Im zweiten Leben utopische Kunst – Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt (Buchrezension)

belmonte

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt

Eines der Kriterien, die mir anzeigen, dass mir ein Buch gefällt, ist ein rasches Lesetempo. Wenn ich ein Buch zügig lese, bin ich jedenfalls erst einmal nicht davon genervt. Wenn ich dann am Ende, anders als bei einem Dan-Brown-Schmöker, nicht maßlos über die billige Auflösung enttäuscht bin, ist ein weiteres Merkmal für ein gutes Buch gegeben. (a) schnell gelesen, (b) am Ende nicht enttäuscht worden, beides trifft auf Nikita Afanasjews Debütroman Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt zu.

Das Buch ist schön gebunden, liegt gut in der Hand, erinnert irgendwie an die gebundene Ausgabe von Erich Kästners Emil und die Detektive, ist genauso urban (örbən) – ja, das ganze Buch riecht irgendwie örbən.

Jakob Ziegler ist ein erfolgloser Künstler, was ihn zu stören scheint, aber nicht zu sehr, denn Erfolg korrumpiert ja doch nur. Das Leben in Berlin ist schmutzig, Jakobs Beziehung zu Jolanda auf dem Nullpunkt, und mit Ben und Carlo ist es auch nur eine ständige Sauferei. Auf Kräne zu klettern und öffentliche Uhren zu zerdeppern, das kann noch nicht alles gewesen sein.

Also legt sich Jakob eine zweite Persönlichkeit zu: Johann Zeit, ein Mann mit allen Eigenschaften, ein Tausendsassa, der schon alles erlebt und alle Erdteile bereist hat. Ben informiert sogleich den umtriebigen Marketingprofi Dorian, der eben diesen Johann Zeit mit Performance-Kunst groß herausbringt. In einer der von Dorian angezettelten Aktionen wird die ganze Stadt mit kriegswaffenkritischen Graffiti zugesprayt, gez. Johann Zeit. In ganz Berlin und darüber hinaus und vor allem in den sozialen Netzwerken fragt man sich, wer dieser Johann Zeit sei, der in der Folge mehr und mehr ein Eigenleben führt.

Jakob gelingt es, einige seiner künstlerischen Arbeiten unter dem Namen Johann Zeit bei der Kunstschau „Utopian Art“ unterzubringen. Wie dann die Ausstellung – untergebracht in einer Stadt aus Zeltplanen und Pavillons – im Chaos der Performance-Redner und arrangierten Demonstrationen untergeht, ist exzellent dargestellt. Hier wie anderswo trifft Afanasjews Dialogduktus die Szenerie ganz hervorragend.

Jakob ist illusionslos. Alles wurde längst hinterfragt. Selbst Protest und Gegenkultur sind schon Teil der Verwertungskette geworden und stoßen ihn ab. „Sicher, er mochte Deutschland nicht besonders, den Neid, das provinzielle Gehabe, all das zwanghaft Fleißige. Vor allem mochte er nicht, was in diesem Land aus der Freiheit geworden war. Sie war so lange von Lackaffen in modisch einwandfreien Anzügen missbraucht worden, dass sie nun halb tot in einer Seitengasse lag, neben einer Mülltonne, und die Menschen eilten an ihr vorbei, um ja nicht zu spät zur Arbeit zu kommen, sonst gäbe es noch Ärger …“ (106)

Das Buch ist ein Statement zu den Urban Thirties, einer abgeklärten, desillusionierten und enttäuschten Spätjugend, die es nicht mehr schafft, irgendeinen urbanen Traum zu leben, in einem Berlin mit all seinen Abhängplätzen und bekannten Locations, Landwehrkanal und so. (Oder ist womöglich genau das der urbane Traum?)

Was hat es mit dem Titel des Buches auf sich? Es geht um einen Brief, den Jakob vor Jahren – an sich selbst adressiert – Ben übergeben hatte und den Ben pünktlich zu Jakobs dreißigstem Geburtstag einwirft, eine Nachricht mit nur wenigen Worten:

„Wenn ich das lese, bleiben mir drei Optionen: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt.“ (9)

Wie das Buch ausgeht, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

(c) belmonte 2017

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt. Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 303 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt (Rezension)

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Gastrezension von Ulli Gau, die mit ihrem Café Weltenall einen wunderschönen Blog betreibt.

In den letzten Wochen habe ich den Schriftsteller Maarten ‚t Hart entdeckt. Und wenn ich erst einmal begeistert bin, dann schaue ich nach mehr Büchern von ein und demselben Autor.

