Von Märchenmotiven und gewichtigem Schnee (re-blogged aus dem Café Weltenall)

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Dieses Bild widme ich Elke Engelhardt und ihrem Buch

Wenn der Schnee Gewicht hat

Was zuerst als Paradox erscheint, ist bei näherer Betrachtung eine kleine Schneeflocke, die weniger wiegt als die winzige Daunenfeder eines Pirols im Frühling, die aber, wenn sie sich mit Ihresgleichen paart und stapelt, Hausdächer zum einstürzen bringt. Das ändert kein Wolf, kein Hans, ob groß im Glück oder klein auf einem Bein, das ändert keine rote Kappe, kein Rumpelstilzchen und auch keine Großmutter.

DSC_0496Elke Engelhardt, die Autorin dieses Buches, kennt dieses Paradox. „Sie“  leistet bei der Alten mit den großen Zähnen ihre Dienste, bis der Schnee Gewicht hat. Erst dann wird es Zeit für eine Umkehr, eine Heimkehr mit oder ohne Kieselsteine, aber mit der Frage nach Heimat.

Wenn Märchen anfangen zu sprechen und mehr werden, als böse Hexe, unschuldiges Kind, mehr als gutmütige Zwerge, bösartige Stiefmutter und vergifteter Apfel, mehr als Schneewittchen, Prinz, Hans und…

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Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA im Centro Italiano Monna Lisa

Autorenlesung KAMINA

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA zur Publikation der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift BAWÜLON in Kooperation mit dem Centro Italiano Monna Lisa

Datum:
3. Juli 2015, 19.30 Uhr

Ort:
Centro Italiano Monna Lisa, Heidelberg

Freier Eintritt

Lesende Dichter:
Katharina Dück
Manuel Beck
Elena Kisel
Miriam Tag
Olga Kovalenko
Heribert Hansen
Claudia Kiefer
Simon Probst
Anne Schelzig
Wadim Vodovozov

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA

Autorenlesung KAMINA

Autorenlesung des Heidelberger Studentischen Dichterkreises KAMINA zur Publikation der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift BAWÜLON in Kooperation mit dem Studierendenwerk Heidelberg

Datum:
21. April 2015, 19 Uhr

Ort:
Lesecafé im Marstall, Heidelberg

Freier Eintritt

Lesende Dichter:
Katharina Dück
Manuel Beck
Elena Kisel
Miriam Tag
Olga Kovalenko
Heribert Hansen
Claudia Kiefer
Simon Probst
Anne Schelzig
Wadim Vodovozov

Präsentation der Literatur- und Kunstzeitschrift BAWÜLON am 12. März 2014 im Buchladen „artes liberales“

Vor zwei Jahren hat die Literatur- und Kunstzeitschrift MATRIX Zuwachs bekommen in Gestalt einer Tochterzeitschrift mit dem Titel BAWÜLON, die beide im Ludwigsburger Pop-Verlag erscheinen.

BAWÜLON

BAWÜLON

BAWÜLON ist nicht ein Babylon der Unzucht und Sünde, auch nicht der verstörenden Sprachverwirrung, sondern ein Ort der Mehrstimmigkeit und Kontroversen in poesia. Der Fokus liegt auf süddeutschen bzw. in Süddeutschland ansässigen Autoren und Künstlern. Auch Schriftstellergrößen wie Dieter Schlesak, Horst Samson und Johann Lippet sind regelmäßig mit neuen Texten vertreten.

In der Rubrik „Atelier“ werden Gedichte und Texte von bereits etablierten, aber auch von weniger bekannten Schriftstellern publiziert, während sich die Rubrik „Die Welt und ihre Dichter“ vorrangig einem einzelnen Autor widmet. In jeder Ausgabe folgen auf die Präsentation eines Debütautors Buchrezensionen. Auch die bildende Kunst hat ihren festen Platz: Die Sparte „Ausstellung“ stellt aktuelle Werke und Kunstausstellungen vor.

Im Zusammenhang mit der Einrichtung einer Heidelberger Subredaktion präsentieren wir die Zeitschrift BAWÜLON am 12. März 2014 im Buchladen artes liberales am Kornmarkt in der Heidelberger Altstadt. Im Rahmen der Vorstellung der Zeitschrift werden Texte daraus gelesen und diskutiert. Durch den Abend, mit Lesungen der beiden Autoren Rainer Wedler (Ketsch) und Henning Schönenberger (Heidelberg), führt der Übersetzer und freie Mitarbeiter des Pop-Verlags Antonio Staude (Heidelberg).

Der Eintritt ist frei, aus Platzgründen ist ein Sitzplatz im Publikum nicht garantiert.

Veranstaltung: Präsentation der Literatur- und Kunstzeitschrift BAWÜLON
Ort: Buchladen artes liberales, Kornmarkt 8, 69117 Heidelberg
Zeit: 12. März 2014, 20 Uhr

(c) belmonte 2014

Lesung „Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert“ (Pop Verlag)

Nachwort von Cristina Beretta:

Und Du sollst ein Gott sein
nach unserem Maße also?

Er musste getötet werden
Es ging nicht anders …

Gewiss ist nur, dass alles,
Alles verkehrt ist!
Gott, was heißt es!

