillips, Darren Cheewah, Zion Henry, Simon Junior John, Lou Lyons, Tyker Phillips, Penelope Spencer, Abdi Waithe
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, nur limitierte Blu-ray: Soundtrack-CD, Schuber
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2015 Mad Dimension

„Und ihr könntet doch Menschen sein …“ – Volker Weidermann: Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen (Buchrezension)

valentino

In seinem neuen Buch schildert Volker Weidermann die kurze, aber intensive Zeit der Münchener Räterepublik. Eine Gruppe von Dichtern nutzt die Gunst der Stunde, um die Macht zu ergreifen. Doch sie scheitern an der harten Wirklichkeit. Ihre humanistischen und pazifistischen Ideale bleiben.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs erfasst eine Revolution Deutschland. In München ruft der Anführer einer Massendemonstration Kurt Eisner in der Nacht zum 8. November 1918 den Freistaat Bayern aus. Die Zeit ist reif für einen Neuanfang: Organe der Selbstverwaltung werden gebildet, bewaffnete Arbeiter und Soldaten besetzen Ministerien, der bayerische König Ludwig III dankt ab.

Eisner will ein Kriegs-Schuldbekenntnis Deutschlands sowie weitgehende Zugeständnisse an die siegreichen Alliierten. Es soll eine Verbindung aus parlamentarischer und Rätedemokratie eingerichtet werden. Die Landtagswahl wird für den 12. Januar 1919 angesetzt. Allerdings hat Eisner nach der Machtergreifung Feinde in zahlreichen Lagern: Neben Anhängern der Monarchie, Rechten, Antisemiten und Nationalisten auch Antidemokraten, gemäßigte und radikale Linke, Anarchisten und Kommunisten.

Kurz vor der Wahl gibt es unterschiedliche Ansichten zur Vorgehensweise. Eisner lässt seinen Mitstreiter Erich Mühsam verhaften. Es kommt zum Bruch innerhalb der Linken. Daraufhin verliert Eisner die Wahl. Als er auf der konstituierenden Sitzung des Landtags am 21. Februar seinen Rücktritt erklären will, erschießt ihn auf dem Weg dorthin Anton von Arco-Valley mit einem Revolver. Der junge Graf will durch den Mord seine Zugehörigkeit zur antisemitischen Thule-Gesellschaft beweisen, nachdem diese ihn zuvor wegen seiner jüdischen Mutter abgelehnt hatte (94f., 238).

In der Folge des Attentats gibt es Tumulte im Landtag, bei denen Eisners Gegenspieler Erhard Auer durch Schüsse verwundet wird. Offenbar hielt der Schütze ihn für den Drahtzieher des Eisner-Attentats. Eisner wird durch seinen Tod zur Symbolfigur der bayerischen Novemberrevolution. Thomas Manns Sohn Klaus schreibt über ihn ein Theaterstück.

Sowohl Räte als auch Parlament bestehen nach Eisners Tod fort. Allerdings entsteht ein Machtvakuum. Die Zustände sind anarchisch. Während die parlamentarischen Abgeordneten in Bamberg und Nürnberg über eine Regierungsbildung verhandeln, sind die Räte in München erste orientierungsstiftende Institutionen. Jedoch gibt es weiterhin Meinungsverschiedenheiten unter den Revolutionären. Weil Ernst Toller strikt gegen Gewalt ist, fragt Max Levien polemisch, wie man einen Eierkuchen machen könne, ohne Eier zu zerschlagen (144).

Am 7. April 1919 ruft Gustav Landauer die Bayerische Räterepublik mit Toller als Regierungschef aus. Bereits eine Woche später wird gegen diese geputscht und es kommt zu blutigen Straßenkämpfen. Angesichts der Bedrohung sind Tollers pazifistische Ideale wertlos. Die Rotgardisten nehmen das Heft in die Hand und wehren unter dem Kommando Rudolf Egelhofers die Angriffe zunächst ab, unterliegen jedoch schließlich den von Truppen der Reichsregierung verstärkten Freikorpsverbänden.

In der Folge der blutigen Niederschlagung der Räterepublik wandelt sich Bayern während der Weimarer Republik zur reaktionären Ordnungszelle und bietet somit einen geeigneten Nährboden für den aufkeimenden Nationalsozialismus.

In Ernst Tollers Theaterstück „Die Wandlung“ heißt es:

„Und ihr könntet doch Menschen sein, wenn ihr den Glauben an euch und den Menschen hättet, wenn ihr Erfüllte wäret im Geist.“ (145)

Thomas Mann, der in dieser Zeit mit seiner Familie in München lebt, nimmt eine eher zwiespältige Rolle ein.

„Thomas Mann hatte in den letzten Tagen so etwas wie einen Mantel aus zeitentrückter Magie um sich gehüllt. Seine Idyllen-Stimmung. All das, der Pöbel, die Demokratie, der Krieg, die Niederlage, all das sollte ihn nichts angehen.“ (47)

Nachdem er anfänglich mit den Ideen der Revolutionäre sympathisiert (143), fordert er schon bald deren Köpfe (203) und sein Antisemitismus tritt offen zutage (260f.). Dazu passen auch der Bericht über eine peinliche Bruderschaft zu Hitler (227) und die Besuche des ultranationalistischen, feinnervigen Komponisten Hans Pfitzner (41).

