Kinder des Olymp – Das Theater um die Liebe oder Die Liebe im Theater (Filmrezension)

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Wir freuen uns, dass sich Simon Kyprianou vom Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin erneut bereit erklärt hat, uns einen Gastbeitrag zu überlassen.

Les enfants du paradis

Gastrezension von Simon Kyprianou

Melodram // Marcel Carnés leichtfüßig fließende, hochästhetische Bilderwelten schauen hinter den Vorhang des Theaters, hinter den Schleier der Kunst und auch hinter den seelischen Schutzpanzer der Menschen – Carné schaut mit brillanter Klarheit auf das Leben selbst.

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Garance – für viele das Objekt der Begierde

Das sich unaufhörlich drehende tragische Karussell der Liebe im Theatermilieu offenbart all die schillernden und abgründigen Facetten der Lebenswirklichkeit der Protagonisten, schaut in ihr Inneres und untersucht ihre Seelen. Die wirkliche Welt und die Welt der Kunst zerfließen mal miteinander, mal scheinen sie unendlich weit voneinander entfernt. Mal scheint die Kunst den Schrecken der Welt zu teilen und mal ist sie ein sicherer Zufluchtsort.

Eine Frau, diverse Verehrer

Die Geschichte, ist eigentlich von bestechender Einfachheit: Mehrere Männer gänzlich unterschiedlichen Standes verlieben sich in die selbe Frau, die schöne Garance (Arletty). Carné schöpft aus der Einfachheit dieses Szenarios ein komplexes Bild der ganzen Welt. Die Liebhaber sind alle höchst unterschiedlich, haben verschiedene Probleme, Sorgen und Aufgaben. Das zeichnet ein vielschichtiges Gesellschaftsbild und ein vielschichtiges Menschenbild. Was sie alle eint, ist die Liebe, die Carné als einzige Konstante in der Welt betrachtet, als überzeitlich und allgegenwärtig. Doch mit der Liebe gehen in „Kinder des Olymp“ auch immer Leid und Untergang einher, auch hier aus unterschiedlichen Gründen, seien es Angst, Hass oder Unentschlossenheit.

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Leben und Theater werden eins

Carné untersucht 190 betörend schöne Minuten lang mit stoischer Ernsthaftigkeit die Conditio Humana, stellt dringliche Fragen und verweigert die Antworten. Am Ende der Odyssee lässt er uns nicht viel Hoffnung, wenn die sich tödlich und tragisch Liebenden in der tosenden Menschenmenge des Karnevals untergehen und für immer verschwinden. Die Tragödie ihrer Leben gleicht denen auf den Bühnen der Theater, bei denen es keine Happy Ends gibt. Deprimierend, aber ehrlich und darum auch wunderschön.

Veröffentlichung: 23. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 190 Min. (Blu-ray), 183 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Les enfants du paradis
F 1945
Regie: Marcel Carné
Drehbuch: Jacques Prévert
Besetzung: Arletty, Jean-Louis Barrault, Pierre Brasseur, Pierre Renoir, María Casares, Gaston Modot, Fabien Loris, Etienne Decroux
Zusatzmaterial: Original Kinotrailer, Restaurierung: Vorher-Nachher-Vergleich
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2014 Concorde Home Entertainment

Eine schlicht erzählte Sommerliebe – Tschingis Aitmatow: Dshamilja (Rezension)

valentino

Tschingis Aitmatow Dshamilja

Tschingis Aitmatow Dshamilja

Die kurze Novelle ist ein schönes Buch für den Sommer. Die stimmungsvolle Beschreibung des kirgisischen Sommers ist das Eindrücklichste, was bei mir nach der Lektüre haften geblieben ist. Ansonsten fand ich die Story zu einfach, weil es keine Wendungen gibt. Dennoch, stilistisch ist das Buch überzeugend und in seiner schlichten Beschreibung herausragend. Und schön zu lesen ist die Erzählung allemal.

Zur Handlung: Dshamilja ist die Schwägerin des Erzählers. Der 15-jährige Said hat eine Neigung für das Malen, was kein Wunder ist angesichts der malerischen Landschaft, in der er aufwächst: Sein Aul, das Dorf liegt in der kirgisischen Steppe am Ufer des Kukureu und der Sommer ist ein Sommer wie er im Buche steht. Said bewundert Dshamilja wegen ihrer Ausgelassenheit. Zwar ist Dshamilja verheiratet, ihr Mann Sadyk musste jedoch vier Monate nach der Hochzeit in den Krieg. Weil Männer im Dorf fehlen – es ist das Kriegsjahr 1943 –, übernimmt sie die Aufgaben der Männer, hilft bei der Heuernte und fährt gegen den Willen der Schwiegermutter mit einem Fuhrwerk das Korn zur Bahnstation. Es soll später zu Brot verarbeitet werden, mit dem Brot werden die Soldaten versorgt.

Begleitet wird Dshamilja, neben dem Erzähler Said, von Danijar, der eines Tages im Aul auftaucht und seine Pferde auf der Weide hütet. Er ist verschlossen, hat eine Knieverletzung, weshalb er das Bein nachzieht. Ursprünglich stammt er aus demselben Dorf. Als Waise verschlug es ihn jedoch in die kasachische Steppe.

Besonders gefallen hat mir die Beschreibung der Fahrt durch die Augustnacht, die alle Sinne des Lesers berührt. Danijar singt und sein Lied erweckt Saids Neigung zum Malen wieder, die in Vergessenheit geraten war, während er in der Kolchose gearbeitet hat. Liebe und Vernunft kämpfen in Dshamilja. Sturm und Regen ziehen auf. Dshamilja und Danijar verlassen das Dorf für ihre Liebe.

Übrigens: Wer mag, kann sich die Verfilmung aus dem Jahr 1969 ansehen.

(c) valentino 2014

Tschingis Aitmatow: Dshamilja, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1988, 122 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek