Von Ziegen, Schlangen und Tintenfischen – Bericht über den Linolschnitt-Workshop für Kinder

valentino

Die originellen, hervorragenden Ergebnisse des Workshops „Linolschnitt und -druck“ lassen das Herz höher schlagen. Sie sind es allemal wert, in diesem Beitrag gezeigt zu werden. Der Workshop fand am ersten Dezemberwochenende (2. bis 4.) im Rahmen des Autorentreffens auf der Tromm statt und richtete sich ursprünglich an Kinder – was jedoch einige Erwachsene nicht davon abhielt mitzumachen.

Präsentation der Ergebnisse

Präsentation der Ergebnisse / Foto: Fichte

Die Teilnehmer/innen gingen hoch motiviert und mit großem Tatendrang ans Werk. Die individuellen Herangehensweisen waren bemerkenswert. Dabei gingen die Kinder noch unverstellter, unbedarfter als die Erwachsenen vor: Da wird dann auch mal mit Filzstiften in den noch nassen Druck hinein gemalt – eine gute Idee.

An Material standen uns Linoleum, Bleistifte, Messer, Walzen, Farbe auf Wasserbasis und Papier zur Verfügung. Zunächst haben wir unsere Motive mit dem Bleistift auf den Druckstock übertragen. Natürlich braucht es etwas Geduld und ein gewisses handwerkliches Geschick, um die Konturen und die Formen in die glatte Oberfläche der Platte zu schneiden. Um das Linoleum weicher zu machen, legten wir es kurz auf die Heizung. Danach ließ es sich leichter gestalten.

Nach getaner Arbeit

Nach getaner Arbeit / Foto: Fichte

Schließlich haben wir mit den Walzen die Farbe aufgetragen und mit den eingefärbten Druckstöcken das Papier bedruckt. Es ist schön zu sehen, dass diese spannende Technik Kinder und Erwachsene begeistert. Vielleicht hat ja die eine oder der andere Lust bekommen, weiter mit dem Medium zu arbeiten oder in Zukunft die bisher erworbenen Kenntnisse aufzugreifen. Herzlichen Dank allen Mitwirkenden für die Inspiration!

(c) valentino 2016

Merken

Die Wand beginnt zu leben

Valentinos Holzdrucke

Valentinos Holzdrucke / Foto: Klaus Kirchner

Marta Rose

Die Wand beginnt
zu leben
es kleben
Gesichter
daran
sie sehen dich an
und fragen
dich
wer du bist

welche Farben
du heute trägst
gelb, grün, rot, blau
in deinem Antlitz
leuchten sie
verändern
sich,
dich
in einem Moment

manchmal auch weiß
manchmal auch grau

sie halten dir
den Spiegel
bilden Facetten
darin
sie verwandeln
sich im Holzstich
verarbeiten Gemüter
nach ihrem Sinn

sie sehen
deinen Schein
deine Maske
deine Farben
deine Höhen
deine Tiefen
als Relief

dein Sein
deine Aufgabe
deine Berufung
dein Wesen
im Gesicht
Schattenfalten
zählen sie nicht

du beginnst
zu leben
die Gesichter
sehen dich an
und fragen
dich
wer du bist

sie fragen nach
der Reise
dem Künstler
dem Dichter
in dir
sie fragen
auf ihre Weise
wer bist du
was machst du hier

(c) Marta Rose 2014

Siehe auch http://wortundwasser.wordpress.com

Die Künstlerkolonie Tromm | 4 | Ein Dialog | 2

VALENTINO:
Wenn ich deinen Ausführungen folge, nach denen Künstler Welten erschaffen, was ich durchaus unterstreiche, wozu müssen sie dann dafür irgendwo hingehen? Die Welten, die sie erschaffen, befinden sich in ihren Köpfen. Natürlich werden sie von der Wirklichkeit – von anderen Künstlern und Literaten – beeinflusst. Indem sie ihre Kunst erschaffen, formen sie diese Eindrücke subjektiv aus. In ihren Werken, ihrem Stil, ihrem Duktus kann der Betrachter dann die Welt aus der Sichtweise des Künstlers erkennen. Diese Subjektivität, die subjektive Herangehensweise, steht für mich sogar noch über der Virtuosität des Künstlers. Sie ist eben der Ausdruckswille, der über gesellschaftliche Konventionen und ökonomische Zwänge hinweg Künstler antreibt, ihre Welten auszuformen. In Worpswede gab es tatsächlich Parallelwelten zwischen Künstlerkolonie und Dorfbevölkerung. Diese unterschiedlichen Welten müssen sich ja nicht zwangsläufig gegenseitig zerstören (in dem Sinne, wie die „Mutterländer“ des Kolonialismus ihre Kolonien wirtschaftlich ausgebeutet haben und sich, von ihren Ideologien geleitet, der kolonisierten Bevölkerung überlegen fühlten). Es war wohl eher so, dass sie aneinander vorbei lebten, was eher seltsam als zerstörerisch war. Aber aus Sicht der Dorfbevölkerung waren die Künstler vielleicht arrogant oder ignorant. Und vielleicht verhielt es sich umgekehrt genauso. Natürlich kann den Künstlern das auch einfach egal sein.

BELMONTE:
Ich bin da nicht so sicher, ob die Welten, die Künstler erschaffen, sich in ihren Köpfen befinden. Wenn dem so wäre, bräuchte es ja den A u s d r u c k nicht. Die Welten des Künstlers entstehen ja erst im Ausdruck, sozusagen im Herausdrücken aus dem Kopf. Und sicherlich benötigt es dazu auch etwas, das in den Kopf hinein gekommen ist. (Und ich denke, dafür muss ein Künstler – und sei es auch nur im übertragenen Sinne – tatsächlich irgendwo hingehen.) Ansonsten besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass der Künstler in sich selbst eingeschlossen bleibt, dass der Kopf sich kontinuierlich mit dem Inhalt des Kopfes beschäftigt, ihn immer wieder dreht und wendet, dabei aber nichts nach außen gibt. Die Folge ist Wahnsinn und womöglich genau die Folge eines versickerten Ausdruckswillens. Es ist eben alles im Kopf geblieben.

Mich würde an dieser Stelle noch interessieren, was genau Du mit subjektiver Herangehensweise meinst und wie Du sie mit dem Ausdruckswillen in Deckung bringst. Was wäre denn eine nicht-subjektive Herangehensweise?

Steinskulptur auf der Tromm

Steinskulptur auf der Tromm / Foto: Valentino

VALENTINO:
Eine rhetorische Frage. Mit meiner Aussage, eine subjektive Herangehensweise stehe für mich über der Virtuosität eines Künstlers, habe ich wohl kaum behauptet, es gebe eine nicht-subjektive Herangehensweise, oder? Ich meine, dass in einer Gruppe von Individuen jeder die Wirklichkeit anders oder jeder in ihr wieder andere Facetten sieht. Man könnte auch sagen, es gibt so viele Wirklichkeiten, wie es Künstler gibt (zum Beispiel auf eine – fiktive – Künstlerkolonie bezogen). Und diese Tatsache ist für mich erst einmal wichtiger, als die Kunstfertigkeit der Mitglieder. Auch hier geht es um Austausch. Jeder hat verschiedene Fähigkeiten mehr oder weniger ausgeprägt. In einer Gruppe sollte jeder von jedem lernen können.

Aber ich möchte noch einmal auf die Welten zu sprechen kommen, die sich in den Köpfen der Künstler befinden. Ich teile nicht deine Ansicht, nach der ein Künstler verrückt würde, wenn diese Welten in seinem Kopf blieben. Das ist doch eine sehr mechanistische Vorstellung von der Funktionsweise des Gehirns. Ich könnte zum Beispiel morgen mit dem Malen aufhören (was ich nicht vorhabe) und hätte keine Bedenken, geistigen Schaden davonzutragen. Im Gegenteil denke ich, dass der selbstauferlegte Zwang, zum Beispiel jeden Tag schreiben oder malen zu müssen, zu einer Zwangsidee und schließlich zu Wahnsinn führen kann. Dass es einem Ausdruck bedarf, um die Welten sichtbar zu machen, die sich in den Köpfen befinden – darüber sind wir uns jedenfalls einig. Natürlich habe ich auch ein bisschen provozieren wollen mit der Behauptung, der Künstler bräuchte nirgendwo hingehen. Das hätte ich so nicht gesagt, wenn ich nicht schon die eine oder andere Reise gemacht hätte. Und natürlich braucht es, wie ich ja bereits sagte, Einfluss von außen (das können ja auch gute Bücher sein). Wenn ein Künstler jedoch diesen Einfluss hat, kann er in den Welten, die sich in seinem Kopf befinden, reisen, ohne dafür einen Schritt vor die Tür zu setzen – und ohne gleich wahnsinnig zu werden.

