Center Stage – Der Weg zum Ballettruhm? (Filmrezension)

Center Stage

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tanzdrama // An der von Jonathan Reeves (Peter Gallagher) geführten American Ballet Academy von New York City treten zwölf neue Schülerinnen und Schüler ihr Training an. Sie alle hoffen, nach einem Jahr in Reeves’ American Ballet Company aufgenommen zu werden. Da ist beispielsweise die Starschülerin Maureen Cummings (Susan May Pratt), welche die Übernahme fast schon sicher zu haben scheint, aber an Bulimie leidet und letztlich nur den Traum ihrer Mutter Nancy (Debra Monk) lebt. Als sie den angehenden Medizinstudenten Jim (Eion Bailey) kennenlernt, merkt sie, dass es mehr im Leben gibt als Ballett.

Jonathan Reeves will nur die Besten der Besten

Jody Sawyer (Amanda Schull) ist mit Leidenschaft dabei, hat aber angeblich ein paar körperliche Defizite, die ihren Erfolg blockieren. Ganz anders Eva Rodriguez (Zoe Saldana), die mit unkonventionellem Verhalten aneckt, aber über massig Talent verfügt, das sie als Balletttänzerin immer besser werden lässt. Charlie (Sascha Radetsky) ist ebenso begabt und hat beim Training keine Probleme, verguckt sich nach und nach in Jody, die allerdings Cooper Nielson (Ethan Stiefel) anhimmelt. Der Topstar am New Yorker Balletthimmel ist gerade von einem Engagement in London zurückgekehrt. Seine Ex-Freundin Kathleen Donahue (Julie Kent) hat in der Zwischenzeit Jonathan geheiratet, was zu ein paar Spannungen zwischen den beiden Alpha-Männchen führt. Jonathan kann es sich allerdings nicht erlauben, seinen besten Tänzer vor den Kopf zu stoßen.

Tanzen mal ohne Trainingsdruck: Charlie und Jody entspannen sich

Der englische Theaterregisseur Nicholas Hytner hat nur eine Handvoll Kinofilme inszeniert, darunter 1994 sein Leinwanddebüt „King George – Ein Königreich für mehr Verstand“ und „Hexenjagd“ (1996). Seine erfolgreiche Arbeit an diversen Bühnenhäusern in Manchester, London und New York City erleichterte ihm zweifellos das Einfühlungsvermögen, das es benötigt, um ein Tanzdrama dieser Güteklasse zu drehen. Obwohl sich viel um Beziehungen, Liebeleien und Eifersüchteleien dreht, gleitet „Center Stage“ nie in trivialen Herzschmerz-Schmonzes ab, vielmehr porträtiert der Film seine Figuren mit Gefühl für ihre emotionalen Belange. Das bleibt bei einigen Themen an der Oberfläche, aber letztlich geht es ums Tanzen. Und Hytner kombiniert das zwischenmenschliche Geschehen mit hervorragend choreografierten Tanzeinlagen, ob im Training oder bei diversen Aufführungen.

Startänzerin doubelt Zoe Saldana

Dabei ist es – jedenfalls für einen Laien wie mich – unmöglich festzustellen, auf welchem balletttänzerischen Niveau sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen. In der Besetzung findet sich von Laien bis hin zu Akteurinnen und Akteuren mit professioneller Ballettausbildung die ganze Bandbreite. Für manche Szenen, speziell bei den Aufführungen, hielten Body Doubles her. So wurde beispielsweise Zoe Saldana („Guardians of the Galaxy“), die in „Center Stage“ ihr Filmdebüt gab, von der Startänzerin Aesha Ash gedoubelt.

Jody sucht anderswo Ausgleich vom stressigen Academy-Alltag

Die Tanzszenen choreografierte Susan Stroman, ihres Zeichens renommierte und vielfach preisgekrönte US-Choreografin. Tänzerinnen und Tänzer des New York City Ballet und des ebenfalls im Big Apple angesiedelten American Ballet Theatre agierten als Komparsen in den Übungseinheiten und Workshops von „Center Stage“. Ergebnis: Der Film atmet professionelles Ballett aus jeder Pore. Als Vorbild der American Ballet Academy diente offenbar die School of American Ballet, die dem New York City Ballet angeschlossene Ballettschule.

Freundinnen: Eva und Jody

Das Label justbridge entertainment hat „Center Stage“ ein schmales, gleichwohl attraktiv aufgemachtes Mediabook angedeihen lassen. Wer sich über das kompakte Mediabook-Format bei Koch Films erregen kann, mag sich auch über die dünnen Exemplare von justbridge ärgern, ich kann damit gut leben. Auf der Blu-ray findet sich kein neues Bonusmaterial, aber immerhin sind die erweiterten Tanzszenen, entfallene Szenen und das kurze Featurette enthalten, die 2001 auch schon die DVD ergänzten. Im ansprechend bebilderten Booklet lässt sich mit Christoph N. Kellerbach ein erfahrener Autor auf 20 Seiten über die Entstehung des Films aus, das wertet die Edition auf.

Vorbild „Fame – Der Weg zum Ruhm“

2008 folgte „Center Stage 2“, 2016 mit Center Stage – On Pointe“ sogar ein dritter Teil. Beide Fortsetzungen können dem Vorgänger nicht das Wasser reichen. „Center Stage“ hat sich einiges von Alan Parkers „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980) abgeschaut, den ich beeindruckender in Erinnerung habe. Letztlich bewegen sich beide im Verbund mit Richard Attenboroughs „A Chorus Line“ (1985) in ähnlichem Terrain. Adrian Lynes „Flashdance“ (1983) hingegen erscheint mir in der Erinnerung weitaus schlechter gealtert, war aber vielleicht auch damals schon eher zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort. Seit 2000 hat sich das Genre des Tanzfilms von diesen eher realistisch inszenierten Tanzschul-Drill zeigenden Filmen entfernt. „Step Up“ (2006) mit Channing Tatum sei als Beispiel genannt – Darren Aronofskys „Black Swan“ (2010) mit Natalie Portman hingegen ist noch einmal von ganz anderem Schlag. „Center Stage“ wirkt im Vergleich zu modernen Produktionen gealtert, mir gefällt das aber deutlich besser.

Superstar: Cooper Nielsen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Zoe Saldana sind dort in der Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Peter Gallagher unter Schauspieler.

Die große Gala

Veröffentlichung: 13. August 2021 als Blu-ray im limitierten Mediabook, 1. Oktober 2009 als Best of Hollywood 2 Movie Collector’s Pack DVD (mit „Center Stage 2“), 23. Januar 2001 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Center Stage
USA 2000
Regie: Nicholas Hytner
Drehbuch: Carol Heikkinen
Besetzung: Zoe Saldana, Peter Gallagher, Amanda Schull, Ethan Stiefel, Sascha Radetsky, Christine Dunham, Stephen Stout, Maryann Plunkett, Laura Hicks, Eion Bailey, Barbara Caruso, Jeff Hayenga, Victor Anthony, Susan May Pratt, Shakiem Evans, Ilia Kulik, Karen Shallo, Carlo Alban, Giselle Daly, Debra Monk
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Nicholas Hytner, erweiterte Tanzszenen, entfallene Szenen, Featurette, nur Mediabook: 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, nur DVD: isolierte Musiktonspur, Musikvideo „I Wanna Be with You“ von Mandy Moore, Kinotrailer, Künstlerprofile
Label Mediabook: justbridge entertainment
Vertrieb Mediabook: Rough Trade Distribution
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 justbridge entertainment

Brief aus Klütz

valentino

An einem heißen Spätsommertag fahre ich mit dem Fahrrad durch eine wellige Landschaft mit frisch gemähten Feldern und Einsprengseln aus Bauernhäusern, Kirchturmspitzen und Bäumen. Gegen Mittag erreiche ich das beschauliche Städtchen Klütz an der mecklenburgischen Ostseeküste. Uwe-Johnson-Lesern ist der Ort als Vorbild für das fiktive Jerichow aus dem Werk des Schriftstellers bekannt. Das Uwe-Johnson-Literaturhaus befindet sich im ehemaligen Getreidespeicher nahe dem Marktplatz bei der gotischen Kirche St. Marien.

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus im ehemaligen Speicher im Thurow / Foto: Valentino

Jerichow ist die Heimatstadt Gesine Cresspahls, der Protagonistin in Johnsons vierbändigem Hauptwerk „Jahrestage“. Die 34-jährige Bankangestellte zieht 1968 mit ihrer zehnjährigen Tochter Marie von der mecklenburgischen Provinz nach New York. Dort wohnt sie in Manhattan, 243 Riverside Drive, am Ufer des Hudson River. Auch in New York ist Jerichow immer gegenwärtig. So erinnert sie zum Beispiel ein Fries aus weißem Sandstein an der Hausfassade an das mecklenburgische Wappen: Es stellt einen Ochsenkopf als Denkmal für die Pueblo-Indianer dar. Die Perspektive aus der Ferne öffnet Gesines Erinnerung an Jerichow. Dabei bietet New York als Mikrokosmos eine geeignete Projektionsfläche:

„Wenn ich den Roman ein Modell, die Möglichkeit eines Modells genannt habe, oder ein System, so meine ich damit nicht großmächtige soziologische Wissenschaft, sondern im Grunde ganz gewöhnliche Dinge: Eine kleine Stadt kann für viele kleine Städte stehen, selbst wenn sie erfunden ist; sie könnte möglich sein; so könnte es gewesen sein. Es ist das Gleiche, wie wenn es sich um eine große Stadt handelt, die es wirklich gibt, z.B. New York. Auch da handelt es sich dann um den Versuch, eine Wirklichkeit, die vergangen ist, wiederherzustellen. Und das heißt nicht etwa, eine Wirklichkeit in allen ihren Beziehungen zusammengefasst noch einmal möglich zu machen.“ (Uwe Johnson im Gespräch mit Christoph Schmid am 29.7.1971 in West-Berlin. In: „Ich überlege mir die Geschichte“, hrsg. v. E. Fahlke, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main.)

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene / Foto: Valentino

Johnson lebte selbst zwei Jahre in besagter New Yorker Wohnung an der Upper Westside, nachdem er die „Gruppe 47“ (siehe auch Belmontes Artikel zur „Gruppe 47“) verlassen hatte. Er erzählt Gesines Lebensgeschichte nüchtern, dokumentarisch und bindet diese durch Zeitungsartikel-Transkripte, vor allem aus der „New York Times“, in einen zeitgeschichtlichen Kontext. Über Johnsons Arbeitsweise informiert die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene des Literaturhauses. Die erste Ebene widmet sich seiner Biografie.

Mit ihren Video- und Audiostationen vermittelt die Dauerausstellung abwechslungsreich und informativ zahlreiche Facetten aus Leben und Werk des Schriftstellers. Auch die Rolle, welche die mecklenburgische Landschaft in Johnsons Romanen spielt, wird sichtbar: So gibt es neben Textausschnitten der Werke des Autors, Klapptafeln und Textrolatoren auch Kurzfilme und Bilder. Für das kommende Jahr ist ein Audioguide geplant.

Über die museale Darstellung hinaus bietet das Literaturhaus auch ein vielfältiges, literarisch-kulturelles Programm. So finden beispielsweise regelmäßige Lesungen mit zeitgenössischen Autoren statt, zuletzt zum Beispiel mit Christoph Hein.

Ich habe jedenfalls große Lust bekommen, mich noch einmal mit Johnsons Werk zu beschäftigen, nachdem ich bereits die „Mutmaßungen über Jakob“, die „Skizze eines Verunglückten“ sowie „Karsch, und andere Prosa“ gelesen habe. Vor den „Jahrestagen“ bietet es sich allerdings an, einen Blick in das übrige Werk, das heißt all jene Romane, Erzählungen und Vorlesungen zu werfen, die das Hauptwerk umranken und in denen Figuren und Orte eingeführt werden. Johnsons nüchterner Stil, seine spröde Erzählweise und die narrative Komplexität seines Werkes fordern den Leser. So wechselt bereits in den „Mutmaßungen“ ständig die Perspektive zwischen auktorialem Erzähler und Mehrstimmigkeit. Belohnt wird man mit einer präzisen Sprache.

Wer mag, schlendert im Anschluss an den Besuch des Literaturhauses noch durch die barocke Parkanlage von Schloss Bothmer. Dort ist unter anderem der ringförmige Weiher mit seinen Seerosen eine wundervolle Insel der Erholung.

Landschaft bei Klütz

Landschaft bei Klütz / Foto: Valentino

(c) valentino 2016