Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin (Rezension)

Edgar Barowski

Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin

Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin

In der Apotheke bekäme man für 15 Euro etwa ein halbes Gramm Morphin, dosiert in Retardtabletten zu 100 Milligramm. Beim Brot & Kunst Verlag bekommt man für denselben Betrag das 167 Seiten starke Träume aus Morphin von Alexander M. Neumann. Natürlich rezeptfrei und ohne Packungsbeilage, aber erstaunlicherweise auch ganz ohne einordnenden Klappentext. Denn nach einer Anleitung sucht man zunächst händeringend, wenn man dieses morbide Bündel aufschlägt und von schwarzen Seiten empfangen wird. Zu schwer schluckbar sind die eröffnenden Sätze, zu groß die Unsicherheiten darüber, worauf man sich hier einlässt: Ist Träume aus Morphin eine Sammlung von Kurzgeschichten, ein fragmentarischer Roman oder ein Erfahrungsbericht? Am ehesten noch ist es wohl ein wilder Kurzprosacocktail, der nichts ausschließen will.

Man springt umher zwischen düsteren Monologen und verschwommen Szenen, in denen man nach und nach wiederkehrende Charaktere und Schauplätze zu erkennen beginnt: Da gibt es (oder gibt es nicht?) Kid Chronic, den Energydrinkjunkie, eine Anstalt auf dem Berg voller unentdeckter „Talente“ und Dr. Thompson und sein Wartezimmer mit Sexheften. Grund und Richtung der Reise bleiben schlecht greifbar, aber durch alle Verschwommenheit der „Träume“ hindurch sticht die Sprache Neumanns immer wieder wie eine Nadel. Offensichtlich Surreales steht so klar und unaufgeregt formuliert neben denkbar Realem, dass man auch solche Sätze vorbehaltlos annimmt:

„Auf Station 12 hustet sich jemand die Seele aus dem Leib. Die Seele klatscht auf den Linoleumboden und kriecht mit letzter Kraft ans Ende des Flures, um dort zu sterben.“

Ja, hat man als Leser einmal akzeptiert, dass Träume aus Morphin nicht nur inhaltlich eine Menge mit Drogen zu tun hat, sondern auch in seiner Form einem „Trip“ gleicht, dann ist es leicht, sich im Schwarz der Seiten einfach treiben zu lassen. Was sich einstellt, ist eine gewisse Dankbarkeit, so tief in den Keller einer Psyche absteigen zu dürfen, ohne einen Einstich am Arm davonzutragen.

(c) Edgar Barowski 2017

Alexander M. Neumann: Träume aus Morphin. Mit einer Umschlagsillustration von Nina Bussjäger. Brot & Kunst Verlag, Neustadt/Weinstraße 2017, 167 S.

Link zum Buch auf www.brotundkunst.com

Diese Rezension wurde ursprünglich veröffentlicht unter Edgar-Barowski-rezensiert-Träume-aus-Morphin. Die Wiederveröffentlichung auf vnicornis erfolgt mit Genehmigung des Verlegers Florian Arleth.

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Von den Tafelbergen bis zu den Totempfählen – Peter Baumann und Martin Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Buchrezension)

valentino

Die traditionell angewandte Kunst der Ureinwohner Amerikas bleibt beim Übergang in die Moderne stets in ihrer Kultur verwurzelt. Ihre Bedeutung verändert sich jedoch im Kontext ihrer Verwendung, was sich auch in der kunstvollen Gestaltung der Gebrauchsgegenstände widerspiegelt. Beim Zusammentreffen und Austausch mit europäischen Kunstformen hat sie sich zudem weiterentwickelt. Allen Künstlern gemein ist, dass sie trotz ihrer Zugehörigkeit zu heterogenen Gruppen wie unter anderen der Apache, der Dakota oder der Haida, über die Reanimierung ihrer eigenen Kultur hinaus identitätsstiftend wirken. Dafür finden Peter Baumann und Martin Schliessler in ihrem Buch „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ zahlreiche Beispiele.

„Als Völker aber sind sie so voneinander unterschieden wie etwa die Norweger von den Italienern. (…) Jeder Stamm mußte also auf eigene bescheidene Weise das Rad neu erfinden. Das College führt nun die Kinder aus den verschiedenen Stämmen erstmals zusammen, und sie stellen zum erstenmal [sic] fest, daß sie die gleichen Wünsche und Sorgen haben. Sie empfinden so etwas wie Gemeinschaftsgeist.“ (112)

Dabei wirkt der Kontakt zu den Europäern sowohl störend als auch inspirierend. Als Beispiel für Letzteres sei Karl Bodmer erwähnt. Der Mandan-Häuptling Mato-tope malt 1834 unter seiner Anleitung mit Wasserfarben auf Papier die vermutlich älteste bekannte indianische Malerei mit Materialien eines Weißen. Vier Jahrzehnte später beginnt die indianische Kunstmalerei in den Schulen, Forts und Gefängnissen der Weißen – den ersten aufständischen Künstlerkolonien.

In Anadarko, Oklahoma, fördert Susan Ryan Peters die sogenannten fünf Kiowa. Mitunter setzen sie im Meskalin-Rausch, der den Sehnerv beeinflusst, ihre Visionen in Bilder um. Der Hopi-Künstler Dan Namingha wiederum lässt sich von Kachina-Puppen inspirieren, die Ahnengeister der Pueblos darstellen und als Mittler zwischen den Welten gelten.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Hopi)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Hopi)

Das Buch ist nach Regionen in drei Teile gegliedert. Im ersten stellt Baumann neben dem bereits erwähnten Namingha exemplarisch weitere Künstler des Südwestens vor, darunter T. C. Cannon, Fritz Scholder und den Navajo R. C. Gorman, zu dessen Vorbildern die Mexikaner Siqueiros, Rivera, Orozco und Zúñiga gehören. Oscar Howe und Allan Houser gehen aus einer rein dekorativen Malschule hervor, von der sie sich jedoch später abwenden und eigene Wege gehen. Während die Malerin Jaune Quick-to-See Smith Felszeichnungen der Anasazi im Canyon de Chelly in ihr Werk aufnimmt, belebt Randy Lee White die piktografische Sprache wider.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Comanche-Kiowa & Kiowa)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Comanche-Kiowa & Kiowa)

Im zweiten und dritten Teil setzt sich Schliessler mit der Kunst der Nordwestküste und der Inuit (Eskimo) auseinander und führt jeweils exemplarisch die Bildhauer Bill Reid für erstere und Kania für letztere an. Das gebundene Buch enthält zahlreiche Fotos, insbesondere Abbildungen der Kunstwerke.

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Inuit)

Baumann, Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes (Inuit)

Ich habe „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ neulich beim Stöbern in meinen Bücherregalen wiederentdeckt. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, anstelle der Vielzahl von vorgestellten Künstlern einige wenige Künstler-Monografien zu schreiben, weil so doch manches an der Oberfläche bleibt. Trotzdem ist das Buch überaus informativ, und wer wie ich schon immer von nebligen, mit Totempfählen bestandenen, Geisterwäldern der Nordwestküste oder von Tafelbergen und Felsschluchten des Südwestens geträumt hat, kommt bei der Lektüre voll auf seine Kosten.

Besonders beeindruckend fand ich Schliesslers Schilderung der Landschaft der Nordwestküste, die er teils mit dem Helikopter bereist hat. Mitte der 80er-Jahre kehrt der Autor für Filmaufnahmen nach dreißig Jahren zurück an einen Ort auf Baffin Island und bemerkt dort während der Teilnahme an einem Walfest der Eskimo den Umbruch in der traditionellen Inuit-Gesellschaft.

Die Autoren weisen zahlreiche Werke vor. Schliessler wirkte an Dokumentarfilmen mit. Baumann veröffentlichte als Journalist Sachbücher und Romane. Mit ihrem Buch „Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes“ wollen sie, so schreiben sie einleitend, eine Bestandsaufnahme der indianischen Kunst Amerikas machen. Dafür haben sie jahrelang recherchiert und die Orte bereist. Ob sie dieses ambitionierte Vorhaben erreicht haben, wage ich zu bezweifeln. Dennoch vermittelt das Buch einen bemerkenswerten Einblick in die indianische Kunst und vermittelt auf diese Weise einen Eindruck von der untergegangenen indianischen Welt, in der alles beseelt war.

(c) valentino 2018

Peter Baumann; Martin Schliessler: Amerikas indianische Seele. Die Bilderwelt des Roten Mannes, ECON, Düsseldorf, Wien, New York 1987, 280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

God Loves the Fighter – Karibische Träume (Filmrezension)

God Loves the Fighter

Von Volker Schönenberger, der unseren Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ führt.

Drama // Wird in Port of Spain tatsächlich alle 17 Stunden ein Mensch ermordet? Jedenfalls behauptet das der Rückseitentext des Films über die Hauptstadt des karibischen Inselstaats Trinidad und Tobago. Einer ihrer Bürger, Damian Marcano, nahm sich einfach vor, seine Heimatstadt mit einem Spielfilm zu porträtieren. Zuvor hatte er lediglich einen Kurzfilm gedreht.

Kindheit in Armut

Der Filmemacher hat sich für seine Geschichte den Stadtstreicher King Curtis (Lou Lyons) ausgesucht, der durch die Straßen von Port of Spain streift und dabei von kleinen und großen Schicksalen erzählt – zum Teil als Stimme aus dem Off. Da ist die Prostituierte Dinah (Jamie Lee Phillips), die sich wegen ihres Jobs unwürdig fühlt. Wir lernen Charlie (Muhammad Muwakil) kennen, der sich nach einem Leben jenseits der Kleinkriminalität sehnt. Der Knirps Chicken (Zion Henry) kann nicht zur Schule, weil seine Mutter (Penelope Spencer) kein Geld für die Busfahrkarte hat. Sie alle und andere träumen davon, aus der Armut auszubrechen – mal mit legalen, mal mit illegalen Mitteln. Einige von ihnen ahnen jedoch, dass daraus nichts werden wird.

Charlie (l.) will raus aus dem Elend

Damian Marcano will der Welt keine pittoresken Bilder des vermeintlichen Karibikparadieses Trinidad und Tobago zeigen, er präsentiert uns die Schattenseiten der Hauptstadt. „God Loves the Fighter“ könnte so für Port of Spain das sein, was seinerzeit „The Harder They Come“ mit Jimmy Cliff für Jamaikas Hauptstadt Kingston war – ein düsteres Abbild von Armut und Kriminalität. Die Hoffnung lässt Marcano allerdings nicht fahren. King Curtis behält bei seinen poetischen, gereimten Erzählungen stets ein fröhliches Timbre in der Stimme. In Verbindung mit den kräftigen Farben ergibt das einen reizvollen Kontrast zur Trübnis des Geschehens. „God Loves the Fighter“ beschert den Filmguckern einen mal faszinierenden, mal verstörenden, aber immer authentischen Blick in eine fremde Welt. Damian Marcano hat es verdient, weitere Spielfilme zu drehen. Bleibt zu hoffen, dass er mal wieder die Chance dazu erhält.

Auch die Prostituierte Dinah träumt von einem besseren Leben

Veröffentlichung: 31. Dezember 2016 als Blu-ray, 2. November 2015 als limitierte Blu-ray (inklusive Soundtrack-CD), 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: God Loves the Fighter
TTO 2013
Regie: Damian Marcano
Drehbuch: Damian Marcano, Alexa Marcano
Besetzung: Muhammad Muwakil, Jamie Lee Phillips, Darren Cheewah, Zion Henry, Simon Junior John, Lou Lyons, Tyker Phillips, Penelope Spencer, Abdi Waithe
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, nur limitierte Blu-ray: Soundtrack-CD, Schuber
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2015 Mad Dimension

„Und ihr könntet doch Menschen sein …“ – Volker Weidermann: Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen (Buchrezension)

valentino

In seinem neuen Buch schildert Volker Weidermann die kurze, aber intensive Zeit der Münchener Räterepublik. Eine Gruppe von Dichtern nutzt die Gunst der Stunde, um die Macht zu ergreifen. Doch sie scheitern an der harten Wirklichkeit. Ihre humanistischen und pazifistischen Ideale bleiben.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs erfasst eine Revolution Deutschland. In München ruft der Anführer einer Massendemonstration Kurt Eisner in der Nacht zum 8. November 1918 den Freistaat Bayern aus. Die Zeit ist reif für einen Neuanfang: Organe der Selbstverwaltung werden gebildet, bewaffnete Arbeiter und Soldaten besetzen Ministerien, der bayerische König Ludwig III dankt ab.

Eisner will ein Kriegs-Schuldbekenntnis Deutschlands sowie weitgehende Zugeständnisse an die siegreichen Alliierten. Es soll eine Verbindung aus parlamentarischer und Rätedemokratie eingerichtet werden. Die Landtagswahl wird für den 12. Januar 1919 angesetzt. Allerdings hat Eisner nach der Machtergreifung Feinde in zahlreichen Lagern: Neben Anhängern der Monarchie, Rechten, Antisemiten und Nationalisten auch Antidemokraten, gemäßigte und radikale Linke, Anarchisten und Kommunisten.

Kurz vor der Wahl gibt es unterschiedliche Ansichten zur Vorgehensweise. Eisner lässt seinen Mitstreiter Erich Mühsam verhaften. Es kommt zum Bruch innerhalb der Linken. Daraufhin verliert Eisner die Wahl. Als er auf der konstituierenden Sitzung des Landtags am 21. Februar seinen Rücktritt erklären will, erschießt ihn auf dem Weg dorthin Anton von Arco-Valley mit einem Revolver. Der junge Graf will durch den Mord seine Zugehörigkeit zur antisemitischen Thule-Gesellschaft beweisen, nachdem diese ihn zuvor wegen seiner jüdischen Mutter abgelehnt hatte (94f., 238).

In der Folge des Attentats gibt es Tumulte im Landtag, bei denen Eisners Gegenspieler Erhard Auer durch Schüsse verwundet wird. Offenbar hielt der Schütze ihn für den Drahtzieher des Eisner-Attentats. Eisner wird durch seinen Tod zur Symbolfigur der bayerischen Novemberrevolution. Thomas Manns Sohn Klaus schreibt über ihn ein Theaterstück.

Sowohl Räte als auch Parlament bestehen nach Eisners Tod fort. Allerdings entsteht ein Machtvakuum. Die Zustände sind anarchisch. Während die parlamentarischen Abgeordneten in Bamberg und Nürnberg über eine Regierungsbildung verhandeln, sind die Räte in München erste orientierungsstiftende Institutionen. Jedoch gibt es weiterhin Meinungsverschiedenheiten unter den Revolutionären. Weil Ernst Toller strikt gegen Gewalt ist, fragt Max Levien polemisch, wie man einen Eierkuchen machen könne, ohne Eier zu zerschlagen (144).

Am 7. April 1919 ruft Gustav Landauer die Bayerische Räterepublik mit Toller als Regierungschef aus. Bereits eine Woche später wird gegen diese geputscht und es kommt zu blutigen Straßenkämpfen. Angesichts der Bedrohung sind Tollers pazifistische Ideale wertlos. Die Rotgardisten nehmen das Heft in die Hand und wehren unter dem Kommando Rudolf Egelhofers die Angriffe zunächst ab, unterliegen jedoch schließlich den von Truppen der Reichsregierung verstärkten Freikorpsverbänden.

In der Folge der blutigen Niederschlagung der Räterepublik wandelt sich Bayern während der Weimarer Republik zur reaktionären Ordnungszelle und bietet somit einen geeigneten Nährboden für den aufkeimenden Nationalsozialismus.

In Ernst Tollers Theaterstück „Die Wandlung“ heißt es:

„Und ihr könntet doch Menschen sein, wenn ihr den Glauben an euch und den Menschen hättet, wenn ihr Erfüllte wäret im Geist.“ (145)

Thomas Mann, der in dieser Zeit mit seiner Familie in München lebt, nimmt eine eher zwiespältige Rolle ein.

„Thomas Mann hatte in den letzten Tagen so etwas wie einen Mantel aus zeitentrückter Magie um sich gehüllt. Seine Idyllen-Stimmung. All das, der Pöbel, die Demokratie, der Krieg, die Niederlage, all das sollte ihn nichts angehen.“ (47)

Nachdem er anfänglich mit den Ideen der Revolutionäre sympathisiert (143), fordert er schon bald deren Köpfe (203) und sein Antisemitismus tritt offen zutage (260f.). Dazu passen auch der Bericht über eine peinliche Bruderschaft zu Hitler (227) und die Besuche des ultranationalistischen, feinnervigen Komponisten Hans Pfitzner (41).

Weidermann sieht in der Figur des Hans Castorp aus dem „Zauberberg“ das Exempel eines Träumers: „Ein taumelnder Held zwischen den Mächten seiner Zeit“ (226). Ähnlich wie Mann selbst sei er für alles empfänglich und wandele auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Ich bin noch nicht an Thomas Mann herangekommen, obwohl ich seine Themen durchaus reizvoll finde. Seine aus meiner Sicht gestelzte Sprache hat mich bisher immer abgestoßen. Ich weiß noch nicht, ob sich meine Einstellung nach Weidermanns Lektüre wirklich geändert hat. Vielleicht starte ich ja nochmal einen Anlauf.

Aufgrund des dankbaren Stoffs mit sich überschlagenden Ereignissen und tragischen Helden, die schließlich an ihren humanistischen Idealen scheitern, kommt die Erzählung – eine gelungene Mischung aus Thriller und Tragikomödie mit dem Fokus auf München vor hundert Jahren – ohne fiktive Elemente aus. Anstelle der Auktorialen nimmt der Leser die Perspektiven der historischen Protagonisten ein. Wie in einem Prisma brechen sich die verschiedenen Blickwinkel auf die Ereignisse, die in einer verdichteten Form zugleich nuanciert und reduziert dargestellt sind. Auf diese Weise entsteht ein virtuoses, vielstimmiges Gebilde der Zeit, in der die Stimmung zwischen Euphorie und Ernüchterung schwankt.

Neben Rainer Maria Rilke und Oskar Maria Graf taucht auch Gusto Gräser auf. Unter seinem Pseudonym Emil Sinclair dient der „Apostel“ Gräser dem damals bereits namhaften Hermann Hesse als Vorlage für die Figur des Predigers Max Demian (186ff.). Hesse nimmt an der Revolution nicht teil, stattdessen geht er zum Schreiben in die Einsamkeit Tessins (190).

Und dann gibt es noch Ret Marut (178ff.), besser bekannt als B. Traven. Als Herausgeber der Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ und Mitglied des Zentralrats (250) kann er nach der Niederschlagung der Münchener Räteregierung – Gerüchte über Gräueltaten wie dem sogenannten „Geiselmord“ der Revolutionäre heizen einen erbarmungslosen Rachefeldzug gegen ihre Protagonisten und Anhänger an – nur mit viel Glück entkommen.

Herzlichen Dank an den Verlag Kiepenheuer & Witsch für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

(c) valentino 2018

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 288 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Welcome to Norway – Reibach mit Flüchtlingen (Filmrezension)

Welcome to Norway!

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // „Die Neger kommen in ’ner halben Stunde.“ Politisch korrekt äußert sich Primus (Anders Baasmo Christiansen) nicht gerade. Sein Hotel im Norden Norwegens hat er heruntergewirtschaftet, hofft nun auf Reibach vom Staat, indem er es für Flüchtlinge als Bleibe herrichtet. Obwohl er fürchtet, dass es eine „ziemliche Plackerei mit denen“ wird, denn was auf ihn zukommt, ahnt er bereits: „Haschisch, Vergewaltigungen, Terror und Betrug.“ Von seinen kommenden Schützlingen hält er offenbar nicht viel.

Die Familie in gebannter Erwartung der Neuankömmlinge

Die Probleme beginnen schon bei der Zimmerverteilung: Muslime müssen von Christen getrennt werden, Schiiten von Sunniten. Die Sprachbarriere erweist sich als weiteres Hindernis: So gut wie niemand spricht Englisch oder gar Norwegisch. Einzig der Schwarze Abedi (Olivier Mukuta) beherrscht beide Sprachen – und das sogar vorzüglich. Er ist schon eine ganze Weile im Land und erweist sich für Primus bald als unverzichtbar. Das ist auch dringend erforderlich, denn die Ausländerbehörde hat an seinem Hotel einiges zu kritisieren und stellt immer neue Anforderungen, er möge hier einen Mangel abstellen und da einen Defekt beheben. Nach und nach lehnen sich obendrein die Asylbewerber gegen den etwas diktatorisch auftretenden Primus auf. Auch fremdenfeindliche Norweger treten auf den Plan. Mit seiner Frau Hanni (Henriette Steenstrup) und seiner Tochter Oda (Nini Bakke Kristiansen) hat der selbsternannte Flüchtlingsbeauftragte ebenfalls seine liebe Not.

„Willkommen bei den Hartmanns“ auf Norwegisch

„Welcome to Norway“ kam im Herbst 2016 drei Wochen vor der überraschend erfolgreichen deutschen Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ in unsere Kinos, erregte aber weitaus weniger Aufsehen. Das ist bedauerlich, visiert der dritte Langfilm des norwegischen Regisseurs Rune Denstad Langlo („Nord“, „Chasing the Wind“) doch gekonnt viele Eigentümlichkeiten der Flüchtlingsdebatte an. Latente bis akute Fremdenfeindlichkeit bekommen ebenso ihr Fett weg wie materialistisches Anspruchsdenken. Auch Behördenwillkür und bürokratische Hemmnisse nimmt Langlo aufs Korn. Das kann man plump inszenieren – oder feinfühlig und berührend wie in diesem Fall.

Primus und seine Frau Hanni lernen völlig neue Seiten am Ehepartner kennen

Als besonders gelungen erweist sich die Entscheidung, den Hauptdarsteller eher als Unsympathen zu inszenieren. So schroff das Geschehen im Allgemeinen und Primus im Besonderen zu Beginn auch wirken, verströmt „Welcome to Norway“ bei all dem lakonischen und bisweilen etwas bissigen Humor im weiteren Verlauf doch mehr und mehr Warmherzigkeit. Wir lernen Menschen mit Fehlern kennen, die doch dazulernen können. Viele Statistenrollen wurden mit echten Flüchtlingen aus Krisengebieten besetzt. Die wichtige Rolle des Adebi wurde ebenfalls authentisch besetzt, wie der Regisseur im Presseheft von „Welcome to Norway“ berichtet: Olivier Mukuta stammt aus dem Kongo und hat lange in einem Flüchtlingscamp in Malawi gelebt, bevor er um 2005 herum nach Norwegen kam.

Von den Ereignissen eingeholt

„Jetzt ist der Film fertig. Es ist Januar 2016 und die Realität erscheint noch trostloser. Aber gerade wenn alles hoffnungslos und schrecklich erscheint, muss es erlaubt sein zu lachen – über sich, über andere und übereinander.“ So schreibt es Rune Denstad Langlo im Presseheft zum Film. Wie recht er damit hat, belegt der von den Ereignissen überholte „Welcome to Norway“. Ein Film, der vermutlich noch eine ganze Weile brandaktuell bleiben wird.

Abedi (l.) erweist sich als unverzichtbare Hilfe

Veröffentlichung: 7. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Norwegisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Welcome to Norway!
NOR 2016
Regie: Rune Denstad Langlo
Drehbuch: Rune Denstad Langlo
Besetzung: Anders Baasmo Christiansen, Olivier Mukuta, Slimane Dazi, Kristoffer Hjulstad, Jon vegard Hovdal, Henriette Steenstrup, Nini Bakke Kristiansen, Brigitte Larsen, Marianne Meløy, Renate Reinsve, Frode Saugestad
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Indigo / good!movies

Der die Zeichen liest – Der gläubige Teenager (Filmrezension)

(M)uchenik

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Matthias Holm.

Drama // Der junge Benjamin (Pyotr Skvortsov) weigert sich, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Der Grund dafür liegt allerdings nicht in pubertärer Scham – Benjamin ist zum Christentum konvertiert und hält das Tragen knapper Kleidung für Gotteslästerung. Doch nicht nur in der Hinsicht sieht Benjamin Ansätze zur Verbesserung – stetig aus der Bibel zitierend, stellt er nach und nach die gesamte Schule auf den Kopf und driftet immer weiter in den religiösen Fanatismus.

Zucht und Ordnung durch Religion

Regisseur Kirill Serebrennikov verlagert das Theaterstück des deutschen Dramaturgen Marius von Nayenburg nach Russland – ein interessanter Punkt, ist Russland doch das Land der orthodoxen Christen. Bevor aber Benjamin mit seinen wütenden Tiraden beginnt, sieht man davon wenig – die Teenager stellen ihre Leiber zur Schau, alles ist wild, chaotisch und stark sexualisiert. Erst durch Benjamins Einsatz kommt Ordnung in den Unterricht und beim Schwimmen werden Bikinis durch Schwimmanzüge ersetzt. Durch seinen Aktionismus erhält Benjamin Aufmerksamkeit, er wird von den anderen Schülern bemerkt, wo noch zuvor gesagt wurde, dass ihn niemand bemerkt. Dadurch angestachelt, weiten sich seine religiösen Bemühungen aus – schließlich ist er nur ein Kind, welches nach Aufmerksamkeit lechzt.

Der Gegenpol zu Benjamins religiöser Obsession ist die Biologielehrerin Elena Krasnova (Viktoria Isakova), die versucht, ihre Schüler zu weltoffenen, aufgeklärten Menschen zu erziehen. Diese beiden Figuren reiben sich während des Films aneinander auf, wobei die Lehrerin meist den Kürzeren zieht – man solle Verständnis haben für den rebellierenden Teenager, man könne die Evolutionstheorie nicht mit der Bibel in Einklang bringen. In allen Szenen, in denen die angeblich liberale Schulleiterin Lyudmila Stukalina (Svetlana Bragarnik) auftaucht, scheint Benjamin mit seiner Weltsicht zu gewinnen.

Je weiter der Film fortschreitet, umso schlimmer wird der Fanatismus. Benjamin ist kein Protagonist, dem man gern folgt. Er zitiert nur aus der Bibel, was seine Agenda unterstützt. Als er in einer der stärksten Szenen des Films mit Versen konfrontiert wird, die seinen Ansichten konträr gegenüber stehen, kann er sich nur noch mit Lügen aus dieser Misere herauswinden.

Beängstigend real

Getragen wird das Drama von den Schauspielern und der Inszenierung. Gerade Pytor Skvortsov und Viktoria Isakova spielen derart glaubwürdig, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Und auch wenn die Geschichte abstruse Züge annimmt – Benjamin hält sich für eine Art Jesus-gleichen Heiler –, man hat immer das Gefühl, ein realistisches Szenario zu sehen.

Man darf „Der die Zeichen liest“ aber nicht als plumpe Religionskritik abstempeln. Der Film spricht sich für einen aufgeklärten Umgang mit der Bibel aus, ermutigt dazu, Vergleiche zu ziehen. Und er warnt vor blindem, andere verletzenden Aktionismus. In einer Zeit, in der Wutbürger und „Das wird man ja noch sagen dürfen“-Schreier durch die Straßen ziehen, ist „Der die Zeichen liest“ ein mutiger, unbequemer und wichtiger Film.

Veröffentlichung: 10. November 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: (M)uchenik
Internationaler Titel: The Student
RUS 2016
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, nach einem Theaterstück von Marius von Mayenburg
Besetzung: Pyotr Skvortsov, Viktoriya Isakova, Yuliya Aug, Aleksandr Gorchilin, Aleksandra Revenko, Anton Vasilev, Svetlana Bragarnik
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Matthias Holm

Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

David Attenborough präsentiert: Könige der Lüfte – Wie Tiere das Fliegen lernten (Filmrezension)

Conquest of the Skies with David Attenborough

Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“.

Natur-Doku // Sir David Attenborough hat in seinem langen Leben schon viele beeindruckende Dokumentationen hervorgebracht. Ganz vorn dabei sind natürlich „Planet Erde“ und „Das Wunder Leben“. Dementsprechend gespannt darf man als Freund der informativen Filme sein, wenn Attenborough wieder etwas Neues herausbringt – und dann noch in 3D, welches sich für Naturaufnahmen wunderbar eignet.

Wer ist fotogener?

Wobei „neu“ relativ ist – „Könige der Lüfte“ wurde bereits 2014 produziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Herangehensweise an den Film interessant bleibt: Der Naturfilmer zeigt Lebewesen, die sich in die Lüfte erheben können. Es wäre einfach, sich hier nur auf Vögel zu konzentrieren, daher werden in vier Folgen, die alle fast eine Stunde dauern, auch Insekten gezeigt und Fossilien ausgestorbener Tierarten analysiert.

Animierte Flugsaurier

Das alles wird von Attenborough routiniert erklärt und gezeigt. Lediglich mit der Computertechnik hapert es: Immer wieder werden animierte Tiere gezeigt. So sollen bestimmte Dinosaurier zum Leben erweckt werden, jedoch fehlt es den Animationen an Glaubhaftigkeit. So wirkt es eher peinlich als beeindruckend, wenn Attenborough in einem Wald steht und vorgibt, einem Flugsaurier hinterherzuglotzen.

Ja, auch solche Käfer können fliegen

Außerdem verunsichern die Effekte den Zuschauer. Gerade im 3D-Modus, in dem die Bilder an Farbintensität und Schärfe gewinnen, ist man sich nicht sicher, ob man nun echte Kameraarbeit bewundert oder nur im Computer entstandene Bilder. Das ist umso bedauerlicher, als ähnliche Produktionen wie „Der magische See – Tale of the Lake” bewiesen haben, dass gerade Naturdokumentationen mit tollen Bildern vom 3D-Effekt profitieren können.

Der Flügelschlag einer Libelle

Regisseur David Lee hat den einen oder anderen netten Einfall, etwa die Darstellung der Luftströme beim Flügelschlag einer Libelle. Doch man hat selten das Gefühl, hier etwas Neues vorgesetzt zu bekommen. Mit dem ausführlichen „Behind the Scenes“ aus dem Bonusmaterial hat man so etwas weniger als fünf Stunden nette Unterhaltung, die aber leider nicht mehr als eben das ist – nett. Dann doch lieber noch einmal „Planet Erde“ schauen.

Auf, auf und davon

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 208 Min.
Altersfreigabe: Infoprogramm gemäß § 14 JuSchG
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conquest of the Skies with David Attenborough
GB 2014
Regie: David Lee
Zusatzmaterial: Behind the Scenes
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Botticelli Inferno – Florentiner Zeichentrip durch die Hölle des Dante Alighieri (Filmrezension)

Botticelli Inferno

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Malerei-Doku // Sandro Botticelli (1445–1510) gehört zu den bedeutendsten Malern der Frührenaissance. In Florenz geboren und gestorben, arbeitete er zwischenzeitlich auch in Rom, malte für den Vatikan Wandgemälde der Sixtinischen Kapelle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Geburt der Venus“ und „Primavera“.

Die „Göttliche Komödie“ auf Pergament

Besonders fasziniert zeigte sich Botticelli von der „Göttlichen Komödie“ des Dante Alighieri (1265–1321). Über ein Jahrzehnt zeichnete er auf Pergament Illustrationen zu Dantes Hauptwerk, dem wichtigsten italienischen Literaturgut. Die Zeichnungen sind mehrheitlich einfarbig, nur einige sind koloriert.

Der Hamburger Filmschaffende Ralph Loop begab sich für sein Langfilm-Regiedebüt auf Spurensuche nach Florenz, Rom, Berlin und anderswo in Europa. Er lässt Stadtführer und Kunsthistoriker zu Wort kommen und Kuratorinnen den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre Ansichten über Botticelli und seine Kunst vermitteln. Der Sprecher zitiert auch Botticelli selbst und kurze Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“.

Der Höllentrichter

In der Doku erfahren wir, dass das Berliner Kupferstichkabinett 85 Zeichnungen verwahrt. Weitere sieben befinden sich in der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Somit gelten von ursprünglich wohl 102 Pergamenten dieses bedeutenden Zyklus zehn Blätter als verschollen. Eine der im Vatikan befindlichen Zeichnungen wurde für „Botticelli Inferno“ eigens aus der Klimakammer geholt und mit modernen technischen Methoden untersucht: die „Mappa dell‘ Inferno“, die „Karte der Hölle“, im Deutschen aufgrund ihrer Form auch „Höllentrichter“ genannt. Das Blatt war vermutlich als Titelblatt von Botticellis Zyklus über die „Göttliche Komödie“ vorgesehen. Das Gesamtwerk war über Jahrhunderte verschollen. 1882 gelangte es von Schottland nach Berlin – ein hoch spannender Weg war vorerst zu Ende gegangen.