BELMONTE:
Subjektivität und Wahnsinn – ein spannendes Feld. Meine Vorstellung des Gehirns ist tatsächlich recht mechanistisch. Darüber steht allerdings die Seele, die ich weder als mechanistisch bezeichnen noch überhaupt mit einer wie immer gearteten Funktionsweise in Verbindung bringen würde. Und der Begriff Wahnsinn ist natürlich viel zu ungenau, um so eine simple Folge E n d e d e r K u n s t => W e l t e n b l e i b e n i m K o p f => W a h n s i n n aufzustellen. Dennoch glaube ich, dass etwas dran ist: Der Künstler hat einen Ausdruckswillen. Geht ihm dieser Ausdruckswillen nun abhanden, ist er dann noch Künstler? Ist er noch Künstler, wenn der Strom versiegt ist? Und was ist mit jenen, die aus einer anfangs grandiosen Schöpfung eine Masche gemacht haben, die sie nun immer und immer wiederholen? Wird dann nicht der Künstler zum Kunsthandwerker? Zum Zubringer seiner eigenen Schöpfung? Und daran schließt sich die Frage an, was jemand von jemandem lernen kann. Eine Masche, eine Kunstfertigkeit, eine Fähigkeit ist erlernbar. Aber ein Ausdruckswille?

VALENTINO:
Für mich ist die Funktionsweise des Gehirns organisch: Seine organische Struktur spiegelt die wahrgenommene Wirklichkeit wider und ich glaube, dass man sie in den Werken erkennen kann. Ich denke, jeder ist ein Künstler, der sein Talent erkannt hat und sich als solcher versteht. Ob ein Ausdruckswille erlernbar ist, wage ich zu bezweifeln. Entweder hat man ihn, oder man hat ihn nicht. Aber so genau kann ich das auch gar nicht sagen. Falls der Ausdruckswille versiegt sein sollte, hängt es davon ab, warum das passiert ist. Ist das Œuvre bereits geschaffen und der Geist gibt nichts mehr her? Oder gibt es äußere, ökonomische Zwänge? Dann frage ich mich: Was verstehe ich unter Freiheit? Und: Wie kann ich unter schwierigen Bedingungen frei leben?

(Zurück zum ersten Teil des Dialoges …)

(c) belmonte und valentino 2014

Die Künstlerkolonie Tromm | 4 | Ein Dialog | 1

BELMONTE:
Was bedeutet für Dich „Künstlerkolonie“? Und kann „Künstlerkolonie“ – zumindest als Idee – unter heutigen Gegebenheiten Bestand haben?

VALENTINO:
Seit der Industrialisierung haben wir uns immer mehr von unserer Natur entfremdet. In der Folge bildete sich die Künstlerkolonie als Gegenbewegung. Für mich geht es darum, das Gleichgewicht zwischen uns und unserer Natur wieder herzustellen. Da finde ich die Künstlerkolonie – als Idee – durchaus reizvoll, auch wenn sie heute nicht mehr zeitgemäß erscheint. Mich beschäftigt, wie wir miteinander leben wollen, wo die Muße, die gegenseitige Unterstützung bleibt.

Himmel über der Tromm

Himmel über der Tromm / Foto: belmonte

BELMONTE:
Muße und Muse, würde ich sagen. Mir gefällt, dass du die gegenseitige Unterstützung erwähnst, also den gemeinschaftlichen Aspekt der Künstlerkolonie. Ich denke, dieser gemeinschaftliche Charakter einer Künstlerkolonie – beziehungsweise der Idee Künstlerkolonie – ist enorm wichtig. Er sollte aber nie das Einzelgängerische des Künstlertums zerstören, sollte es vielmehr fördern. Denn der Ausdruckswille der Kunst ist aus meiner Sicht immer ein Ausdruckswille des Einzelnen. Künstlerkolonie sollte nach meinem Dafürhalten nicht in der Bildung einer künstlerischen Schulrichtung münden.

VALENTINO:
Ich denke an eine Vielfalt von Ideen und Herangehensweisen – allein neigt man ja dazu, auf immer dieselben Muster zurückzugreifen, bekannte Wege zu gehen. In einer Kolonie oder in einer Gruppe (was für mich irgendwie vertrauter klingt) kann man sich, so stelle ich mir jedenfalls vor, gegenseitig inspirieren und von ausgetretenen Pfaden abbringen. Als Individualist stehe ich einer solchen Gruppenarbeit allerdings skeptisch gegenüber. Denkst du nicht, dass sich die hochgeistigen Ideale oft an kleingeistigem Geplänkel aufreiben?

