Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Zwölfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Pakal beobachtete den aufgehenden Morgenstern von seinem Palast aus. Er fragte sich, wie oft er ihn noch sehen würde, wie viele Opfer er dem Federschlange-Gott noch darbringen müsse. Er war der legitime Herrscher über sein Volk. In einem einzigartigen Ritual hatte er sich eine Dornenschnur durch die Zunge gezogen: Das Blut tränkte Papierstreifen in einem Korb. Der Priester hatte anschließend das Papier zusammen mit Kopalharz verbrannt. Nachdem die Götter den aufsteigenden Rauch eingeatmet hatten, wurde Pakals Urahn aus der Unterwelt aus dem Rachen der Federschlange heraufbeschworen.

Wie sollte Pakal über die erlittene Schmach hinwegkommen, als man seinen Sohn, den Thronfolger, entführt und geopfert hatte? Er blickte von der Plattform des Palasts hinüber zu den beiden Pinien am anderen Ende des Platzes. Dort stand der Holzpfahl, an den er die Frau hatte fesseln lassen. Er hatte sie auf seinem letzten Raubzug zusammen mit sechs Adligen gefangen genommen. Kurz darauf hatte der Jaguarpriester ihm das Bohnenorakel gelegt, das ihm den nahen Tod durch Krankheit verhieß. Der Herrscher stieg die Treppe hinab. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen am Horizont über die Baumwipfel.

Narcisa rückte mit ihrem Stuhl näher an den Holztisch. Sie hatte beim Erzählen das Essen vergessen. Es lag noch auf dem Teller. Die Nacht war hereingebrochen. Die Kälte kroch von draußen durch die Türritzen ins Adobe-Haus. Emiliana saß in einer Ecke des Hauses und briet Tortillas auf der Steinplatte über dem Holzofen. Paulina hatte gerade Eladio zu Bett gebracht, als die älteren Kinder unbedingt noch weiter zuhören wollten. Narcisa wickelte einen noch warmen Tamal aus den Maisblättern und zerteilte ihn.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Elfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Ein lauer Wind fachte ein Feuer an, das in einer sternenklaren Nacht auf einem zentralen Platz brannte. Der Mond warf ein fahles Licht auf Cecilia. Sie hockte neben dem Feuer auf dem Boden. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken an einen Holzpfahl gebunden. Grillen zirpten. Es roch nach verbrannter Holzkohle. Cecilias Handgelenke rieben sich am spröden Seil wund, mit dem sie gefesselt war. Sie beobachtete die züngelnden Flammen und sprühenden Funken.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie als Kind mit ihrer Familie von zu Hause geflohen war. Eine riesige Aschewolke stieg aus dem Krater des Vulkans hinter den Bergen auf. Zwischen den Berghängen lag im Ascheregen das Dorf, in dem Cecilia aufgewachsen war. Im Durcheinander der Flucht hatte sie ihre Eltern und Geschwister verloren. Die Hitze brannte auf ihrer Haut. Barfuß lief sie entlang eines baumbestandenen schroffen Berghangs über aschebedeckte felsige Wege ins Tal. Auf einmal glitt sie auf dem Fels aus, stürzte und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Blut floss über ihren Fuß und vermischte sich mit Erde.

Auf der anderen Seite des Platzes stiegen die Stufen einer Steintreppe steil zum Himmel hinauf. Über dem oberen Absatz überragte auf einer Plattform ein Dachkamm das Kraggewölbe. Darunter befand sich ein Durchlass in der Mauer des Tempelgebäudes. Cecilia spürte einen Windstoß. Das Seil schnitt in ihre Handgelenke. Sie bewegte ihre Hände und klammen Finger. Dann lehnte sie ihren Hinterkopf an den Pfahl und las den aufsteigenden Rauch.

(c) valentino 2017

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Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Dritter Teil

valentino

Iximché

Illustration: Valentino

Im Tageslicht wirkte die Stadt trotz des regen Verkehrs weniger hektisch als am Vorabend. Mit dem Fahrrad erreichte ich über einige Steigungen Antigua, die einstige Landeshauptstadt, die ein Erdbeben 1773 fast vollständig zerstört hatte. Der beschauliche Ort mit Kirchenruinen und dem farbenfrohen Markt lag am Fuß des „Volcán de Agua“. Aufgrund des milden Klimas beschloss ich zu bleiben und bezog ein Zimmer in der Herberge „La Quinta“.

Auf Antiguas Busbahnhof rangierten tags darauf bunt bemalte, klapprige Busse, über deren Frontscheiben in farbigen Lettern Zielorte wie „Panajachel“ oder „Río Dulce“ standen. Ich blickte zurück über die Alameda de Santa Lucía und konnte den Vulkan am anderen Ende der Straße sehen. Mein Weg führte durch Dörfer mit Hütten am Straßenrand, die einen Kontrast zu Antiguas Kolonialbauten bildeten. Nach einem Anstieg passierte ich eine umzäunte Halde, auf der Müll brannte und zwischen aufsteigendem Rauch Hunde streunten und Geier herumlungerten. Hinter Chimaltenango ging es durch bewaldetes Vorgebirge.

Nachmittags kehrte ich in Tecpán in einem Hotel ein. Vorbei an Kohl- und Maisfeldern fuhr ich zu der Maya-Kultstätte Iximché. Eine runde Steinplattform auf einem Platz diente einst als Opferaltar: Priesterfürsten schnitten dort mit Obsidianklingen ihren Gefangenen die Herzen heraus. Zurück im Hotel duschte ich und ging mit etwas Fieber früh zu Bett. Mitten in der Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Am Vorabend hatte ich mein Fahrrad am Tresen der Rezeption stehen gelassen. Ich lief die Treppe hinunter, um nachzusehen. Als ich im Untergeschoss ankam, leuchtete mir der Hotelier mit seiner Taschenlampe entgegen. Mein Rad stand noch an derselben Stelle. Nach kurzem Wortwechsel ging ich wieder auf mein Zimmer.

(c) valentino 2016

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