Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Achter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Illustration: Valentino

Abends aß ich in der Familie. Inzwischen waren die Gasteltern Emiliana und Santiago mit ihren Kindern eingetroffen. Emiliana und Paulina backten Tortillas. Dazu gab es Reis, Eier und Tamales, mit Bohnen oder Huhn gefüllte, in Maisblätter gewickelte und gekochte Maisklöße. Antonio, der älteste Sohn der Familie und Paulinas Mann, arbeitete derweil in Seattle und schickte der Familie Geld, das vor allem in den nebenan stehenden Rohbau aus Beton gesteckt wurde. Nach Fertigstellung des Hauses sollten dort Paulina und Antonio mit ihrem Sohn Eladio wohnen.

Nachdem die indigene Dorfbevölkerung in den frühen 80er Jahren zunächst aufgrund von Landversprechen mit der Guerilla sympathisiert hatte, ging das Militär repressiv und gewaltsam gegen sie vor: Es vertrieb sie oder tötete sie oder zwang sie in Milizen. Viele kehrten erst nach Jahren des Exils aus Mexiko zurück ins Dorf. Die Gewalt hatte einen tiefen Einschnitt in der Gesellschaft hinterlassen. Nachdem vormals in der Cofradía, einer traditionellen religiösen Bruderschaft, der Besitz von Land die soziale Stellung ihrer Mitglieder begründet hatte, öffnete sich nun die Gesellschaft der globalisierten Marktwirtschaft. In der Folge emigrierten viele Dorfbewohner – anstatt saisonal auf den Plantagen der Pazifikküste Baumwolle zu pflücken oder Zuckerrohr zu schneiden – in die Vereinigten Staaten, um dort zu arbeiten und so ihre Familien zu unterstützen.

Ich saß im Adobe-Haus inmitten der Mendozas, als Narcisa eintrat und sich zu uns an den Tisch setzte. Auch sie hatte die Gewalt im Dorf miterlebt. Nun erzählte sie mir, bevor ich mich unter die Decken auf meine Pritsche schlafen legte, von einem weiteren tragischen Ereignis, das sich vor einiger Zeit bei den Mendozas ereignet hatte: Cecilia, Antonios Schwester, verschwand auf dem Heimweg vom Kaffeefeld. Kurz darauf, als mir schon fast die Augen zufielen, hörte Emiliana die Flöhe husten und bereitete mir das Lager für die Nacht.

(c) valentino 2016

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Diktatur und Unabhängigkeit – B. Travens Roman “Ein General kommt aus dem Dschungel” (Rezension)

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B. Traven Ein General kommt aus dem Dschungel

B. Traven Ein General kommt aus dem Dschungel

Die Rebellen formieren sich, nachdem sie den Dschungel verlassen haben, zu einer Truppe, die von einigen verschlagenen Indianern angeführt wird. Unter Leitung des „Professors“ und des „Generals“ nehmen sie die ersten Anwesen ein, die auf ihrem Weg liegen und die sie bereits von ihren Besitzern verlassen vorfinden. Bloß die Familien der Knechte treffen sie an, welche die Aufrührer rasch davon zu überzeugen versuchen, für Erde und Freiheit gegen ihre Herren aufzubegehren.

Im Detail schildert Traven, wie sich die Truppe durch das größtenteils unwegsame Gelände bewegt und welche militärischen Schachzüge ihre Anführer anwenden, um ihren Feind, der in Überzahl und besser bewaffnet ist, zu überlisten. Ein erstes Scharmützel mit einer Mannschaft berittener Landpolizei auf einer Lichtung können die Rebellen auf diese Weise für sich entscheiden und Waffen und Munition erbeuten. Als später einige Großgrundbesitzer ein Exempel statuieren wollen, indem sie ihre Knechte an der Exekution einiger gefangener Rebellen teilhaben lassen, schlägt der Plan fehl und die Knechte verlieren angesichts des grausamen Vorgehens ihrer Herren die Loyalität zu ihnen.

Bildhaft beschreibt der Autor die Kampfhandlungen zwischen einer Gruppe rebellierender Indianer, die sich aus ihrem von Unterdrückung und Zwangsherrschaft geprägten Arbeitsverhältnis befreit hat, und einer Truppe des Diktators „El Caudillo“ während der Mexikanischen Revolution Anfang des vorigen Jahrhunderts. Etwa ab dem letzten Drittel schildert die Erzählung in parodierender Weise die arrogante Haltung der regierungstreuen Truppe, die in der Gewissheit, es bloß mit einer „Bande verlauster Indianer“ zu tun zu haben, die Auseinandersetzung auf die leichte Schulter nimmt, während die Rebellen mit allen Wassern gewaschen um ihre Freiheit kämpfen.

So schreibt Traven allegorisch:

„Ein See, der kein fließendes Wasser hat oder nicht zuweilen heftig von Stürmen aufgerüttelt wird, fängt zu stinken an und versumpft endlich.“ (162)

In diesem letzten Band einer sechsteiligen Romanreihe gibt der Autor mit seiner sowohl Anteil nehmenden als auch distanzierten Sicht auf die Geschehnisse einen differenzierten Einblick in das Zeitgeschehen und legt die gesellschaftlichen Bedingungen bloß, die zum Bürgerkrieg führten. Traven führt dem Leser vor Augen, dass die Entrechteten keine Macht begehren, sondern angetrieben von dem Wunsch, ein eigenes Stück Erde zu bebauen, lediglich unabhängig sein wollen von den Großgrundbesitzern, für die sie unter menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten gezwungen werden.

(c) valentino 2013

B. Traven: Ein General kommt aus dem Dschungel, Diogenes Verlag 1983, 304 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek