Brief aus Mailand | 4

belmonte

brief aus mailand

4

mailand im april 2015
osterfeiertage
wohnung in der via torino
frühlingswetter
ein bisschen regen am ostersonntag

ich besuche die ausstellung arte lombarda dai visconti agli sforza im palazzo reale
drei jahrhunderte mailänder kunstgeschichte
dargestellt am leitfaden der beiden bedeutenden herrscherdynastien

zahlreiche gemälde
statuen
handschriften mit miniaturen
reliefs und reliquiarien

die ausstellung ist eine neuauflage einer ähnlich gelagerten schau von 1958
in der sich die stadt nach dem krieg und den zerstörungen wieder neu verortet hatte
womöglich ist das heute erneut notwendig

wunderschön finde ich das leuchtende gemälde madonna del roseto von michelino da besozzo (oder stefano di giovanni)
das bild ist auf jedem titelbild der ausstellung zu sehen
die madonna sitzt mit dem kind in einem umzäunten rosengarten
unterhalb sitzt die heilige katharina von alexandrien
alles ist ausgefüllt mit paradiesischen rosenblüten und rosenblättern
kleine engelsgruppen bewegen sich hier und dort
fasane sitzen auf der umzäunung

madonna del roseto

Madonna del roseto, ca. 1420-1435, Museo di Castelvecchio, Verona

in seinem goldenen leuchten und der rosenornamentik erinnert das gemälde an persische tafelbilder

womöglich kannte michelino da besozzo (oder stefano di giovanni) persische miniaturen wie die etwa zeitgleich entstandenen gartenbilder von humay und humayun

gartenbild von humay und humayun

Der persische Prinz Humay trifft die chinesische Prinzessin Humayun in einem Garten, ca. 1450, Musée des Arts décoratifs, Paris

Humay and Humayun feasting in a garden

Humay and Humayun feasting in a garden and listening to musicians, Manuskript 18113 der British Library, Poetical works of Khwaju of Karman, 1396, folio 40 verso

am ostermontag fahren wir zur fattoria pasqué
einem populären agriturismo in dem kleinen ort casale litta bei varese
das wetter ist herrlich
das ostermenü lokal
der wein kalt
alles macht satt

(c) belmonte 2015

Brief aus Mailand | 3 | Alessandro Manzoni: Die Verlobten (Rezension)

Belmonte

Brief aus Mailand

3

Mailand im Februar 2013. Es hat geschneit. Drei Tage lang bleibt der Schnee liegen. Dann taut es schnell. Ich besuche das Geburts- und Sterbehaus Alessandro Manzonis in der Via Morone, sehe sein Arbeitszimmer mit der Bibliothek, den Soggiorno, das Schlaf- und Sterbezimmer. Zahlreiche Utensilien sind akkurat auf dem Schreibtisch ausgelegt, Ölbilder hängen an den Wänden unter geschachtelten Holzdecken, blinde Türen spiegeln Größe vor. Das europäische Bürgertum ahmt gerne aristokratische Lebenswelten nach. Das ganze Haus mit seiner Fassade und seinem Hof atmet Großbürgertum in engen Gassen.

Casa Manzoni

Casa Manzoni / Foto: Belmonte

Seit Monaten lese ich Manzonis I promessi sposi (Die Verlobten). Mein Inseltaschenbuch wird überall mit hingenommen und ist mehr und mehr zerlesen. Der Romananfang führt an den Comer See und ist wohl jedem Italiener aus der Schulzeit geläufig:

“Quel ramo del lago di Como, che volge a Mezzogiorno, tra due catene non interrotte di monti, tutto a seni e a golfi, a seconda dello sporgere e del rientrare di quelli, vien, quasi a un tratto, a ristringersi, e a prender corso e figura di fiume, tra un promontorio a destra, e un’ampia costiera dall’altra parte.” (“Jener Arm des Comer Sees, der sich nach Süden wendet und dessen Gestade zwischen zwei sich fortlaufenden Gebirgsketten so buchtenreich ihrem Vordrängen und Zurückschwingen folgt, verengt sich fast urplötzlich und nimmt, zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einer weiten Uferhalde gegenüber, Gestalt und Verlauf eines Stromes an.“)

