Unterwegs zu Cecilia | Siebter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Narcisa setzte sich an den Tisch. Während sie mir gegenüber auf dem Holzstuhl saß, erzählte sie von einem Brief, den Cecilia ihr geschrieben hatte. Aus diesem gehe hervor, sie arbeite in einem Hotel in Portland. Narcisa kramte in ihrer Tasche, holte einen Umschlag heraus und öffnete ihn. Ein Foto, das Cecilia mit anderen Hotelangestellten zeigte, lag dem Brief bei.

Damals war mir nicht klar, dass ich Narcisa auf lange Zeit nicht wiedersehen würde. Auf dem Rückweg nach Huehue fiel ich in ein Delirium, das sich als Beginn einer Blockade erwies. Nach meiner Genesung verstrich eine geraume Weile, in der ich nichts weiter tat, als meinen Gedanken nachzuhängen. Es kommt mir vor, als wäre ich Narcisa erst gestern begegnet. Zugleich scheint mir, als hätte ihr ein anderer Mensch am Tisch gegenüber gesessen.

Beim Blick aus dem Fenster bemerkte ich den hereinbrechenden Morgen. Die Sonne ging über den wolkenverhangenen Berghängen auf. Narcisa verabschiedete sich und verließ den Raum durch die Tür ins neblige Morgengrauen. Lediglich einige Krümel weißer Käse blieben auf ihrem Teller zurück.

(c) valentino 2020

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Unterwegs zu Cecilia | Sechster Teil

valentino

Illustration: Valentino

Weil wir unterwegs aufgrund der zahlreichen Militärrevisionen und des Reifenwechsels in der Sonora-Wüste Zeit verloren hatten, erreichten wir Tijuana nicht wie geplant spät abends, sondern erst am frühen Morgen des Folgetags. In der Wartehalle des zentralen Busbahnhofs standen die Leute an den Ticketschaltern, kauften in Kiosken ein oder gingen zu den Bussteigen. Ich verließ die Halle und ging zum nahegelegenen lokalen Busbahnhof.

Von dort nahm ich den nächsten Bus ins schachbrettartig angelegte Stadtzentrum und stieg dort am Straßenrand an einem hohen Bordstein aus. Ich lief die Straße mit Läden, Bars und Restaurants hinunter. Der Rucksack lastete auf meinen Schultern. Kurz vor Mittag überquerte ich eine Kreuzung und erreichte das Hotel Montebello. Ich trat durch die Tür und schritt über eine knarrende Diele in die Eingangshalle.

Der Hotelier, ein Mann mit Halbglatze, begrüßte mich an der Rezeption und gab mir den Zimmerschlüssel. Daraufhin führte er mich über eine Treppe in den ersten Stock. Ich öffnete die Tür und wir betraten das Zimmer. Ein Dealer saß auf dem Bett. Als er mich sah, stand er auf und bot mir Stoff an. Mit einer reflexartigen Geste scheuchte ihn der Hotelier hinaus.

(c) valentino 2020

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