Brief aus Klütz

valentino

An einem heißen Spätsommertag fahre ich mit dem Fahrrad durch eine wellige Landschaft mit frisch gemähten Feldern und Einsprengseln aus Bauernhäusern, Kirchturmspitzen und Bäumen. Gegen Mittag erreiche ich das beschauliche Städtchen Klütz an der mecklenburgischen Ostseeküste. Uwe-Johnson-Lesern ist der Ort als Vorbild für das fiktive Jerichow aus dem Werk des Schriftstellers bekannt. Das Uwe-Johnson-Literaturhaus befindet sich im ehemaligen Getreidespeicher nahe dem Marktplatz bei der gotischen Kirche St. Marien.

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus im ehemaligen Speicher im Thurow / Foto: Valentino

Jerichow ist die Heimatstadt Gesine Cresspahls, der Protagonistin in Johnsons vierbändigem Hauptwerk „Jahrestage“. Die 34-jährige Bankangestellte zieht 1968 mit ihrer zehnjährigen Tochter Marie von der mecklenburgischen Provinz nach New York. Dort wohnt sie in Manhattan, 243 Riverside Drive, am Ufer des Hudson River. Auch in New York ist Jerichow immer gegenwärtig. So erinnert sie zum Beispiel ein Fries aus weißem Sandstein an der Hausfassade an das mecklenburgische Wappen: Es stellt einen Ochsenkopf als Denkmal für die Pueblo-Indianer dar. Die Perspektive aus der Ferne öffnet Gesines Erinnerung an Jerichow. Dabei bietet New York als Mikrokosmos eine geeignete Projektionsfläche:

„Wenn ich den Roman ein Modell, die Möglichkeit eines Modells genannt habe, oder ein System, so meine ich damit nicht großmächtige soziologische Wissenschaft, sondern im Grunde ganz gewöhnliche Dinge: Eine kleine Stadt kann für viele kleine Städte stehen, selbst wenn sie erfunden ist; sie könnte möglich sein; so könnte es gewesen sein. Es ist das Gleiche, wie wenn es sich um eine große Stadt handelt, die es wirklich gibt, z.B. New York. Auch da handelt es sich dann um den Versuch, eine Wirklichkeit, die vergangen ist, wiederherzustellen. Und das heißt nicht etwa, eine Wirklichkeit in allen ihren Beziehungen zusammengefasst noch einmal möglich zu machen.“ (Uwe Johnson im Gespräch mit Christoph Schmid am 29.7.1971 in West-Berlin. In: „Ich überlege mir die Geschichte“, hrsg. v. E. Fahlke, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main.)

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene / Foto: Valentino

Johnson lebte selbst zwei Jahre in besagter New Yorker Wohnung an der Upper Westside, nachdem er die „Gruppe 47“ (siehe auch Belmontes Artikel zur „Gruppe 47“) verlassen hatte. Er erzählt Gesines Lebensgeschichte nüchtern, dokumentarisch und bindet diese durch Zeitungsartikel-Transkripte, vor allem aus der „New York Times“, in einen zeitgeschichtlichen Kontext. Über Johnsons Arbeitsweise informiert die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene des Literaturhauses. Die erste Ebene widmet sich seiner Biografie.

Mit ihren Video- und Audiostationen vermittelt die Dauerausstellung abwechslungsreich und informativ zahlreiche Facetten aus Leben und Werk des Schriftstellers. Auch die Rolle, welche die mecklenburgische Landschaft in Johnsons Romanen spielt, wird sichtbar: So gibt es neben Textausschnitten der Werke des Autors, Klapptafeln und Textrolatoren auch Kurzfilme und Bilder. Für das kommende Jahr ist ein Audioguide geplant.

Über die museale Darstellung hinaus bietet das Literaturhaus auch ein vielfältiges, literarisch-kulturelles Programm. So finden beispielsweise regelmäßige Lesungen mit zeitgenössischen Autoren statt, zuletzt zum Beispiel mit Christoph Hein.

Ich habe jedenfalls große Lust bekommen, mich noch einmal mit Johnsons Werk zu beschäftigen, nachdem ich bereits die „Mutmaßungen über Jakob“, die „Skizze eines Verunglückten“ sowie „Karsch, und andere Prosa“ gelesen habe. Vor den „Jahrestagen“ bietet es sich allerdings an, einen Blick in das übrige Werk, das heißt all jene Romane, Erzählungen und Vorlesungen zu werfen, die das Hauptwerk umranken und in denen Figuren und Orte eingeführt werden. Johnsons nüchterner Stil, seine spröde Erzählweise und die narrative Komplexität seines Werkes fordern den Leser. So wechselt bereits in den „Mutmaßungen“ ständig die Perspektive zwischen auktorialem Erzähler und Mehrstimmigkeit. Belohnt wird man mit einer präzisen Sprache.

Wer mag, schlendert im Anschluss an den Besuch des Literaturhauses noch durch die barocke Parkanlage von Schloss Bothmer. Dort ist unter anderem der ringförmige Weiher mit seinen Seerosen eine wundervolle Insel der Erholung.

Landschaft bei Klütz

Landschaft bei Klütz / Foto: Valentino

(c) valentino 2016