Verstörung und Faszination – Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks (Rezension)

valentino

Gewaltherrschaft wirft langen Schatten – der peruanische Autor Mario Vargas Llosa hat mit dem 2000 erschienenen Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ einen fesselnden Thriller über den Verfall der Diktatur in der Dominikanischen Republik geschrieben.

Nach 35 Jahren Exil kehrt Urania Cabral zurück in den Karibikstaat. Dort begegnet sie ihrem nach einem Hirnschlag invaliden Vater: Agustín Cabral war einst Minister des Trujillo-Regimes.

Doch der Tyrann verstößt ihn. Rafael Trujillo, genannt Ziegenbock, stirbt kurz darauf 1961 bei einem Attentat. Die Verschwörer kommen aus dem engsten Kreis des Regimes, wie General Pupo Román, er soll nach Trujillos Tod eine militärisch-zivile Junta anführen. Dann ist da noch Joaquín Balaguer, Lyriker und unscheinbarer „Marionettenpräsident“ – ein „kleiner Mann ohne eigene Leuchtkraft, wie der Mond, den Trujillo, das Sonnengestirn, erleuchtete.“ (300)

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks

Ein Jahr vor Trujillos Tod schlägt eine kubanische Invasion fehl. Daraufhin verhaftet, foltert und exekutiert das Regime massenhaft mutmaßliche Verschwörer. Es sieht sich durch die Kirche gefährdet – Bischöfe prangern in einem Hirtenbrief die Diktatur an. Zahlreiche Länder stellen sich gegen Trujillo, als dieser ein Attentat auf den venezolanischen Präsidenten Rómulo Betancourt veranlasst. Die Organisation Amerikanischer Staaten verhängt Wirtschaftssanktionen.

Trujillos Schreckensherrschaft dauert 31 Jahre: Er nennt sich Wohltäter und die Hauptstadt Santo Domingo in Ciudad Trujillo um. Sein Regime ist repressiv, es gibt zahlreiche caliés, Spitzel – sie fahren Wannen genannte schwarze Volkswagen. Geheimdienstchef Johnny Abbes García foltert Oppositionelle auf dem berüchtigten Thron, einem zum elektrischen Stuhl umgebauten Sitz eines Jeeps, oder beseitigt für Trujillo Dissidenten im Ausland wie Jesús de Galíndez, den Verfasser eines Trujillo-kritischen Buches. Auch die im Widerstand aktiven Schwestern Mirabal fallen dem Regime zum Opfer – ihre Ermordung wird als Autounfall in den Kordilleren getarnt.

Amadito hat mit dem Chef noch eine Rechnung offen – er muss zwecks Beförderung dem Ziegenbock seine Treue beweisen: Dieser verbietet ihm die Verbindung mit seiner Verlobten aufgrund „Trujillo-feindlicher Aktivitäten“ ihres Bruders. Daraufhin wird er gezwungen, einen Gefangenen zu töten. Nach der Tat sagt man ihm, der getötete Gefangene sei der Bruder seiner ehemaligen Braut gewesen.

Der Roman vermischt Fiktion und Wirklichkeit auf subtile Weise. Die Handlung wechselt zwischen dem barocken Porträt des schrulligen Machthabers, dem Kreis der Verschwörer und Urania Cabrals Geschichte – letztere umklammert die dicht erzählten Umstände des Tyrannenmords. Immer wieder gibt es Perspektivwechsel und eingeflochtene Rückblenden. Mal umreißt der Autor eine Szene grob, um kurz darauf ein fein ziseliertes Bild zu zeichnen. Auch dieses Stilmittel des Tempowechsels beherrscht Vargas Llosa virtuos. Das Buch ist in einem suggestiven Duktus geschrieben, es entwickelt einen Sog, der den Leser mitreißt und mit nüchterner Stimme das Grauen erzählt: verstörende Bilder der Folter, die nur schwer zu ertragen sind. Hier bekommt der Leser eine vage Vorstellung von dem, was sich in den Gefängnissen abgespielt haben mag.

„Das Fest des Ziegenbocks“ ist, nach dem bereits vorgestellten „Der Geschichtenerzähler“, mein zweites Buch des 2010 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Mario Vargas Llosa. Es ist ein kluges Buch über eine groteske Militärdiktatur in Lateinamerika mit authentischem Hintergrund. Übrigens hat Luis Llosa, ein Cousin des Autors, das Buch 2006 verfilmt. Den Film habe ich zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht gesehen.

(c) valentino 2015

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 538 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Lernen wir, der Natur zuzuhören! Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler (Rezension)

valentino

Moderne Zivilisation prallt auf indianische Tradition – der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat uns 1987 einen mitreißenden Roman beschert, dessen Zusammenhänge aber erst nach der Lektüre deutlich werden. Erst dann entfaltet die Erzählung ihre volle Wirkung.

Mario Vargas Llosa Der Geschichtenerzähler

Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler

Den Rahmen der Handlung bildet ein Aufenthalt in Florenz Mitte der 80er-Jahre. Dort stößt der Erzähler in einer Galerie auf eine Fotografie Gabriele Malfattis, die in ihm die Erinnerungen an seinen früheren Studienfreund Saúl Zuratas wachruft – sie zeigt einen Geschichtenerzähler des Stammes der Machiguenga im Kreise seiner Zuhörer. Das Volk lebt im peruanischen Teil Amazoniens am oberen Urubamba, einem Zufluss des Amazonas – dort hat der Erzähler selbst drei Jahre zuvor einen Dokumentarfilm über die Arbeit einiger Linguisten-Missionare gedreht. Zu denen zählt auch das Ehepaar Schneil, das seit Jahrzehnten bei den Machiguenga lebt und den Erzähler mit Informationen versorgt.