Besonders die Abschweifungen in dem 850 Seiten langen Roman sind fabelhaft, die ausgreifenden Personenbeschreibungen, zum Beispiel der Monaca di Monza, einer unglückseligen Nonne im Kloster von Monza, oder des Dorfpfarrers Don Abbondio, einem Jammerlappen, wie er im Buche steht, der Lichtgestalt Fra Cristoforo, einem Mönch, der nach einem jugendlichen Totschlag ein Leben in tätiger Nächstenliebe führt. Fabelhaft sind auch die historischen Hintergründe im wörtlichen Sinne. Vor allem die Beschreibung der Mailänder Pest sucht ihresgleichen. Es ist eines der seltenen Bücher, nach dessen Auslesen ich sofort nach einem gleichartigen Buch suche. Dabei ist der Plot erstaunlich übersichtlich.

Der junge Renzo und seine Verlobte Lucia wollen heiraten. Alles ist vorbereitet, als ein benachbarter Potentat, der sich in einer Laune in Lucia verguckt hat, die Heirat mit allen Mitteln verhindern will. Der Dorfpfarrer Don Abbondio, der sich von seiner sprichwörtlichen Haushälterin Perpetua aushalten lässt, spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Nach langer Trennung und zahlreichen Wendungen, die in der katholischen Atmosphäre des Romanes eher als Fügungen zu verstehen sind, finden Renzo und Lucia am Ende wieder zusammen. Vorher aber muss Renzo nach Mailand fliehen, schwingt dort im Brotaufstand und später im Suff allerlei Reden gegen die Autoritäten, worauf er in Bergamo untertauchen muss. Lucia dagegen wird von einem anderen, noch gewalttätigeren Potentaten, dem Namenlosen, entführt, bis dieser vom Mailänder Kardinal Borromeo zum Christentum bekehrt wird. Schließlich bringen deutsche Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges die Pest über die Alpen, die über Mailand herfällt und die Stadt in eine Apokalypse verwandelt.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

All das schreibt Manzoni als angebliche Wiedergabe einer zweihundert Jahre älteren anonymen Handschrift. Das ist die italienische Romantik, etwas anders gelagert zwar als ihre deutsche Schwester. Aber bereits Renzos Wanderung von Mailand nach Bergamo macht die Verbindungen sichtbar. Genauso sind auch die zahlreichen Tiecks, Wackenroders und Brentanos gewandert.

Manzoni schrieb ursprünglich im Lombardischen, überarbeitete aber dann den gesamten Roman ins Toskanische. Nach Dantes Göttlicher Komödie 500 Jahre zuvor handelt es sich dabei um die zweite „Erfindung“ der italienischen Sprache. Durch alle Seiten des Romanes weht bereits der Wind des italienischen Nationalstaates.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten – Eine Mailändische Geschichte aus dem siebzehnten Jahrhundert, Insel Verlag 2008, 873 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

Brief aus Mailand | 2

belmonte

brief aus mailand

2

besuch der pinacoteca ambrosiana
neben den gemälden beeindruckt auch das gebäude mit seinem labyrinthischen rundgang durch säulenräume
arkadengänge
vorbei an statuen und mosaiken
lateinischen inschriften von seneca und vergil
die die wände umschreiben
der hof ist ein einziges italienisches statuenidyll

Innenhof der Pinacoteca Ambrosiana

Innenhof der Pinacoteca Ambrosiana / Foto: Belmonte

ich verweile bei den bekannten gemälden
botticelli und raffael
caravaggio und leonardo
faszinierend auch die werke von jan brueghel
die wasserallegorie und die kleinen mehrteiligen landschaftsbilder
zwei mal sechs

den abschluss bildet die grandiose biblioteca ambrosiana
ein großer
hoher saal mit rundgang auf halber höhe
der raum ist klimatisiert
es riecht förmlich nach alten büchern
codices und handschriften
alle vier wände sind davon bedeckt
ein rundgang in der mitte zeigt originalseiten aus leonardos codex atlanticus mit zahlreichen bekannten konstruktionszeichnungen
leider bin ich hier bereits erschöpft
es fehlen stühle
die bücherpracht mit muße zu betrachten und ein auge zuzumachen

draußen schnappe ich luft
gehe durch den passaggio scuole palatine und über die piazza dei mercati richtung domplatz
trinke einen kaffee und kaufe mir bei hoepli eine studienausgabe der promessi sposi

abendessen mit mario und dariana
die sich genau wie wir mit zwei kindern systematisiert haben
wir haben uns nicht viel zu sagen
es ist ein büffet aufgebaut
selbstgemachtes bier und likör

ich geh zu fuß nach hause

am nächsten morgen besuche ich die kleine kirche san satiro in der via torino mit der eindrucksvollen optischen täuschung des chorgewölbes von bramante
das in wirklichkeit viel flacher gebaut ist
aber eine echte tiefe vorspiegelt