Weidermann sieht in der Figur des Hans Castorp aus dem „Zauberberg“ das Exempel eines Träumers: „Ein taumelnder Held zwischen den Mächten seiner Zeit“ (226). Ähnlich wie Mann selbst sei er für alles empfänglich und wandele auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Ich bin noch nicht an Thomas Mann herangekommen, obwohl ich seine Themen durchaus reizvoll finde. Seine aus meiner Sicht gestelzte Sprache hat mich bisher immer abgestoßen. Ich weiß noch nicht, ob sich meine Einstellung nach Weidermanns Lektüre wirklich geändert hat. Vielleicht starte ich ja nochmal einen Anlauf.

Aufgrund des dankbaren Stoffs mit sich überschlagenden Ereignissen und tragischen Helden, die schließlich an ihren humanistischen Idealen scheitern, kommt die Erzählung – eine gelungene Mischung aus Thriller und Tragikomödie mit dem Fokus auf München vor hundert Jahren – ohne fiktive Elemente aus. Anstelle der Auktorialen nimmt der Leser die Perspektiven der historischen Protagonisten ein. Wie in einem Prisma brechen sich die verschiedenen Blickwinkel auf die Ereignisse, die in einer verdichteten Form zugleich nuanciert und reduziert dargestellt sind. Auf diese Weise entsteht ein virtuoses, vielstimmiges Gebilde der Zeit, in der die Stimmung zwischen Euphorie und Ernüchterung schwankt.

Neben Rainer Maria Rilke und Oskar Maria Graf taucht auch Gusto Gräser auf. Unter seinem Pseudonym Emil Sinclair dient der „Apostel“ Gräser dem damals bereits namhaften Hermann Hesse als Vorlage für die Figur des Predigers Max Demian (186ff.). Hesse nimmt an der Revolution nicht teil, stattdessen geht er zum Schreiben in die Einsamkeit Tessins (190).

Und dann gibt es noch Ret Marut (178ff.), besser bekannt als B. Traven. Als Herausgeber der Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ und Mitglied des Zentralrats (250) kann er nach der Niederschlagung der Münchener Räteregierung – Gerüchte über Gräueltaten wie dem sogenannten „Geiselmord“ der Revolutionäre heizen einen erbarmungslosen Rachefeldzug gegen ihre Protagonisten und Anhänger an – nur mit viel Glück entkommen.

Herzlichen Dank an den Verlag Kiepenheuer & Witsch für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

(c) valentino 2018

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 288 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Welcome to Norway – Reibach mit Flüchtlingen (Filmrezension)

Welcome to Norway!

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // „Die Neger kommen in ’ner halben Stunde.“ Politisch korrekt äußert sich Primus (Anders Baasmo Christiansen) nicht gerade. Sein Hotel im Norden Norwegens hat er heruntergewirtschaftet, hofft nun auf Reibach vom Staat, indem er es für Flüchtlinge als Bleibe herrichtet. Obwohl er fürchtet, dass es eine „ziemliche Plackerei mit denen“ wird, denn was auf ihn zukommt, ahnt er bereits: „Haschisch, Vergewaltigungen, Terror und Betrug.“ Von seinen kommenden Schützlingen hält er offenbar nicht viel.

Die Familie in gebannter Erwartung der Neuankömmlinge

Die Probleme beginnen schon bei der Zimmerverteilung: Muslime müssen von Christen getrennt werden, Schiiten von Sunniten. Die Sprachbarriere erweist sich als weiteres Hindernis: So gut wie niemand spricht Englisch oder gar Norwegisch. Einzig der Schwarze Abedi (Olivier Mukuta) beherrscht beide Sprachen – und das sogar vorzüglich. Er ist schon eine ganze Weile im Land und erweist sich für Primus bald als unverzichtbar. Das ist auch dringend erforderlich, denn die Ausländerbehörde hat an seinem Hotel einiges zu kritisieren und stellt immer neue Anforderungen, er möge hier einen Mangel abstellen und da einen Defekt beheben. Nach und nach lehnen sich obendrein die Asylbewerber gegen den etwas diktatorisch auftretenden Primus auf. Auch fremdenfeindliche Norweger treten auf den Plan. Mit seiner Frau Hanni (Henriette Steenstrup) und seiner Tochter Oda (Nini Bakke Kristiansen) hat der selbsternannte Flüchtlingsbeauftragte ebenfalls seine liebe Not.

„Willkommen bei den Hartmanns“ auf Norwegisch

„Welcome to Norway“ kam im Herbst 2016 drei Wochen vor der überraschend erfolgreichen deutschen Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ in unsere Kinos, erregte aber weitaus weniger Aufsehen. Das ist bedauerlich, visiert der dritte Langfilm des norwegischen Regisseurs Rune Denstad Langlo („Nord“, „Chasing the Wind“) doch gekonnt viele Eigentümlichkeiten der Flüchtlingsdebatte an. Latente bis akute Fremdenfeindlichkeit bekommen ebenso ihr Fett weg wie materialistisches Anspruchsdenken. Auch Behördenwillkür und bürokratische Hemmnisse nimmt Langlo aufs Korn. Das kann man plump inszenieren – oder feinfühlig und berührend wie in diesem Fall.