Nach seiner Weltpremiere am 27. Oktober 2016 erhielt „Botticelli Inferno“ in Italien sogar eine Kinoauswertung. Der Zeitpunkt war gut gewählt, das Interesse am Thema aufgrund der kurz zuvor im Kino gestarteten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ mit Tom Hanks vorhanden.

Bildende Kunst und Dokumentationen über Kunst gehören gleichermaßen nicht zu meinem Fachgebiet. Wenn ich mich als interessierten Laien bezeichne, ist das fast schon etwas hoch gegriffen. Dennoch hat mich „Botticelli Inferno“ fasziniert. Der Enthusiasmus der zu Wort kommenden Kunstexperten überträgt sich vom Bildschirm auf die Zuschauer, die interessante Einblicke in die Historie eines bedeutenden Kunstwerks erhalten. Wir erfahren einiges über Botticelli und seine Arbeit über Dantes „Göttliche Komödie“, die zum Mythos wurde. Die Doku mag kein großer Beitrag für die Kunstwissenschaft sein, wissbegierige Nicht-Fachleute kommen aber voll auf ihre Kosten. Botticelli war ein großer Künstler, „Botticelli Inferno“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, durchaus auf Kinoniveau.

Veröffentlichung: 19. Mai 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Botticelli Inferno
D 2016
Regie: Ralph Loop
Drehbuch: Ralph Loop
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot & Trailer: © 2016 good!movies / Neue Visionen Medien

Brief aus Speyer

valentino

Was wird in tausend Jahren von uns übrig geblieben sein? Nicht viel, wie ich meine: Digitale Datenträger werden weitgehend unbrauchbar, Papier wird zu Staub zerfallen sein. Bis auf wenige Ausnahmen verschwanden auch die Codices, Faltbücher aus Rindenpapier, der mesoamerikanischen Maya – zur Zeit der Konquistadoren ließ der Franziskaner Diego de Landa sie verbrennen, weil sie in seinen Augen heidnisch waren.

Heute ist die Schrift der Maya größtenteils wieder entziffert. Die Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zeigt unter anderem Fragmente von Maya-Inschriften auf Stelen, Türstürzen und Wandtafeln aus ihrer Blütezeit, der sogenannten späten Klassik circa von 600 bis 900 nach Christus. Aus dieser Zeit hinterließen die Maya der Nachwelt auch monumentale Steinbauten.

Vor einer grauen Wand ragen am Horizont verschieden gestaltete Betonklötze in den Himmel. Ich schaue an einem Aprilvormittag aus dem Busfenster. Felder, Strommasten und Bahngleise rauschen vorbei. Hinter Hildesheim wird die Landschaft interessanter: baumbestandene Hügel, zwischen denen hier und da weiße Kästchen mit roten Mützen kleben. Manchmal stehen Höfe, Scheunen und Hochsitze an den Wegesrändern. Ankunft abends in Speyer.

Am nächsten Morgen entdecke ich im Kulturhof Flachsgasse die Winkeldruckerey, eine Werkstatt mit interessanten druckgrafischen Arbeiten: Unter anderem gibt es eine Grafik mit dem Titel „Die Rheintöchter“. Die Konturen der Töchter entdecke ich erst auf den zweiten Blick. Sie durchscheinen malerische Pflanzenelemente auf der Wasseroberfläche. Danach besuche ich den im romanischen Stil aus Sandsteinquadern errichteten Dom.

Speyerer Dom / Foto: Valentino

Nach Überquerung des Domplatzes betrete ich die Ausstellungsräume des Museums und tauche in den Lebensraum der Maya ein: Ein mit Rock und Lendenschurz bekleideter Mann imitiert vor einer Regenwald-Kulisse die Lauerstellung einer Wildkatze auf der Pirsch. Die überlebensgroße Skulptur besitzt die Merkmale eines Jaguars: die typische Form der Ohren sowie die Nasen- und Mundpartie der Maske mit Fangzähnen. Das faszinierende Objekt aus der Frühklassik stellt auf geheimnisvolle Weise die Verschmelzung des Menschen mit seiner Umwelt dar.

Skulptur eines Mannes mit Jaguargott-Maske / Foto: Valentino

Detail eines Stelenfragments, das einen Königskopf als gefiederte Schlange darstellt / Foto: Valentino

Die Schreiber der Maya verwendeten Muscheln als Tintenfässchen. Sie sind in Glasvitrinen der nächsten Station zu bewundern. Ein ausgeklügelter Kalender bestimmte den Lebensrhythmus der Maya. Davon zeugt der Dresdner Codex, eine der drei erhaltenen Handschriften. Die Ausstellung zeigt eine Kopie desselben.

Danach wird es konkret: Am Beispiel des südyukatekischen Uxul rekonstruiert ein Film das Alltagsleben seiner Bewohner, bevor sie die Stadt circa 700 nach Christus verließen. Eine Karte auf dem Boden lädt per Tablet zu einem interaktiven Rundgang durch die digital rekonstruierte Stadt ein.

Als Grabbeigabe entdeckte, einzigartige kleine Keramikfiguren zeigen einen königlichen Hofstaat der späten Klassik: Neben Königspaar und Dienern bewohnten unter anderem auch Schreiber, Musikanten und Hofzwerge den Palast.

Figurinen boxender Zwerge des „Königlichen Hofstaates“ / Foto: Valentino

Ihre hohe Kunstfertigkeit bewiesen die Maya ebenso bei der Gestaltung von Weihrauchgefäßen.

Weihrauchgefäß im Teotihuacan-Stil: In einer Art Bühne steht eine menschliche Figur, die einen großen Ohr- sowie Halsschmuck und einen T-förmigen Nasenanhänger trägt / Foto: Valentino

Weihrauchgefäß als sitzende Figur mit Pflanzen in den Händen / Foto: Valentino

Auch gibt es zahlreiche kunstvolle Keramikgefäße mit Tierköpfen zu bestaunen sowie ein Trinkgefäß mit der Darstellung des Maisgottes.

Kakaogefäß mit Maisgott, der einen aufwendigen Kopfputz trägt und mit einem Zwerg tanzt / Foto: Valentino

Die Wandmalereien von Bonampak unterstreichen auf eindrucksvolle Weise die rituelle Bedeutung des Tanzes für die Maya. Die Fresken stellen Tänzer und Musiker mit Kürbisrasseln, Trommeln aus Schildkrötenpanzern und Trompeten dar. Aus Tikal, einem der Machtzentren der klassischen Maya, ist sogar ein mit Schnitzereien verzierter hölzerner Türsturz erhalten. Tikal habe ich auf meiner ersten Reise nach Guatemala besucht. Damals war ich ziemlich überwältigt vom Ambiente – die Stadt liegt mitten im Regenwald – und von der Größe. Ich hätte gut und gern zwei Tage dort verbringen können, um den Komplex vollständig zu besichtigen.

So ähnlich ging es mir auch in der Speyerer Ausstellung. Allerdings fand ich die durchgehend weiße Schrift auf dem schwarzem Grund der Wandtexte und die teilweise redundanten Informationen etwas ermüdend. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Besuch in jedem Fall – nicht nur wegen der beeindruckenden Exponate und der spannenden interaktiven Installationen sondern auch, weil sie den Besucher auf den neuesten Forschungsstand bringt. Beim Eintritt erhält man übrigens einen Audioguide, und für Kinder gibt es tolle Mitmachstationen.

Die klassischen Maya waren bereits kurz nach ihrer Blütezeit dem Untergang geweiht. Ständige Kriege, insbesondere zwischen zwei Stadtstaaten im Tiefland, stellten schließlich ein Ungleichgewicht zwischen den Machtzentren her: Die siegreiche Königsstadt vermochte es nicht, die Vasallenstaaten des besiegten Konkurrenten zu übernehmen. Im Zuge eines Prozesses der Balkanisierung in Verbindung mit ökologischen Faktoren wurden die Städte aufgegeben.

Zwar gab es in der Postklassik noch einmal ein Aufblühen der Maya-Kultur im Norden der Halbinsel Yukatan. Allerdings war das Gottkönigtum vorbei und der Einfluss jener Stämme bereits so groß, die aus Zentralmexiko eingedrungen waren, dass es zu einer Vermischung der Stile kam. Eine Stele im letzten Raum zeigt exemplarisch, wie die Maya fremde Einflüsse in ihre Kultur integriert haben. So sieht man auf dem Relief typische Maya-Figuren neben solchen, die keine deformierten Schädel haben, wie es dem Schönheitsideal der Maya entsprach. Auch ist die Stele, anders als es in der Klassik üblich war, in Register unterteilt, und Maya-Schriftzeichen stehen neben mexikanischen Zeichen.

Neben dem herausragenden künstlerischen Schaffen der Maya beleuchtet die Ausstellung auch das Alltagsleben der Menschen. Der Besucher bekommt einen Eindruck davon, wie das Leben in den Städten organisiert war und welcher Aufwand betrieben wurde, um die städtische Bevölkerung mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Darüber hinaus wirft die Ausstellung auch aktuelle Fragen über unser globales Handeln auf. Inwieweit könnte unserer globalen Gesellschaft ein ähnliches Schicksal wie den Maya in ihrem begrenzten Lebensraum durch Raubbau an der Natur, Ausbeutung von Arbeitskräften, Revolten oder Kriege drohen?

Die nächste große kunst- und kulturhistorische Ausstellung widmet das Historische Museum der Pfalz vom 17. September 2017 bis zum 15. April 2018 dem Leben und Wirken des englischen Königs Richard Löwenherz, der ganz in der Nähe auf Burg Trifels gefangen gehalten wurde.

(c) valentino 2017

„MAYA – Das Rätsel der Königsstädte“. Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer 2016/2017.

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Ein Schatz, den man gerne mit sich trägt – Freddy Mork: Verlorene Märchen (Buchrezension)

Wir freuen uns über eine Rezension unserer Gastautorin Katharina Dück, Mitbegründerin des Heidelberger Dichterkreises KAMINA.

Freddy Mork: Verlorene Märchen

Freddy Mork: Verlorene Märchen

Die zauberhaften Welten der Märchen unserer Kindheit tragen wir alle in uns. Wir erinnern uns an sie in Zeiten von Freundschaft und Liebe, von Betrug und Übervorteilung und vielleicht auch in Zeiten von Unerklärlichem; orientieren uns bisweilen sogar am Verhalten unserer Märchenfiguren oder träumen von Prinzen auf weißen Pferden, von ungeheurem Reichtum oder davon, unverhofft zu Glück zu kommen, oder als einfache Person die Welt zu retten und die schöne Prinzessin zu heiraten. Dass wir uns diese Märchen überhaupt zu eigen machen können, liegt schlichtweg zunächst daran, dass es einmal jemanden gab, der es für wichtig hielt, „diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden […]“, so die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in der Vorrede zu ihrer Märchensammlung von 1812. Der Mythos, „den man für verloren gehalten“ (1815, Vorrede zum 2. Band) hatte, sollte erhalten und falls verloren, so gesucht werden.