Maarten ‚t Hart wurde 1944 in Maassluis (NL) als Sohn eines Totengräbers geboren. Er studierte Biologie in Leiden und dozierte dort in dem Fach Tierethologie. Mittlerweile sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen. Ich las:

  • In unnütz toller Wut
  • Die Netzflickerin und
  • Das Wüten der ganzen Welt, um das es hier geht …

Maarten ‚t Hart ist ein wunderbarer Erzähler, verknüpft seine philosophischen Gedanken über Gott und die Welt geschickt mit seinen Geschichten, die in der Regel keine leichte Kost sind, die aber durch seinen Humor immer wieder Leichtigkeit erfahren. Außerdem ist er ein großer Klassikliebhaber. Bach steht bei ihm ganz vorne, aber auch Brahms, Mozart, Beethoven, Mendelssohn Bartholdy und Bruckner tauchen immer wieder in seinen Romanen auf.

Das Wüten der ganzen Welt ist im weitesten Sinne ein Krimi. Zum Buch erschien ebenfalls eine CD mit den von ihm erwähnten Musikstücken. Diese steht nun auf meinem Wunschzettel …

Maarten 't Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Es ist nicht wirklich meine Art Rezensionen zu schreiben. Lieber ist es mir, Stellen, die ich im Buch angestrichen habe, mit euch zu teilen. Das sind Stellen, die ich später gerne noch einmal lese, um sie zu verinnerlichen und zu verdauen. Manche können auch Bestätigungen für meine eigenen Gedanken, mein eigenes Erleben und Spüren sein.

Eine besondere Freude war es für mich, in sehr wenigen Sätzen endlich das Phänomen der Zeit erklärt zu bekommen. Schon länger grübele ich daran herum, wie es gemeint sein kann, wenn manche WissenschaftlerInnen behaupten, dass es die Zeit an sich nicht gäbe, keine Vergangenheit, keine Zukunft, alles soll immer gleichzeitig stattfinden, nur wir kleine Menschen mit unserem speziellen Hirn könnten dies nicht fassen. Ha! Es geht:

„Wie eigenartig, dass man in einem solchen sonnendurchglühten Augenblick denkt, das ganze Leben liege noch vor einem, während sich später herausstellt, dass ein solcher Moment das wahre Leben ist. Die Hoffnung hat dann noch einen langen Weg zu gehen; von Beruhigung kann nicht die Rede sein, alles atmet Erwartung. Ich wollt, ich stünde wieder dort, an einem solchem Sommertag im Februar, während sich die Gardinen blähten und mir ins Gesicht wehten. Solange sich das Weltall ausdehnt, bleibt jeder Augenblick in einem Menschenleben bestehen, denn irgendein Fleckchen im Weltall ist genauso viele Lichtjahre von diesem Augenblick entfernt. Wenn du an jenem Fleckchen wärst und durch ein Fernglas zur Erde schauen könntest, würdest du dich selbst dort stehen sehen – am offenen Fenster, in der Sonne, für immer an den einen Punkt der Zeit festgenagelt, der niemals verlorengehen wird.“ (S. 267)

(Be-)merkenswertes:

„Es ist viel schwieriger, sich nach Jahren noch an etwas zu erinnern, was man damals gedacht hat, als das, was damals geschah …“ (S. 312)

„Warum hatte ein Mensch Eltern? Warum riefen sie, wie sie so dahinschlurften, derartig gegensätzliche, einander widerstreitende, schmerzliche Gefühle in einem hervor, Erbarmen und Entsetzen, Mitleid und Abscheu, Anhänglichkeit und Wut? Es war, als müsste die Zuneigung im selben Augenblick von Gefühlen begleitet werden, welche diese Zuneigung wieder zunichte machten. Liebe wurde zu Groll, Anhänglichkeit zu Ablehnung.“ (S. 314)

Maarten 't Hart bei einer Signierstunde

Maarten ‚t Hart bei einer Signierstunde / Bild: Jost Hindersmann/wikimedia unter CC-by-SA 3.0

Im folgenden Absatz geht es um die Spießbürgerlichkeit bzw. dem kleinen Geist der Menschen aus dem Dorf, in dem der Protagonist aufwuchs.

„Spießbürgerlich? Findest du das? Das ist nicht der richtige Ausdruck. Du könntest eher sagen: beschränkt. Oder nein, das ist es auch nicht, die Menschen dort sind sehr herzlich, viel herzlicher und gemütlicher als hier in Leiden. Aber ihre Welt ist klein, sie haben immer nur zwischen Fluss und Bahnübergang gewohnt, sie haben den Fluss nie überquert und den Bahnübersteig nur selten. Dadurch können sie vieles nicht verstehen. Für sie ist eine unverheiratete Mutter eine rätselhafte Erscheinung. Davon haben sie eigentlich noch nie etwas gehört. Und eine Universität? Na, du hast gehört, was dein Vater sagte: >Gehst du hier auch zur Schule?Das Leben ist banaldas Leben ist eine Dreigroschenoper, all die erhabenen literarischen Geschichten versuchen nur, die bittere Pille zu versüßen, schlagen nur Schaum vor deinen Augen, vertuschen und vergewaltigen nur die alltägliche Wirklichkeit, blenden dich nur mit Ästhetik. Hannah Arendt spricht so eindrucksvoll von der Banalität des Bösen, aber auch das Gute ist banal, sogar das Erhabene ist banal. Das Leben ist so flach, soll ein Dichter einmal gesagt haben, dass du an seinem Ende schon deinen Grabstein stehen sehen kannst.<“ (S. 404)