Primus und seine Frau Hanni lernen völlig neue Seiten am Ehepartner kennen

Als besonders gelungen erweist sich die Entscheidung, den Hauptdarsteller eher als Unsympathen zu inszenieren. So schroff das Geschehen im Allgemeinen und Primus im Besonderen zu Beginn auch wirken, verströmt „Welcome to Norway“ bei all dem lakonischen und bisweilen etwas bissigen Humor im weiteren Verlauf doch mehr und mehr Warmherzigkeit. Wir lernen Menschen mit Fehlern kennen, die doch dazulernen können. Viele Statistenrollen wurden mit echten Flüchtlingen aus Krisengebieten besetzt. Die wichtige Rolle des Adebi wurde ebenfalls authentisch besetzt, wie der Regisseur im Presseheft von „Welcome to Norway“ berichtet: Olivier Mukuta stammt aus dem Kongo und hat lange in einem Flüchtlingscamp in Malawi gelebt, bevor er um 2005 herum nach Norwegen kam.

Von den Ereignissen eingeholt

„Jetzt ist der Film fertig. Es ist Januar 2016 und die Realität erscheint noch trostloser. Aber gerade wenn alles hoffnungslos und schrecklich erscheint, muss es erlaubt sein zu lachen – über sich, über andere und übereinander.“ So schreibt es Rune Denstad Langlo im Presseheft zum Film. Wie recht er damit hat, belegt der von den Ereignissen überholte „Welcome to Norway“. Ein Film, der vermutlich noch eine ganze Weile brandaktuell bleiben wird.

Abedi (l.) erweist sich als unverzichtbare Hilfe

Veröffentlichung: 7. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Norwegisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Welcome to Norway!
NOR 2016
Regie: Rune Denstad Langlo
Drehbuch: Rune Denstad Langlo
Besetzung: Anders Baasmo Christiansen, Olivier Mukuta, Slimane Dazi, Kristoffer Hjulstad, Jon vegard Hovdal, Henriette Steenstrup, Nini Bakke Kristiansen, Brigitte Larsen, Marianne Meløy, Renate Reinsve, Frode Saugestad
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Indigo / good!movies

Der die Zeichen liest – Der gläubige Teenager (Filmrezension)

(M)uchenik

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Matthias Holm.

Drama // Der junge Benjamin (Pyotr Skvortsov) weigert sich, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Der Grund dafür liegt allerdings nicht in pubertärer Scham – Benjamin ist zum Christentum konvertiert und hält das Tragen knapper Kleidung für Gotteslästerung. Doch nicht nur in der Hinsicht sieht Benjamin Ansätze zur Verbesserung – stetig aus der Bibel zitierend, stellt er nach und nach die gesamte Schule auf den Kopf und driftet immer weiter in den religiösen Fanatismus.

Zucht und Ordnung durch Religion

Regisseur Kirill Serebrennikov verlagert das Theaterstück des deutschen Dramaturgen Marius von Nayenburg nach Russland – ein interessanter Punkt, ist Russland doch das Land der orthodoxen Christen. Bevor aber Benjamin mit seinen wütenden Tiraden beginnt, sieht man davon wenig – die Teenager stellen ihre Leiber zur Schau, alles ist wild, chaotisch und stark sexualisiert. Erst durch Benjamins Einsatz kommt Ordnung in den Unterricht und beim Schwimmen werden Bikinis durch Schwimmanzüge ersetzt. Durch seinen Aktionismus erhält Benjamin Aufmerksamkeit, er wird von den anderen Schülern bemerkt, wo noch zuvor gesagt wurde, dass ihn niemand bemerkt. Dadurch angestachelt, weiten sich seine religiösen Bemühungen aus – schließlich ist er nur ein Kind, welches nach Aufmerksamkeit lechzt.

Der Gegenpol zu Benjamins religiöser Obsession ist die Biologielehrerin Elena Krasnova (Viktoria Isakova), die versucht, ihre Schüler zu weltoffenen, aufgeklärten Menschen zu erziehen. Diese beiden Figuren reiben sich während des Films aneinander auf, wobei die Lehrerin meist den Kürzeren zieht – man solle Verständnis haben für den rebellierenden Teenager, man könne die Evolutionstheorie nicht mit der Bibel in Einklang bringen. In allen Szenen, in denen die angeblich liberale Schulleiterin Lyudmila Stukalina (Svetlana Bragarnik) auftaucht, scheint Benjamin mit seiner Weltsicht zu gewinnen.

Je weiter der Film fortschreitet, umso schlimmer wird der Fanatismus. Benjamin ist kein Protagonist, dem man gern folgt. Er zitiert nur aus der Bibel, was seine Agenda unterstützt. Als er in einer der stärksten Szenen des Films mit Versen konfrontiert wird, die seinen Ansichten konträr gegenüber stehen, kann er sich nur noch mit Lügen aus dieser Misere herauswinden.

Beängstigend real

Getragen wird das Drama von den Schauspielern und der Inszenierung. Gerade Pytor Skvortsov und Viktoria Isakova spielen derart glaubwürdig, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Und auch wenn die Geschichte abstruse Züge annimmt – Benjamin hält sich für eine Art Jesus-gleichen Heiler –, man hat immer das Gefühl, ein realistisches Szenario zu sehen.

