Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1)

belmonte

Motel in Waynesboro, VA

Motel in Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Ich quartiere mich in einem Motel in Waynesboro ein, sehr freundliche Leute. Ohnehin scheint es mir, der ich selten aus New York herausgekommen bin, dass die Leute hier noch auffälliger und breiter freundlich sind, als ich es aus New York gewohnt bin.

Waynesboro, VA

Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, jogge ich durch den Ort, vorbei an Häusern mit Veranda und Auffahrt und Hunden und Kindern und langsam fahrenden SUVs.

Überall stehen Kirchen von Evangelikalen der letzten sieben Tage, Baptisten und anderen Pfingstgemeinden. Ich möchte nicht wissen, was die von meinen knallroten Joggingschuhen denken (wahrscheinlich nichts). Aus dem Walmart besorge ich mir Bier, Obst und Cranberrysaft.

Broad Street, Waynesboro, VA

Broad Street, Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Die Nacht ist noch schlimmer als die Nacht zuvor. Ich kann kaum liegen, weder gestreckt noch gekrümmt, und habe Angst. Immer wieder stehe ich auf, aber ich zittere am ganzen Körper. Irgendwie komme ich durch, ich weiß nicht wie.

Shenandoah National Park im Morgenlicht

Shenandoah National Park im Morgenlicht / Foto: belmonte

Früh am Morgen frühstücke ich in der Lobby Rührei, Waffel mit Ahornsirup, Joghurt, Kaffee. Um halb acht mache ich mich auf den Weg, fahre zum Skydrive hoch und dann bei gemütlichen 35 mph in knapp vier Stunden nach Front Royal. Ich mache zahlreiche Pausen, steige immer wieder aus und mache Fotos und habe den Eindruck, dass ich immer dann Fotos mache, wenn ich bekannte Motive sehe, weite Hügel hinter Hügeln und Hügeln im bläulichen, nebligen Licht. Ich bin fast allein unterwegs, sehe zahlreiche Tiere, Rehe auf der Straße, ganz zutraulich, überall Eichhörnchen. Der Blick ins Shenandoah Valley ist herrlich. Dahinter erstreckt sich der lange Massanutten-Bergrücken und weiter hinten die westlichen Alleghany Mountains.

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain / Foto: belmonte

Ich singe beim Fahren, obwohl mir alles wehtut.

Das Radio hält mich wach. Ich finde es bemerkenswert, wie die Radiomoderatoren während der Gesprächsprogramme zwischendurch Werbung für irgendwelche Angebote in Harrisonburg oder wo auch immer aufsagen.

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln / Foto: belmonte

Ich höre eine Wiederholung der Anhörung der beiden Direktoren von FBI und NSA Comey und Rogers vorm Geheimdienstausschuss. So wenig aufschlussreich die beiden auch antworten, überzeugt mich doch die aggressive und kühle Art ihrer Befragung davon, dass dieses Land womöglich doch weniger gefährdet ist, als es von außen den Anschein hat.

Shenandoah Valley und River

Shenandoah Valley und River / Foto: belmonte

Am Vortag ist Trumps Versuch der Abschaffung von Obamacare kläglich gescheitert. So einfach kann er eben doch nicht durchregieren.

Capitol, Washington, DC

Capitol, Washington, DC / Foto: belmonte

Von Front Royal aus nehme ich die 66 nach Washington DC, parke auf der Independence Avenue und erlaufe mir die gesamte National Mall, gehe am Capitol bis zur Sperre (wenn ich bedenke, dass hier vor zwei Monaten der Schwachkopf vereidigt wurde, wird mir ganz anders), dann hinüber zum Washington Monument, vorbei an allen Monumentalbauten und Museen. Bei Temperaturen um die 25 Grad ist es hier viel wärmer als in den Bergen, wo vereinzelt noch Schnee lag.

Washington Monument, Washington, DC

Washington Monument, Washington, DC / Foto: belmonte

Es sind sehr viele Pilger unterwegs. Ich habe das Gefühl, dass sich nach Delhi und Peking der Kreis schließt und ich jetzt gehen kann.

Ich fahre hinterm Capitol an der Library of Congress und dem Supreme Court vorbei, dann weiter in nördlicher Richtung. Die Fahrt zurück nach Baltimore ist erstaunlich kurz. Nachdem ich das Auto abgegeben habe, fahre mit dem Shuttlebus zum Terminal, checke ein und schreibe diese Zeilen.

Wie bereits vor drei Jahren habe ich den Eindruck, einen historischen Roadtrip hinter mir zu haben, damals Thoreau am Walden Pond, jetzt Jefferson in Monticello. Vielleicht wäre ich auch ein Amerikaner geworden.

