Mystik des anderen Gottes – Jacques Derrida: Wie nicht sprechen (Fragenrezension)

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Jacques Derrida reiht sich, indem er in seinem Vortrag „Wie nicht sprechen“ (Hebräische Universität Jerusalem, 1986) Texte von Dionysius Areopagita, Meister Eckhart und Martin Heidegger diskutiert, auf wunderbare Weise in den Chor der Mystik des anderen Gottes ein und wird selbst zu einem Propheten, der von Gott spricht. Wie aber von Gott sprechen? Wie nicht sprechen?

Der Rezensent hat sich entschieden, das schmale Büchlein anhand von Fragen, die in der einen oder anderen Form Derridas Vortrag selbst durchziehen, zu rezensieren.

Jacques Derrida: Wie nicht sprechen

Jacques Derrida: Wie nicht sprechen

Wie nicht sprechen?
Wie nicht sprechen, um gut zu sprechen?
Wie von der Spur sprechen?
Wie schweigen vom Unaussprechlichen?
Wie die Antwort vertagen?
Wie die Verheißung vertagen?
Wie sie auf nächstes Jahr in Jerusalem vertagen?
Wie Gott vertagen?
Wie eines Tages aufhören zu vertagen?
Wie nicht von Gott sprechen?
Wie es bereits begonnen haben zu tun?
Wie etwas auf eines Tages vertagen, das schon Gegenwärtigkeit in Anspruch nimmt?
Wie schweigen, wenn Schweigen eine Modalität des Sprechens?

Wie nicht sprechen?
How to avoid speaking?
Wie bereits immer angefangen haben zu sprechen in der vorausgegangenen Spur des Sprechens?
Wie gesprochen haben werden müssen?
Wie das Unabsprechbare nicht absprechen?
Was damit tun vor Gott?
Wie vermeiden zu sprechen?
Wie ein Geheimnis bewahren?
Wie lügen?
Wie fähig sein, für sich zu wahren, was man weiß?
Wie sich davor in Acht nehmen?
Wie sich vor dem Ruf in das Geheimnis in Acht nehmen?
Wie dem Erkennen entgehen?
Wie dank des Nichterkennens erkennend werden jenseits aller Verständlichkeit?
Wie ein Geheimnis nicht verbreiten?
Wie es wissen lassen, damit das Geheime des Geheimnisses geheim bleibt?
Wie die Verneinung verneinen?

Wie findet Gott Statt, der nicht ist, jenseits des Seins?
Wie ist dieser Ruf dieses anderen dem Sprechen vorangegangen?
Welche Spur davon wahrt noch die negativste Rede?
Wie rührt das Vermögen von Gott zu reden von Gott her, selbst wenn man, um es zu tun, vermeiden muss zu sprechen, mit dem Ziel, wahr zu sprechen?
Wie ist dieses Vermögen eine Wirkung Gottes als absoluter Referent?
Welche ist die Spur dieses Ereignisses, welches das Sprechen möglich macht?
Welche Spur hat Statt gefunden, und würde nur Asche davon bleiben?
Denn es gibt da Asche!

Welche Vergangenheit, die niemals gegenwärtig gewesen ist?
Welches beinahe Nichts?
Welches Gute, dessen nicht-sein kein Nicht-Sein ist, aber jenseits des Sein ist?
Welches Nicht-Sein als anderes, das nicht absolutes Nichts ist, wenn selbst das Logos der negativen Rede nicht vermeiden kann, von etwas zu sprechen?

Wie die chōra nennen?
Wie den Zwischenraum nennen?
Wie vermeiden, von der chōra zu sprechen, als von etwas, welches ist oder nicht ist?
Wie die chōra adressieren?
Wie dieses Geheiß denken, welches eine Spur in der Sprache gelassen haben wird?

Wie das Gebet erfahren?
Wie das Geschwätz vermeiden im Übergang durch die Wüste des Diskurses?
Wie den anderen adressieren, Gott zum Beispiel?
Wie beten?
Wie den andern bitten, das Gebet anzuhören, für es gegenwärtig zu sein, der andere zu sein, Ruf und Ursache des Gebetes zu sein?
Wie sich nicht von Jerusalem entfernen?
Wie nicht die Verheißung abwarten?
Wie das Siegel darstellen, welches das Undarstellbare darstellt?

Wie das reine der Seele finden, erleidend und ruhend in sich selbst?
Wie nichts vermögen zu erleiden außer Gott?
Wie die Spur dessen erkennen, was nicht ist?
Wie Zugang finden zu dem, was nicht mehr Ort ist?
Wie sich am unzerteilbaren Punkt versammeln?
Wie den Ort des Nichts denken?
Wie Zugang zur Ankunft eröffnen?
Wie die in der Angst gemachte Erfahrung Gottes eröffnen, der nicht ist?
Wie nicht daran denken?
Wie das Sein denken, das nicht (ein Seiendes) ist und in Wahrheit nichts (welches wäre) ist?
Wie Gott schreiben?
Wie am Rande des Schweigens beten?