Man darf „Der die Zeichen liest“ aber nicht als plumpe Religionskritik abstempeln. Der Film spricht sich für einen aufgeklärten Umgang mit der Bibel aus, ermutigt dazu, Vergleiche zu ziehen. Und er warnt vor blindem, andere verletzenden Aktionismus. In einer Zeit, in der Wutbürger und „Das wird man ja noch sagen dürfen“-Schreier durch die Straßen ziehen, ist „Der die Zeichen liest“ ein mutiger, unbequemer und wichtiger Film.

Veröffentlichung: 10. November 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: (M)uchenik
Internationaler Titel: The Student
RUS 2016
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, nach einem Theaterstück von Marius von Mayenburg
Besetzung: Pyotr Skvortsov, Viktoriya Isakova, Yuliya Aug, Aleksandr Gorchilin, Aleksandra Revenko, Anton Vasilev, Svetlana Bragarnik
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Matthias Holm

Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Manifest einer freien Dichtung

Manifest einer freien Dichtung

1. Ziele nicht darauf ab, gelesen zu werden.

2. Schreib, wie Du gerade willst, mache einen Plan, oder mache keinen Plan, schreib irgendwie.

3. Höre nicht auf die vielen Erklärer, die Dir erklären wollen, wie Du am besten plottest, Charaktere zeichnest, Füllwörter entfernst. Im Literaturbetrieb wimmeln viele Erklärer. Sie sind alle mittelmäßig, sonst wären sie erfolgreiche Schriftsteller. Was sollten sie Dir erklären?

4. Jede Minute Dante-, Shakespeare- oder Tolstoi-Lektüre wiegt einhundert Stunden Creative Writing Workshop auf.

5. Ein roh gemeißelter Vers, während eines Spazierganges feingeschliffen, birgt häufig mehr als wochenlanges Wettschreiben.

6. Orientiere Dich nicht am Leser. Der Leser ist immer flüchtig. Willst Du der Sklave eines Flüchtigen sein? Mach Dich frei davon.

7. Laufe nicht Agenturen oder anderen Verwertern hinterher.

8. Zahle niemals für ein Lektorat. Zahle niemals dafür, dass jemand Dich liest.

9. Mache Deine Dichtung nicht von Geld abhängig, sonst verrätst Du sie.

10. Dichtung misst sich nicht in Absätzen und Leserzahlen. Sie ist gar nicht messbar.

11. Dichtung ist unbezahlbar.

12. Die Metrik steht über der Grammatik. Das hilft Dir im Zweifelsfall.

13. Es gibt nur eine Universalmetrik. Sie misst nicht mehr.

14. Achte nicht auf Kritik, wenn anders als losgelöstes Kuriosum. Kritik enlarvt zuerst immer sich selbst.

15. Lies, wenn Du vor Leuten liest, immer zu Dir selbst. Deine Dichtung bleibt immer mit Dir allein.

16. Zweifle, wenn es denn sein muss, an Deiner Dichtung, aber zweifle nie, dass Du ein Dichter bist. Du wirst immer ein Dichter sein.

17. Verteidige nie Deine Dichtung. Sie verteidigt sich selbst oder auch nicht, das ist egal.

18. Es gibt nur eine Dichtung. Manchmal kannst Du ihre Spur entdecken. Manchmal siehst du noch ihren Schatten um die Ecke huschen. Manchmal steht sie, ohne dass Du sie bemerkst, dicht neben Dir und lauscht, wie Du sie besingst. Dann wird sie vielleicht morgen oder irgendwann wiederkommen und Dir neue Sprache geben, und Du schreibst etwas von so wunderbarer Schönheit, dass es Dich umwirft.

(c) belmonte 2017

Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

David Attenborough präsentiert: Könige der Lüfte – Wie Tiere das Fliegen lernten (Filmrezension)

Conquest of the Skies with David Attenborough

Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“.

Natur-Doku // Sir David Attenborough hat in seinem langen Leben schon viele beeindruckende Dokumentationen hervorgebracht. Ganz vorn dabei sind natürlich „Planet Erde“ und „Das Wunder Leben“. Dementsprechend gespannt darf man als Freund der informativen Filme sein, wenn Attenborough wieder etwas Neues herausbringt – und dann noch in 3D, welches sich für Naturaufnahmen wunderbar eignet.

Wer ist fotogener?

Wobei „neu“ relativ ist – „Könige der Lüfte“ wurde bereits 2014 produziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Herangehensweise an den Film interessant bleibt: Der Naturfilmer zeigt Lebewesen, die sich in die Lüfte erheben können. Es wäre einfach, sich hier nur auf Vögel zu konzentrieren, daher werden in vier Folgen, die alle fast eine Stunde dauern, auch Insekten gezeigt und Fossilien ausgestorbener Tierarten analysiert.

Animierte Flugsaurier

Das alles wird von Attenborough routiniert erklärt und gezeigt. Lediglich mit der Computertechnik hapert es: Immer wieder werden animierte Tiere gezeigt. So sollen bestimmte Dinosaurier zum Leben erweckt werden, jedoch fehlt es den Animationen an Glaubhaftigkeit. So wirkt es eher peinlich als beeindruckend, wenn Attenborough in einem Wald steht und vorgibt, einem Flugsaurier hinterherzuglotzen.