Von einem solchen wild entschlossenen wie unermüdlichen Sucher namens Julius, der in der Manier von Carrolls Alice im Wunderland durch eine Bodenöffnung hinein ins „Reich der Märchen“ fällt und die verschollenen Märchen finden will, handelt Freddy Morks Verlorene Märchen. Auf seiner Abenteuerreise gesellen sich dem mutigen Julius nach und nach recht ungewöhnliche Gefährten: der schlaue Haule Jiwig, der verunsicherte Wolf Wisp, der sensible Stein Oskar und die aufgeweckte namenlose Fee. Sie unterstützen den Menschenjungen bei seinem nicht ganz ungefährlichen Unternehmen durch die fantastische Welt der Märchen, werden geschrumpft, mit blauer Tinte übergossen, wandeln auf Regenbögen, sie kämpfen gegen Wolkenpiraten und bewähren sich schließlich – dem Geheimnis um die verlorenen Märchen immer näher kommend – als Freunde.

Freddy Mork: Verlorene Märchen (Leseprobe)

Freddy Mork: Verlorene Märchen (Leseprobe)

Als Leser begleitet man dieses Abenteuer, bei dem ein Höhepunkt den anderen jagt, mit nahezu atemlosen Vergnügen. Mit viel fantasiereicher Liebe zum Detail entwirft Mork eine magische Märchenwelt, welche die eigene Vorstellungskraft immer wieder anregt, ja herausfordert wie beispielsweise im Kapitel Ein schüchternes Gespräch – eine der schönsten Passagen im Buch: Die fünf Gefährten überwinden ihre dunkelste Stunde, indem sie sich zum dunkelsten Ort begeben, um mit der Sonne zu sprechen, und passieren die Landschaft der Tausende Seen. Es soll die Dunkelheit durch Dunkelheit überwunden werden, während tausende glitzernde Seen als Indikator der Bewältigung und Vorboten der Sonne vorausgeschickt werden, die schließlich Licht ins Dunkel eines wohl gehüteten Geheimnisses bringt.

Freddy Mork / Foto: Freddy Mork

Freddy Mork / Foto: Freddy Mork

Sehr einfallsreich und höchst geschickt kleidet Freddy Mork sein Buch über die verlorenen Märchen selbst in das Gewand eines Märchens und komponiert dadurch ein eigenes Kunstmärchen, in dem man durchaus auch bekannten Märchen bzw. Märchenfiguren begegnet. Seine Sprache ist dabei wunderbar klar, zugleich sehr lautmalerisch und dadurch lebendig: Man findet hierin noch Wörter wie „knirschen“, „gezetert“, „knarzen“ und „Gemurmel“. So passt Mork auch die Sprache seiner übernatürlichen und wunderbaren Märchenwelt an und bereitet auch auf dieser Ebene unglaubliches Lesevergnügen. Erst nach und nach werden Geheimnisse um die Märchenwelt und ihre Figuren enthüllt, während die Spurensuche nicht selten durch die ebenso eindrucksvolle wie ungewöhnliche Illustration von Dominik Schmitt unterstützt wird. Schmitt versteht es, Morks geheimnisvolle Welt der Verlorenen Märchen abzubilden oder vielmehr so anzudeuten, dass genug Raum für die eigene Vorstellungskraft bleibt, oder auch schon mal übertrifft wie in der grandiosen Zeichnung des Wolkenpiratenschiffs.

In seinen Bann zieht Freddy Morks zauberhaftes Märchen von der ersten Seite an bis hin zur letzten; es bewegt und überrascht, erschrickt und empört, und regt zum Nachdenken an über Themen wie Freundschaft und Mut, Überwindung seiner Schwächen und auch darüber, was eigentlich ein Schatz sei. Schließlich wird das Buch selbst zum Schatz, den man von nun an gerne mit sich trägt. Wenn das mal kein gelungener Fund für die Brüder Grimm gewesen wäre …

(c) Katharina Dück 2017

Freddy Mork: Verlorene Märchen. Illustrationen von Dominik Schmitt. Brot & Kunst Verlag, Neustadt an der Weinstraße 2016. 248 Seiten. 14,95 EUR.

Eine markerschütternde Rhapsodie des Todes – belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (Buchrezension)

Wir freuen uns über einen Beitrag unseres Gastautors Manuel Beck, Autor des Lyrikbands Am Ende November.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte: Sitte und Sittlichkeit

belmonte weiß mit seinem Buch Sitte und Sittlichkeit vor allem zweierlei: zu überraschen und zu schockieren.

Überrascht wird man durch die Diskrepanz von Aufmachung und Inhalt. Der Titel des Buches lässt auf eine trockene gesellschaftshistorische Abhandlung schließen. Durch den Titelzusatz im Innenteil erfährt der Leser, dass es sich um einen „Versroman in zwölf Lektionen“ handelt; der Genrevermerk „Lyrik“ auf dem Umschlag ist dagegen leicht zu übersehen. Dieser wird zu zwei Dritteln dominiert von dem durchweg in Großbuchstaben gehaltenen Aufdruck: „GROB UND SCHLACHT MAL FEIN UND ZISELIERT WOANDERS“ [bezieht sich auf das Cover der Printausgabe, Anm. der Red.]. Eine solch kryptische Wortfolge mag die Neugier wecken, mich hat sie irritiert.

Beginnt man dennoch mit dem Lesen der ersten Lektion, wird der Zugang weiterhin erschwert durch die zunächst altertümliche, biblisch anmutende Sprache. Passenderweise ist die Rede von Himmel, Erde und Gott. Wohin die Reise gehen soll, bleibt zunächst unklar. Der Stil wandelt sich jedoch schon bald zu einer leichter zugänglichen Alltagssprache und die dritte Lektion gibt bereits einen plastischen Vorgeschmack auf das, was folgt: eine markerschütternde Rhapsodie des Todes!

Der Text ist durchweg in stakkatohaften Trochäen gehalten, welche die Wucht des verstörenden Geschehens metrisch noch verstärken. Der Ich-Erzähler selbst liefert die Begründung für die Wahl dieser festen Form: dem Geist einen Halt zu geben angesichts des haltlosen Grauens, von dem er auf Geheiß seines Herrn Zeuge werden und berichten muss – als Strafe für seine Zweifel an der Wahrhaftigkeit Gottes.

Was sich nun entspinnt, ist nichts für schwache Nerven. In erbarmungslosen Sequenzen werden Krieg und Genozid geschildert, deren verstörende Deutlichkeit im krassen Gegensatz zum eingangs erwähnten Coverzitat steht. Leser und Erzähler kommen kaum zur Ruhe, werden gehetzt und getrieben, der Allmacht und Rachsucht Gottes allzeit gewahr. Dieser scheint uns die schlimmsten Verbrechen der Menschheit anklagend vor Augen zu halten und uns gleichsam mit der Fähigkeit zu Einsicht und Mitgefühl zu strafen, durch die uns jene erst bewusst werden.

Im Nachgang mag auch die schwarz rot weiße Farbgebung des Umschlags bedeutsam erscheinen und an die Reichsfarben Hitlerdeutschlands gemahnen. Zwar werden Täter und Opfer nicht konkret benannt, sind angesichts des Buchtitels und des Geschehens aber unschwer zu identifizieren.

Die Existenz seines Schöpfers zieht der Protagonist zuletzt nicht mehr in Frage, findet in ihr gar Trost im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Noch unter der Wirkung des nach Seinem Willen erlebten Wahnsinns stehend, scheint uns dies jedoch ein zweifelhafter Trost zu sein.

(c) Manuel Beck 2017

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert – Versroman in zwölf Lektionen. tolino media, München 2016, 72 S. Ursprüngliche Printausgabe erschienen bei Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008.

belmonte: Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert (EPUB) erhältlich bei Thalia.de.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ – Elsa Morante: La Storia (Buchrezension)

belmonte

Ich lese viel. Einige Bücher verschlinge ich in kürzester Zeit (etwa Robert McCammons wunderbaren Doppelband Swans Song). Für andere, insbesondere Klassiker, brauche ich irrsinnig viel Zeit (zum Beispiel Tolstois Krieg und Frieden). Elsa Morantes 600-Seiten-Roman La Storia hat mich ganze drei Monate in Anspruch genommen, das ist schon am oberen Ende meines Lesedauermaßes. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich ein unverbesserlicher Parallelleser bin.)

Elsa Morante: La Storia

Elsa Morante: La Storia / Foto: belmonte

Dennoch, Elsa Morantes La Storia konnte ich bei aller Länge nicht aus der Hand legen. Es ist aus meiner Sicht eines der Hauptwerke der italienischen und europäischen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Roman erzählt die Geschichte von Ida Ramundo und ihren beiden Söhnen Nino und Useppe im Rom des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach.

Ida Ramundo, eine zurückgezogen lebende und völlig verängstigte jüdische Grundschullehrerin, wird von einem zufällig daherlaufenden betrunkenen deutschen Soldaten in ihrer Wohnung in Rom vergewaltigt, woraus ihr Sohn Giuseppe entstammt. Das schwache Kindchen, fortan bloß Useppe genannt, liegt in seiner Entwicklung stets ein bis zwei Jahre zurück, entwickelt aber eine ganz eigene Intelligenz. Ida kümmert sich rührend um ihn, während sie die allseits drohende Judenverfolgung vor Augen hat. Vor ihrer Umgebung versteckt sie ihr Judentum, geht aber immer wieder ins jüdische Ghetto, um dort Neuigkeiten über die Gefahrenlage zu erhalten.

Eine der bedrückendsten Passagen des Romans ist denn auch, als Ida durch Zufall bei der Deportation der Bewohner des jüdischen Ghettos am Bahnhof Tiburtina zugegen ist. Die in Güterwaggons Eingeschlossenen fahren direkt in die Gaskammern von Auschwitz. Ida selbst wohnt außerhalb des Ghettos und kann sich vor der Deportation verbergen.

In der Folge wird Idas Mietshaus ausgebombt, sie und Useppe haben Glück im Unglück und finden in einem überfüllten Haus am Rande Roms Asyl, zusammen mit einer Familie, die einfach nur die Tausend genannt wird. Während Idas älterer Sohn Nino, anfänglich noch begeisterter Mussolini-Schwarzhemdträger, zu der Zeit bereits bei den Partisanen aktiv ist, lebt Ida buchstäblich von nichts, und das Wenige, das sie auftreibt, gibt sie ihrem Sohn Useppe. So nachvollziehbar und eindrücklich habe ich nur selten von Kriegsarmut gelesen.

