Der die Zeichen liest – Der gläubige Teenager (Filmrezension)

2. Dezember 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

(M)uchenik

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Matthias Holm.

Drama // Der junge Benjamin (Pyotr Skvortsov) weigert sich, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Der Grund dafür liegt allerdings nicht in pubertärer Scham – Benjamin ist zum Christentum konvertiert und hält das Tragen knapper Kleidung für Gotteslästerung. Doch nicht nur in der Hinsicht sieht Benjamin Ansätze zur Verbesserung – stetig aus der Bibel zitierend, stellt er nach und nach die gesamte Schule auf den Kopf und driftet immer weiter in den religiösen Fanatismus.

Zucht und Ordnung durch Religion

Regisseur Kirill Serebrennikov verlagert das Theaterstück des deutschen Dramaturgen Marius von Nayenburg nach Russland – ein interessanter Punkt, ist Russland doch das Land der orthodoxen Christen. Bevor aber Benjamin mit seinen wütenden Tiraden beginnt, sieht man davon wenig – die Teenager stellen ihre Leiber zur Schau, alles ist wild, chaotisch und stark sexualisiert. Erst durch Benjamins Einsatz kommt Ordnung in den Unterricht und beim Schwimmen werden Bikinis durch Schwimmanzüge ersetzt. Durch seinen Aktionismus erhält Benjamin Aufmerksamkeit, er wird von den anderen Schülern bemerkt, wo noch zuvor gesagt wurde, dass ihn niemand bemerkt. Dadurch angestachelt, weiten sich seine religiösen Bemühungen aus – schließlich ist er nur ein Kind, welches nach Aufmerksamkeit lechzt.

Der Gegenpol zu Benjamins religiöser Obsession ist die Biologielehrerin Elena Krasnova (Viktoria Isakova), die versucht, ihre Schüler zu weltoffenen, aufgeklärten Menschen zu erziehen. Diese beiden Figuren reiben sich während des Films aneinander auf, wobei die Lehrerin meist den Kürzeren zieht – man solle Verständnis haben für den rebellierenden Teenager, man könne die Evolutionstheorie nicht mit der Bibel in Einklang bringen. In allen Szenen, in denen die angeblich liberale Schulleiterin Lyudmila Stukalina (Svetlana Bragarnik) auftaucht, scheint Benjamin mit seiner Weltsicht zu gewinnen.

Je weiter der Film fortschreitet, umso schlimmer wird der Fanatismus. Benjamin ist kein Protagonist, dem man gern folgt. Er zitiert nur aus der Bibel, was seine Agenda unterstützt. Als er in einer der stärksten Szenen des Films mit Versen konfrontiert wird, die seinen Ansichten konträr gegenüber stehen, kann er sich nur noch mit Lügen aus dieser Misere herauswinden.

Beängstigend real

Getragen wird das Drama von den Schauspielern und der Inszenierung. Gerade Pytor Skvortsov und Viktoria Isakova spielen derart glaubwürdig, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Und auch wenn die Geschichte abstruse Züge annimmt – Benjamin hält sich für eine Art Jesus-gleichen Heiler –, man hat immer das Gefühl, ein realistisches Szenario zu sehen.

Man darf „Der die Zeichen liest“ aber nicht als plumpe Religionskritik abstempeln. Der Film spricht sich für einen aufgeklärten Umgang mit der Bibel aus, ermutigt dazu, Vergleiche zu ziehen. Und er warnt vor blindem, andere verletzenden Aktionismus. In einer Zeit, in der Wutbürger und „Das wird man ja noch sagen dürfen“-Schreier durch die Straßen ziehen, ist „Der die Zeichen liest“ ein mutiger, unbequemer und wichtiger Film.

Veröffentlichung: 10. November 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: (M)uchenik
Internationaler Titel: The Student
RUS 2016
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, nach einem Theaterstück von Marius von Mayenburg
Besetzung: Pyotr Skvortsov, Viktoriya Isakova, Yuliya Aug, Aleksandr Gorchilin, Aleksandra Revenko, Anton Vasilev, Svetlana Bragarnik
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Matthias Holm

Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

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Manifest einer freien Dichtung

9. September 2017 § 2 Kommentare

Manifest einer freien Dichtung

1. Ziele nicht darauf ab, gelesen zu werden.

2. Schreib, wie Du gerade willst, mache einen Plan, oder mache keinen Plan, schreib irgendwie.

3. Höre nicht auf die vielen Erklärer, die Dir erklären wollen, wie Du am besten plottest, Charaktere zeichnest, Füllwörter entfernst. Im Literaturbetrieb wimmeln viele Erklärer. Sie sind alle mittelmäßig, sonst wären sie erfolgreiche Schriftsteller. Was sollten sie Dir erklären?