Zum Ende noch der Klappentext, von Elke Heidenreich geschrieben:

„Es ist eine Geschichte über Musik und Schönheit, Enge und Verbohrtheit, über das Erwachsenwerden und die Nachkriegszeit, verzweifelte Lebenslügen und feigen Verrat – und wenn man ganz am Schluss den Prolog noch einmal liest, dann wächst der Roman zu einem wunderbaren Kunstwerk zusammen. Dass dieses Kunstwerk sogar auch komisch ist, ist ein besonderer Verdienst des Autors, der in den Niederlanden zu den Großen zählt.“

(c) Ulli Gau 2016

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Piper, München, Zürich 1999. 410 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

BAWÜLON fragt, BELMONTE antwortet: „Der Roman ist tot.“

 
Interview zum Fortsetzungswerk geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht, ursprünglich erschienen in BAWÜLON, Zeitschrift für Literatur und Kunst, Ausgabe 2-3, 2011.

BAWÜLON 2-3, 2011, 2-3

BAWÜLON 2-3, 2011

BAWÜLON:
Was ist das eigentlich für eine Literatur?

BELMONTE:
Das ist eine neue Epik, aber es steckt die alte, die ganz alte Epik, die gesungene, in dieser neuen Epik.

BAWÜLON:
Wieso schreibst Du gerade in dieser Form?

BELMONTE:
Es ist die Form, die mir der heutigen Zeit als die am ehesten geeignete erscheint. Der Roman ist tot.

BAWÜLON:
Meinst Du, dass es noch Leser für eine solche Literatur gibt?

BELMONTE:
Romanhaftes Leben ist tot. Es wird also wieder Leser für diese neue Epik geben. Oder es wird keine Leser mehr geben.

BAWÜLON:
Was für eine Zielgruppe könnte so eine Literatur haben?

BELMONTE:
Die neue Epik umfasst Bühne, Lyrik und Gesang, sie ist eine offene Epik. Dementsprechend richtet sie sich an eine ebenso offene Leserschaft und Zuhörerschaft.

BAWÜLON:
Was kannst Du in zwei, drei Worten über die gegenwärtige Literatur sagen?

BELMONTE:
Ich kann mich hier nur wiederholen: Der Roman ist tot. Wer im Roman lebt, trägt eine tote Haut. Die heutige Romanproduktion ist nur ein letztes Aufbäumen. Die neue Epik macht den alten Kern wieder sichtbar. Die Sprache kehrt zum Wort und zu seinem Klang zurück. Die neue Epik ist der ganz alte Gesang.

(c) Pop-Verlag, Ludwigsburg 2011. Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Pop-Verlags.

Durch Sonnenstrahlen hervorgerufene Imaginationen (Gedanken zu Proust)

valentino

„Marcel“, Valentino, 2010, Holzschnitt

„Marcel“, Valentino, 2010, Holzschnitt

Ich sitze in meinem Lesesessel. Die Sonne scheint durchs Fenster. Wie selten das vorkommt in dieser Jahreszeit, denke ich. Ihre Strahlen inspirieren meine Imaginationen. Im Grenzgebiet zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt für einen Augenblick meine Seele an einen anderen, fernen Ort. Vielleicht ist es ein Ort, an dem ich mal gewesen bin, oder an dem ich irgendwann mal sein werde. Jetzt ist der Moment, denke ich, in dem ich die Zukunft formen kann, und zugleich das, was bald schon starre Vergangenheit sein wird. Es klingt möglicherweise abgedroschen, und es ist wohl in den einschlägigen Literaturblogs bereits oft genug geschrieben worden (was ich erst noch herausfinden muss, da ich gerade erst begonnen habe mit dem Bloggen), nachdem ich Proust gelesen habe, hat sich meine Persönlichkeit verändert. Das liegt vor allem an den vielschichtigen Gedankengebilden, die dem Leser einen ständigen Wechsel der Sichtweisen ermöglichen. Es gibt keine Antworten, kein richtig oder falsch, nur die Möglichkeit, seine Wahrnehmung beständig zu erweitern. Was ist Wirklichkeit, was Einbildung? Meine Vorstellungen schwanken zwischen Fernweh und Jugendträumen. Wie viel Zeit seitdem verloren gegangen ist. Ich müsste es schaffen sie wieder zu finden, wie Marcel Proust es schaffte, sie einzuschließen in einen Roman. Doch, denke ich, gibt es keinen zweiten, der, wie Proust es vermocht hat, dieses Unterfangen in die Tat umzusetzen.

(c) valentino 2012