Elsa Morante beschreibt die Beziehung der Mutter zu ihrem schwachen Useppe so einfühlsam, dass es mir beim Lesen mehrmals den Hals zugeschnürt hat. Die Autorin erlaubt dem Leser wenig Hoffnung. Im überfüllten Asyl der Ausgebombten sagt eine Mitbewohnerin zu Useppe: „Armes Vögelchen, man sieht, daß du nicht größer wirst. Du bleibst nicht lang am Leben. Dieser Krieg ist der Mörder der kleinen Kinder.“ (280)

Auch zwei Hunde spielen eine ebenso wichtige wie rührende Rolle.

Der Roman beschreibt zahlreiche Seitenstränge, zum Beispiel den Kältetod Giovanninos, des Ehemanns einer der Mitbewohnerinnen Idas, auf dem Rückzug des Italienkorps von den sowjetischen Schlachtfeldern. Hier werden epische Bilder aus Tolstois Krieg und Frieden heraufbeschworen.

Jedes Jahr wird von einem zum Teil mehrseitigen historischen Kontext eingeleitet, zum Beispiel das Jahr 1943: „Januar-Februar. In Rußland: Der Zusammenbruch der Don-Front bezeichnet das katastrophale Ende des italienischen Expeditionskorps, das von den Sowjetrussen überrollt wird. (…)“ (137) Oder 1947: „Juli-September. Nach dreißigjährigem, von Mahatma Gandhi mit den gewaltlosen Mitteln des passiven Widerstands geführtem Kampf gegen das britische Empire erhält Indien die Unabhängigkeit. (…)“ (470)

Der Roman entwirft aber nicht nur ein historisches sondern vor allem ein römisches Panorama vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn etwa der attraktive Nino auf einem wie auch immer besorgten Motorrad mit seiner Geliebten durch die Straßen saust, wird das Rom der ersten Nachkriegsjahre sichtbar. Nino ist mittlerweile von einem bekannten Partisanen zum Schmuggler geworden, doch wie aus dem Nichts passiert dann eben …

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement

Elsa Morante (1912–85) in ihrem römischen Appartement / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain via Wikimedia Commons)

Aus heutiger Sicht ist Elsa Morantes Vorausschau der gesellschaftlichen Entwicklung und Umweltkatastrophen außerordentlich hellsichtig. Selbst den Plastikmüll in den Ozeanen hat sie bereits deutlich beschrieben:

„Die wichtigste Funktion der menschlichen Gemeinschaft wird es, für die Industrie zu arbeiten und ihre Produkte zu kaufen. Mit der Vermehrung der Waffen geht eine Vermehrung der Konsumgüter Hand in Hand, welche durch die Zwänge des Marktes (Konsumismus) sogleich wieder entwertet werden. Die Kunststofferzeugnisse – Produkte, die dem biologischen Kreislauf fremd sind – verwandeln die Erde und die Meere in Ablageplätze unzerstörbarer Abfälle. Immer mehr breitet sich in allen Ländern der Erde der industrielle Krebs aus, welcher die Luft, das Wasser und die Organismen verseucht und die bewohnten Gebiete verwüstet, wie er die in ihren Fabriken zu Kettenstrafen verurteilten Menschen denaturiert und zerstört. Mit systematischer Züchtung manipulierbarer Massen im Dienst der industriellen Mächte werden die Massenkommunikationsmittel (Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen) zur Verbreitung und Propagandierung einer verderbten, dienstbaren und degradierenden ‚Kultur‘ benutzt, welche die menschliche Urteilskraft und Kreativität korrumpiert, jede reale Daseinsmotivation hemmt und krankhafte kollektive Erscheinungen wie Gewalttätigkeit, Geisteskrankheiten und Drogenkonsum auslöst.“ (627f., kursive Passagen im Original)

Alles folgt einer ewig vorwärtstreibenden Sinnlosigkeit des Lebens. Der zeitgeschichtliche Abschluss des Romans lautet lapidar: „und die Weltgeschichte geht weiter.“ (628) Es gibt keine Hoffnung, dass irgendetwas besser wird. Morante gibt ihre fatalistische Weltsicht der Prostituierten Santina an die Hand:
„All das Gute und das Böse, der Hunger, der die Zähne ausfallen läßt, die Hässlichkeit, die Ausbeutung, der Reichtum und die Armut, die Unwissenheit und die Dummheit … das alles bedeutet für Santina weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit. Es sind einfach unfehlbare Zwangsläufigkeiten, für die es keinen Grund gibt. Sie akzeptiert sie, weil sie geschehen, und erduldet sie arglos als die natürliche Folge der Tatsache, daß man geboren worden ist.“ (349)

Santina wird dann auch von ihrem Zuhälter zu Tode geprügelt, einfach so.

Elsa Morante, Premio-Strega-Preisträgerin von 1957, hat ihren Roman zwar in den 1970er-Jahren geschrieben, sie folgt aber dem italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit, einer ungeschönten Darstellung der Wirklichkeit in aller Gewalt und Armut, nicht unähnlich zur Kahlschlagliteratur der beginnenden Gruppe 47 in Deutschland.

An Traurigkeit reicht La Storia für mich an Cormac McCarthys The Road heran. Dort ein Vater, hier eine Mutter, die in einer zerstörten Welt alles tut, um ihren schwachen Sohn durchzubringen. Das Ende ist beide Male herzzerreißend.

Morantes Roman wurde 1986 unter der Regie von Luigi Comencini mit Claudia Cardinale in der Hauptrolle verfilmt. Der fürs italienische Fernsehen produzierte Film ist hierzulande leider noch nicht auf DVD erschienen.

Addendum:

Ich habe Elena Ferrantes Neapel-Zyklus (Meine geniale Freundin usf.) noch nicht gelesen. Es heißt aber, dass Elena Ferrante sich Elsa Morante als eines ihrer Vorbilder gewählt hat. Vor diesem Hintergrund sei Morantes La Storia umso mehr ans Herz gelegt.

(c) belmonte 2017

Elsa Morante: La Storia. Aus dem Italienischen von Hannelise Hinderberger. Piper, Zürich 1976, 631 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Farinelli, der Kastrat – Eine faszinierende Verhöhnung der Natur (Filmrezension)

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Farinelli

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Historiendrama // Sie waren die Popstars des Barocks: Kastraten, deren Stimmen nie geahnte Höhen erklimmen konnten. Bei ihrem mehrere Oktaven umfassenden Gesang fielen die Damen reihenweise in Ohnmacht. Komponisten schlugen sich darum, für sie große Opernarien verfassen zu dürfen. Könige wollten die Sänger an ihren Hof binden.

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Farinelli singt auf den größten Bühnen der europäischen Metropolen

Als einer der bekanntesten Kastraten galt der italienische Sänger Farinelli, der mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi (1705–1782) hieß. Frei auf seinem Leben basiert das mehrfach preisgekrönte Historiendrama „Farinelli, der Kastrat“ von Regisseur Gérard Corbiau („Der König tanzt“), welches 1995 den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film gewann und im selben Jahr für Belgien auch ins Oscar-Rennen ging. Dort konnte allerdings „Die Sonne, die uns täuscht“ aus Russland den Filmpreis mit nach Hause nehmen.

Star-Kastrat erobert Europa

Singe nicht mehr, Carlo! Carlo, sing nicht mehr! Du weißt ja nicht, was sie dir antun! Die Stimme in deiner Kehle wird dein Tod sein. Mit Schrecken erinnert sich Carlo Broschi (Stefano Dionisi) an die warnenden Worte eines Kastraten zurück, der daraufhin in den Tod sprang. Der damals zehn Jahre alte Carlo ging dennoch seinen Weg als Kastrat und verzaubert seither als Farinelli mit seiner Stimme zunehmend die Massen.

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Farinellis Gesang raubt den Frauen den Atem

Bei seinen Reisen durch Europa ist sein Bruder und Komponist Riccardo (Enrico Lo Verso) stets an seiner Seite. Beide teilen sich auch die Frauen, die Farinelli scharenweise zu Füßen liegen. Bald wird der weltberühmte Komponist Georg Friedrich Händel (Jeroen Krabbé) auf den Star-Kastraten aufmerksam. Er bietet ihm einen Vertrag an, der aber nur ohne Riccardo seine Gültigkeit hat. Noch ist die Bindung zwischen den Brüdern zu stark, als dass Farinelli auf das Angebot eingeht. Doch insgeheim sehnt sich der Kastrat danach, die Arien des von ihm hoch geschätzten Händel singen zu dürfen.

Atemloser Gesang

Regisseur Corbiau beleuchtet in seinem leidenschaftlich gespielten Historiendrama ein Thema, welches nur äußerst selten in Filmen im Fokus steht. Da die Stimme eines Kastraten heute nicht mehr auf natürlichem Wege eingesungen werden kann – der Tonumfang bei Farinelli soll sich über drei Oktaven erstreckt haben – mussten die Macher auf die Technik zurückgreifen: Sie mischten elektronisch den Gesang des US-amerikanischen Countertenors Derek Lee Ragin mit dem der polnischen Koloratur-Sopranistin Ewa Małas-Godlewska. So wird auch für die heutigen Zuschauer erfahrbar, wodurch zahlreiche Damen im 18. Jahrhundert das Bewusstsein verloren. Ja, dieser Gesang kann einem den Atem rauben.

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Georg Friedrich Händel (l.) unterstützt Riccardo bei seinen Kompositionen

Doch wie Händel im Film moniert, ist die Kastraten-Stimme ein künstlicher Gesang und gleichzeitig „eine Verhöhnung der Natur“, dennoch kann sich auch der große Meister seiner Faszination nicht erwehren. Für seine Oper „Rinaldo“ nutzte er die Kunst dieser Sänger, welche in „Farinelli, der Kastrat“ durch die daraus wohl bekannteste Arie „Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte“ vertreten ist. Wem dieses Stück gerade nicht im Ohr klingen sollte: Auch im Prolog zu Lars von Triers „Antichrist“ (2009) wird die Arie genutzt.

Unter Brüdern

Corbiau geht in seiner losen Künstlerbiografie nicht chronologisch vor, sondern springt häufig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Brüder hin und her. Dabei zeigt er Farinelli nicht als „singende Maschine“, die zu keinerlei Emotionen fähig ist, wie Händel meint. Denn der Kastrat weiß, dass er hauptsächlich durch seinen lediglich mittelmäßig begabten Bruder, dessen Arien er singt, in seiner Kunst ausgebremst wird. Aus Liebe zu ihm wartet Carlo auf die Vollendung von Riccardos großer Oper, an der der Komponist seit Jahren arbeitet. Da ist der Bruderzwist nur eine Frage der Zeit, zumal Riccardo ein Geheimnis hütet.

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Kann Alexandra das Herz von Farinelli erobern?