Ja, auch solche Käfer können fliegen

Außerdem verunsichern die Effekte den Zuschauer. Gerade im 3D-Modus, in dem die Bilder an Farbintensität und Schärfe gewinnen, ist man sich nicht sicher, ob man nun echte Kameraarbeit bewundert oder nur im Computer entstandene Bilder. Das ist umso bedauerlicher, als ähnliche Produktionen wie „Der magische See – Tale of the Lake” bewiesen haben, dass gerade Naturdokumentationen mit tollen Bildern vom 3D-Effekt profitieren können.

Der Flügelschlag einer Libelle

Regisseur David Lee hat den einen oder anderen netten Einfall, etwa die Darstellung der Luftströme beim Flügelschlag einer Libelle. Doch man hat selten das Gefühl, hier etwas Neues vorgesetzt zu bekommen. Mit dem ausführlichen „Behind the Scenes“ aus dem Bonusmaterial hat man so etwas weniger als fünf Stunden nette Unterhaltung, die aber leider nicht mehr als eben das ist – nett. Dann doch lieber noch einmal „Planet Erde“ schauen.

Auf, auf und davon

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 208 Min.
Altersfreigabe: Infoprogramm gemäß § 14 JuSchG
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conquest of the Skies with David Attenborough
GB 2014
Regie: David Lee
Zusatzmaterial: Behind the Scenes
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Botticelli Inferno – Florentiner Zeichentrip durch die Hölle des Dante Alighieri (Filmrezension)

Botticelli Inferno

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Malerei-Doku // Sandro Botticelli (1445–1510) gehört zu den bedeutendsten Malern der Frührenaissance. In Florenz geboren und gestorben, arbeitete er zwischenzeitlich auch in Rom, malte für den Vatikan Wandgemälde der Sixtinischen Kapelle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Geburt der Venus“ und „Primavera“.

Die „Göttliche Komödie“ auf Pergament

Besonders fasziniert zeigte sich Botticelli von der „Göttlichen Komödie“ des Dante Alighieri (1265–1321). Über ein Jahrzehnt zeichnete er auf Pergament Illustrationen zu Dantes Hauptwerk, dem wichtigsten italienischen Literaturgut. Die Zeichnungen sind mehrheitlich einfarbig, nur einige sind koloriert.

Der Hamburger Filmschaffende Ralph Loop begab sich für sein Langfilm-Regiedebüt auf Spurensuche nach Florenz, Rom, Berlin und anderswo in Europa. Er lässt Stadtführer und Kunsthistoriker zu Wort kommen und Kuratorinnen den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre Ansichten über Botticelli und seine Kunst vermitteln. Der Sprecher zitiert auch Botticelli selbst und kurze Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“.

Der Höllentrichter

In der Doku erfahren wir, dass das Berliner Kupferstichkabinett 85 Zeichnungen verwahrt. Weitere sieben befinden sich in der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Somit gelten von ursprünglich wohl 102 Pergamenten dieses bedeutenden Zyklus zehn Blätter als verschollen. Eine der im Vatikan befindlichen Zeichnungen wurde für „Botticelli Inferno“ eigens aus der Klimakammer geholt und mit modernen technischen Methoden untersucht: die „Mappa dell‘ Inferno“, die „Karte der Hölle“, im Deutschen aufgrund ihrer Form auch „Höllentrichter“ genannt. Das Blatt war vermutlich als Titelblatt von Botticellis Zyklus über die „Göttliche Komödie“ vorgesehen. Das Gesamtwerk war über Jahrhunderte verschollen. 1882 gelangte es von Schottland nach Berlin – ein hoch spannender Weg war vorerst zu Ende gegangen.

Nach seiner Weltpremiere am 27. Oktober 2016 erhielt „Botticelli Inferno“ in Italien sogar eine Kinoauswertung. Der Zeitpunkt war gut gewählt, das Interesse am Thema aufgrund der kurz zuvor im Kino gestarteten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ mit Tom Hanks vorhanden.

Bildende Kunst und Dokumentationen über Kunst gehören gleichermaßen nicht zu meinem Fachgebiet. Wenn ich mich als interessierten Laien bezeichne, ist das fast schon etwas hoch gegriffen. Dennoch hat mich „Botticelli Inferno“ fasziniert. Der Enthusiasmus der zu Wort kommenden Kunstexperten überträgt sich vom Bildschirm auf die Zuschauer, die interessante Einblicke in die Historie eines bedeutenden Kunstwerks erhalten. Wir erfahren einiges über Botticelli und seine Arbeit über Dantes „Göttliche Komödie“, die zum Mythos wurde. Die Doku mag kein großer Beitrag für die Kunstwissenschaft sein, wissbegierige Nicht-Fachleute kommen aber voll auf ihre Kosten. Botticelli war ein großer Künstler, „Botticelli Inferno“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, durchaus auf Kinoniveau.

