Unterwegs zu Cecilia | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Obwohl ich nach einigen Tagen noch nicht erholt war, machte ich mich auf den Weg. Der Bus fuhr aus Huehue ab. Bei meiner Einreise nach Mexiko bekam ich ein Papier, aus dem hervorging, ich solle als Tourist eine Gebühr von neunzig Peso an die Tourismusbehörde bei der nächsten Bank zahlen.

Wenn ich gewusst hätte, welche Konsequenzen der Verlust des Papiers bei meiner Ausreise aus Mexiko haben würde, hätte ich es nicht weggeworfen. Es war nicht so, dass ich es damals satt gehabt hätte, bei jeder Gelegenheit kleine Beträge zu zahlen, vielmehr ging es mir um den symbolischen Akt: Das Wegwerfen des Papiers hatte mich von einer ideellen Last befreit, die ich mein bisheriges Leben mit mir herumgetragen hatte.

Bevor sich das Delirium fortan wie ein Schleier über meinen Geist legte, fühlte ich mich fernab von zu Hause für eine kurze Zeit von der Vergangenheit befreit. Nach meiner Ankunft in Mexiko-Stadt fuhr ich mit der Metro zum Busbahnhof des Nordens, setzte mich in der Wartehalle des Terminals auf einen roten Plastikstuhl und wartete auf meinen Bus nach Tijuana.

(c) valentino 2021

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Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Hegemonie und Autonomie – B. Travens Roman “Regierung” (Rezension)

valentino

B. Traven Regierung

B. Traven Regierung

Einst war Don Gabriel Viehhändler, nun nimmt er eine Stelle als Ortssekretär an. Sein Freund, der politische Funktionär Don Casimiro, hat ihm die Position in dem südmexikanischen Indianerort Bujvilum verschafft. Mehr schlecht als recht unterrichtet Don Gabriel die Jungen des Ortes, mit dubiosen Steuern erhöht er sein Einkommen. Nachdem er den Indianern Geld geborgt hat, holt er es sich zurück, indem er die Schuldner zwingt, ihre Schafe und Schweine unter Wert an einige Händler zu verkaufen. Damit sie es tun, redet er auf den Kaziken Narciso ein; Seinem Wort folgen die Indianer. Die Differenz zwischen Warenwert und Kaufpreis steckt sich Don Gabriel in die eigene Tasche, indem er von den Viehkäufern eine Ortssteuer verlangt.

Eines Tages verliert Don Gabriels jüngerer Bruder Don Mateo seinen Posten als Steuerverwalter und schießt dem Polizeichef im Streit eine Kugel ins Bein. Noch in derselben Nacht flieht Don Mateo, sein Ziel: die Grenze nach Guatemala zu überschreiten. Doch während der Flucht ändert er seine Absicht. Bald darauf landet er bei seinem Bruder in Bujvilum. Don Mateo bringt Don Gabriel auf die Idee, mehr Geld zu verdienen: mit Geldstrafen für die Väter der Schüler, die der Schule fernbleiben. Allerdings birgt das Geldeintreiben eine ungeahnte Schwierigkeit – nämlich die Väter der Jungen zu identifizieren und diese in ihren weit um den Ort verstreut liegenden Hütten aufzusuchen.

Immerhin erzielt Don Mateo einen Gewinn, indem er Passiergeld von einem durchreisenden Arbeitertrupp eintreibt. Als er seinen Bruder überredet, Branntwein an einige bereits betrunkene Gäste einer Hochzeitsgesellschaft zu verkaufen, kommt es bei einem Streit zu einem Totschlag. Der Totschläger Gregorio und mehrere Trunkenbolde landen im Gefängnis und so eröffnet sich eine weitere Gelegenheit für Don Gabriel, seine Stellung als Schlichter zu nutzen, um die Indianer auszubeuten.

Don Gabriel entschließt sich, Gregorio nach Jovel zu bringen, damit dieser sich dort vor dem Gericht verantwortet. Es kommt jedoch anders: Auf seinem Weg trifft Don Gabriel in dem Marktort Cahancu seinen alten Bekannten Don Ramon. Der war auch mal Viehhändler und ist mittlerweile als Agent für die Holzfällerlager tätig. Don Gabriel überlässt ihm für eine Schuldsumme Gregorio, der nun seine Schuld abarbeiten soll. Sein Gewissen beschwichtigt Don Gabriel, indem er sich einredet, Gregorio vor einer schlimmeren Strafe bewahrt zu haben, die das Gericht womöglich verhängt hätte, nämlich Gefängnis oder Tod.

„Diese sechzig Pesos, eine Summe, die Don Gabriel seit zwei Jahren nicht auf einmal in seiner Tasche gehabt hatte, machten ihn ehrgeizig. In den besten Zeiten seiner Tätigkeit als Viehhändler hatte er an einem Kopf nicht soviel verdient wie hier mit der Ausübung einer Barmherzigkeit an einem Indianer.“ (141)

So beteiligt sich Don Gabriel an dem Geschäft des Don Ramon.