Auch die negativen Folgen des Kastratenwahns dieser Zeit werden von Corbiau thematisiert: Während sich Farinelli durch seinen Ruhm sowie Einzigartigkeit fast gottgleich fühlt und seinen Verehrerinnen Lust ohne Nebenwirkungen verschaffen kann, zeigt der Film am Beispiel von Benedict (Renaud du Peloux de Saint Romain), dass die Praxis auch häufig schief ging. Viele Jungen starben bei der Entmannung, andere erlangten keine besondere Stimme und waren so dazu verdammt, ein erbärmliches Leben zu führen.

Die opulente Austattung, die prunkvollen Kostüme und die Musik brauchen den Vergleich zu Milos Formans „Amadeus“ (1984) nicht zu scheuen. Als Kulissen dienten unter anderem das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth und das Markgrafentheater Erlangen. „Farinelli, der Kastrat“ ist nicht nur für Opernfreunde ein Fest für alle Sinne. Wunderbar, dass Pidax Film das beeindruckendene Werk erstmals hierzulande auf DVD präsentiert. Bei der Veröffentlichung ist es nur ärgerlich, dass für den italienischen Originalton keine Untertitel verfügbar sind.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Farinelli
BEL/F/IT 1994
Regie: Gérard Corbiau
Drehbuch: Gérard Corbiau, Andrée Corbiau
Besetzung: Stefano Dionisi, Enrico Lo Verso, Elsa Zylberstein, Jeroen Krabbé, Caroline Cellier, Pier Paolo Capponi, Renaud du Peloux de Saint Romain
Zusatzmaterial: Presseheft mit umfangreichen Hintergrundinfos als PDF-Datei, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

Café Belgica – Besoffen in Gent (Filmrezension)

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Belgica

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Nach dem großen Erfolg seines Oscar-nominierten Liebesdramas „The Broken Circle“ (2012) konnte sich Regisseur Felix van Groeningen kaum vor Anfragen aus dem In- und Ausland retten. Doch der Belgier beschloss, stattdessen sein – wie er selbst sagt – bisher persönlichstes Projekt zu realisieren. Sein Vater führte von 1989 bis 2000 das Café Charlatan in Gent. In der Live-Musikkneipe stand van Groeningen aushilfsweise hinter der Theke und sog das Treiben in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos in sich auf.

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Auf einem Auge blind: Jo hat große Pläne mit dem „Café Belgica“

Auch, wenn er viele Situationen aus dem Film so oder ähnlich selbst erlebt habe, bestreitet der Regisseur, dass „Café Belgica“ autobiografische Züge trage. Diese Zeit habe mehr als eine Art Recherche für sein Brüderdrama gedient, für das van Groeningen auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten
internationalen Film gewann.

Zwei Brüder im Partyrausch

Der musikbegeisterte Jo (Stef Aerts) betreibt die heruntergekommene kleine Kneipe „Café Belgica“. Die Lokalität ist beliebt, denn der auf einem Auge blinde Jo weist niemanden ab. Jeder soziale Stand und jedes Alter trinkt hier sein Bier, jede Art von Musik wird in seinem Zufluchtsort für allerlei verlorene Seelen gespielt. Eines Tages kommt Jos älterer Bruder Frank (Tom Vermeir) zu Besuch. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der Familienvater ist begeistert vom „Café Belgica“ und willigt trotz klammer Finanzlage und gegen den Willen seiner Frau Isabelle (Charlotte Vandermeersch) ein, in Jos Laden als Teilhaber zu investieren.

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Jo, Frank und Tim (v. l.) sind in Feierlaune

Gemeinsam vergrößern die Brüder das „Café Belgica“. In einem neuen Nebenraum finden nun Konzerte statt. Das Partyvolk reagiert begeistert und rennt den Brüdern die Bude ein. Doch zunehmend verlieren Jo und Frank die Kontrolle über das Geschehen. Die einst idealistischen Werte der Brüder werden zunehmend über Bord geworfen. Besonders Frank verliert sich immer mehr im täglichen Rauschzustand aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Schließlich muss Jo eine schwere Entscheidung treffen …

Vergängliche Momente

Da dröhnt der Schädel: Die Kneipen- und Partyszenen sind mitreißend inszeniert. Den Rausch, den Schweiß, das Gedränge und das Bier kann man förmlich riechen und schmecken. Für den passenden Soundtrack sorgt die belgische Kultband Soulwax, die sich mit ihren Klängen zwischen Kraut-Techno über Neo-Soul und Psychobilly in keine Schublade einordnen lässt. Van Groeningen ist seit seinem Langfilmdebüt „Steve + Sky“ (2004) mit der Band befreundet, die inzwischen sogar so bekannt ist, dass sie die Musik für das Videospiel „Grand Theft Auto V“ beisteuern durfte.

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Frank sprüht vor Tatendrang

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des „Café Belgica“ ist natürlich vorhersehbar. Aber van Groeningen geht es viel mehr um die Beziehung der unterschiedlichen Brüder, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden und dann langsam erneut auseinanderdriften. Etwas schwer fällt es dabei, Frank wirklich sympathisch zu finden. Er vernachlässigt seine Familie, geht fremd, säuft und wird schnell gewalttätig. Leider wird auch nur leicht angedeutet, wie er so ein hedonistischer Mistkerl werden konnte, der auch gut in van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ (2009) gepasst hätte.

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Frank schwört seiner Frau Isabelle, dass er sich benimmt

Im Gegensatz dazu steht der zurückhaltende Jo, der seit dem Babyalter mit seiner Augenbehinderung leben muss. Es ist nicht verwunderlich, dass er zu seinem großen Bruder aufblickt, der ihn im Teenageralter vor Hänseleien geschützt hat. In einer kurzen, wunderschönen Szene sieht sich Jo ein altes Foto an. Darauf hält Frank im Kindesalter den einäugigen Säugling Jo in seinen Händen. Beide strahlen dabei über beide Ohren.

Mit Herzblut und Nostalgie

Auch wenn „Café Belgica“ nicht ganz an den tieftraurigen und höchst emotionalen „The Broken Circle“ heranreicht, spürt man jede Minute, dass van Groeningen viel Herzblut in seine Tragikomödie gesteckt hat, die sowohl als elektrisierender Musikfilm als auch als schmerzliche Charakterstudie sehr gut funktioniert. „Café Belgica“ ist ein nostalgischer Blick zurück auf eine unbeschwerte Zeit voller vergänglicher Momente – bis man schließlich von der Realität eingeholt wurde. Ein Film, der sich so anfühlt, wie die Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, die man sich aber ab und an ruhig mal gönnen sollte.

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Zwischen den Brüdern verhärten sich die Fronten

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Belgica
BEL/F 2015
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Arne Sierens
Besetzung: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Boris Van Severen, Ben Benaouisse
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Trailershow
Vertrieb: Pandora Film Verleih

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Pandora Film Verleih

Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

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Shirley – Visions of Reality

Für diese Gastrezension bedanken wir uns bei Anja Rohde von „Die Nacht der lebenden Texte

Experimentalfilm // Drei Passagiere im Inneren eines luxuriösen Salonwagens. Bahnhofsgeräusche. Eine Frau betritt das Abteil, dreht sich einen Sessel zurecht, nimmt ein Buch zur Hand. Als die Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf zu ihr dreht, macht es im Gehirn „klick“: Das ist es, das ist genau das Bild „Chair Car“ von Edward Hopper. Diesen Effekt wird man im Verlauf des Filmes noch einige Male haben, denn Autor und Regisseur Gustav Deutsch erzählt die Geschichte einer Frau anhand von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

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1932

Die erste Szene aus dem Leben der von der Tänzerin Stephanie Cummings mit Grandesse, innerer Würde und Körperbeherrschung verkörperten Shirley spielt am 28. August 1931 in einem Pariser Hotelzimmer. Wir treffen Shirley erneut am 28. August 1932, und dann wieder 1939, 1940, 1942, 1952, 1956, 1957, 1959, 1961 und 1963, immer am 28. August. In so einer langen Zeit passiert viel, gesellschaftlich wie privat. Einige wichtige politische Ereignisse werden zu Beginn einer jeden Szene von einem Radiosprecher angesagt, die privaten Ereignisse erfahren wir aus den inneren Monologen, die Shirley in ihren Hopperschen Szenenbildern führt.

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1939

Der Kamera ist es nicht erlaubt, das Szenenbild zu verlassen, den Blickwinkel zu verändern, zwischen den Agierenden hin und her zu springen. Das Bild bleibt das Bild, einzig Zooms und Nahaufnahmen sind gestattet. Das Publikum sieht, was kurz vor und kurz nach dem Moment geschah, den das Bild zeigt. Und hört, was sich die abgebildeten Personen denken. Ist das nicht der Traum jedes Museumsgastes, zu wissen, warum das Bild so ist, wie es ist? Wohin die Protagonistin schaut? Was sie dabei denkt? Was sie davor und danach macht? Warum sie so dasteht, wie sie dasteht? Im Museum kann man sich damit behelfen, sich diese Geschichten selbst auszudenken – wer fantasiert nicht gern über persönliche Schicksale, sei es die der wortkargen Nachbarn oder eben einer interessanten Person auf einem Foto oder Gemälde?

Gustav Deutsch übernimmt das in „Shirley“ für uns. Zusammen mit seiner Partnerin Hanna Schimek und genialen Beleuchtern, Kostümbildnern und Designern hat er Hoppers Bilder nachgebaut – und das war nicht immer einfach. Hoppers Spiel mit Licht und Schatten sollten so werkgetreu wie möglich dargestellt werden, ebenso die besonderen Farben. Hoppers Räume und Möbel ließen sich mitnichten als naturgetreue Räume nachbauen – mal ist ein Bett deutlich länger als normal, mal ein Sessel viel schmaler, als er es in Wirklichkeit wäre. Beim Bild „Office at Night“ mussten die Möbel so stark gekippt werden, dass beinahe nichts mehr auf den Tischen hielt. Für den Filmemacher eine spannende Herausforderung, ein zweidimensionales Bild in eine dreidimensionale Wirklichkeit zu überführen und dann wieder in ein zweidimensionales Bild rückzutransferieren, wie er im Interview im Presseheft erläutert.

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1942

Deutsch betont, dass es sich nicht nur um ein Film-, sondern auch um ein Ausstellungsprojekt handelt. Jedes Utensil, das für den Film erschaffen wurde, ist ein künstlerisches Objekt, sei es ein Faltblatt, auf dem die Schrift gar nicht lesbar ist, oder ein Telefon, welches extra geschnitzt wurde. Die Verwertung im Kunstkontext hat bereits begonnen: Zwei der Filmsets wurden in Ausstellungen in Wien und Mailand gezeigt.