Der jüdische Saúl, der wegen eines markanten Gesichtsmals den Spitznamen „Mascarita“ trägt, hatte in den 50er-Jahren während ihrer gemeinsamen Studienzeit in Lima mit seiner Begeisterung für die Machiguenga beim Erzähler das Interesse geweckt. Dieses Volk lebte zu jener Zeit anscheinend noch mit einer steinzeitlichen Kultur in unberührter Natur. Als Anhänger einer „puristischen“ Ethnologie entwickelte Saúl jedoch Vorbehalte gegenüber der Vorgehensweise des Instituts für Linguistik, er lehnte aus diesem Grund die Teilnahme an einer Forschungsreise seines Lehrers ab. Der Erzähler ging kurz darauf nach Europa und verlor seinen Kommilitonen Saúl aus den Augen. Er war davon ausgegangen, dieser sei seinem Vater nach Israel gefolgt. 23 Jahre später begibt sich der Erzähler auf Spurensuche.

Ihr letztes Gespräch führten beide bei einem Essen von Speckgriebenbrot in Lima:

„Die Erinnerung ist voller Fallstricke: Sie korrigiert und biegt die Vergangenheit subtil im Hinblick auf die Gegenwart zurecht. Ich habe so oft versucht, dieses Gespräch mit meinem Freund Saúl Zuratas im August 1958 in jener Kaschemme in der Avenida España mit ihren durchgesessenen Stühlen und wackeligen Tischen zu rekonstruieren, daß es jetzt nichts mehr gibt, dessen ich mir sicher bin, außer vielleicht seines großen, weinfarbenen Leberflecks, der die Blicke der Kunden auf sich zog, seines wirren rötlichen Haarschopfes, seines rot und blau karierten Flanellhemdes und der derben Schuhe des emsigen Fußgängers.“ (114)

Er reflektiert sein gescheitertes Vorhaben, selbst eine Geschichte über den Geschichtenerzähler zu schreiben, das ihn über die Jahre nie losgelassen hat:

„Noch am gleichen Abend schrieb ich Mascarita und berichtete ihm von dem Buch Padre Cenitagoyas. Ich erzählte ihm, daß ich beschlossen hatte, eine Erzählung über die Machiguenga-Erzähler zu schreiben. Würde er mir helfen? Hier in Madrid, aus Heimweh vielleicht oder weil ich immer wieder über unsere Gespräche nachgedacht hatte, erschienen mir seine Ideen nicht mehr so unsinnig und wirklichkeitsfern. In meiner Erzählung würde ich mir jedenfalls die größte Mühe geben, um das Innenleben der Machiguengas so authentisch wie möglich darzustellen. Würde er mir ein bißchen beispringen, Kumpel?“ (125)

Obwohl es ihm an Informationen mangelt, gibt er schließlich der Versuchung nach und beginnt zu schreiben.

Ob es die Figur des Geschichtenerzählers bei den Machiguenga wirklich gibt, ist nicht belegt. Offenbar scheint es in ihrer Sprache für sie einen Namen zu geben. Vargas Llosa versteht es geschickt, die fehlenden ethnographischen Belege zu erklären: So würden die Indianer die Existenz der Geschichtenerzähler leugnen, um sie vor den Fremden zu schützen. In der Kultur der in versprengten Kleingruppen nomadisierenden Machiguenga haben sie die Aufgabe, das kollektive Wissen über ihren Ursprung und ihre Identität zu bewahren. In ihrer Vorstellung gibt es eine „Zeit davor“ und eine „Zeit danach“, was sich eventuell auf ihre einstige Sesshaftigkeit an Flussläufen und das erste Aufeinandertreffen mit den Weißen bezieht, in dessen Folge sie sich zur ständigen Wanderschaft gezwungen sehen – auch Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen mögen dazu beigetragen haben; andernfalls würde ihrer Ansicht nach „die Sonne herabstürzen“ (163). Andere Gruppen wiederum sind in einen Prozess der Akkulturation eingetreten, der sie wieder sesshaft werden lässt (96).

Der Roman wandelt auf dem schmalen Grat zwischen dokumentiertem Wissen und Fiktion und bezieht aus der daraus entstehenden Reibung seine Spannung. Immer wieder taucht die Erzählung in die mythische Welt der Machiguenga ein, in der alles „seine Erklärung hat“ und „Ursache oder Folge von etwas ist“ (238). Diese Passagen spiegeln die Sichtweise des Geschichtenerzählers wider und sind als eigene Kapitel in die Erzählung eingeflochten. Auf diese Weise springt der Roman zwischen den beiden Perspektiven – der des Erzählers und der des Geschichtenerzählers – und zwischen zwei unterschiedlichen Erzählhaltungen: einerseits der Suche nach den Erinnerungen an den Studienfreund und ihre gemeinsamen Gespräche, andererseits den Passagen des Geschichtenerzählers, die quasi als wörtliche Rede wiedergegeben sind. Dadurch reißt hin und wieder ein zuvor aufgebauter Spannungsbogen ab. Einiges wird erst beim fortschreitenden Lesen klar – etwa das Fehlen von Eigennamen bei den Machiguenga –, mit ein bisschen Geduld jedoch lohnt sich die Lektüre. Nach dem Durchlesen verschmilzt das Gelesene zu einem vielschichtigen Bild, das nachwirkt. Ein kluger Roman des 2010 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Mario Vargas Llosa. Der seinerzeitigen Begründung des Nobelpreis-Komitees ist kaum etwas hinzuzufügen: “for his cartography of structures of power and his trenchant images of the individual’s resistance, revolt, and defeat.” (http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2010/)

(c) valentino 2015

Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, 286 S.

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