BELMONTE:
Kleingeistiges Geplänkel ist doch aber manchmal das Salz in der Suppe, wenn man über die zahlreichen Künstlergruppen der letzten beiden Jahrhunderte liest. Findest Du nicht? Und tatsächlich hatten die meisten Künstlergruppen keinen dauernden Bestand. Irgendwann ist die gegenseitige Inspiration ausgeatmet und es werden wieder die eigenen Wege beschritten. Das spricht meiner Ansicht nach noch nicht gegen die Künstlergruppe an sich.

Ich würde aber gerne noch auf den Begriff der Kolonie zu sprechen kommen. Kolonisation ist Landnahme, ein Suchen-Finden, ein Dort-gehen-wir-hin (mit Betonung auf jedem einzelnen Wort). Wahrscheinlich steckt darin aber schon die Paradoxie, wenn man das Urbarmachen der Kolonisation auf den Ausdruckswillen der Kunst anwendet. Wir suchen das unbebaute Land, den Ursprung, und machen es urbar, formen es aus. Wenn diese Ausformung aber geschehen ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Gruppe sich wieder trennt – nach Jahren oder womöglich bereits nach einem Wochenende.

VALENTINO:
Aus Sicht zum Beispiel der Künstlerkolonie Worpswede oder der Schule von Barbizon kann ich – im Kontext ihrer Zeit – durchaus nachvollziehen, warum die Künstler in die Landschaft gingen. Bei den Künstlern aus Worpswede war es ja vor allem der Widerwille gegen eine verstaubt anmutende Akademie-Malschule. Das Bedürfnis, der Natur wieder näher zu kommen, ist wohl heute kaum geringer als damals. Unbebaut und unbevölkert war das Land allerdings auch damals schon nicht. Und so ergab sich eben auch das Problem der Parallelwelt: Die Einheimischen konnten einfach nicht nachvollziehen, was die Maler dort treiben, was sie bewegt.

BELMONTE:
Das betrachte ich nicht als Problem. Wer mit Kunst oder Literatur nichts anfangen kann, soll es bleiben lassen oder es später nochmal versuchen. Ich stoße mich indes ein wenig an dem Begriff der Parallelwelt, bei dem ein bisschen der naheliegende Begriff der Parallelgesellschaft anklingt. Künstler schaffen aus meiner Sicht keine Parallelwelten sondern Welten. Problematisch wird es dann, wenn diese neuen Welten andere bereits bestehende Welten zerstören. Der Kolonialismus ist ja in weiten Teilen genau so vorgegangen. Etwas Ähnliches kann ich allerdings bei den Worpsweder Künstlern nicht erkennen. Deine Frage „Wie sollen die Menschen nachvollziehen, was die Künstler bewegt?“ ist sicherlich aus vielen Lebenssituationen nachvollziehbar. Aber ist das tatsächlich relevant? Wer nachvollziehen will, kann nachvollziehen. Und was geht es den Künstler an, der aus seinem Ausdruckswillen heraus lebt. Viel wichtiger ist, dass dieser Ausdruckswille nicht von außen, durch welche Ideologie auch immer, gelenkt wird und eben die Welt schaffen kann, die er will.

(Fortsetzung …)

(c) valentino und belmonte 2014

Die Künstlerkolonie Tromm | 2

belmonte

hörst du die kobolde kichern auf der tromm

hörst du die kobolde kichern
auf der tromm / Foto: Giovanni Belmonte

nass ist es auf der tromm und tief hängen die wolken unter dem sonst so hohen himmel
es ist kühl
aber der frühling bricht schon durch
das dunkle grün der hecken und nadelbäume atmet frische luft
ein teerweg biegt von der hochstraße ab
wer möchte schon auf der karte schauen
wohin er führt
durch die kahlen äste ist ein haus zu erkennen
die weiße wolkendecke blendet
hierher kommen die waldgnome und kobolde
die durch die pfützen hüpfen
hör nur hin
dann kannst du ihr kichern hören
lauf durch den angrenzenden wald und sieh dich vor
sonst sitzt dir ein schrat im nacken
unter dem granit aber haben die trolle ihre höhlen gehauen
vor zeiten wurden auf der tromm auch einhörner gesehen
und habe ich kein reines herz
selber nach ihnen zu suchen
finge ich nur an zu graben
welche kristalle fände ich in diesem boden
milch ist der himmel und matschig der weg und die mooswiese
es fängt wieder an zu nieseln
und selbst den erdgeistern wird es jetzt zu ungemütlich
hierher kommen die künstler bei jedem wetter
um auf dieser höhe ihr traumland zu finden