Also beginnen wir
Von vorne wieder.

David Maria Turoldo (1987)

Der Gott, den der italienische Dichtertheologe David Maria Turoldo zur Rechenschaft zieht, hat einen großen Fehler begangen. Er hat den Tod seines eigenen Sohnes gefordert. Der humanistischen Denkweise des aufgeklärten Abendlandes zufolge stimmt etwas nicht. Die Geschichte soll neu geschrieben werden, jedoch ohne Fehler, auf dass die Theodizeefrage sich erübrige. Der Fehler kann ja nicht das Maß sein, nach dem Gott und sein Abbild gefertigt sind!

Von vielen Ausprägungen dieses ,Fehlers‘ berichtet der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert. Von einem Protagonisten im eigentlichen Sinne kann keine Rede sein, denn ágon, der Kampf, ist nicht sein Los. Nicht das Schwert sondern die Feder ist sein Attribut. Er hat Gott herausgefordert, sich ihm zu erkennen zu geben. Diese Hybris bestraft Gott, indem er ihn nach eisernem Talionsgesetz zur Erkenntnis von Gut und Böse verdammt, allerdings mit einer einschränkenden Klausel: Der geistgewordene Mensch darf Gott durch dessen Werk – die Welt – erkennen, in das Weltgeschehen darf er indes nicht eingreifen, denn er soll nur Zeugnis ablegen. Der Sündenfall kollidiert mit der Geburt des geschriebenen Wortes.

Der geistgewordene Mensch sieht und berichtet von Erschießung, Ermordung und Vernichtung. Unergründliche, grundlose Gewalt. Eine vertraute condition humaine unseres beginnenden 21. Jahrhunderts: Der homo observans mit Fernbedienung und Maus in der Hand erfährt zeitgleich, was in der Welt geschieht, und ist in Sekundenschnelle informiert, zuweilen sogar besser als die Involvierten selbst. Er ist überzeugt, dass er wissen muss. Wissen ist Macht und die Erkenntnis geht der Handlung voraus – dies besagt die abendländische sokratische Tradition. Der moderne Mensch erlebt durch Zuschauen. Die Authentizität ergibt sich aus der Zuschauerperspektive eines Außenstehenden mit einer Videokamera in der Hand.

Der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit sieht jedoch mehr als den Tanzplatz des Todes. Eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen offenbart sich ihm als Simultaneität von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Anders als in Dantes Divina Commedia sind diese Sphären hier nicht hierarchisch geordnet, von Wächtern streng bewacht und strikt getrennt. Die Schönheit der Natur, das beschauliche Landleben, die Fähigkeit der Menschen zur uneigennützigen Liebe sind Inseln des Guten. Oder sind sie etwa das notwendige Substrat des Bösen? Dieser Gleichzeitigkeit ist mit der Idylle und zugleich einer Ästhetik des Schreckens nachzukommen.

Anders als der zu einem ähnlichen Los verurteilte Seemann aus Samuel Taylor Coleridges The Rime of the Ancient Mariner (1797/1798) bietet der Schreiber von Sitte und Sittlichkeit keine Antworten an. Er berichtet lediglich. Seine Sprache ist kraftvoll, hyperbolisch und dennoch in einer festen Metrik gebändigt, die das Schöne und das Gute vor dem Angenehmen bewahrt und das Grausame in erschreckender Genauigkeit einzufangen weiß. Doch der ununterbrochen vorwärts treibende Rhythmus der Trochäen duldet keine Rast. Unermüdlich Zeuge sein ist das Los des geistgewordenen Menschen.

Anfangs zeigt sich Gott in persona als der mächtige, strafende, zornige, eitle und vernichtende Gott des Alten Testaments. Ein nahbarer Gott, den man unmittelbar ansprechen kann. Ein naher Gott, da ihn diese Attribute menschlich erscheinen lassen. Durch seine Taten, durch die Welt, scheint Gott sich eher als coincidentia oppositorum zu offenbaren.

Erkennt der geistgewordene Mensch einen allzumenschlichen oder einen unergründlichen Gott? Sind dieser und sein Werk in einem amor fati zu bejahen? Gilt die Grausamkeit auf Erden etwa als Beweis eines furchterregenden, jähzornigen Gottes? Und noch: Was hat es mit dem Wissen der letzten Dinge auf sich? Macht die Erkenntnis den Menschen nur ohnmächtig statt allmächtig, wie es im ausgegangenen Jahrhundert Jorge Luis Borges in seinem Aleph-Zyklus (1944-1952) vielleicht am prägnantesten gezeigt hat? Dem Leser die Entscheidung.

Der Schreiber erzählt eine vertraute Geschichte, aber er erzählt sie neu, mit der erbarmungslosen Präzision des unmittelbaren Zuschauers, der Beharrlichkeit einer verzweifelnden Ohnmacht und der unermüdlichen Kraft eines ursprünglichen Staunens. Ist nun alles verkehrt, wie der Autor des zu Beginn zitierten Gedichts konsterniert ruft? Ist überhaupt die Rede vom gleichen Gott?

Also beginnen wir die Lektüre von vorne wieder.

(c) Pop Verlag, Ludwigsburg, 2008