Veröffentlichung: 19. Mai 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Botticelli Inferno
D 2016
Regie: Ralph Loop
Drehbuch: Ralph Loop
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot & Trailer: © 2016 good!movies / Neue Visionen Medien

Eine markerschütternde Rhapsodie des Todes – belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (Buchrezension)

Wir freuen uns über einen Beitrag unseres Gastautors Manuel Beck, Autor des Lyrikbands Am Ende November.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte weiß mit seinem Buch Sitte und Sittlichkeit vor allem zweierlei: zu überraschen und zu schockieren.

Überrascht wird man durch die Diskrepanz von Aufmachung und Inhalt. Der Titel des Buches lässt auf eine trockene gesellschaftshistorische Abhandlung schließen. Durch den Titelzusatz im Innenteil erfährt der Leser, dass es sich um einen „Versroman in zwölf Lektionen“ handelt; der Genrevermerk „Lyrik“ auf dem Umschlag ist dagegen leicht zu übersehen. Dieser wird zu zwei Dritteln dominiert von dem durchweg in Großbuchstaben gehaltenen Aufdruck: „GROB UND SCHLACHT MAL FEIN UND ZISELIERT WOANDERS“ [bezieht sich auf das Cover der Printausgabe, Anm. der Red.]. Eine solch kryptische Wortfolge mag die Neugier wecken, mich hat sie irritiert.

Beginnt man dennoch mit dem Lesen der ersten Lektion, wird der Zugang weiterhin erschwert durch die zunächst altertümliche, biblisch anmutende Sprache. Passenderweise ist die Rede von Himmel, Erde und Gott. Wohin die Reise gehen soll, bleibt zunächst unklar. Der Stil wandelt sich jedoch schon bald zu einer leichter zugänglichen Alltagssprache und die dritte Lektion gibt bereits einen plastischen Vorgeschmack auf das, was folgt: eine markerschütternde Rhapsodie des Todes!

Der Text ist durchweg in stakkatohaften Trochäen gehalten, welche die Wucht des verstörenden Geschehens metrisch noch verstärken. Der Ich-Erzähler selbst liefert die Begründung für die Wahl dieser festen Form: dem Geist einen Halt zu geben angesichts des haltlosen Grauens, von dem er auf Geheiß seines Herrn Zeuge werden und berichten muss – als Strafe für seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit Gottes.

Was sich nun entspinnt, ist nichts für schwache Nerven. In erbarmungslosen Sequenzen werden Krieg und Genozid geschildert, deren verstörende Deutlichkeit im krassen Gegensatz zum eingangs erwähnten Coverzitat steht. Leser und Erzähler kommen kaum zur Ruhe, werden gehetzt und getrieben, der Allmacht und Rachsucht Gottes allzeit gewahr. Dieser scheint uns die schlimmsten Verbrechen der Menschheit anklagend vor Augen zu halten und uns gleichsam mit der Fähigkeit zu Einsicht und Mitgefühl zu strafen, durch die uns jene erst bewusst werden.

Im Nachgang mag auch die schwarz rot weiße Farbgebung des Umschlags bedeutsam erscheinen und an die Reichsfarben Hitlerdeutschlands gemahnen. Zwar werden Täter und Opfer nicht konkret benannt, sind angesichts des Buchtitels und des Geschehens aber unschwer zu identifizieren.

Die Existenz seines Schöpfers zieht der Protagonist zuletzt nicht mehr in Frage, findet in ihr gar Trost im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Noch unter der Wirkung des nach Seinem Willen erlebten Wahnsinns stehend, scheint uns dies jedoch ein zweifelhafter Trost zu sein.

(c) Manuel Beck 2017

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert – Versroman in zwölf Lektionen. tolino media, München 2016, 72 S. Ursprüngliche Printausgabe erschienen bei Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB) erhältlich bei Thalia.de.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Café Belgica – Besoffen in Gent (Filmrezension)

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Belgica

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Nach dem großen Erfolg seines Oscar-nominierten Liebesdramas „The Broken Circle“ (2012) konnte sich Regisseur Felix van Groeningen kaum vor Anfragen aus dem In- und Ausland retten. Doch der Belgier beschloss, stattdessen sein – wie er selbst sagt – bisher persönlichstes Projekt zu realisieren. Sein Vater führte von 1989 bis 2000 das Café Charlatan in Gent. In der Live-Musikkneipe stand van Groeningen aushilfsweise hinter der Theke und sog das Treiben in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos in sich auf.

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Auf einem Auge blind: Jo hat große Pläne mit dem „Café Belgica“

Auch, wenn er viele Situationen aus dem Film so oder ähnlich selbst erlebt habe, bestreitet der Regisseur, dass „Café Belgica“ autobiografische Züge trage. Diese Zeit habe mehr als eine Art Recherche für sein Brüderdrama gedient, für das van Groeningen auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten
internationalen Film gewann.

Zwei Brüder im Partyrausch

Der musikbegeisterte Jo (Stef Aerts) betreibt die heruntergekommene kleine Kneipe „Café Belgica“. Die Lokalität ist beliebt, denn der auf einem Auge blinde Jo weist niemanden ab. Jeder soziale Stand und jedes Alter trinkt hier sein Bier, jede Art von Musik wird in seinem Zufluchtsort für allerlei verlorene Seelen gespielt. Eines Tages kommt Jos älterer Bruder Frank (Tom Vermeir) zu Besuch. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der Familienvater ist begeistert vom „Café Belgica“ und willigt trotz klammer Finanzlage und gegen den Willen seiner Frau Isabelle (Charlotte Vandermeersch) ein, in Jos Laden als Teilhaber zu investieren.

