Welcome to Norway – Reibach mit Flüchtlingen (Filmrezension)

Welcome to Norway!

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // „Die Neger kommen in ’ner halben Stunde.“ Politisch korrekt äußert sich Primus (Anders Baasmo Christiansen) nicht gerade. Sein Hotel im Norden Norwegens hat er heruntergewirtschaftet, hofft nun auf Reibach vom Staat, indem er es für Flüchtlinge als Bleibe herrichtet. Obwohl er fürchtet, dass es eine „ziemliche Plackerei mit denen“ wird, denn was auf ihn zukommt, ahnt er bereits: „Haschisch, Vergewaltigungen, Terror und Betrug.“ Von seinen kommenden Schützlingen hält er offenbar nicht viel.

Die Familie in gebannter Erwartung der Neuankömmlinge

Die Probleme beginnen schon bei der Zimmerverteilung: Muslime müssen von Christen getrennt werden, Schiiten von Sunniten. Die Sprachbarriere erweist sich als weiteres Hindernis: So gut wie niemand spricht Englisch oder gar Norwegisch. Einzig der Schwarze Abedi (Olivier Mukuta) beherrscht beide Sprachen – und das sogar vorzüglich. Er ist schon eine ganze Weile im Land und erweist sich für Primus bald als unverzichtbar. Das ist auch dringend erforderlich, denn die Ausländerbehörde hat an seinem Hotel einiges zu kritisieren und stellt immer neue Anforderungen, er möge hier einen Mangel abstellen und da einen Defekt beheben. Nach und nach lehnen sich obendrein die Asylbewerber gegen den etwas diktatorisch auftretenden Primus auf. Auch fremdenfeindliche Norweger treten auf den Plan. Mit seiner Frau Hanni (Henriette Steenstrup) und seiner Tochter Oda (Nini Bakke Kristiansen) hat der selbsternannte Flüchtlingsbeauftragte ebenfalls seine liebe Not.

„Willkommen bei den Hartmanns“ auf Norwegisch

„Welcome to Norway“ kam im Herbst 2016 drei Wochen vor der überraschend erfolgreichen deutschen Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ in unsere Kinos, erregte aber weitaus weniger Aufsehen. Das ist bedauerlich, visiert der dritte Langfilm des norwegischen Regisseurs Rune Denstad Langlo („Nord“, „Chasing the Wind“) doch gekonnt viele Eigentümlichkeiten der Flüchtlingsdebatte an. Latente bis akute Fremdenfeindlichkeit bekommen ebenso ihr Fett weg wie materialistisches Anspruchsdenken. Auch Behördenwillkür und bürokratische Hemmnisse nimmt Langlo aufs Korn. Das kann man plump inszenieren – oder feinfühlig und berührend wie in diesem Fall.

Primus und seine Frau Hanni lernen völlig neue Seiten am Ehepartner kennen

Als besonders gelungen erweist sich die Entscheidung, den Hauptdarsteller eher als Unsympathen zu inszenieren. So schroff das Geschehen im Allgemeinen und Primus im Besonderen zu Beginn auch wirken, verströmt „Welcome to Norway“ bei all dem lakonischen und bisweilen etwas bissigen Humor im weiteren Verlauf doch mehr und mehr Warmherzigkeit. Wir lernen Menschen mit Fehlern kennen, die doch dazulernen können. Viele Statistenrollen wurden mit echten Flüchtlingen aus Krisengebieten besetzt. Die wichtige Rolle des Adebi wurde ebenfalls authentisch besetzt, wie der Regisseur im Presseheft von „Welcome to Norway“ berichtet: Olivier Mukuta stammt aus dem Kongo und hat lange in einem Flüchtlingscamp in Malawi gelebt, bevor er um 2005 herum nach Norwegen kam.

Von den Ereignissen eingeholt

„Jetzt ist der Film fertig. Es ist Januar 2016 und die Realität erscheint noch trostloser. Aber gerade wenn alles hoffnungslos und schrecklich erscheint, muss es erlaubt sein zu lachen – über sich, über andere und übereinander.“ So schreibt es Rune Denstad Langlo im Presseheft zum Film. Wie recht er damit hat, belegt der von den Ereignissen überholte „Welcome to Norway“. Ein Film, der vermutlich noch eine ganze Weile brandaktuell bleiben wird.