(c) belmonte 2014

Brief aus Worpswede

valentino

Im Rilke-Café in Fischerhude gibt es nicht nur Kuchen, man kann auch Gespräche führen mit zumeist etwas betagteren, kunstinteressierten Damen: „Sie sind also hier, um auf Paulas Spuren zu wandern?“

Rilke Café

Das Rilke-Café in Fischerhude / Foto: Valentino

Tags zuvor bei Kerzenschein und Bier auf den Hammewiesen. Während eines abendlichen Gesprächs mit Lisa und Toni über dieses und jenes zucken Blitze weit entfernt am Horizont durch den Nachthimmel über dem Moor. Toni zeigt mir seinen gekappten rechten Mittelfinger, dessen Kuppe sich bei einem Unfall absprengte unterwegs mit fahrenden Schaustellern. Weil er die anderen Fingerkuppen noch für das Akkordeonspiel benötigte, hing er kurz darauf den Job an den Nagel. Wachs tropft vom Flaschenhals einer leeren Bierflasche. Bei Tagesanbruch wollen Lisa und Toni abreisen. Ich erzähle, dass ich morgen mit dem Fahrrad nach Fischerhude fahre. Lisa empfiehlt mir daraufhin einen Besuch im Rilke-Café. Abrupt endet unser Gespräch. Einsetzender Regen, es schüttet wie aus Kübeln. Ich lese im Rilke-Buch. „Die Landschaft aber steht ohne Hände da und hat kein Gesicht, – oder aber sie ist ganz Gesicht und wirkt durch die Größe und Unübersehbarkeit ihrer Züge furchtbar und niederdrückend auf den Menschen, etwa wie jene ‚Geistererscheinung‘ auf dem bekannten Blatte des japanischen Malers Hokusai“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Essay über die Landschaftsmalerei, der die Einleitung zu den Künstler-Monographien des Worpswede-Buches bildet.

Hokusais Geistergestalt [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor allem die Landschaft wirkte anziehend auf junge Maler wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, die in den 1890er Jahren sich zusammentaten, um in der Abgeschiedenheit des Moores gemeinsam ihre Kunst zu entwickeln. Damit entsprachen die Worpsweder Künstler dem Zeitgeist, denn in der Folge der Schule von Barbizon, der Landschaftsmaler wie Jean-François Millet angehörten und die sich bereits ein halbes Jahrhundert zuvor in Frankreich gegründet hatte, entstanden zahlreiche weitere Künstlergruppen in Europa.

Erfolg stellte sich 1895 bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast ein. Doch Homogenität und Modernität der Gruppe wurden überschätzt. Zum Bruch kam es unter den charakterlich sehr verschiedenen Künstlerfreunden, die zum Teil sehr unterschiedliche Lebensauffassungen hatten, mehr oder weniger schleichend nach der Jahrhundertwende. Paula Modersohn-Becker kam im Jahr des Erfolges zu der Gruppe und wurde ihre progressivste Vertreterin. Sie unternahm Reisen nach Paris, wo sie sich unter anderem für Bilder von Paul Cézanne begeisterte. Paula malte vereinfachte, reduzierte Formen und variierte die Farben, was sie in die Nähe der französischen Fauvisten und der Künstlergruppe Brücke rückte. Auch rückte sie den Fokus von der Landschaft auf den Menschen. So porträtierte sie zum Beispiel sehr einfühlsam Rilke. Beiden gemeinsam war ihre Weise, die Kunst geradeaus und kompromisslos zu leben.

Paula Modersohn-Beckers Porträt des Rainer Maria Rilke [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Rahmen der diesjährigen Sommerausstellung (noch bis Ende des Monats) behandeln die vier zusammengeschlossenen Worpsweder Museen das Werk Heinrich Vogelers. Mit einer Verbundeintrittskarte schlendert man durch das Haus im Schluh, die Große Kunstschau, die Worpsweder Kunsthalle und den Barkenhoff, den ich, auf der Gartenbank hockend, mit einem stumpfen, abgegriffenen Bleistift in meiner Hand in meinem Skizzenbuch festhalte.

Im Moor

Im Teufelsmoor bei Worpswede / Foto: Valentino

(c) valentino 2012

Seiten aus dem Skizzenbuch | 2

(c) valentino 2012