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Jo, Frank und Tim (v. l.) sind in Feierlaune

Gemeinsam vergrößern die Brüder das „Café Belgica“. In einem neuen Nebenraum finden nun Konzerte statt. Das Partyvolk reagiert begeistert und rennt den Brüdern die Bude ein. Doch zunehmend verlieren Jo und Frank die Kontrolle über das Geschehen. Die einst idealistischen Werte der Brüder werden zunehmend über Bord geworfen. Besonders Frank verliert sich immer mehr im täglichen Rauschzustand aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Schließlich muss Jo eine schwere Entscheidung treffen …

Vergängliche Momente

Da dröhnt der Schädel: Die Kneipen- und Partyszenen sind mitreißend inszeniert. Den Rausch, den Schweiß, das Gedränge und das Bier kann man förmlich riechen und schmecken. Für den passenden Soundtrack sorgt die belgische Kultband Soulwax, die sich mit ihren Klängen zwischen Kraut-Techno über Neo-Soul und Psychobilly in keine Schublade einordnen lässt. Van Groeningen ist seit seinem Langfilmdebüt „Steve + Sky“ (2004) mit der Band befreundet, die inzwischen sogar so bekannt ist, dass sie die Musik für das Videospiel „Grand Theft Auto V“ beisteuern durfte.

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Frank sprüht vor Tatendrang

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des „Café Belgica“ ist natürlich vorhersehbar. Aber van Groeningen geht es viel mehr um die Beziehung der unterschiedlichen Brüder, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden und dann langsam erneut auseinanderdriften. Etwas schwer fällt es dabei, Frank wirklich sympathisch zu finden. Er vernachlässigt seine Familie, geht fremd, säuft und wird schnell gewalttätig. Leider wird auch nur leicht angedeutet, wie er so ein hedonistischer Mistkerl werden konnte, der auch gut in van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ (2009) gepasst hätte.

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Frank schwört seiner Frau Isabelle, dass er sich benimmt

Im Gegensatz dazu steht der zurückhaltende Jo, der seit dem Babyalter mit seiner Augenbehinderung leben muss. Es ist nicht verwunderlich, dass er zu seinem großen Bruder aufblickt, der ihn im Teenageralter vor Hänseleien geschützt hat. In einer kurzen, wunderschönen Szene sieht sich Jo ein altes Foto an. Darauf hält Frank im Kindesalter den einäugigen Säugling Jo in seinen Händen. Beide strahlen dabei über beide Ohren.

Mit Herzblut und Nostalgie

Auch wenn „Café Belgica“ nicht ganz an den tieftraurigen und höchst emotionalen „The Broken Circle“ heranreicht, spürt man jede Minute, dass van Groeningen viel Herzblut in seine Tragikomödie gesteckt hat, die sowohl als elektrisierender Musikfilm als auch als schmerzliche Charakterstudie sehr gut funktioniert. „Café Belgica“ ist ein nostalgischer Blick zurück auf eine unbeschwerte Zeit voller vergänglicher Momente – bis man schließlich von der Realität eingeholt wurde. Ein Film, der sich so anfühlt, wie die Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, die man sich aber ab und an ruhig mal gönnen sollte.

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Zwischen den Brüdern verhärten sich die Fronten

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Belgica
BEL/F 2015
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Arne Sierens
Besetzung: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Boris Van Severen, Ben Benaouisse
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Trailershow
Vertrieb: Pandora Film Verleih

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Pandora Film Verleih

Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

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Shirley – Visions of Reality

Für diese Gastrezension bedanken wir uns bei Anja Rohde von „Die Nacht der lebenden Texte

Experimentalfilm // Drei Passagiere im Inneren eines luxuriösen Salonwagens. Bahnhofsgeräusche. Eine Frau betritt das Abteil, dreht sich einen Sessel zurecht, nimmt ein Buch zur Hand. Als die Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf zu ihr dreht, macht es im Gehirn „klick“: Das ist es, das ist genau das Bild „Chair Car“ von Edward Hopper. Diesen Effekt wird man im Verlauf des Filmes noch einige Male haben, denn Autor und Regisseur Gustav Deutsch erzählt die Geschichte einer Frau anhand von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

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1932

Die erste Szene aus dem Leben der von der Tänzerin Stephanie Cummings mit Grandesse, innerer Würde und Körperbeherrschung verkörperten Shirley spielt am 28. August 1931 in einem Pariser Hotelzimmer. Wir treffen Shirley erneut am 28. August 1932, und dann wieder 1939, 1940, 1942, 1952, 1956, 1957, 1959, 1961 und 1963, immer am 28. August. In so einer langen Zeit passiert viel, gesellschaftlich wie privat. Einige wichtige politische Ereignisse werden zu Beginn einer jeden Szene von einem Radiosprecher angesagt, die privaten Ereignisse erfahren wir aus den inneren Monologen, die Shirley in ihren Hopperschen Szenenbildern führt.