4. Jede Minute Dante-, Shakespeare- oder Tolstoi-Lektüre wiegt einhundert Stunden Creative Writing Workshop auf.

5. Ein roh gemeißelter Vers, während eines Spazierganges feingeschliffen, birgt häufig mehr als wochenlanges Wettschreiben.

6. Orientiere Dich nicht am Leser. Der Leser ist immer flüchtig. Willst Du der Sklave eines Flüchtigen sein? Mach Dich frei davon.

7. Laufe nicht Agenturen oder anderen Verwertern hinterher.

8. Zahle niemals für ein Lektorat. Zahle niemals dafür, dass jemand Dich liest.

9. Mache Deine Dichtung nicht von Geld abhängig, sonst verrätst Du sie.

10. Dichtung misst sich nicht in Absätzen und Leserzahlen. Sie ist gar nicht messbar.

11. Dichtung ist unbezahlbar.

12. Die Metrik steht über der Grammatik. Das hilft Dir im Zweifelsfall.

13. Es gibt nur eine Universalmetrik. Sie misst nicht mehr.

14. Achte nicht auf Kritik, wenn anders als losgelöstes Kuriosum. Kritik enlarvt zuerst immer sich selbst.

15. Lies, wenn Du vor Leuten liest, immer zu Dir selbst. Deine Dichtung bleibt immer mit Dir allein.

16. Zweifle, wenn es denn sein muss, an Deiner Dichtung, aber zweifle nie, dass Du ein Dichter bist. Du wirst immer ein Dichter sein.

17. Verteidige nie Deine Dichtung. Sie verteidigt sich selbst oder auch nicht, das ist egal.

18. Es gibt nur eine Dichtung. Manchmal kannst Du ihre Spur entdecken. Manchmal siehst du noch ihren Schatten um die Ecke huschen. Manchmal steht sie, ohne dass Du sie bemerkst, dicht neben Dir und lauscht, wie Du sie besingst. Dann wird sie vielleicht morgen oder irgendwann wiederkommen und Dir neue Sprache geben, und Du schreibst etwas von so wunderbarer Schönheit, dass es Dich umwirft.

(c) belmonte 2017

Ankündigung: Manifest einer freien Dichtung

2. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Ankündigung: Manifest einer freien Dichtung

Am kommenden Samstag, den 9. September 2017, erscheint auf unserem vnicornis-Blog das Manifest einer freien Dichtung.

Als Vorbereitung empfehlen wir die Lektüre unseres Programmes der Bühne als mehrstimmiger Lyrik und Andacht des ganzen Menschen.

Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

12. August 2017 § Ein Kommentar

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

David Attenborough präsentiert: Könige der Lüfte – Wie Tiere das Fliegen lernten (Filmrezension)

17. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Conquest of the Skies with David Attenborough

Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“.

Natur-Doku // Sir David Attenborough hat in seinem langen Leben schon viele beeindruckende Dokumentationen hervorgebracht. Ganz vorn dabei sind natürlich „Planet Erde“ und „Das Wunder Leben“. Dementsprechend gespannt darf man als Freund der informativen Filme sein, wenn Attenborough wieder etwas Neues herausbringt – und dann noch in 3D, welches sich für Naturaufnahmen wunderbar eignet.

Wer ist fotogener?

Wobei „neu“ relativ ist – „Könige der Lüfte“ wurde bereits 2014 produziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Herangehensweise an den Film interessant bleibt: Der Naturfilmer zeigt Lebewesen, die sich in die Lüfte erheben können. Es wäre einfach, sich hier nur auf Vögel zu konzentrieren, daher werden in vier Folgen, die alle fast eine Stunde dauern, auch Insekten gezeigt und Fossilien ausgestorbener Tierarten analysiert.

Animierte Flugsaurier

Das alles wird von Attenborough routiniert erklärt und gezeigt. Lediglich mit der Computertechnik hapert es: Immer wieder werden animierte Tiere gezeigt. So sollen bestimmte Dinosaurier zum Leben erweckt werden, jedoch fehlt es den Animationen an Glaubhaftigkeit. So wirkt es eher peinlich als beeindruckend, wenn Attenborough in einem Wald steht und vorgibt, einem Flugsaurier hinterherzuglotzen.

Ja, auch solche Käfer können fliegen

Außerdem verunsichern die Effekte den Zuschauer. Gerade im 3D-Modus, in dem die Bilder an Farbintensität und Schärfe gewinnen, ist man sich nicht sicher, ob man nun echte Kameraarbeit bewundert oder nur im Computer entstandene Bilder. Das ist umso bedauerlicher, als ähnliche Produktionen wie „Der magische See – Tale of the Lake” bewiesen haben, dass gerade Naturdokumentationen mit tollen Bildern vom 3D-Effekt profitieren können.