(c) belmonte 2015

Jacques Derrida: Wie nicht sprechen – Verneinungen. Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek. Herausgegeben von Peter Engelmann. Passagen Verlag, Wien 1989, 3., überarbeitete Auflage 2014. 126 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | achter gesang | 213 bis 216

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achter gesang

213 ist das also noch eine andere wendung
meiner kehre hörte ich heidegger fragen
und kann sich im dasein doch ein handle so
ereignen käme mein denken zur vollendung

214 ist das der schlussstein den sie herauf getragen
haben buber antwortete so weit oben
erst versöhnen sich individualismus
und kollektivismus die brücke zu schlagen

215 vom ich zum du den nächsten zum ich erhoben
und im anderen sich selbst als du zu wissen
das ist das handle so den nächsten als ich
auszuzeichnen anstatt sich selber zu loben

216 kein ich ist je ohne du so wird der riss
geschlossen im spiegel des ewigen lichtes
hast du deshalb zum ewigen du gesprochen
weil dir vom ewigen schon ein du gewiss

(c) belmonte 2014

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | achter gesang | 209 bis 212

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achter gesang

209 wo andere sich verirrt im dämmerschein
haben sie den wurf in die dunkele nacht
der welt entworfen und sind weit vorgerannt
da vorn allerdings standen sie ganz allein

210 und haben viel mehr von gott ans licht gebracht
als man denkt ohne în nur einmal genannt
zu haben da unterbrach heidegger în
ich sagte aber nicht weit von diesem dach

211 entfernt dass nur ein gott uns noch retten kann
wär uns der abwesende doch je erschienen
und buber sprach îr dasein war unvollendet
dem ich fehlte das du und dir vor dem man

212 denn im dasein muss sich das dirsein vollziehen
um ganz zu werden und wenn es eine sendung
gibt dann ist es das du das ich dir gesagt
und ich geworden hastu selbst du geschrieen

(c) belmonte 2014

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | achter gesang | 205 bis 208

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achter gesang

205 ich sah noch einen andern mann festen schrittes
den hang zur hütte hinauf bis vor die stufen
steigen er trug einen weißen vollen bart
der erste rief în an kommen sie doch bitte

206 als wenn sie iemals einander angerufen
hätten und jetzt nichmer länger auf sich warten
ließen sie traten sich endlich gegenüber
und mussten keine lange begrüßung suchen

207 herr heidegger sprach der andere wir hatten
bereits die ehre der aber sprach herr buber
sie sind hierher gekommen um mir den stein
der weisen zu bringen und licht in den schatten

208 worauf jener îm antwortete nichts lieber
als das sie haben ja hier schon übers sein
geschrieben und vieles ganz richtig gedacht
und dabei manches bis an den grund getrieben

(c) belmonte 2014

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geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | achter gesang | 201 bis 204

belmonte

achter gesang

201 so wurde sie für în zum engelinschein
den ajun zu jeder tageszeit anschaute
in seiner schau aber sprach er sein gebet
wie lange noch ließ sie în damit allein

202 nach jeder nacht sobald nur der morgen graute
sagte er du zu îr um îr bild zu sehen
und fragte wem bin ich sonst wem außer dir
sie hörte sein leises sprechen und sein lautes

203 mein lehrer lenkte meinen blick vom geschehen
fort ich fasste nach seiner hand und er führte
mich durch einen schwarzen wald zu einer hütte
auf einem hang dort sah ich einen mann stehen

204 der sägte holz unter der haube und schürte
feuer mein lehrer sprach zu mir unbestritten
ist dieser einer der größten philosophen
seines jahrhunderts das sich fest um în schnürte

(c) belmonte 2014

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Brief aus Todtnauberg

belmonte

brief aus todtnauberg

endlich nach todtnauberg
ich fahre durch freiburg
vorbei am schauinsland
und biege kurz vor aftersteg links ab nach todtnauberg
fahre durch den ort
hoch zur jugendherberge
und lasse das auto stehen

spaziergang zum ortsteil rütte
von dort aus aufgang querfeldein über die grünen weidenhänge
in die der wind gleichmäßige wogen schlägt

Aufgang zur Seinshütte

Aufgang zur Seinshütte / Foto: Belmonte

heideggers hütte kommt näher und näher
es ist warm
der himmel blau hinter leuchtenden wolkenbändern und schleiern

Unterhalb der Seinshütte

Unterhalb der Seinshütte / Foto: Belmonte

ich sitze vor der haustür auf der stufe und lausche dem wind
wo ansonsten nichts zu hören ist außer einem flugzeug
das aus zürich kommt

hier also hat heidegger große teile von sein und zeit verfasst
hier hat er den ent-wurf gedacht
die unheimlichkeit
und die angst

„Die Angst offenbart im Dasein das Sein zum eigensten Seinkönnen, das heißt das Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und –ergreifens.“ (188)

An der Tränke

An der Tränke / Foto: Belmonte

entlang eines baches
der sich von oberhalb der hütte den hang hinunter schlängelt
blüht es herrlich weiß und lila

pferdefliegen

ganz im süden sind die alpen zu erkennen

Blick auf Todtnauberg

Blick auf Todtnauberg / Foto: Belmonte

ich richte mich in der jugendherberge ein
am späten nachmittag fängt es zu regnen an
der fön drückt die wolken gegen die hänge
bald regnet es in strömen
regen die ganze nacht

einfaches frühstück am morgen
lese manzoni

um neun uhr breche ich in richtung bodensee auf und graubünden

(c) belmonte 2012