Chiesa di Santa Maria presso San Satiro

Chiesa di Santa Maria presso San Satiro / Foto: Belmonte

architektur ist in vieler hinsicht nichts anderes als vorspiegelung
was anders sind säulen darstellende pilaster
höhe vorspiegelnde enge gotische kirchenschiffe

und im vorspiegeln sind die italiener große klasse
die baugerüste an dom und galerie sind mit dom und galerie vorspiegelnden vorhängen verkleidet
und mit werbung

Galleria Vittorio Emanuele II

Galleria Vittorio Emanuele II / Foto: Belmonte

wir fahren zum dach des domes auf
wieder bin ich verblüfft über die unzähligen und an allen unmöglichen stellen untergebrachten statuen und statuetten
ein who-is-who aus antike und mittelalter
heilige und engel
klassische mythologie
cäsaren
päpste und kardinäle
philosophen
fürsten und sonstige potentaten
die sonne scheint uns aufs dach

nach dem mittagessen besuch der pinacoteca di brera
aber es ist auch langsam genug jetzt
bei all den kostbarkeiten
die hier an den wänden hängen
erstmals sehe ich mantegnas toten christus

(c) belmonte 2012

Brief aus Mailand | 1

belmonte

brief aus mailand

1

appartment in nächster nähe zur basilica di san lorenzo maggiore alle colonne
tiefschlaf nach der langen fahrt

am morgen besuch der basilica
einem zentralbau aus dem vierten jahrhundert
an der westseite von römischen kollonaden begrenzt

Basilica di San Lorenzo Maggiore

Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

gerade wird die messe gefeiert
der priester gestikuliert und predigt ganz modern
denn am abend vorher ist das festival di sanremo zu ende gegangen
bei dem adriano celentano über das katholische priestertum hergezogen ist
das zu sehr von politik und zu wenig vom paradies spreche

draußen ist der himmel milchig
das licht diffus
ein doppelgesichtiger elvis schmückt eine hauswand

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

am nächsten tag sitze ich im lesesaal der bibliothek der università cattolica
während es draußen regnet
ich bin wahrscheinlich der älteste im saal
einem lernenden ameisenhaufen
vor mir liegt die geheimschrift

abends besuch einer lesung in der buchhandlung equilibri
nähe piazza lima
autor francesco macciò
der zum kreis um angelo tonelli und der mitomodernisten gehört

ein zweiter autor ist anwesend
marco bellini
beide stellen ihre neuen bücher vor
gedichte über die landschaften liguriens
artemis hier
empedokles dort

cos’è la poesia

poesia lasse sich nicht festhalten
das könne kein dichter
kein leser
kein hörer
es gebe keine lichter
die man angeschaltet lassen könnte

bellini fragt
was von uns bleibt
wenn wir alles verlieren
haare
nägel
schweiß

der raum ist halbvoll und hellerleuchtet
man scheint sich zu kennen
hellgelbe wände
die klimaanlage läuft geräuschvoll
es werden keine fragen gestellt
also fragen die beiden moderatoren
die sich offensichtlich gerne selbst reden hören
die autoren aus
blättern gelangweilt in ihren büchern und hören kaum den antworten zu

abendessen
unterhaltung was wäre
wenn wir unser leben nach der aufgehenden sonne ausrichten würden
ich trinke eine flasche wein leer und bin etwas duhn

in der via santa marta gibt es einen schönen palazzo mit der portalschrift
società d’incoraggiamento d’arti e mestieri
ich finde
das ist ein ganz besonders gelungener ausgangspunkt
denn in der tat gehört mut dazu
und warum gibt es nicht mehr gesellschaften
die zu den künsten ermutigen

(c) belmonte 2012