Abedi (l.) erweist sich als unverzichtbare Hilfe

Veröffentlichung: 7. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Norwegisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Welcome to Norway!
NOR 2016
Regie: Rune Denstad Langlo
Drehbuch: Rune Denstad Langlo
Besetzung: Anders Baasmo Christiansen, Olivier Mukuta, Slimane Dazi, Kristoffer Hjulstad, Jon vegard Hovdal, Henriette Steenstrup, Nini Bakke Kristiansen, Brigitte Larsen, Marianne Meløy, Renate Reinsve, Frode Saugestad
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Indigo / good!movies

Oslo, 31. August – Von einem, der aufhört, das Leben zu suchen (Filmrezension)

Oslo_31_August-Cover

Der nächste Gastbeitrag – einmal mehr bedanken wir uns bei Simon Kyprianou, Gastautor bei unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Oslo August 31st

Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Anders (Anders Danielsen Lie), ein junger Mann, 34 Jahre alt, könnte mitten im Leben stehen, sitzt aber im Drogenentzug fest. Gleich in der ersten Filmszene will er sich umbringen, doch ihn verlässt der Mut. Nach langer Zeit darf er die Suchtklinik für einen Tag verlassen, nach Oslo fahren, alte Freunde und die Familie besuchen; ein Vorstellungsgespräch hat er auch. Er könnte die Grundsteine für sein restliches Leben legen, aber Anders ist müde, Anders ist satt.

Abbild einer Generation

„Oslo, 31. August“ ist zwar radikal an seinen Protagonisten gebunden, zeichnet aber nicht nur dessen Porträt. All die Begegnungen, Konversationen und Erlebnisse auf Anders‘ Odyssee durch Oslo lassen das mosaikhafte Abbild einer ganzen Generation, einer komplexen Gesellschaft deutlich werden. Es entstehen Sinnzusammenhänge, Schmerz und Ausweglosigkeit von Anders werden spürbar.

Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit

Regisseur Joachim Trier findet eine äußerst realistische aber vor allem eine lebendig kraftvolle, ästhetische Filmsprache, um seine zärtliche und schmerzhafte Geschichte von verlorener Jugend und dem verpasstem Einstieg ins Leben zu erzählen. Dabei verfällt der Film nie der absoluten Hoffnungslosigkeit, Trier inszeniert einen lebensklugen Film, der überall mögliche Lebenskonzepte und Auswege aufzeigt, die zwangsläufig auch Probleme und Leid mit sich bringen, aber letztlich doch erträglich sind.

Das Leben ist schön

So lebenssatt und enttäuscht der Protagonist Anders auch sein mag, Triers Film ist es nicht, er ist im Gegenteil lebenshungrig, sucht überall nach Möglichkeiten, Auswegen, Hoffnung, Schönheit und Liebe. Wenn er eine wilde Partynacht und einen Flirt einfängt, werden Triers Bilder sogar wild, hypnotisch und flirrend, er bricht aus dem nüchternen Realismus aus und zeigt das Leben in all seiner Schönheit. Denn auch an jenem schicksalshaften 31. August könnte man Schönheit finden, würde man sie nur suchen. Anders sucht sie nicht mehr.

„Oslo, 31. August“ ist gleichsam ein Film über einen Menschen, der sich und die Welt aufgegeben hat, weil sie ihm nichts mehr zu bieten hat, als auch ein differenzierter Blick auf die Welt selbst, ihre Defizite, Irrwege, aber auch Möglichkeiten.

Veröffentlichung: 10. Januar 2014 als DVD

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Norwegisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Internationaler Titel: Oslo August 31st
NOR 2011
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt, nach einem Roman von Pierre Drieu La Rochelle
Besetzung: Anders Danielsen Lie, Ingrid Olava, Anders Borchgrevink, Andreas Braaten, Hans Olav Brenner, Johanne Kjellevik Ledang, Malin Crépin, Renate Reinsve
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2014 Al!ve AG