(c) belmonte 2017

Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 1

belmonte

Am Sonntag treffen wir uns mit * bei der Pulse-of-Europe-Demonstration auf dem Universitätsplatz in Heidelberg.

Ich finde die Initiative immer noch gut, lese aber in der Woche drauf, dass sich deutsche und polnische Nazis vereinen.

Wenn die europäischen Nazis erst Europa zu ihrem vereinten Ziel erheben, ist es mit der Europaidee vorbei.

Am nächsten Morgen fliege ich früh nach London, diskutiere drei Tage mit Bibliothekaren aus aller Welt. Es ist sehr anregend. Ich spreche ohne viel Gehampel und Verhaspeln.

Am Mittwoch nehme ich kurz vor dem Anschlag auf der Westminster-Brücke die Tube nach Heathrow und fliege nach Baltimore zur ACRL.

New York City aus der Luft

New York City aus der Luft / Foto: belmonte

Während des Fluges sehe ich den Film Arrival, der mich an einigen Stellen sehr bewegt. Es ist eine brillante Vorstellung kompletter Andersartigkeit von Sprache und Zeit. Max Richters Musik ist überwältigend.

Ich fliege über den Hudson River, sehe Manhattan und alle Brücken bei strahlend blauem Himmel. Fünf Minuten später taucht Philadelphia ganz klein unter mir auf.

Oriole Park at Camden Yards, Baltimore, MD

Oriole Park at Camden Yards, Baltimore, MD / Foto: belmonte

In Baltimore fahre ich zum Hotel. Vom Zimmer aus sehe ich auf das Baseballstadion Oriole Park at Camden Yards. Es wird dunkel.

Am Morgen stehe ich früh auf, frühstücke, bereite meinen Vortrag vor und gehe zum Convention Center hinüber, einem riesigen Zweckbau, und treffe * bei einer Round Table Discussion.

Inner Harbor, Baltimore, MD

Inner Harbor, Baltimore, MD / Foto: belmonte

Um wenigstens etwas von Baltimore gesehen zu haben, vertrete ich mir zu Mittag die Beine am Inner Harbor.

Der Panel Talk am frühen Nachmittag ist sehr gut besucht, Leute von * und * und weiteren klingenden Namen. Ich spreche dreißig Minuten über * und fühle mich sehr sicher, kann alle Fragen beantworten und hinlänglich argumentieren. Da und dort gehen Daumen nach oben. Ich spüre, dass ich Begeisterung in der Stimme habe. Häufig dehne ich das Wort v e r y sehr lang. Die Veranstaltung schließt mit Diskussion und Smalltalk.

Am späten Nachmittag begegne ich * an der Hotelbar. Wir finden heraus, dass wir beide vor vielen Jahren nach Paris getrampt sind.

Abends nimmt mich * mit ein paar Leuten ins Hafenrestaurant Oyster House mit. Es riecht nach Fisch, die Kellnerin ist redselig und die Austern schmecken vorzüglich.

Die Nacht ist schlimm. Mir ist eiskalt. Im Halbschlaf brüllt mich jemand von der Seite an, ich habe Angst, aber da ist niemand.

Monticello, Charlottesville, VA

Monticello, Charlottesville, VA / Foto: belmonte

Am Morgen leihe ich ein Auto und fahre über die Interstate 70 nach Mt. Airy, frühstücke dort, fahre weiter über Frederick nach Hagerstown, von dort nach Süden auf die 81, überquere den Potomac, vorbei an Winchester, Strasburg, Harrisonburg und Staunton. Bürgerkriegsstätten. Überall hängen noch Trump-Pence-Wahlplakate.

Thomas Jeffersons Grab auf Monticello, Charlottesville, VA

Thomas Jeffersons Grab auf Monticello, Charlottesville, VA / Foto: belmonte

Ich fahre weiter auf der 64 nach Charlottesville, durchquere die Stadt mit ihrer Universität und verbringe drei Stunden etwas außerhalb auf Jeffersons Monticello-Anlage mit Führung, Rundgang durch die Gärten und Mittagessen.

Die Atmosphäre ist mediterran, das Gebäude beeindruckend. Thomas Jefferson erinnert mich an Fürst Bolkonski, Andréjs Vater aus Tolstois Krieg und Frieden. Jeffersons Erklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen seien, steht in harschem Widerspruch zu den zahlreichen versklavten Arbeitern auf seiner Plantage. Für mich wird es dennoch – ich weiß es jetzt schon – ein wichtiger Erinnerungsort bleiben.

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(c) belmonte 2017