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1939

Der Kamera ist es nicht erlaubt, das Szenenbild zu verlassen, den Blickwinkel zu verändern, zwischen den Agierenden hin und her zu springen. Das Bild bleibt das Bild, einzig Zooms und Nahaufnahmen sind gestattet. Das Publikum sieht, was kurz vor und kurz nach dem Moment geschah, den das Bild zeigt. Und hört, was sich die abgebildeten Personen denken. Ist das nicht der Traum jedes Museumsgastes, zu wissen, warum das Bild so ist, wie es ist? Wohin die Protagonistin schaut? Was sie dabei denkt? Was sie davor und danach macht? Warum sie so dasteht, wie sie dasteht? Im Museum kann man sich damit behelfen, sich diese Geschichten selbst auszudenken – wer fantasiert nicht gern über persönliche Schicksale, sei es die der wortkargen Nachbarn oder eben einer interessanten Person auf einem Foto oder Gemälde?

Gustav Deutsch übernimmt das in „Shirley“ für uns. Zusammen mit seiner Partnerin Hanna Schimek und genialen Beleuchtern, Kostümbildnern und Designern hat er Hoppers Bilder nachgebaut – und das war nicht immer einfach. Hoppers Spiel mit Licht und Schatten sollten so werkgetreu wie möglich dargestellt werden, ebenso die besonderen Farben. Hoppers Räume und Möbel ließen sich mitnichten als naturgetreue Räume nachbauen – mal ist ein Bett deutlich länger als normal, mal ein Sessel viel schmaler, als er es in Wirklichkeit wäre. Beim Bild „Office at Night“ mussten die Möbel so stark gekippt werden, dass beinahe nichts mehr auf den Tischen hielt. Für den Filmemacher eine spannende Herausforderung, ein zweidimensionales Bild in eine dreidimensionale Wirklichkeit zu überführen und dann wieder in ein zweidimensionales Bild rückzutransferieren, wie er im Interview im Presseheft erläutert.

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1942

Deutsch betont, dass es sich nicht nur um ein Film-, sondern auch um ein Ausstellungsprojekt handelt. Jedes Utensil, das für den Film erschaffen wurde, ist ein künstlerisches Objekt, sei es ein Faltblatt, auf dem die Schrift gar nicht lesbar ist, oder ein Telefon, welches extra geschnitzt wurde. Die Verwertung im Kunstkontext hat bereits begonnen: Zwei der Filmsets wurden in Ausstellungen in Wien und Mailand gezeigt.

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1952

Natürlich ist der Film extrem statisch. Die Bewegungen sind langsam, die inneren Monologe ruhig, die Mimik ist klar und unhektisch. Aber wer erwartet schon einen Actionfilm bei einer Erzählung, die sich an Hoppers kühlen, melancholischen Bildern entlanghangelt? Man muss es schon ertragen können, dass auch einfach mal ein leerer Raum zu sehen ist, in den ein Vorhang weht. Deutsch lässt Platz fürs Weiterträumen. Wir erfahren zwar alle paar Jahre, wie es Shirley geht – was in der Zwischenzeit passiert, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Edward Hopper gilt als Maler des Realismus. Aber er bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er inszeniert sie – ebenso wie ein Filmemacher. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes stimmt jeweils genau mit der Geschichte überein. Sehen wir Shirley 1952 in der Morgensonne auf ihrem Bett sitzend, entspricht das dem 1952 gemalten Bild „Morning Sun“. Dass 30 Jahre vergehen, will der Regisseur weniger durch geschminkte Alterungsprozesse darstellen, sondern über Gestik, Mimik und Körperhaltung transportieren. Und natürlich erkennt man den Fortgang der Zeit auch an den Gedanken, an denen uns die Protagonisten teilhaben lassen. Deutsch wollte, dass es auch inhaltlich um eine Auseinandersetzung mit der Realität und deren Inszenierung geht, deswegen ist die Hauptperson eine Schauspielerin, ihr Lebensgefährte (Christoph Bach) ein Fotojournalist.

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1956

Shirley ist eine moderne, selbstständige Frau, sie spielt im Group Theatre und ist politisch interessiert – in der vorletzten Einstellung läuft im Radio die berühmte „I Have a Dream“-Rede von Martin Luther King. Übrigens der Grund, warum Deutsch den 28. August ausgewählt hat. Indem er das Datum des Marsches der Bürgerrechtsbewegung nach Washington verwendet, konterkariert er die politsche Einstellung Hoppers. „Ich kann ihm sozusagen entgegenarbeiten. Edward Hopper war ein politisch sehr konservativ denkender Mensch, etwas, das ich gar nicht mit ihm teile. Das kann ich durch meine Protagonistin auch umkehren und in eine andere Richtung führen.“ Eine geniale Idee, lässt sich das Werk eines Künstlers doch nie hundertprozentig vom Kunstschaffenden trennen.

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1957

Ein großes Filmereignis für Detailverliebte, für Hopper-Fans und für jene, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Film auch mal quer zu den Sehgewohnheiten stellt. Bis zum Schluss nur noch Licht und Schatten übrig ist.

Veröffentlichung: 4. März 2016 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Shirley – Visions of Reality
AUS 2013
Buch und Regie: Gustav Deutsch
Besetzung: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Rendezvous-Filmverleih