Der Flügelschlag einer Libelle

Regisseur David Lee hat den einen oder anderen netten Einfall, etwa die Darstellung der Luftströme beim Flügelschlag einer Libelle. Doch man hat selten das Gefühl, hier etwas Neues vorgesetzt zu bekommen. Mit dem ausführlichen „Behind the Scenes“ aus dem Bonusmaterial hat man so etwas weniger als fünf Stunden nette Unterhaltung, die aber leider nicht mehr als eben das ist – nett. Dann doch lieber noch einmal „Planet Erde“ schauen.

Auf, auf und davon

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 208 Min.
Altersfreigabe: Infoprogramm gemäß § 14 JuSchG
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conquest of the Skies with David Attenborough
GB 2014
Regie: David Lee
Zusatzmaterial: Behind the Scenes
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

3. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Botticelli Inferno – Florentiner Zeichentrip durch die Hölle des Dante Alighieri (Filmrezension)

23. Mai 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Botticelli Inferno

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Malerei-Doku // Sandro Botticelli (1445–1510) gehört zu den bedeutendsten Malern der Frührenaissance. In Florenz geboren und gestorben, arbeitete er zwischenzeitlich auch in Rom, malte für den Vatikan Wandgemälde der Sixtinischen Kapelle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Geburt der Venus“ und „Primavera“.

Die „Göttliche Komödie“ auf Pergament

Besonders fasziniert zeigte sich Botticelli von der „Göttlichen Komödie“ des Dante Alighieri (1265–1321). Über ein Jahrzehnt zeichnete er auf Pergament Illustrationen zu Dantes Hauptwerk, dem wichtigsten italienischen Literaturgut. Die Zeichnungen sind mehrheitlich einfarbig, nur einige sind koloriert.

Der Hamburger Filmschaffende Ralph Loop begab sich für sein Langfilm-Regiedebüt auf Spurensuche nach Florenz, Rom, Berlin und anderswo in Europa. Er lässt Stadtführer und Kunsthistoriker zu Wort kommen und Kuratorinnen den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre Ansichten über Botticelli und seine Kunst vermitteln. Der Sprecher zitiert auch Botticelli selbst und kurze Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“.

Der Höllentrichter

In der Doku erfahren wir, dass das Berliner Kupferstichkabinett 85 Zeichnungen verwahrt. Weitere sieben befinden sich in der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Somit gelten von ursprünglich wohl 102 Pergamenten dieses bedeutenden Zyklus zehn Blätter als verschollen. Eine der im Vatikan befindlichen Zeichnungen wurde für „Botticelli Inferno“ eigens aus der Klimakammer geholt und mit modernen technischen Methoden untersucht: die „Mappa dell‘ Inferno“, die „Karte der Hölle“, im Deutschen aufgrund ihrer Form auch „Höllentrichter“ genannt. Das Blatt war vermutlich als Titelblatt von Botticellis Zyklus über die „Göttliche Komödie“ vorgesehen. Das Gesamtwerk war über Jahrhunderte verschollen. 1882 gelangte es von Schottland nach Berlin – ein hoch spannender Weg war vorerst zu Ende gegangen.

Nach seiner Weltpremiere am 27. Oktober 2016 erhielt „Botticelli Inferno“ in Italien sogar eine Kinoauswertung. Der Zeitpunkt war gut gewählt, das Interesse am Thema aufgrund der kurz zuvor im Kino gestarteten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ mit Tom Hanks vorhanden.

Bildende Kunst und Dokumentationen über Kunst gehören gleichermaßen nicht zu meinem Fachgebiet. Wenn ich mich als interessierten Laien bezeichne, ist das fast schon etwas hoch gegriffen. Dennoch hat mich „Botticelli Inferno“ fasziniert. Der Enthusiasmus der zu Wort kommenden Kunstexperten überträgt sich vom Bildschirm auf die Zuschauer, die interessante Einblicke in die Historie eines bedeutenden Kunstwerks erhalten. Wir erfahren einiges über Botticelli und seine Arbeit über Dantes „Göttliche Komödie“, die zum Mythos wurde. Die Doku mag kein großer Beitrag für die Kunstwissenschaft sein, wissbegierige Nicht-Fachleute kommen aber voll auf ihre Kosten. Botticelli war ein großer Künstler, „Botticelli Inferno“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, durchaus auf Kinoniveau.

Veröffentlichung: 19. Mai 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Botticelli Inferno
D 2016
Regie: Ralph Loop
Drehbuch: Ralph Loop
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot & Trailer: © 2016 good!movies / Neue Visionen Medien

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