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1952

Natürlich ist der Film extrem statisch. Die Bewegungen sind langsam, die inneren Monologe ruhig, die Mimik ist klar und unhektisch. Aber wer erwartet schon einen Actionfilm bei einer Erzählung, die sich an Hoppers kühlen, melancholischen Bildern entlanghangelt? Man muss es schon ertragen können, dass auch einfach mal ein leerer Raum zu sehen ist, in den ein Vorhang weht. Deutsch lässt Platz fürs Weiterträumen. Wir erfahren zwar alle paar Jahre, wie es Shirley geht – was in der Zwischenzeit passiert, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Edward Hopper gilt als Maler des Realismus. Aber er bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er inszeniert sie – ebenso wie ein Filmemacher. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes stimmt jeweils genau mit der Geschichte überein. Sehen wir Shirley 1952 in der Morgensonne auf ihrem Bett sitzend, entspricht das dem 1952 gemalten Bild „Morning Sun“. Dass 30 Jahre vergehen, will der Regisseur weniger durch geschminkte Alterungsprozesse darstellen, sondern über Gestik, Mimik und Körperhaltung transportieren. Und natürlich erkennt man den Fortgang der Zeit auch an den Gedanken, an denen uns die Protagonisten teilhaben lassen. Deutsch wollte, dass es auch inhaltlich um eine Auseinandersetzung mit der Realität und deren Inszenierung geht, deswegen ist die Hauptperson eine Schauspielerin, ihr Lebensgefährte (Christoph Bach) ein Fotojournalist.

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1956

Shirley ist eine moderne, selbstständige Frau, sie spielt im Group Theatre und ist politisch interessiert – in der vorletzten Einstellung läuft im Radio die berühmte „I Have a Dream“-Rede von Martin Luther King. Übrigens der Grund, warum Deutsch den 28. August ausgewählt hat. Indem er das Datum des Marsches der Bürgerrechtsbewegung nach Washington verwendet, konterkariert er die politsche Einstellung Hoppers. „Ich kann ihm sozusagen entgegenarbeiten. Edward Hopper war ein politisch sehr konservativ denkender Mensch, etwas, das ich gar nicht mit ihm teile. Das kann ich durch meine Protagonistin auch umkehren und in eine andere Richtung führen.“ Eine geniale Idee, lässt sich das Werk eines Künstlers doch nie hundertprozentig vom Kunstschaffenden trennen.

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1957

Ein großes Filmereignis für Detailverliebte, für Hopper-Fans und für jene, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Film auch mal quer zu den Sehgewohnheiten stellt. Bis zum Schluss nur noch Licht und Schatten übrig ist.

Veröffentlichung: 4. März 2016 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Shirley – Visions of Reality
AUS 2013
Buch und Regie: Gustav Deutsch
Besetzung: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Rendezvous-Filmverleih

Sicario – Drogenkrieg im Grenzgebiet (Filmrezension)

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Gastrezension von Simon Kyprianou, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Actionthriller // Die idealistische junge FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) wird von ihrem zwielichtigen Kollegen Matt Graver (Josh Brolin) für eine Spezialeinheit rekrutiert. Dieser neu gebildeten Taskforce gehört auch der ebenfalls zwielichtige Alejandro Gillick (Benicio del Toro) an, ein mexikanischer Ex-Staatsanwalt und Söldner. Schon beim ersten – blutigen – Einsatz wird Macer klar, dass sie sich fortan nicht mehr in den Grenzen der Legalität bewegt und dass Graver und Gillick fest entschlossen sind, den Drogenkrieg mit unlauteren Mitteln zu bekämpfen. Macer will die beiden Männer ausbremsen, aber ihre Stimme der Vernunft verhallt ungehört.

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Im Grenzgebiet herrscht eine Atmosphäre des Krieges

Immer wieder gibt es Aufnahmen von oben, um das Chaos und die Ausweglosigkeit der Situation, des längst gescheiterten Drogenkriegs auch topologisch nachvollziehbar zu machen ständig untermalt vom grollenden Brummen des Soundtracks. Roger Deakins’ Kamera fängt die sengende Hitze Mexikos und das dort herrschende Chaos wahrlich bedrückend ein.

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Agentin Macer zieht in den Einsatz

„Sicario“ ist ein ungemütlicher Film, der – vor allem im Hinblick auf die Figuren – immer unheilvoll unzuverlässig erzählt und der seinen wahren Schrecken erst am Ende in einer rauschenden, von Nachtsichtgeräten in diffuses Grün gehüllten Actionszene offenbart. Denis Villeneuve spielt sein visuelles Können hier ganz und gar aus. Mit narrativem Ballast hält er sich nicht lange auf, sondern er konzentriert sich ganz darauf, aus „Sicario“ düsteres, grimmiges Genrekino zu machen. Glücklicherweise bewahrt er sich dabei die Haltung zu seinem Sujet, dem Drogenkrieg, sowie zu den Mitteln der US-Regierung, die von Emily Blunts Rolle personifiziert wird. Blunt, del Toro und Brolin sind ganz fantastisch. Für eine zweite Meinung empfehle ich Iris Jankes – ebenfalls positive – Würdigung des Films bei „Die Nacht der lebenden Texte“.

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Die Einheit arbeitet ihre Strategie aus

Nach „Prisoners“ und „Enemy“ ist „Sicario“ ein weiterer äußerst gelungener Film von Villeneuve, dessen nächstes Projekt die Fortsetzung von „Blade Runner“ sein wird, mit Ryan Gosling und erfreulicherweise auch wieder Harrison Ford. Man darf gespannt sein. Habt Ihr einen Favoriten von Denis Villeneuve?

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Kate führt einen Stoßtrupp an

Veröffentlichung: als 4. Februar 2016 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sicario
USA 2015
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
Besetzung: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Jon Bernthal, Victor Garber, Alan D. Purwin, Jeffrey Donovan, Sarah Minnich, Lora Martinez-Cunningham, Raoul Trujillo
Zusatzmaterial: Takte aus der Wüste: Die Filmmusik, In die Finsternis eintreten: Das visuelle Design, Blunt, Brolin, & Benicio: Die Darstellung der Charaktere, Kampfzone: Der Hintergrund von „Sicario“
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

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Fotos & Packshots: © 2016 Studiocanal Home Entertainment

Die Strohpuppe – Das Böse steht Connery gut

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Woman of Straw

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Thriller // „Hat Sean Connery eigentlich jemals einen echten Bösewicht gespielt?“, frage ich mich während der Sichtung von Basil Deardens „Die Strohpuppe“. Auch wenn er in Alfred Hitchcocks „Marnie“ die kleptomanische Hauptfigur erpresst und zur Heirat zwingt und in „Sein Leben in meiner Gewalt“ als gebeutelter Cop einen Kinderschänder heftig verprügelt – mir fällt keine Rolle in seiner langen Filmografie ein, in der der James-Bond-Darsteller einen wirklich skrupellosen Typen gespielt hat.

Eine fiese Intrige

In Basil Deardens Verfilmung des Romans von Catherine Arley darf Connery zumindest mal den hinterhältigen Neffen Anthony geben, der seinem schwerreichen Onkel Charles (Ralph Richardson) das Erbe abluchsen will. Dafür spinnt der Lebemann eine fiese Intrige: Er bandelt mit Maria (Gina Lollobrigida) an, der attraktiven Pflegerin seines gehbehinderten Onkels. Sie soll den alten Herren heiraten, dann wird Charles seine geliebte Maria in seinem Testament verewigen. Nach seinem Tod werden Anthony und Maria dann ein wunderbares Luxusleben miteinander führen. Doch es läuft alles anders als geplant …

Großes Starkino

Regisseur Dearden durfte aus dem Vollen schöpfen und versammelte drei namhafte Stars vor der Kamera. Nach seinen ersten beiden 007-Abenteuern kassierte Sean Connery für seinen Auftritt in „Die Strohpuppe“ erstmals eine Gage von einer Million US-Dollar. Das Böse steht dem Schotten in diesem Kriminalstück ebenso gut wie der weiße Tuxedo, den er trägt. Bei dem Maßanzug handelt es sich übrigens um denselben, den er später in der Eröffnungssequenz von „James Bond 007 – Goldfinger“ am Leib hat. Mit seinem bekannten britischen Charme wickelt er zudem als schmieriger Lebemann Anthony nicht nur die arme Maria um den Finger.

Traumfrau und Schauspiel-Veteran

Darstellerisch sind Traumfrau Gina Lollobrigida und Schauspiel-Veteran Ralph Richardson („Kleines Herz in Not“) dem Schotten eine Spur überlegen. Als temperamentvolle, aber gutgläubige Maria, die unfreiwillig zur Femme fatale mutiert, liefert sie sich besonders in der ersten Filmhälfte ein bissiges Dialogduell mit Multimillionär Charles. Richardson spielt den alten Tycoon, der seine Hunde besser behandelt als seine Bediensteten, mit boshaftem Zynismus. Man muss diesen garstigen Misanthropen einfach hassen – und wünscht ihm auch den baldigen Filmtod herbei.

Cleverer Schlussakkord

Neben dem starken Darsteller-Trio, den schönen Kulissen und den tollen Kostümen – man beachte besonders Marias Hochzeitskleid – verläuft auch die Krimihandlung nicht in den üblichen Bahnen. Wie in der klassischen Musik, mit der Charles die Mauern seines riesigen Landhauses beschallt, erklingen in der simplen, aber wendungsreichen Erzählung ständig neue Höhen und Tiefen. So bleibt die spannende Frage, ob das perfekte Verbrechen wirklich gelingt, bis zum cleveren Schlussakkord erhalten.

Veröffentlichung: 4. Dezember 2015 als DVD

Länge: 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Woman of Straw
GB 1964
Regie: Basil Dearden
Drehbuch: Robert Muller, Stanley Mann nach einem Roman von Catherine Arley
Besetzung: Sean Connery, Gina Lollobrigida, Ralph Richardson, Alexander Knox, Johnny Sekka, Laurence Hardy, Peter Madden
Zusatzmaterial: Booklet mit einem Nachdruck des Originalheftes „Illustrierte Film Bühne“ zu „Die Strohpuppe“, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

Er liest etwas, das ich nicht kenne

Premiere, 2. Teil

Ab heute wird in unregelmässigen Abständen belmonte bei mir „sprechen“. Manche von euch kennen vielleicht seinen Blog vnicornis →  wenn nicht, schaut doch einmal rein.

Die Idee dahinter ist mehr Austausch und Vernetzung. Es war seine Idee, die ich gerne aufgegriffen habe. Ich freue mich sehr auf dieses Neu und sage auch hier:

Herzlichen Dank, belmonte, für deine Inspiration und deine Rezension.

Wie er mir, so ich ihm … ab und an werde ich, sozusagen im Austausch, auf „vnicornis“ Bücher besprechen, die ich schätze (wie bereits geschehen, siehe Premiere 1. Teil →).

Ausserdem denken wir über den Austausch von Texten nach. Ich bin gespannt, wie sich diese Idee entwickelt und wie ihr sie aufnehmt und ob vielleicht noch jemand Lust hat, sich uns anzuschliessen?! Gerne erinnere ich in diesem Zusammenhang auch an den Blog The story of your Alltag den ich am 17.12. vorstellte →

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