Unterwegs im Lande des Vlad Țepeș | 22. Teil

valentino

Sonnenaufgang

Illustration: Valentino

Wir luden die Sachen aus dem Boot und machten es am Kai fest. Einige Forscher führten uns zu Pritschen, auf die wir uns schlafen legten. Um halb sieben wurden wir geweckt. An der Mole schaukelten Fischerboote im Wasser, Fische schnappten nach Luft. Im orangegelben Licht der aufgehenden Sonne bildeten sich hier und da Ringe auf der Wasseroberfläche. Wir fuhren ein Stück flussabwärts in Richtung Sulina und bogen in einen Nebenarm ab.

Gegen Mittag erreichten wir das verschlafene Fischerdorf Letea. Wir verabredeten uns mit Mihai am späten Nachmittag in der Dorfschänke und zogen allein los. Durch den Ort querten wir ein Melonenfeld und erreichten einen dichten Urwald, durch den vereinzelte Pfade verliefen. Über eine steppenartige, windstille Lichtung, auf der trockenes Gras wuchs und kahle Baumgerippe standen, gelangten wir in ein weiteres Waldstück, das wir mit tauiger Haut durchstreiften, stießen abermals auf eine Lichtung und in gleicher Weise setzte sich der Weg fort.

Es dauerte eine Weile bis wir den Weg zurück ins Dorf gefunden hatten. Vor dem Lebensmittelgeschäft trafen wir Mihai, begleitet von zwei ukrainischen Grenzsoldaten, die unsere Reisepässe inspizierten. Nach der Rückkehr aßen wir in Crișan bei einer Freundin von Mihai den tags zuvor gekauften Fisch. Es gab Fischsuppe vorweg, danach gekochte Karpfenfilets in Knoblauchsoße mit Kartoffeln, Paprika und Kräutern, dazu Brot und gebackene Brassen.

(c) valentino 2013

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Rauschen V

valentino

Illustration: Valentino

Tag ein, Tag aus fraß das Salz der See die spröden Holzwände der Wellblechbaracken unten an der Mole. Boote schaukelten in der auf- und abschwellenden Brandung, die das Meer mit mehr oder weniger Wucht in die Bucht spülte. Das kleine Licht im Fenster des Hauses verlosch in der anbrechenden Morgendämmerung. Wasser rann leise plätschernd durch die Gassen.

Ralph ging spazieren.

Er erreichte eine der Inseln, die ein Damm mit der Stadt verband. Der kleine Yachthafen breitete sich vor ihm aus. Am Horizont tobte ein Gewitter, das sich langsam einer Hochhaussilhouette näherte.

In der Ferne ragten die neugebauten Hochhäuser der Stadt empor wie nebeneinander gestellte Streichhölzer. Sie waren erst in den letzten Jahren entstanden und bildeten die Fassade, übertrafen die rundherum wuchernden Elendsviertel.

Die Last des Lärms, des Schmutzes. Ralph warf sie ab, je weiter er sich von der Stadt entfernte. Tiefblau und ruhig lag das Meer vor ihm. Der Wind kräuselte leise die Wasseroberfläche. Er hörte einen stetigen Ton: Die Brandung wirft dich an den Strand, dachte er, einem Schiffbrüchigen gleich.

(c) valentino 2012

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Link zum ersten Teil „Rauschen“