„Don Gabriel war nunmehr ein Glied in der Kette, die von den Tiefen des
Dschungels bis zum Boudoir der Filmschauspielerin und dem Konferenzsaal eines Ministerrats reichte. Die Kette lief, und jedes Glied musste folgen, ob es wollte oder nicht.“ (157)

Das Buch ist der zweite Teil einer sechsteiligen Romanreihe (sogenannter Caoba-Zyklus), die in den 30er Jahren erschien. Sie schildert die gesellschaftlichen Verhältnisse im vorrevolutionären Mexiko und legt die Ursachen bloß, die zur Revolution im Jahre 1910 führten. So beschreibt Traven im letzten Drittel von „Regierung“ exemplarisch, wie die mexikanische Regierung versucht, das in den indianischen Landstrichen geltende Wahlsystem auszuhebeln, nach dem eine indianische Volksgruppe ihren jeweiligen Häuptling jedes Jahr aufs Neue wählt.

Wer Interesse an den Besprechungen der anderen fünf Bände hat, kann diese über die unten aufgeführten Links erreichen. Geplant ist außerdem eine Gesamtbesprechung des Zyklus, die in absehbarer Zeit an gleicher Stelle erscheinen wird.

(c) valentino 2014

B. Traven: Regierung, Diogenes Verlag 1983, 254 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Caoba-Zyklus:
Die Carreta
Regierung
Der Marsch ins Reich der Caoba
Trozas
Die Rebellion der Gehenkten
Ein General kommt aus dem Dschungel

Treiberei und Meuterei – B. Travens Roman “Der Marsch ins Reich der Caoba” (Rezension)

valentino

Einmal jährlich erwacht der verschlafene Ort Hucutsin im Süden Mexikos zum Leben: wenn die Karawanen arabischer, spanischer und indianischer Händler zum Heiligenfest eintreffen und ihre Waren auf dem Markt feilbieten. Jedoch lockt das geschäftige Treiben auch zwielichtige Gestalten wie den Werber Don Gabriel an, der dem Indianer Celso seine Schergen auf den Hals hetzt. Sie verwickeln ihn in eine Schlägerei und beschuldigen ihn, er habe sie mit einem Messer bedroht und einen von ihnen angegriffen. Celso wird zu Unrecht verurteilt. Nun kann er nicht mehr in sein Dorf zurückkehren und das Mädchen heiraten, das zwei Jahre lang auf ihn gewartet hat. Stattdessen kauft ihn Don Gabriel aus dem Gefängnis frei und schickt ihn ein weiteres Mal in das Holzfällerlager, damit er seine Schulden abarbeitet. Also macht sich Celso auf den Weg – in einem Trupp von knapp zweihundert Mann, den auch die Händler und über hundert schwer beladene Maultiere begleiten.

B. Traven Der Marsch ins Reich der Caoba

B. Traven Der Marsch ins Reich der Caoba

Celso kennt den langen, beschwerlichen Weg durch den Dschungel, weil er bereits zwei Jahre zuvor zusammen mit dem Händler Don Policarpo und dessen Sohn zu den Schlagstellen des Mahagonis marschiert ist. Eines Abends erzählen sich die Gefährten am Lagerfeuer auf einem Rastplatz die Geschichte des Werbers Don Anselmo, der in eine Meuterei gerät und dessen Gesicht von dem Hieb der Machete eines Indianers gezeichnet wird. Dass die Meuternden Don Anselmos Leben verschonen, wirkt inkonsequent. Eines Tages bietet sich Celso die Gelegenheit, sich an den beiden Schergen zu rächen, die ihn in diese aussichtslose Lage gebracht haben – sie bewachen den Trupp als Treiber.

Wann immer es den Marschierenden misslingt, im Laufe des Tages einen festen Rastplatz zu erreichen, droht eine ungemütliche Übernachtung. Bei Unfällen mit Todesfolge, die immer wieder vorkommen, kann der Tote aufgrund des heißen Klimas weder transportiert werden, noch bleibt viel Zeit für ein anständiges Begräbnis, weil der Haupttrupp nicht wartet, sondern schon weitergezogen ist. So wird der Leichnam kurzerhand an Ort und Stelle verscharrt. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass Traven seinen Figuren kaum Raum lässt, sich persönlich zu entwickeln. Zu sehr sind sie mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt. Celsos demoralisierender Weg endet schließlich mit Erreichen des Holzfällerlagers: Er schließt Frieden mit seiner Bestimmung – vorerst.

(c) valentino 2013

B. Traven: Der Marsch ins Reich der Caoba, Diogenes Verlag 1983, 303 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Caoba-Zyklus:
Regierung
Die Carreta
Der Marsch ins Reich der Caoba
Trozas
Die Rebellion der Gehenkten
Ein General kommt aus dem Dschungel